Ingrid Schulz, Morgens
Gleich um halb acht
klingelt das Telefon. Gut, dass ich zufällig schon auf den Beinen bin. Ich
fühl mich heute gestärkt. Die Nachricht, die ich erhalte, ist eine
SMS, die Matthias gestern Nacht noch – völlig aus dem Häuschen
über die ungeahnte Möglichkeit der SMS-Übermittlung von Handy zu
Festnetz-Telefon – aufs Handy getippt hat: „Hallo, ihr schönen
Gänse!“, spricht da eine völlig unbekannte, aber nicht
unfreundliche Computerstimme. „Hab mein ganzes Leben lang funktioniert!
Leck mich am Arsch! Au weia!“
Na super! Schon witzig. Aber wieso jetzt? Komisch! Ich will gerade
hochgehen ins Bad, um mich zu waschen und um zu sehen, ob die
siebenjährige Aline schon Anstalten macht, sich zu erheben, da klingelt
von Neuem das Telefon. „Hallo, ihr schönen Gänse!“
Kurzerhand lege ich den Hörer beiseite. Jetzt ist keine Zeit, sich zu
wundern oder sonst was. Jetzt beginnt das Morgenprogramm: Waschen, anziehen,
zwei Vesperdosen plus zwei Getränke richten, Frühstück für
zwei Kinder und für mich, daneben noch darauf achten, dass Aline
tatsächlich aufsteht und nicht zu spät zur Schule kommt.
Ich wasche mich, ziehe mich an, höre befriedigt, dass Aline
mittler-weile den Kassettenrecorder eingeschaltet hat: „Sissi!“,
singt eine Frauen-stimme, „deine Sehnsucht wird dich treiben in die Arme
deiner Liebe, durch das Leben in das Glück!“ Okay, Madame steht also
auf. Ja, aber. Ich muss das Telefon ja noch auf Empfang stellen, denn die
Mutter einer Mitschülerin lässt immer dreimal das Telefon
läuten, nachdem ihre Tochter das Haus verlassen hat, damit die beiden
Mädchen den Schulweg gemeinsam gehen. Und wenn nun gerade diese
verrückte SMS-Stimme spricht, wenn Katis Mutter anruft und deswegen dann
ewig
belegt ist?
Leise, um den dreijährigen Leander im Elternbett nicht zu
wecken, schleiche ich zu Matthias ans Bett und kläre ihn flüsternd
über die Sachlage auf. Warum kommt dauernd diese blöde SMS?
„Muss man halt abwarten, bis es wieder aufhört!“,
ist seine Antwort. Er habe gestern Abend öfter probiert, diese SMS abzuschicken,
es sei aber nicht gelungen. Wie er aber jetzt sehe, sei es doch gelungen.
„Wie oft hast du’s probiert?“, frage ich
hoffnungsvoll.
„Keine Ahnung!“, ist die müde Mitteilung.
Na toll! Ich gehe in die Küche, mache mich ans Essen-Richten.
Die ganze Arbeitsplatte ist voll mit Utensilien. Ich brauche viel Platz
für alles. Da höre ich jemanden die Treppe hochstapfen. Flori. Seit
er den neuen Zivi-Job macht, sind wir uns beim Frühstückzubereiten
nie in die Quere gekommen. Außer heute. Ich sage nichts. Außer:
„’n Morgen!“ Freundlich erwidert er den Gruß. Nach
einer Weile kann ich es mir doch nicht verkneifen:
„Na, hast du eigentlich gestern Abend den Mülleimer
noch vorgestellt?“ Die Frage hat einschlagende Wirkung. Flori hält
sich sekundenlang die Stirn. Ich erlöse ihn. „Matthias hat ihn
gestern Abend glücklicherweise noch rausgetragen!“
„Ja!“, kontert Flori. „Das hab ich nur
vergessen, weil ihr gestern Abend so blöd rumgemacht und behauptet habt,
ich hätte gesagt, ich würd um halb sieben aufstehen, und ich hab aber
7.35 Uhr gesagt!“
„Ach komm! Was soll’s! Darum
geht’s doch gar nicht!“, wiegle ich ab.
„Doch, ich hab tatsächlich 7.35 Uhr gesagt!“
„Mami, komm sofort hoch!“, ruft plötzlich Aline
von oben.
„Ist doch egal!“
„Ist nicht egal! Matthias hat noch behauptet …“
„Mami, komm sofort hoch!“, ruft Aline von oben.
„Wieso?“, rufe ich zurück.
„Komm hoch, ich kann das nicht runterbringen!“
„Was denn?“
Keine Antwort. Ich kenne das schon. Das sind Machtspielchen.
