Frank Beat Keller,

Blut ist nicht immer dicker als Wasser

 

Nur Abstammung zählt.

Als ich ein Kind war in der Schweiz der 1950er Jahre, wurde ich in der Bäckerei und auf der Straße oft gefragt: „Wem gehörst Du?“ Die erwartete Antwort war „den Kellers“. Dann folgten nähere Bestimmungen: Adresse, Berufe der Eltern, weitere Eigenschaften. Wichtigstes Familienband war die Abstammung. Als Kind definierte ich mich über die Eltern und den Namen des Vaters, da ehelich geboren. Bürgerliche Familien – und auch bäuerliche – hatten das Konzept des Adels übernommen, was Familie und Verwandtschaft betraf. Wichtig war die Abstammungstafel mit den „Stammeltern“ zuoberst und deren Abkömmlingen in Reihen darunter. Alles generationenweise schön auf Pergament gemalt.

Auch wer nicht bibelfest ist, weiß, dass ein Großteil des Alten Testaments sich darin ergeht, zu beschreiben, wer wen zeugte. Dies für viele Stämme, jeweils über viele Generationen hinweg: stets ein „Urvater“ mit seiner Gefährtin und den wichtigsten Nachkommen. Manchmal sind schon damals verschiedene Gefährtinnen erwähnt. Nicht das Patchwork zählte, sondern die Abstammung in männlicher Linie. Ausschlaggebend war der männliche „Same“, der in die weibliche Furche gepflanzt wurde. Offenbar stellte man sich im jüdischen Altertum die menschliche Fortpflanzung vor wie das Pflanzen von Granatapfelbäumen.

 

Die einen europäischen Familien seit dem 18. Jahrhundert zeichneten Abstammungstafeln. Die andern malten umgekehrt. Die Stammeltern bilden dann die Wurzeln, aus denen der kräftige Körper des Baumes wächst mit großem Laubwerk. Es ist vollgehängt mit den Früchten des ersten Paars. Wappen und Namenstafeln statt Äpfel. Was für ein Reichtum, welche große Ernte! Alles scheint klar: verwandt ist, wer über die elterliche Verbindung von gleichem Blut ist.

Die Psychologin Anna erklärte mir den Bruch ihrer Beziehung zum schönen, kräftigen und interessanten Gefährten mit der Unvereinbarkeit ihrer und seiner Sitten. Immer wenn er sich nicht erwartungsgemäß verhielt, erinnerte sie sich daran, dass dies eigentlich proletarische Bräuche waren. Nicht an ihm – an denen stieß sie sich. Und weil sie in der 76. (oder der 84.) Generation – ich erinnere mich nicht genau – Ur-ur-urenkelin von Karl dem Großen ist, konnte das ja nicht gut gehen. Also wurde die Mesalliance aufgelöst. Inzwischen ist sie in dritter Ehe mit einem Abkömmling des deutschen Erbadels verheiratet. Abstammung wirkt also für manche Menschen als wichtigste Leitschnur des Verhaltens. Dies vermehrt noch in Kulturen außerhalb Europas.

Auf den ersten Blick scheint das Konzept der Abstammung klar und schlüssig. Meine „Heimatgemeinde“ (eine Schweizer Spezialität, die im Pass verzeichnet ist), ist ein Bauerndorf mit ein paar hundert Einwohnern. Da steht inmitten der Weizenfelder ein schönes Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, das bis heute als „Keller“-Haus bekannt ist. Eine Frau, die vor ihrer Heirat ebenfalls Keller hieß, wohnt da noch heute mit ihrer Familie. Da stamme ich also her.

