Sigrun Casper:

Chagall ist schuld – Ost-Westgeschichten

(Leseprobe)

 

Aus der Erzählung Pressecafé

II

Im Mai 1961 hatten wir uns in Westberlin kennengelernt. War ich bis zum 13. August nach der Arbeit oder am Wochenende mit der S-Bahn zu Pete nach Schöneberg gefahren, fuhr Pete nun zu mir nach Berlin-Mitte.

 

Zwei- oder dreimal in der Woche waren Pete und ich um Viertel nach fünf im Pressecafé verabredet. Wir küssten uns auf die Wangen, tranken Kaffee, Cognac, Atmosphäre, drückten unterm Tisch unsere Knie aneinander, redeten über dies und das, auch übers Wetter, zahlten und gingen dann die Friedrichstraße rechts herunter über die Weidendammbrücke an der Deutschen Bücherstube vorbei in die Oranienburger Straße zu Frau Kleinerts Wohnung. Dort angekommen, mussten wir erst das Wohnzimmer meiner Kette rauchenden Zimmerwirtin durchqueren, die bereits auf uns wartete. Heiser berlinernd lud sie uns zum Mittrinken ein, nur ein kleines Gläschen, ihr Süßen, und hob uns die dreiviertel geleerte Flasche entgegen. Pete war der Frau sympathisch und der Genossin nicht geheuer. Für die Genossin war jeder Ami ein Böser, aber mit Marlboroschachteln und ehrlich gemeinten Komplimenten hatte Pete den Argwohn der Genossin nach und nach zerstreut, bis sie schließlich ganz und gar begeistert von ihm war. Meine angetüterte Wirtin, ihr Sofa, zwei Gläschen und die Zeit einer Zigarettenlänge waren die letzte Hürde, ehe wir das möblierte Bett erreichten.

 

Da ich zwei-, dreimal in der Woche zur gleichen Zeit im Pressecafé auftauchte, blieb es nicht aus, Gesichter wiederzuerkennen, zu grüßen und gegrüßt zu werden. Auf Pete musste ich oft warten. Nie konnte er vorher wissen, wie viele Ausländer mit ihm am Checkpoint Charlie nach Ostberlin einreisten, wie lange sich die Kontrollen hinzogen. In der Luft des Pressecafés, dem rauchigen Gemisch aus Spannung und Großkariertheit genierte ich mich nicht, allein am Tisch zu sitzen, mir einen Kaffee und einen Cognac zu bestellen, mich umzuschauen, zur Tür zu sehen, den Platz zu wechseln, weil am Tisch eines Bekannten ein Stuhl frei war.

Unbekümmert ging ich darauf ein, wenn mich einer der beiden Männer, die hier offenbar ihre Zelte aufgeschlagen hatten, ansprach, ich ergriff sogar selbst die Initiative, jedenfalls bei dem einen. Ich wartete. Man wusste, auf wen. Der Erwartete würde sich, kaum dass er auf dem von mir verteidigten freien Stuhl Platz genommen hatte, mit seinem wunderbaren Deutsch und seinem Humor mühelos in jedes Gespräch einklinken.

 

Einer dieser beiden Stammgäste war ein strammer Mann Anfang, Mitte dreißig, Trenchcoat, Anzug und Krawatte, im Außenhandel tätig, Raucher stinkender filterloser Zigaretten. Von der zweiten Gegenüberstellung an begrüßte er mich mit Handschlag. Sein Interesse an mir war mir unangenehm und schmeichelte mir. Nach seinen Fragen meine Arbeit, Interessen und Befindlichkeiten betreffend schob er Kopf und Stuhl näher zu mir heran. Seine Stimme nahm einen vertraulichen Ton an. Es ging nun um meinen Freund und mich, das Ost-West-Paar. Ob wir uns gut verstünden, ob wir wirklich glücklich wären, wollte er wissen. Er fragte mich aus, als wollte er mich von Pete abwerben. Erstaunlich, wie er Mimik und Körpersprache sofort auf freundliche Beiläufigkeit umstellte, sobald das Objekt seiner Fragen am Tisch auftauchte. Pete, der die Funktion des Anzugträgers von Anfang an durchschaut hatte, spielte wortreich den Ahnungslosen. Ungefragt verriet er dem Spitzel, dass wir einander über die Mauer hinweg liebten und heiraten wollten. Da Eheschließungen mit Angehörigen von Nato-Staaten untersagt waren, wüssten wir nur nicht, wie. Den Kopf schräg gehalten, lauschte der Mann den Bekenntnissen meines Freundes. Dabei setzte er das einverständliche Kopfnicken ein, das man in Fernsehübertragungen von Volkskammersitzungen an allen eifrigen Genossen beobachten konnte.

 

Als mich der eifrige Genosse zwischen Weihnachten und Neujahr, wenige Tage vor meiner Flucht, alleine wartend erwischte, schob er grußlos den Stuhl sofort näher zu mir heran. Er hätte eine Neuigkeit für mich. Für ihn als Angestellten des Außenministeriums wäre es ein Kinderspiel, mir zur garantiert sicheren Einreise in den Westen zu verhelfen. Als ich die Augen verdrehte, rückte der hilfsbereite Genosse heraus, dass allerdings mit dem Erfolg des Unternehmens eine Bedingung verknüpft sei, als Honorar sozusagen. Ich begriff. Scheißkerl, dachte ich. Die einzige Möglichkeit, der Falle zu entgehen, war, kein Wort mehr zu sagen.

