Henriette (* 1968)

 

Was bedeutet für dich „Familie“?

Es gibt keine Bindungen, die so eng sind wie familiäre. Diese Enge birgt allerdings auch hohes Streitpotenzial. Sich immer wieder bis aufs Blut zu streiten und einfach nicht voneinander loszukommen – das ist sicher ein Aspekt von Familie. Andererseits macht Familie auch sozial. Als ich noch kein Kind hatte, fühlte ich mich wie ein unverbundenes Elementarteilchen, das durchs All irrt. Jetzt teile ich Gemeinsamkeiten mit vielen anderen Menschen, rücke, zweckgebunden, enger mit ihnen zusammen. Das ist schön. Nur etwas feiger bin ich geworden. Vorher war es mir egal, welche Konsequenzen mein Stolz nach sich zog, denn ich hatte ja für niemanden zu sorgen außer für mich selbst. Das hat sich geändert. Insofern bin ich vielleicht geistig korrumpiert. Wie weit dies geht, muss ich noch herausfinden.

 

Du lebst ja jetzt als „Familie“, mit Kind und Co-Mutter.

Wie? Kannst du etwas aus diesem „Familienleben“ erzählen?

Meine Freundin rührt mich, wie sehr sie unseren Sohn liebt. „Meiner“, sagt sie. Sie hat beruflich gerade viel Stress, aber wenn sie ihn sieht, wird sie ganz locker und verspielt. Mir war nicht klar, dass sie so viel Mütterlichkeit oder Väterlichkeit in sich trägt. Dabei musste ich lange um die Verwirklichung meines Kinderwunsches kämpfen. Jetzt möchte sie unseren Sohn, unsere Familie nicht mehr missen. Ich bin sehr froh, dass dieses gemeinsame Wagnis geglückt ist.

Allerdings müssen wir noch lernen, gemeinsam Eltern zu sein. Manchmal gibt es Konkurrenzsituationen um nichts mit fürchterlichen Meinungsverschiedenheiten à la „Wie kannst du nur?“. Immerhin tragen wir sie inzwischen abends aus, wenn unser Sohn schläft, und einigen uns meist auch schnell.

 

Welche Alltagsfreuden, Alltagsärgernisse tauchen auf, erinnert dich etwas davon an deine „Herkunftsfamilie“ bzw. was unterscheidet sich? 

Ich genieße es, wenn mein Sohn über den Fußboden robbt und irgendwelche Gegenstände untersucht, während ich die Zeitung lese – jeder für sich beschäftigt. Eingreifen würde ich nur, wenn er sich selbst gefährdete oder eine Riesensauerei veranstaltete, aber auch das eher faktisch. Ich glaube, ich bin wesentlich unbekümmerter als meine Eltern, was diese ganze Frühförderei angeht, muss nicht ständig an ihm herumzerren. Wenn ich zweimal hintereinander die Windel wechseln und ihn danach noch komplett umziehen muss, regt mich das nicht auf. Ich regele das meiste mit freundlichem Phlegma, ein Charakterzug, den ich neu an mir entdeckt habe und der mir sehr gut gefällt. Damit gebe ich meinem Sohn viel Ruhe, Zuversicht und Freiheit, glaube ich.

 

Wie kam es überhaupt zu dem Wunsch, ein Kind zu wollen und in diesem Sinne „Familie“ zu werden?

Als ich zweiunddreißig wurde – das Alter, in dem meine Mutter mich geboren hat –, dachte ich mir: Jetzt musst du allmählich auch mal in die Pötte kommen, wenn du ein Kind willst. Parallel dazu entwickelte sich ein Kinderwunsch, der so physisch war wie Hunger oder Durst. Er ging wirklich wie ein sehnsüchtiges Ziehen durch den ganzen Körper. Außerdem wusste ich, dass meine Freundin Kinder mag.

Negativ gesprochen: Einige unserer lesbischen Freundinnen schafften sich, als sie kinderlos die vierzig überschritten, einen Köter an und behandelten ihn wie ein Kind. Oder sie begannen, im Schrebergarten zu werkeln, und jede Tomate musste ausgiebig bewundert werden. So wollte ich auf keinen Fall werden und dachte: Du musst unbedingt ernst machen mit deinem Kinderwunsch. Versuch’s wenigstens.

 

Wie habt ihr es „gemacht“?

Ich bin zu einer Samenbank nach Berlin gefahren. Beim fünften Versuch hat es geklappt. Wenn unser Kind achtzehn Jahre alt ist, kann es den Vater in Erfahrung bringen. Das war uns sehr wichtig.

