Pressestimmen zu Sigrun Casper: „Chagall ist schuld. Ost-West-Geschichten“

 

1959 war das. Kunden wie Anne Seghers, das Ehepaar Zeig, Helene Weigel, John Heartfield. Aber auch jene Schnäppchenjäger aus dem Westen  .. ‚Das spürte ich daran, die sie die Sachen anfassten und lauernd nach dem Preis fragten‘ ... So, als säße man mittendrin, beschreibt sie auch die weltoffene bunte Athmospäre im legendären Pressecafé. Am Nachmittag des 31. Dezember 1961 verlässt Sigrun Casper die DDR mit dem Pass einer Schweizerin. Wie sich diese Flucht im Detail abgespielt hat, liest sich spannend wie ein Krimi. 1967 traut sie sich zum ersten Mal wieder auf die andere Seite. Wird sechs Stunden im Polizeipräsidium Alexanderstraße festgehalten und darf dann doch zu den Verwandten. Später fährt sie öfter hin, mit zwiespätlltigen Gefühlen. Überlegt vorher genau, was sie anzieht. Will nicht angeben, keine Vorurteile bedienen, keinen Frust auslösen.

Bei den Verwandten wird viel gegessen. ‚Kauen eint‘; schreibt die Autorin.

In den Geschichten werden die Risse und Brüche deutlich, die von der Teilung herrühren. UmNotlügen geht es, um Versteckspiele, um Trotz und Trauer. Auch darum, dass der Westen keineswegs nur golden war.

Ihre sensiblen Beobachtungen kleidet die Autorin in klare schöne Sätze.

Tagesspiegel, 17.7.09

 

Mit sehr persönlichen Texten blickt die Autorin auf deutsch-deutsche Geschichte im geteilten Berlin zurück. In chronologischer Folge erinnert sie sich – an die Zeit als junge Verkäuferin in der Ostberliner Bücherstube, einer Oase der Bürgerlichkeit mit interessanten Begegnungen (z.B. Helene Weigel), die aufregende Flucht im Dezember 1961 mit dem Pass einer Schweizerin … Mit Einfühlungsvermögen und viel Verständnis für die Situation im Ostteil schildert sie ihre zahlreichen Verwandtenbesuche als Westtante. Die Sammlung wird durch Gedichte und Miniaturen über Kunstwerke abgerundet und zeigt so die Vielfalt der künstlerischen Handschriften der Autorin. ... Die Umschlaggestaltung (Mauer-Graffiti) lässt vermuten, dass der Verlag auch jugendliche Leser erreichen möchte –.

Eleonore Gottelt, ID 21/09 – BA 7/09, 221.477.9

ekz-Informationsdienst

 

 

Geschichten von Ost und West

20 Jahre Mauerfall: Zum Jubiläum erscheint eine ganze Reihe literarischer Erinnerungen – eine Auswahl

Der Mauerfall vor 20 Jahren – ein Jubiläum, das sich auch in der Literatur niederschlägt.

Zahlreiche Neuerscheinungen spielen mit dem Thema Ost und West, mal fiktiv, mal autobiografisch, mal zynisch, mal mit Humor und einem Augenzwinkern.

Ein ganz besonderes Erinnerungsbuch hat Julia Franck zusammengestellt. Die junge deutsche Autorin („Die Mittagsfrau“) hat 20 ihrer Schriftstellerkollegen gebeten, Erinnerungen an die Grenze und die Zeit der Wende niederzuschreiben. Herausgekommen ist der interessante Sammelband „Grenzübergänge – Autoren aus Ost und West erinnern sich“ mit ganz unterschiedlichen Texten zum Thema. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Who´s who der deutschen Literaturszene.

 

... Und noch ein Erinnerungsbuch: Die Autorin Sigrun Casper, die Ende 1961 nach Westberlin geflohen ist, schreibt in „Chagall ist schuld“ kleine alltägliche Geschichten aus der Zeit des Mauerbaus bis hin zur Grenzöffnung. Casper erzählt von einer Verkäuferin in  der Deutschen Bücherstube und ihren Kunden aus dem Berliner Ensemble, vom Pressecafé, von der Galerie Konkret – und lässt so den Alltag in der geteilten Stadt Berlin wiederaufleben. Ihre Sprache ist dabei alles andere als wehmütig, sondern ohne Schnörkel und Nostalgie.

 

Casper ruft Erinnerungsbilder wach von Orten, die es heute nicht mehr gibt. Dabei ist sie manchmal fotografisch akkurat, etwa wenn es um die Bestuhlung des Pressecafés, die Höhe seiner Wände oder die Beschreibung von Gemälden geht.