Darauf will ich mich diesmal nicht einlassen. Ich setze mich an den
Frühstückstisch. Das Telefon läutet: „Hallo, ihr
schönen Gänse!“ Ich lege auf. Setze mich hin. Trinke den
Cappuccino.
„Mamiii!“ Vorwurfsvoll von oben.
„Ich frühstücke!“
„Hallo, krieg ich Kaba?“ Eine kleine Stimme im
Türspalt. Leander, der Kleinste, ist aufgewacht.
„Klar kriegst du Kaba, mein Schatz!“ Ich trage ihn
aufs Sofa, decke ihm die Barfüßchen zu und mache ihm schnell Kaba
warm. Dann frühstücke ich weiter.
Telefon. Ich schaue auf die Uhr. Es ist zehn nach acht. Um halb
neun beginnt die Schule. Es könnte Katis Mutter sein, vielleicht will sie
mir sagen, dass Kati immer noch krank ist. Ich nehme ab: „Hallo, ihr
schönen Gänse!“
Ärgerlich! Nachdem ich mein Frühstück beendet habe,
begebe ich mich widerstrebend nach oben. Ich will mir die Zähne putzen und
ganz nebenbei sehen, was nun mit Aline ist.
Sie steht mit finsterem Gesicht vor dem Spiegel. „Mach mir
jetzt die Frisur!“
„Was für eine Frisur?“
„Na, sooo!“, brüllt sie.
„Sooo mache ich das gar nicht!“, brülle ich
zurück „Wenn du was von mir willst, dann kannst du mir das
freundlich sagen!“
Wütend schleudert Mine die Haarbürste in die Ecke.
„Und beeil dich!“, füge ich noch unfreundlich
hinzu „Wenn du dich nicht beeilst, kommst du noch zu spät zur
Schule!“
„Bäbäbä!“, äfft sie mich nach.
Und: „Dumme Kuh!“
Jetzt reicht’s! Ich geb ihr einen Klaps. Die Situation ist
verfahren. Das Telefon läutet. Es ist zehn vor halb neun. Das könnte
Kati sein! Matthias, mittlerweile auch unten am Frühstückstisch,
lässt es läuten. Es läutet öfter als drei Mal. ,,Abnehmen!“,
schreie ich mit unbeherrschter, gepresster Stimme.
„Ja, einen Moment!“, höre ich Matthias mit
freundlicher, ein bisschen unbeteiligter Stimme sagen. Er kommt mit dem
Hörer am Ohr auf mich zu, hält ihn mir hin: „Bettina!“,
sagt er.
„Hallo Ingrid!“, sagt Bettina am Telefon. „Ich
ruf wegen dem Reiki-Kurs an!“
„Oh! So früh?“, frage ich beherrscht und
hoffentlich einigermaßen freundlich. „Kann ich dich
zurückrufen?“
„Ja, aber ich sag dir gleich mal ganz kurz das Wochenende,
an dem ich kann, damit du das gleich mit deinem Mann abstimmen kannst!“
Ich schaue auf die Uhr. Es ist acht vor halb neun. Aline wird zu
spät kommen. Soll sie! Damit sie endlich selber die Erfahrung macht.
„Okay“, sage ich. Um fünf vor halb neun ist das
Gespräch beendet. Mine bürstet und schmückt sich seelenruhig vor
dem Spiegel.
„Mine, du kommst zu spät“, sage ich ruhig.
„Ist doch mir scheißegal!“ Gut. Soll sie!
Inzwischen ist Leander hochgekommen und macht ihr den Platz am
Spiegel streitig. Handgemenge der beiden Geschwister. Kurz entschlossen nehme
ich den Kleinen weg. „Lass Mine! Sie muss sich beeilen. Sie wird zu
spät kommen!“ Mit einem Blick ins Kinderzimmer sehe ich, dass Alines
Schulranzen wohl leer sein muss. Das Mäppchen und die Hausaufgabenmappe liegen
auf dem Boden. Ich drücke ihr beides in die Hand. Voller Wut pfeffert sie
beides zu Boden. Dann geht sie runter. Zieht sich an. Auch ich gehe runter. Das
Telefon läutet. Ich renne wieder hoch, weil ich es im Bad liegen gelassen
habe. Unten droht Mine einfach grußlos durch die Haustür zu
entwischen. Ich bin jetzt richtig kopflos. „Hallo, ihr
schö…!“ Inzwischen ist Mine tatsächlich schon gegangen.
Zum ersten Mal ohne Abschiedskuss. Was war nur los? Matthias
frühstückt in aller Ruhe. Ich mache ihm Vorwürfe, dass er Mine
einfach hat gehen lassen. „Wieso? Ich hab ihr von meinem Stuhl aus
Tschüss gesagt!“
„Arme Mami!“, sagt Leander. „Immer’s
Gleiche!“ Und er nimmt meine beiden Hände. Das tut so gut!