DADDY: Ron Athey, Travis Jeppesen und Susanne Sachsse

im Gespräch mit der Kuratorin des Festivals „Your Nanny hates you!“ Stefanie Wenner

 

Stefanie Wenner: DADDY lautet der Titel eines Stücks von Travis Jeppesen für das Festival „Your Nanny Hates You!“. In der heutigen Gesellschaft scheint der Vater zunehmend abwesend, die Konstruktion der postmodernen Familie geht über die traditionelle Vorstellung der Dreisamkeit von Vater, Mutter und Kind hinaus. Welche Stellung hat eurer Meinung nach der Vater in der zeitgenössischen Konstruktion von Familie?

Susanne Sachsse: „Die zeitgenössische Konstruktion von Familie“ – das ist eine Phrase, die ich in Frage stellen möchte. Es gibt nicht DIE zeitgenössische Idee von Familie und das ist tatsächlich gut. Es gibt verschiedene Möglichkeiten des Zusammenlebens – so z.B. ein Zusammenleben aus ökonomischen Gründen: Eine polnische Arbeiterin lebt in Berlin mit ihrer Freundin und Tante zusammen und sorgt in Polen für ihren Bruder, der mit seiner Freundin das Haus ihrer Eltern bewohnt. Beide Lebenssituationen sehe ich als Familie und werde sie nicht deshalb verdammen, weil nicht Vater, Mutter, Kind unter einem Dach leben. Biologie erteilt nicht das exklusive Recht, sich Familie zu nennen.

Väter sind immer abwesend – das ist nicht neu –, aber die Idee der Vaterrolle wird stärker und präsenter denn je. Ich wohne in Prenzlauer Berg in Berlin, wo es mittlerweile an jeder Ecke Väterzentren gibt. Das ist eine absolute Verniedlichung der Vaterrolle. Ich denke mit so unangenehmen Gefühlen an Mattuseks Buch „Die vaterlose Gesellschaft“, in dem er behauptet, mit dem „Fehlen“ der Väter würden wir konventionelle Werte verlieren. Na und! Hier in Deutschland erklingt ein selbstmitleidiges Klagelied des abwesenden Vaters und das führt zu einer Mythologisierung des Vaters, des Heiligen Vaters. Dabei sollten wir froh sein, dieses patriarchale Monster loszuwerden! Als die Mutter in DADDY vom Pfarrer Preacher Creacher um die Erlaubnis nach einer persönlichen Frage gebeten wird, antwortet sie voreilig mit der Auskunft über den fehlenden Vater. Offensichtlich wird man als Mutter nur in Verbindung mit einem Vater anerkannt. Wenn eine Frau mit Kindern alleine ist, kommt ein Mann und will Vater sein.

Stefanie Wenner: Religion spielt in der Geschichte, die DADDY erzählt, eine große Rolle. Ist Religion im heutigen Verständnis von Familie immer noch wichtig?

Susanne Sachsse: Ja. Eine der Hauptfiguren in DADDY ist Pfarrer Preacher Creacher. Mit seiner Figur zerplatzt und krepiert die Doppelmoral von Religion. In DADDY ist die Kirche ein Theater, ein Kult, eine Sekte und eine Pornoproduktion.

Ron Athey: Wir leben nicht in messianischen Zeiten. Die moderne Gesellschaft ist zwar nicht mehr von Religion geprägt, doch religiöse Werte durchdringen sie noch heute. Sexuelle Enthaltsamkeit, zumindest bis zu einem gewissen Alter, protestantische Arbeitsmoral – dies sind unverändert bedeutende Werte. Ich bin gespannt, wie sich Familien und vor allem das Bildungswesen mit islamisch und christlich beeinflussten Mitgliedern der „Kulte“ auseinandersetzen werden, die sich, wenn auch generisch, für eine bestimmte Form des Konservatismus stark machen.