Oder etwa doch nicht? Wo bleibt in dieser Auffassung von Verwandtschaft die Linie meiner Mutter, ihrer Mutter und Großmütter, wo die Linien der Mutter meines Vaters usw.? Wie kommen die vom Bauern stammenden Kinder all der Mägde zu ihren Verwandten? Wie die Kinder, die auf norddeutschen Landgütern vom Gutsherrn stammen, von ihm aber nicht als legitime Kinder anerkannt wurden? Welch Schande lud auf sich, wer im Europa bis in die 1970er Jahre als junge Frau in nicht-ehelicher Beziehung schwanger wurde und den Mut hatte, das uneheliche Kind auszutragen? In vielen Gegenden ist dies heute noch so. Man denke beispielsweise an die Gesellschaften rund ums Mittelmeer, wo die „Familien-Ehre“ eine große Rolle spielt. Väter verboten und verbieten ihren „gefallenen“ Töchter das Haus. Dies, weil diese taten, was sich nicht gehörte: sie durchbrachen die kirchlich oder religiös und staatlich abgesicherte Abstammungslinie.

Das moderne Vaterschaftsrecht ist ja noch nicht alt. Es enthält den Anspruch, jedes Kind solle seinen Vater kennen. In der Schweiz wurden die unehelichen Kinder erst 1978 den ehelichen rechtlich gleichgestellt. Das betraf unter anderem das Recht auf Alimente, das Sorgerecht, das Erbrecht. Wo kommt der „Erbneffe“ ins Bild, der vor wenigen Jahren von kinderlosen Gutsbesitzern im österreichischen Burgenland adoptiert worden ist, damit die 30 Quadratkilometer großen Besitzungen nach Ableben des Barons zusammen bleiben? Doch nur so kann das „Erzherzog- Habsburg-Lothringische Weingut Halbturn“ weiterhin von der Macht Maria-Theresias zeugen und von der zwar politisch, nicht aber sozial und wirtschaftlich untergegangenen Kaiserfamilie. Die Möglichkeit zur Adoption eines nicht blutsverwandten Menschen „an Kindes statt“ zeigt, dass die legale Abstammung schließlich wichtiger wurde als die genetische. Das betrifft insbesondere die verwandtschaftlichen Bande, wenn es ans Erben geht.

Deshalb stellen wir fest: Familienbande sind nicht durch Abstammung geknüpft. Das Konzept ist höchstens teilweise richtig. Es zelebriert eine oft konstruierte Vergangenheit, die dazu noch einseitig auf die Vaterlinie abstellt. Steht im Denken jedoch die Gegenwart erwachsener Menschen im Vordergrund, die in Paarbeziehungen leben, so müssen wir das Konzept zur Breite hin öffnen: Familienbande werden wohl eher durch die Heirats- und Geschlechtsbeziehungen geknüpft, mindestens, falls diese zu Nachkommen führen.

 

Heirat und Paarbeziehung

Wer im nachpubertären Alter über Familie nachdenkt, will vielleicht eine solche gründen. Da wird die Wahl des richtigen Partners wichtig. Beziehungen und Liebschaften, „Freundschaften“, Verlobungen, Ehe oder gemeinsame Kinder ohne Trauschein: so vieles ist möglich. Sex kann man mit beinahe jeder Frau und frau mit beinahe jedem Mann haben oder in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Aber ist der aktuelle Partner auch der richtige Vater, die aktuelle Partnerin die richtige Mutter für mein zukünftiges Kind? Liebschaften ja, aber mit diesem bestimmten Menschen sicher kein Kind. Und umgekehrt, nach oft mehreren „Probe“-Beziehungen – bei Frauen spätestens, wenn die biologische Uhr lauter zu ticken beginnt – : wo finde ich den Richtigen, die Richtige? Europäer und Europäerinnen setzen oft – und in den Hollywood-Filmen wird es uns vorgemacht – auf romantische Liebe als Kriterium für die Partnerwahl. Das mag für Mittellose angehen und im Falle von Mesalliancen.

 

Wer jedoch weitere Beweggründe zur Partnerwahl erfahren will, sieht sich die Heiratsanzeigen an. So viele Pferde gibt es schon lange nicht mehr, wie es bräuchte, um sie von den beiden zukünftigen Wunschpartnern stehlen zu lassen. Anderseits war Handfesteres durchaus üblich in der Vor-Internet Zeit. In Schleswig-Holstein beispielsweise suchte noch in den 1990er Jahren der Bauernsohn zu seinem Mähdrescher mit 2.30 Meter Schnittbreite die Bauerntochter mit entsprechender Zugmaschine. Zürichs Zünfter, die heimlichen Herren der Stadt, – um nur ein Beispiel der „besseren Kreise“ einer modernen europäischen Stadt zu nennen –, heiraten noch heute gerne unter einander. Denn sobald Eigentum mit ins Spiel kommt, gibt es neue Vorlieben. Auch das Streben nach hohem Status kann bestimmend sein.

