Wim Wenders, über Yoko Tawadas TALISMAN:

„Beim Lesen dieses Buches hatte ich hin und wieder ein geradezu physisches Bedürfnis, meinen Hut zu ziehen. Zwar hatte ich keinen auf, weil ich im Flugzeug saß und nicht in der U-Bahn, aber nichtsdestotrotz wollte ich mich zumindest verbeugen, wenn auch nur im Geiste. Nein, nicht wie in Deutschland, mit einem angedeuteten Nicken des Kopfes, sondern wie in Japan, in der Hüfte um 90 Grad angewinkelt. Und in dieser Position bliebe ich erst einmal eine Weile stehen. Nichts anderes als die größte Hochachtung wäre diesem Buch und seiner Autorin angemessen.

Es ist ein Reisebuch. Es handelt von den Erfahrungen einer Reisenden und man macht als Leser darin eine Menge Erfahrungen und legt einen weiten Weg zurück. Wohin? Lassen Sie mich anders ausholen. Ich bin selbst ein großer Reisender und habe auf Reisen viel geschrieben oder auch Filme gemacht. Ich war oft in Japan und habe dabei unter anderem einen Tagebuchfilm gedreht namens TOKYO-GA. Dabei bin ich in Japan stets ein Fremder geblieben, ein verwunderter, staunender Beobachter, und je öfter ich da war, umso weniger habe ich eingesehen, wußte ich von Japan. Im Grunde bin ich ein Tourist geblieben. Jedenfalls will es mir so scheinen, wenn ich mir vor Augen halte, welche umgekehrte Reise nach Deutschland hinein hier eine Japanerin gemacht hat. Während ich z.B. gerade einmal eine Handvoll Zeichen und Sätze gelernt habe, und mir ansonsten das Japanische ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, hat Yoko Tawada tatsächlich Deutsch gelernt, hat hier tatsächlich studiert und gearbeitet und tatsächlich dieses komplexe, subtile, intelligente und poetische Buch in Deutsch geschrieben! Gerade letzteres, je mehr ich in diesem Buch versunken bin, wollte mir immer mehr als eine unvorstellbar heroische, geradezu titanenhafte Anstrengung vorkommen, die allerdings so gar nicht angestrengt daherkommt, sondern ganz locker aus dem Ärmel geschüttelt. Dabei ist dies kein ‚deutsches Buch' geworden, wenn ich das einmal so vereinfacht sagen darf. Niemand anderes als eine Japanerin hätte diese Erfahrung machen und dieses Buch schreiben können, bis in die Grammatik und bis in die kleinste Beobachtung hinein. Dieses Buch handelt vor allem von kleinen Beobachtungen, auch wenn daraus allmählich ein viel größeres Bild erscheint und eine Abenteuer- und Entdeckungsreise tief in die bretselhafte deutsche Seele daraus wird. (Das mit der Brezel müssen Sie mir verzeihen, das erklärt sich erst aus dem Lesen des Buches). Wie in einem Roman von Jules Verne tun sich dabei ganz phantastische neue Räume auf, und ich habe mein Vaterland und meine Muttersprache dabei mit gemischten Gefühlen wiedergefunden, mal ganz zärtlich, mal verständnisvoll, mal schmunzelnd, mal erschrocken, mal wie vor den Kopf gestoßen.

Auf dieser ganzen abenteuerlichen Reise erfährt man so viel über ‚uns', über ‚sich', daß man dabei fast übersieht, daß man am Ende plötzlich mehr über Japan weiß, als man je dort ‚vor Ort' gesehen und gelernt hat. Und erst hier, an dieser Schnittstelle, tut sich auf, was es mit diesem Buch auf sich hat: Es spielt nicht in Rothenburg ob der Tauber, in Hamburg oder in Tokyo. Es handelt nicht von ‚Europa' versus ‚Asien', oder umgekehrt. Es ist ein Buch aus dem Niemandsland, da, wo kein Wort und kein Name und kein Zeichen mehr etwas bedeutet, sondern wo alles in Frage gestellt ist, und wo nur das Empfinden, das Erfahren, das Sprechen selber zählt. Und dann wird dieser kleine Band plötzlich so etwas wie ein Modell von utopischem Erzählen und von utopischem Reisen. Und weil es schönere Bücher gar nicht geben kann, halte ich meinen imaginären Hut ganz weit ausgestreckt, fast auf dem Boden, und freue mich, am Ende dieser Flugreise von Berlin nach Los Angeles, auf all das, was ich bald, durch dieses Buch, anders werde sehen können."

 

 

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