Travis Jeppesen: DADDY thematisiert Religion auf eine ganz besondere Weise. Interessant ist dabei die Familienstruktur jenseits der traditionellen Freudianischen Triade. Letztlich geht es um den outcast, den von der Gesellschaft Ausgegrenzten, der den Zwang spürt, eine Familie zu gründen. Wir beobachten ähnliche Phänomene in den neuen, religiösen Bewegungen, den „Kulten“, wie die Straße sagt. Einer von ihnen steht im Zentrum unseres Stücks.

 Stefanie Wenner: Das Festival thematisiert Intimität und Ökonomie und betrachtet die Beziehung von Arbeit, Öffentlichkeit und dem Privaten. Wie positioniert sich DADDY im Kontext dieser Fragen?

Susanne Sachsse: In Krisen wendet man sich oft an Religion und Walter Benjamin hat so recht mit dem „Kapitalismus als Religion“, denn Schuld und Schulden sind das Thema! Wir müssen Schulden machen, um gute Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft zu sein und für die Religion müssen wir schuldig sein, um büßen zu können. An unserer Wirtschaftkrise interessiert mich, dass der Traum aus den frühen Sechzigern vom Haus mit Vater, Mutter, Kind spektakulär zerplatzt.

Travis Jeppesen: Für mich lautet die Frage: Was ist „privat“? Warum schotten wir bestimmte Interaktionen in der Beziehung zu anderen ab, während wir bei anderen die Öffentlichkeit zulassen? Die sexuelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre dachte sich eine Welt, in der Sex auf der Straße normal wäre. An dieses Versprechen scheinen sich heute nur noch die Bewohner der Gedankenghettos zu erinnern. Durch die rasche Verbreitung technischer Möglichkeiten sind die alten Definitionen von Intimsphäre – und Selbstausbeutung – überholt. Jeder kann ein Pornostar sein. Das Thema selbst wird nicht mehr tabuisiert. Waren diese Ausweitung und das Eindringen in das Private hilfreich für unser Projekt der Selbsterkenntnis? Genau diese Frage wirft DADDY auf.

Ron Athey: DADDY passt in diesen Rahmen, wie die klassische Cinema-Verité-Produktion GREY GARDENS. Betrachten wir die Verletzlichkeit und den Wahn von Mutter und Sohn, die ihr Leben weitgehend improvisieren. Unter dem Aspekt der Ethik glaubt die Mutter an ihre vom eigenen Interesse geleiteten Entscheidungen. Gleichzeitig ist sie davon überzeugt, dass sie ihrem Sohn nützen.

Stefanie Wenner: Susanne, wie ist das Projekt entstanden?

Susanne Sachsse: Als du mir deine Ideen für das Festival erzählt hast, hatte ich aus dem Bauch heraus das Gefühl, Familie und Inzest zusammenzubringen. Vielleicht, weil ich mit CHEAP gerade aus Österreich kam, wo wir mit CHEAP Blacky gastiert haben. Da ging es um die Zerstörung der Kernfamilie. Das war zu der Zeit, als der widerliche Vater geschnappt wurde, der seine Tochter tausendmal vergewaltigt und in einem Loch gefangen gehalten hatte.

Dann sahen wir mit Travis Jeppesen BABY, Ted Posts Kultfilm aus den Siebzigern, und Travis hatte die Idee, ein Stück zu schreiben. Daraus wurde dann DADDY.

Stefanie Wenner: Unter dem Aspekt der Fürsorge scheinen Vernachlässigung und Inzest eng miteinander verbunden zu sein. Wie geht DADDY mit diesem Thema um?

Travis Jeppesen:In dieser Hinsicht ist die Mutter, Missus Pringles, die interessanteste Person im Stück, denn sie ist gezwungen, sich des schizophrenen Projekts der Elternschaft anzunehmen. Fürsorge beginnt letztlich bei einem selbst und erstreckt sich dann auf andere. „Gute Eltern“ scheinen das zu leugnen, denn sie leugnen das Primat des Selbst und sehen die Privilegierung des Kindes als einzig bedeutende Erweiterung des Selbst. „Gute Elternschaft“ basiert auf der Rhetorik des Opfers: „Rettet die Kinder“, „Kinder sind unsere Zukunft“ und ähnlich sentimentaler Quatsch.