Die Liebesheirat ist weltweit durchaus nicht weit verbreitet. Sie ist zwar tendenziell im Vormarsch ist. Aber viel öfter sind es die Eltern, die für ihre heiratsfähigen Kinder Partner suchen. Bei arrangierten Heiraten ist es weiterhin im Großteil Indiens üblich, dass Astrologen konsultiert werden. Sie schließen bestimmte Beziehungen aus, wenn die Horoskope der Braut und des Bräutigams nicht passen. Gleichzeitig erstellen sie ein astrologisches Ranking unter den von den Eltern der Heiratswilligen vorgeschlagenen Kandidaten. Die Eltern ihrerseits suchen in den allermeisten Fällen nach einem Schwiegersohn bzw. einer Schwiegertochter in der gleichen Kaste. Dann sind wenigstens Wertesets und Bräuche, Vorlieben und Meidungen sowie Tabus nicht zuletzt in Bezug auf die als essbar angesehenen Nahrungsmittel ähnlich. Wenn beide Partner die gleichen Rituale befolgen, um so besser. Arrangierte Heiraten halten nicht weniger lang – oft länger – als „love-marriages“. Wobei mit der Länge einer Beziehung noch nichts über deren Qualität gesagt ist, besonders, wenn die Kriterien fehlen, solche zu messen. Oft – und in bäuerlichen Kreisen meistens – haben sich die beiden Heiratswilligen vor der Hochzeit kaum gesehen, geschweige denn gekannt. Und doch entstehen so viele Familienbande.

 

In unzähligen Gesellschaften, von nordamerikanischen Indianern über amazonische Tropenwaldbewohner bis hin zu Stämmen im Hochland Neuguineas und vielen orientalischen Völkern gilt für jeden jungen Mann: „Mutters Bruder Tochter – wer denn sonst“. (Mit Inzestverbot ist dann die andere Cousine – Mutters Schwester Tochter – belegt). Für jede junge Frau ist entsprechend Vaters Schwesters Sohn der Idealpartner. Auch wenn die Rechnung naturgemäß bzw. aus demographischen Gründen nicht für alle aufgehen kann: idealerweise heiratet man die Kreuzcousine, frau den Kreuzcousin.

Für beide Geschlechter gilt dasselbe. Wenn kein Kreuzcousin bzw. keine Kreuzcousine im passenden Alter verfügbar ist, wird zumindest ein weiter entfernter übers Kreuz Verwandter gesucht. und meidet unter allen Umständen den Parallelcousin (d. h. Vaters Bruders Sohn bzw. Mutter Schwesters Sohn). Solch eine Verbindung wäre ja wie eine Heirat unter Geschwistern.

Wer in der christlich geprägten Welt Kinder macht, weiß, wie wichtig die Paten und Patinnen sind. Oft suchen europäische Eltern die Verbindung mit den eigenen Geschwistern zu stärken und wählen sie aus diesen Reihen. In Lateinamerika hingegen sucht man sich als Taufzeugen lieber einflussreiche Leute, um die Zukunft des Kindes besser abzusichern, eben „Paten“. Eine weitere konstruierte Verwandtschaft, die „gemeinsame Elternschaft“ der leiblichen Eltern mit den Taufpaten, gibt der Organisationsform der traditionell lebenden Dorfbewohner Nicaraguas ihren Namen: el compadrazgo. Herzliche und oft solidarische Beziehungen werden durch die „Doppelschwäger“, die concuños und concuñas gelebt. Die Gattinnen von Brüdern (und die Gatten von Schwester) fühlen sich sich nahe verwandt, obwohl sie keine gemeinsame Abstammung teilen.