 

Was hast du während der Schwangerschaft empfunden?

Ich dachte, Schwangersein wäre schöner! Dass ich nur noch glücklich und rund durch die Gegend laufe, eine stolze werdende Mutter wie aus der Illustrierten. Stattdessen habe ich mich über weite Strecken schwerkrank gefühlt. Schon kurz nach der Empfängnis wurde ich todmüde und habe mich nur noch dahingeschleppt. Dann habe ich drei Monate lang gekotzt, bis zu fünf Mal am Tag. Wirklich alles ausgekotzt, was ich zu mir nahm, selbst Wasser. Und so weiter, es war körperlich verdammt hart. Dazu gerechnet, dass ich mich als Lesbe nicht sonderlich „weiblich“ fühle, hätte mir das Kind auch ruhig aus der Stirn springen können, wie Athene dem Zeus.

 

 

Familienbande: Interessierst du dich für deine Verwandten, deine Vorfahren?

Wieso, wieso nicht?

Bedingt. Die Familie meines Vaters ist recht interessant. Da gibt es einige bedeutende Unternehmer und Abenteurer und eine herrliche Nonchalance. Ich habe aber auch früh gemerkt, welch ein Hochmut aus dem Gefühl erwachsen kann, aus einer „guten Familie“ zu kommen. Siegelringe mit Familienwappen etc. nerven mich. Meine Verwandten selbst treffe ich hin und wieder gern. Wir verstehen uns erstaunlich gut, was so weit geht, dass ein Cousin zweiten Grades und ich bei unserem letzten Treffen feststellten, dass wir die gleiche Uhr und die gleichen Schuhe trugen. Solche Übereinstimmungen im sozialen Habitus über zig Ecken finde ich schon verblüffend.

 

Hast du eine gute Verbindung zu deinen Eltern oder eher eine schlechte?

Eher eine schlechte. Meine Eltern sind beide sehr schwierig gewesen. Immerhin war meine Mutter immer für mich da, komme, was wolle, wenn auch häufig auf tragisch verquere Art. Kurz vor ihrem Tod hatten wir noch viele gute Gespräche. Sie hat mich beschützen wollen bis zum letzten Atemzug. Familie bedeutet für mich auch Krampf, Trauma, Unfreisein. Ich hoffe, wir werden bei unserem Kind etwas „besser machen“. So möchte ich zum Beispiel, dass wir eine „offene Familie“ sind, in der viele Freunde aus- und eingehen, nicht so etwas Geheimniskrämerisches, Hermetisches im Sinne von „die Familie steht zusammen gegen die böse Außenwelt“.

 

„Familiengeheimnisse“: Sagt dir das Wort was?

Ja. Um die frühe Ehe meiner Eltern ranken sich einige „Geheimnisse“, wie mir erst kürzlich klar wurde. Ich hätte sie lüften können, entschied mich aber dagegen, obwohl sich mir womöglich auch meine frühe Kindheit erschlossen hätte. Denn ich sah keinen Grund, mich mit garstigen Intimitäten meiner Eltern zu beschäftigen, und mit meiner Verkorkstheit muss ich leben, worin auch immer sie gründen mag.

 

Was ist für dich „Verwandtschaft“, was „Freundschaft“, wie unterscheidet es sich?

Freundschaften sind, im Gegensatz zur Verwandtschaft, freiwillig. Das macht sie einerseits brüchiger, andererseits respektvoller. Und dieser deutlich vorsichtigere Umgang unter Freunden kann wiederum dazu führen, dass Freundschaften genauso dauerhaft und belastbar sind wie Verwandtschaft. Ich habe eine beste Freundin, die mir so nah steht wie eine Schwester. Wir haben uns in vierzig Jahren tatsächlich noch nie ernsthaft gestritten und mir fiele auch kein Thema ein, das einen Streit mit ihr rechtfertigte.

 

Hast du eine „Lieblingsverwandte“, wenn ja welche? Warum?

Als Kind war meine Großmutter für mich sehr wichtig. Sie liebte kleine Tabubrüche. Schielen, Pfeifen und Fluchen habe ich von ihr gelernt. Sie schenkte mir auch meine erste Jeans und mein erstes Taschenmesser. Als Zwölfjährige durfte ich bei ihr amerikanische Krimis lesen und Baileys trinken, fernab von der Kontrolle meiner Mutter.