Die Beispiele für „schlechte Eltern“, die ich erlebte, als ich in den achtziger Jahren in der amerikanischen Vorstadt aufwuchs, stellen genau die gegenteilige Situation dar. Sie waren die Folge des geschädigten Pseudo-Ethos der „Ich-Generation“ („Me-Generation“) der siebziger Jahre. Dabei handelte es sich um die Rationalisierung elterlicher Vernachlässigung im Streben nach „Selbstentwicklung“ mit der Begründung, dies würde irgendwie dazu beitragen, dass Kinder zu starken, unabhängigen Erwachsenen heranwachsen.

Beide Modelle weisen ernsthafte Probleme auf und Missus Pringles passt im Grunde in keines dieser Schemata. Vielmehr kämpft sie mit der Vielzahl der Rollen, die sie übernommen hat – Dennys Mutter, Möchtegern-Schauspielerin, Möchtegern-spirtuelles-Wesen und so weiter. Sie will ein kohärentes Individuum sein. Letztlich benutzt sie ihren Sohn nicht nur als Erweiterung ihres eigenen In-der-Welt-Seins, sondern auch als eine Art Waffe gegen diese Welt. Hat das eine sexuelle Komponente? Im Text findet sich per se kein Inzest, zumindest kein offener. Sie bezieht sich in einem ihrer Monologe indirekt auf den Fall Josef Fritzl, aber mehr auch nicht. Vielleicht taucht die Frage noch einmal auf, wenn wir mit den Proben beginnen. Das kann ich allerdings jetzt noch nicht mit Sicherheit sagen.

Ron Athey: Die Mutter-Sohn-Beziehung in DADDY ist die – wenn auch überzogene – klassische Version der umgekehrten Fürsorge, in der das Kind im Wesentlichen die Eltern zusammenhält und doch Geisel der Entscheidungen der Erwachsenen ist: Umzug, Aufnahme eines anderen Erwachsenen über eine romantische oder sexuelle Beziehung. Dennys drastische Reaktion auf die Lage, in der seine Mutter ihn antrifft, ist ebenso vom Überlebenswillen geprägt wie dissoziativ: die dem Wahn verfallene Schauspielerin, die absolute Überzeugung, dass ein neuer Mann alle Probleme lösen wird, inakzeptable Wohnformen etc. Humor lässt einen lachen, vielleicht aufatmen, ohne dass man dabei den Dauertest des Aufwachsens mit einem alles andere als fähigen Elternteil übersieht.

Stefanie Wenner: Travis, Ron, was reizt euch an diesem Projekt?

Travis Jeppesen: Für mich bietet die Inszenierung die Chance, den scheinbaren Widerspruch zwischen dem Mondänen und dem Numinosen in Frage zu stellen. Meine Arbeiten stellen sich seit einiger Zeit diesen beiden Polen, die keinen Gegensatz beschreiben, sondern sich gegenseitig beinhalten. Ron Athey hat sich intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Seine Beiträge zur Debatte sind erhellend. Ich bin fasziniert vom „Wertewandel“ in der „weißen Welt“. Daher lassen wir das Stück bewusst in Europa und/oder Amerika spielen.

Ron Athey: Seit Jahren bin ich ein großer Fan von Travis’ Texten und Susannes Leistung als Performerin im und außerhalb des CHEAP-Kollektivs. Ich habe mich sehr gefreut, bei DADDY dabei zu sein. Zum Thema selbst: Meine Mutter ist in der Psychiatrie, meinen Vater lernte ich kennen, als ich 25 Jahre alt war. Die fantastische Respektlosigkeit des Scripts hat mich begeistert. Die Wahrheit ist fremder als Fiktion. DADDY ist, was in der Straße geschah, in der ich lebte. Mein Alltag zu Hause war noch schlimmer und seltsamer, als das Stück es zeigt. Ich glaube, dass ich der Richtige bin, wenn jemand gesucht wird, der den Stoff versteht und damit umgehen kann.