Ein Buch, das die kleinen Geschichten der Teilung schildert – und ganz nebenbei eine wunderbare Hommage an die Stadt Berlin ist.

Marina Himmer, in: Wochenendmagazin. Main-Echo vom Samstag/Sonntag, 18./19. Juli 2009

 

Gewichtiges leicht erzählt

Bekannt geworden ist der „konkursbuch Verlag Claudia Gehrke“ vor allem durch erotische Bilderbände (wie den soeben vom in Eisenach geborenen Fotografen Thomas Karsten erschienenen „Heat“), durch das seit 22 Jahren kontinuierlich herausgegebene „Heimliche Auge“ in dem kunstvoll Malerei, Prosa, Lyrik und Fotografie zum Thema Sex vereint sind sowie durch anspruchsvolle Liebesromane. Dass auch dieser Verlag im Jubiläumsjahr zwei Bücher zum Thema Maueröffnung und Wiedervereinigung herausgebracht hat wertete ich zuerst als eine der vielen und oft misslungenen „Pflichtübungen“ zu diesen Themen. Beim Lesen revidierte ich mich sehr schnell, denn mit „Chagall ist schuld. Ost-West- Geschichten“ und „Damals in Hanoi im Jahr des Tigers“ ist es dem Verlag, dass heißt den Autorinnen Sigrun Casper und Ina Paul gelungen Zeitgeschichte sehr persönlich und behutsam und überhaupt nicht besserwisserisch oder ideologisch einseitig zu beschreiben.

Obwohl das Leben der Autorinnen fast diametral verlief (Ina Paul zog 1950 als Fünfzehnjährige in die DDR und Sigrun Casper floh 1961 als Zweiundzwanzigjährige in die BRD) nähern sich beide den Gegenständen ihren Geschichten auf ähnliche Weise. Ina Paul, die von 1965 bis 1967 als Redakteurin bei Radio Hanoi in der Volksrepublik Vietnam lebte, verarbeitet in der Titelgeschichte ihres Buches eigene Erfahrungen mit dem Land am Mekong und der Liebe in den Zeiten der DDR-Parteibürokratie. Sigrun Casper erzählt ebenfalls über eigene Erlebnisse in der DDR vor und nach ihrer Flucht. Aber während Ina Paul ihre Liebesgeschichten in Hanoi, Verona und Leipzig um ihre eigene Erfahrungen herum erfindet, bleibt Sigrun Casper in ihren episodenhaften Ost-West-Geschichten authentisch. Was nicht heißt, dass ihre Geschichten streng und schwergewichtig sind. Im Gegenteil: gleich ob die Erlebnisse als Verkäuferin im Kunsthaus mit Helene Weigel, Ekkehard Schall und Karl Eduard von Schnitzler oder die Abenteuer als „Grenzschmugglerin“, die eine Schreibmaschine in den Osten bringen will, alle sind so leicht und locker und spannend erzählt, als wären sie erfunden. Die Autorin beherrscht die Kunst der genauen und oft humorvollen Beschreibung selbst bei der Schilderung ihrer DDR-Flucht als „verkleidete Schweizerin“ und den späteren Begegnungen mit den „Grepos“ an der DDR-Grenze. Dabei - und das macht den Wert dieses Buches aus - verfällt sie niemals in das Klischee der Häme oder der Abrechnung. Sie doziert auch nicht mit erhobenem Zeigefinger über DDR-Unrecht und arbeitet nicht im Stil der „Gauck-Behörde“ die Vergangenheit auf. Sie beschreibt aber das Leben, den Alltag derart souverän und konkret, dass der „gelernte DDR Bürger“ schmunzelnd und wütend und nickend und kopfschüttelnd sagen kann: „Ja, so wars!“

 

(Ina Paul: „Damals in Hanoi im Jahr des Tigers“, 12,00 € und Sigrun Casper: „Chagall ist schuld. Ost-West-Geschichten“ 9,80€. Beide erschienen im Konkursbuch- Verlag Claudia Gehrke. Tübingen 2009)

 

Landolf Scherzer, Thüringer Landeszeitung

Sigrun Casper erzählt voller Selbstironie warmherzige Geschichten über Ost und West aus der Zeit der Mauer. Geschichten über die Komik und Bedrohlichkeit von Grenzübertritten – über Besuche der Ostverwandtschaft und über das „Erkennen“, ob jemand aus Ost oder Westdeutschland ist … Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall berühren uns individuelle Fluchtgeschichten, weil sie zeigen, mit welchem Einfallsreichtum Menschen versuchten, dem real existierenden Sozialismus zu entkommen.

In: ZeitPunkt. Kulturmagazin Nr. 221, Mai 2009, Redakteur: Christian Nóvé