Aber ist das nicht eine völlig verquere Ansicht, Familienbande als Resultat komplizierter Heiratspolitik der Eltern zu sehen? Wollen da nicht postkoloniale Eurozentriker ihr auf Erb- und Namensrecht zentriertes Weltbild auf die ganze Welt übertragen? Sind Allianzen als Grundlage von Verwandtschaft nicht ebenso nur ein Konstrukt wie die Abstammung? Wer kennt nicht Freunde, die seit vielen Jahren nicht mehr mit ihren Geschwistern verkehren? Da gibt es die zerstrittenen Geschwister ebenso wie diejenigen, die in so verschiedenen Welten leben, dass sie einander schlicht nichts zu sagen haben. Dies gilt beim ehemaligen Bundeskanzler Schröder ebenso wie in vielen Bürgers- und Arbeiterfamilien. Was doch eigentlich wirklich zählt, sind doch die Bindungen, das gelebte Leben, vielleicht sogar die Seelenverwandschaft.

 

Nur gelebte Beziehungen zählen.

„Wirklich verwandt“ sind wir doch am ehesten mit den Menschen, mit denen wir unser Leben teilen. Das sind oft Eltern und Kinder, je nach Lebensalter, aber beileibe nicht immer. Die Drei-Generationenfamilie stirbt in Europa ebenfalls langsam aus, auch wenn es noch immer viele Töchter gibt, die ihre alten Eltern pflegen, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Die Durchschnittsstädterin in Europa kennt noch knapp alle ihre Cousins und Cousinen, kaum noch die Onkel und Tanten, die „angeheirateten“ schon gar nicht. Und wenn diese zudem immer schneller wechseln, mit wem ist sie dann noch verwandt? Doch wohl nur mit denen, mit denen sie auch außerhalb der spärlichen Familienfeste noch Kontakt hat, wo also Freundschaft dazukommt, Nachbarschaft, Arbeitsverhältnisse, gemeinsame Interessen, Partei-, Vereins-, Verbandsarbeit. Verwandtschaft ist eigentlich keine spezielle Kategorie. Wichtig für jede Beziehung ist doch vielmehr ihre Qualität und die zusammen verlebte Zeit.

Auch das Argument, verwandt sei man mit denjenigen Personen, für die spezielle Begriffe gebraucht werden, sticht nicht. Begriffe wie „Brüder“, „Schwestern“ und weitere werden ja durchaus auch in anderen Zusammenhängen verwendet. Die „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ in der Internationalen sind ebensowenig mit mir blutsverwandt wie die Fratres und Patres in den Klöstern untereinander oder die Schwestern in den Spitälern.

 

In vielen zeitgenössischen Kernfamilien Europas werden immer häufiger Patchwork-Beziehungen relevant fürs Leben: nicht blutsverwandte Stiefgeschwister werden mindestens temporär Familie. Wie werden da Familienbande geknüpft und im Falle der Trennung der Eltern weiter gelebt oder abgebrochen? Patchworkfamilien sind übrigens keine Erfindung der europäischen oder nordamerikanischen Moderne, vielmehr waren sie im Mittelalter und in der frühen Aufklärung in ganz Europa durchaus üblich. Wiederverheiratungen von Witwen und Witwern waren angesichts der tiefen Lebenserwartung wohl eher die Regel als die Ausnahme. Erst längeres Leben und vom Adel ins städtische Bürgertum übernommene Vorstellungen machten die Kleinfamilie zum weit herum akzeptierten Leitbild. In vielen Köpfen wurde sie sogar zum Ideal. Anderseits ist die intakte Kleinfamilie in Europa schon lange nicht mehr statistische Norm.

