Ingrid Schulz: „Unterwegs sein. On the way“

 

Für Nomaden geschrieben

Die Poetin Ingrid Schulz präsentiert eine erste Auswahl ihrer Gedichte

 

So klein und handlich wie ein Vokabelheft ist der erste Gedichtband der Lustnauer Autorin Ingrid Schulz – nur viel schöner. Die herben Schwarz-Weiß-Fotos von Berliner Bahnhöfen (und Friedhöfen), von leeren Straßen und nebelverhangenen Obstwiesen irgendwo bei Tübingen evozieren ein Unterwegssein, wie sie ihm in ihren lakonischen Texten auf der Spur ist. Das kleine Format macht die 17 Gedichte exquisit und passt gut in die Manteltasche des Alltags-Nomaden. Nach der Mitarbeit an Anthologien – unter anderem mit der Tübinger Autorengruppe „texte aus der gartenstraße“ – ist der Band ihre erste eigenständige Veröffentlichung.

Bei Schulz findet man nicht mehr das lustvolle „On the Road“ von Kerouac und Canned Heat, das sich verflüchtigt zu haben scheint wie der Aufbruch der 60er Jahre. Vielmehr ist es die gehetzte Rastlosigkeit der Gegenwart, der Pendler-Routinen, denen gegenüber die Poetin auf einem Innehalten, einem Da-Sein beharrt.

Ihr Gedicht „Ankunft“ kann man derzeit groß auf Plakaten in Washingtons Chinatown lesen – in Deutsch, Englisch und Chinesisch. Denn Schulz ist eine von sechs deutschen Beiträger(inne)n des dreisprachigen Lyrik-Projekts „Zeitschatten – City Life“ im Goethe-Institut Washington. Anfang Mai war sie zu einer Lesung dort.

Wie einst Baudelaire für das Paris des 19. Jahrhunderts, sollten die 18 Lyriker/innen aus den USA, China und Deutschland „Ansichten des modernen Großstadtlebens“ liefern. Nicht Fragmentierung und Melancholie wie bei Baudelaire, vielmehr „ein Lächeln des Wiedererkennens“ zwischen Asien, Amerika und Europa wünschten sich die Projekt-Initiatoren im Goethe-Institut von den Autoren.

Ausgerechnet von ihrem Lustenauer Schreibtisch aus hat Schulz die seltsame Vergeblichkeit, die leere Wiederholung der unzähligen Alltagsfahrten der Pendler umgemünzt in ein Insistieren auf Subjektivität, ein Festhalten des Versprechens des Augenblicks.

Vielleicht ist der Poetin die Erfahrung des Unterwegsseins in ihrer radikaleren Form, der Migration, auch durch ihre Arbeit so vertraut. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache beim Tübinger Infö-Zentrum für Bildung, Weiterbildung und Soziale Arbeit. Für die Sprachförderung in Kindergarten und Grundschule schrieb sie eigene Grammatiklieder. Darin geht beispielsweise eine Frau auf Reisen und packt je nach Strophe Strümpfe und Schuhe mal im Dativ, mal im Akkusativ in den Koffer.

Schon als Kind verfasste Schulz „seit der Grundschulzeit“ kleine Gedichte und Geschichten. Eine dreht sich um „einen Holzkopf“. Phantastische Geschichten „Richtung Märchen“, seien es gewesen, oder „Erlebnisgeschichten, dass so ein Krimi entsteht“, sagt die Autorin.

Derzeit arbeitet Schulz an einem Roman: „Ein hyperaktives Kind wird entführt in eine Traumwelt, wo es seine Probleme in Form von Abenteuern bewältigt.“ Die Schreibzeit dafür kann sie dem Alltag mit Beruf und drei Kindern nicht so gut abknapsen wie für ihre Gedichte: „Meine Gedichte sind ja kurz“, sagt die Poetin. Und: „So ein Gedicht geht ja schnell. Es kommt einem in den Kopf (…).“

Dass Unterwegssein für sie mehr bedeutet, als sich in anonymen Verkehrsströmen und Alltagsroutinen zurechtzufinden, dass sie es als Conditio humana betrachtet, zeigen die weiteren Gedichte des kleinen Bandes: „Wie kannst du / deine Türen / öffnen / wenn / du / nicht / bei   dir / zu / Hause / bist / ?“.

                                                                                                                                                               Dorothee Hermann

 

In: Schwäbisches Tagblatt. Donnerstag, 4. Juni 2009