Der andere Stammgast, der Wert darauf legte, mit uns, bevorzugt jedoch mit mir allein ins Gespräch zu kommen, war Dozent für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität. Der Mann war schon alt, mehr als doppelt so alt wie ich, mindestens Mitte vierzig. Aus seinem langen Hals ragte der Adamsapfel. Die Schulterpolster seines Jacketts hingen etwas fehl am Platz über seinen Oberarmen.

 

Das Jackett, die Hose, das Oberhemd, die Krawatte, die fahle Gesichtshaut, die Stimme, die Haare auf dem schmalen Schädel, alles am Herrn Doktor machte einen zerknitterten Eindruck. Ins Pressecafé ging er wohl in der Hoffnung, einer gutmütigen und nicht dummen Frau zu begegnen. Erleichtert kam mir der Herr Doktor vor und für eine Sekunde wie verjüngt, wenn er vom Stuhl aufsprang, sobald ich eingetreten war, mich vorsichtig an seinen Tisch winkte und zu einem Cognac einlud. Er redete viel, lächelte selten und lachte nie.

 

 

III

Auch am Nachmittag des 30. Dezember 1961, ein paar Stunden vor meiner Flucht, schien mein blasser Verehrer auf mich zu warten. Auf seine staksige Art stand er vom Stuhl auf, mit verhaltener Freude bat er mich an seinen Tisch. Pete und ich waren zwischen Viertel und halb fünf verabredet. Alles sollte aussehen wie immer.

 

Den Abend zuvor hatten wir bis nach elf Uhr bei Sophie, meiner Lieblingskollegin und Abteilungsleiterin, verbracht. Sophie und ich wollten zusammen durch die Mauer nach Westberlin. So war es geplant. Pete war durch Züricher Straßen gelaufen, hatte in Cafés gesessen, Tanzlokale besucht und alle Mädchen angesprochen, die vom Typ und Alter her in Frage kamen. Ein Mädchen ließ sich erweichen und lieh ihm ihren Pass für mich. Für Sophie hatte Pete keinen Reisepass auftreiben können. Sophie war über fünfzig und auffallend klein, ein Mensch, dessen Körperlänge sich in diametralem Gegensatz zur Größe der Persönlichkeit befand, eine Frau mit dem ungewöhnlichsten Gesicht, das man sich vorstellen konnte. Niemand besaß solche gotisch geschwungenen Augenbrauen über hellen Augen mit spöttischen Fältchen in den Winkeln und mit melancholisch schweren Augenlidern, niemand hatte eine so hohe und kühne Stirn und einen Mund wie eine lächelnde Sichel. Ein Typ wie Edith Piaf wäre in Frage gekommen, aber die Piaf war unerreichbar. Es war also Pete nicht gelungen, in Zürich eine Frau zu entdecken, deren Körpergröße und Gesicht nur annähernd mit Sophie zu vergleichen waren. Sie war darauf gefasst, sie nahm es hin. Auf ihre sachlich besorgte Art war sie froh für mich. Wenigstens Sie, mein liebes Adlermädchen. Von einer befreundeten Ärztin hatte Sophie eine Schachtel Pervitin erbeten und erhalten, Pillen, die Schauspieler gern vor der Premiere einnehmen. Man ist hellwach und bleibt trotzdem ruhig.

 

Bei Sophie, am Vorabend, hatte ich die ersten drei Pillen geschluckt und während sie zu wirken begannen versucht, Schwyzerdütsch zu sprechen. Sophie wusste wenigstens, dass in der Schweiz das weiche ch, wie zum Beispiel beim Ich, hart ausgesprochen wird. Mir war Schwyzerdütsch völlig unbekannt, doch die wienerische Sprechweise eines ehemaligen Dozenten konnte ich recht gut imitieren. Den Herrn hatte ich nicht gemocht. Menschen nachzuahmen, die ich nicht mag, ihre Bewegungen, ihr Lachen, ihre Sprechweise, hilft mir auch heute noch, Abneigungen zu verarbeiten. Ein Giftzwerg mit theatralischem Singsang, den wir mit Herr Professor anreden mussten, hat also dazu beigetragen, dass ich den Grenzübergang von Ost nach West ohne Schaden hinter mich brachte.

 

So weit aber waren wir am Abend des 29. Dezember noch nicht, als ich bei Sophie unter ihrer und Petes Assistenz wienerisch mit hartem Rachenlaut radebrechte und mir Pete den Schweizer Pass mit dem Foto eines Mädchens in die Hand legte, das so alt war wie ich und offenbar schon um die halbe Welt gereist war, was ich an den vielen Visums-Stempeln sah, deren Inhalt ich mir hier und jetzt sofort einprägen musste, weil Pete aus Gründen, die er mir nicht verriet, den Pass wieder mitnehmen musste; als mir Sophie hundertfünfzig Mark in die Hand drückte, für einen Wintermantel, in dem ich als Schweizerin eine überzeugendere Figur machen würde als mit meiner abgeschabten Jacke, einen schicken Mantel, den ich mir morgen in der Mittagspause noch besorgen sollte.

 

In der Nacht nach dem Besuch bei Sophie und dem stummen Abschied von Pete, der bis Mitternacht durch die Grenze sein musste, hatte ich die Augen zugedrückt und nicht geschlafen. Die ganze Nacht wälzte ich mein lautes und rasendes Herzklopfen von einer Seite auf die andere und wiederholte im Kopf die Länder, Städte und Daten im Pass des Züricher Mädchens. Am Morgen war ich pünktlich wie immer zur Arbeit. Sophies ernste Blicke auf mich, ihr ermunterndes Kopfnicken. Die Stunden rasten auf der Stelle neben mir her und an mir vorbei. In der Mittagspause musste ich mir nicht nur einen Mantel kaufen, sondern auch meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Morgen, Silvester, sollte er wieder zu Hause sein…