Dennoch ist diese Kleinfamilie wohl diejenige Familienform, die der aktuelle Papst Benedict bei seiner Messe in Nazareth im Mai 2009 im Sinne hatte. Er fordert „eine Rückbesinnung auf die Familie als Grundlage der Gesellschaft“. Man staunt und bemerkt: da spricht jemand mit bayrischem Hintergrund und mit wenig differenziertem Blick auf die Vielfalt der Familienformen. Zu oft denken wir beim Wort Familie an eine Form des Zusammenlebens, die nur in einem kleinen Teil der Welt gilt. Wie steht es denn in polygamen Familien-Verbänden? Da, wo ein Mann das Bett mit verschiedenen Frauen teilt und mit ihnen Kinder zeugt? Sind da die verschiedenen Frauen miteinander über den gemeinsamen Ehemann verwandt oder via ihre Kinder, die ja Halbgeschwister sind, oder gar nicht? Jedenfalls leben sie beispielsweise in der westafrikanischen Savanne ein Leben lang miteinander im gleichen Gehöft. Jede hat zwar ihr eigenes Lehmhaus mit Strohdach, aber sie hüten einander die Kinder und erziehen sie miteinander.

Manche Gemeinschaften – verstreut auf der ganzen Welt – teilen ihr Dorf in zwei Hälften: mit den einen ist man verwandt, mit den andern nicht. Entsprechend verhält man sich in Bezug auf Rechte und Pflichten. Australische Aborigines leben in einer Welt, in der sich jeder Mensch mit einem Totemtier verbunden fühlt: man gehört zu den „Schildkröten“, den „Kängurus“ usw. Klare Regeln bestimmen, wie man mit den andern verkehren darf. Viele Gesellschaften unterteilen die Welt grundsätzlich in zwei Arten Menschen: in Frauengeber (die dem betreffenden Klan Frauen übergeben) und Frauennehmer (die Klans, in welche die eigenen Mädchen hin heiraten). Normalerweise gelten die Frauengeber als diejenigen, die man besser bewirtet. Man achtet sie höher als die Frauennehmer. Denn von ihnen hängt die Fruchtbarkeit der eigenen Linie ab.

Um die komplizierte Welt zu strukturieren, versucht man zu Beginn eines Gesprächs, die Beziehungsstruktur zum Gegenüber zu klären. Zu diesem Zweck weist man in vielen nicht-westlichen Völkern dem Zugereisten einen klaren Status im System der Verwandten zu. Ich erinnere mich an unsere Feldforschung in Kerala, Südindien, wo wir schon nach wenigen Tagen ins Gesellschaftssystem eingegliedert wurden: ich wurde als „älterer Bruder“ unseres Gastgebers angesprochen und wie ein solcher behandelt, meine Gefährtin als zu respektierende Schwägerin. Natürlich wusste ich wenig von der dortigen Gebräuchen, war ich doch gerade erst angekommen. Trotzdem avancierte ich kraft des Status› als „älterer Bruder“ schnell zum Ratgeber in Fragen, bei denen meine europäischen Freunde und Verwandten eher Experten fragen würden als mich. Eheprobleme würden mit der Eheberaterin besprochen, Investitionen mit dem Treuhänder, Krankheit mit dem Arzt und Erziehungsschwieirgkeiten mit der Sozialarbeiterin. Meine Tochter hingegen wurde zur „kleinen Schwester“ der Töchter des Gastgebers. So genoss sie mit all die Privilegien, die der „Nesthäckchen“-Status dort mit sich bringt.

 

Fazit

Wer sich mit wem verwandt fühlt oder sich so bezeichnet, ist in jeder Gesellschaft anders und auch in jeder Familie. Verwandschaft ist also ein Konstrukt. Aber gleichzeitig ein Universal. In allen Gesellschaften der Welt gibt es Menschen, die der Sprecher (das „Ego“) mit bestimmten Begriffen bezeichnet. Ist der Angesprochene mit dieser Bezeichnung einverstanden, so erschließt sich dem „Ego“ ein Universum von somit definierten Beziehungen. Wird also – wo auch immer auf der Welt – beispielsweise eine Beziehung als Bruder-Beziehung etabliert, wird der Bruder meines „Bruder“ auch mein „Bruder“ usw. Wer einen Verwandten hat, hat dessen gesamte Verwandtschaft mit als Verwandte. Sobald die Beziehungen geklärt sind, bringen sie bestimmte Rechte und Pflichten mit sich. Dies gilt bei Freundschaften und Seelenverwandschaften nicht. Deine Freundin ist nicht automatisch auch meine Freundin. Also sind Familienbande eben doch besondere Beziehungen.