Pressestimmen konkursbuch 48, „Familien-Bande“

 

Hrg.innen Sigrun Casper & Claudia Gehrke: Familien-Bande

Binden uns die Familienbande in einen größeren Zusammenhang ein, geben Wurzeln? Oder werden wir die ganze (Rassel)Bande einfach ein Leben lang nicht los, so sehr wir es auch manchmal versuchen? Sowohl, als auch.

Der Sammelband wirft einen kaleidoskopischen Blick auf alle Facetten, die Familienbande haben können. Reproduktionsarbeit und die Frage nach der Bezahlung von Hausarbeit werden genauso beleuchtet wie die Pluralisierung von Familienformen, die Neuordnung von Genderrollen, Familie und Globalisierung, Umverteilung von Reproduktionsarbeit auf Frauen aus ärmeren Ländern des Südens und Osteuropas. Geschwisterbeziehungen scheinen auf, die oft ein ganzes Leben Bestand haben, manchmal aber auch erst über die Lebensjahrzehnte hinweg enger und herzlicher werden. Vatertöchter, Muttersöhne erzählen. In zahlreichen Interviews wurde nach besonders schönen und besonders schrecklichen Kindheitserinnerungen gefragt. Wahlfamilien werden vorgestellt – darunter auch die weltweite Bewegung der Rainbow Family of Love and Living Light, Laura Méritts Salon und Mahide Leins Ahoi-Musiker-Familie. Familienbetriebe. Kinderwunsch. Wunderschöne Fotos. Darunter auch Schnappschüsse aus Familienalben. Cartoons. Kinderbuchillustrationen. Kunst und Theater über die Familie. Gedichte.

Und dazwischen eine Menge Kurzgeschichten oder Romanauszüge, z.B. aus Regina Nösslers Dienstagsgefühle. Sandra Wöhe schreibt über das indonesische Ritual bei der Geburt eines Kindes und wie es im europäischen Kontext fortwirkt. Annette Berr hat sich der Tierliebe ihrer Mutter gewidmet, Karen-Susan Fessel eine Hommage auf ihre Lieblingstante verfasst. Besonders berührend die Beiträge der beiden Herausgeberinnen.

Beim Umblättern auf jede neue Seite ergibt sich genau wie im Kaleidoskop unserer Kinderzeit ein neues Bild, eine oft überraschende Sicht auf Familie. Mal unterhaltsam, mal erfrischend, dann wieder verstörend, erschreckend oder nüchtern und analytisch oder ganz persönlich. Männer und Frauen verschiedener Generationen, aus unterschiedlichen Kulturen mit ihren ganz individuellen Erfahrungen erzählen Familie und in der Gesamtheit der Beiträge entsteht ein Bild der Familienbande, wie es kaum je zuvor so wahrhaftig und umfassend gelungen ist. Ein Buch für alle, die ihre Familie – ganz gleichgültig ob Herkunfts- oder Wahlfamilie - lieben und für all jene, die es gern lernen möchten.

 

Familien-Bande. konkursbuch 48. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2009

Elke Heinicke, Lesben-Ring-Info

 

 

Rhön-Saalepost

Familien-Bande

Jeder kennt sie, viele äußern sich dazu: die Familie. Im Wahlkampf wird das Aussterben der Kleinfamilie beklagt, in der Frau und Mann eigene Kinder großziehen. Aber das ist längst nicht die allein seligmachende Art, aufzuwachsen. Ein Buch aus dem Tübinger konkursbuch Verlag zeigt Familien in allen denkbaren Formen: Patchwork, Tischgemeinschaft, Wahlverwandtschaften, Multikulti-Familie, Clique, Bande oder esoterische Sekte. S.O.S.-Kinderdorf. Geschwisterfamilie bei beruflich abwesenden Eltern. Betreuung durch die im Haushalt lebende Kinderfrau. Der Familienbetrieb integriert den nicht-verwandten Lehrling genauso wie das mitarbeitende Enkelkind des Gründers. Im Handwerksbetrieb werden Fertigkeiten und Kenntnisse an die nächste Generation weitergegeben.

Der Stuttgarter Psychologe Udo Rabsch benennt in seinem Beitrag das Hauptproblem der Kleinfamilie, nämlich dass die Eltern ein Idealbild von ihrem Kind haben, dem dieses sowieso nicht genügen kann. Das Kind entwickelt Schuldgefühle, die Eltern Wut. Es kann dazu kommen, dass Eltern oder Kinder „ausrasten“. Weniger kontrolliert aufzuwachsen, würde dem Kind gut tun.

Je besser Frauen gebildet sind und je größer ihre gesellschaftlichen Chancen, umso häufiger ziehen sie es vor, keine oder spät Kinder zu bekommen und diese dann auch noch alleine zu erziehen –, was ja wirklich nicht einfach ist. Auch in den USA ist die Alleinerziehenden-Familie (90 Prozent davon von Frauen geführt) der am raschesten wachsende Familientyp. Auch die USA kämpft mit niedrigen Geburtenraten. Aber im Unterschied zu Deutschland ist sie ein Einwanderungsland, und in Immigrantenfamilien gibt es meist mehr Kinder als in der „empfangenden Gesellschaft“.

Wie in den „Kursbüchern“ üblich, ist auch „Familien-Bande“ eine unterhaltsame Mischung aus Wissenschaft und Literatur, Interview und Fotoband. Man kann wie in einer Illustrierten darin herumblättern, und es ist zugleich anspruchsvoll und zitierfähig.

Jeder, der sich zum Thema Familie öffentlich äußert, jeder, der sich daran abarbeitet, sei er nun genervter Vater oder Therapeutin, wird in diesem Buch das Fleisch für seine Predigt oder Rede, die beispielhafte Erfahrung für Therapie und Gespräch finden.

Der Witz und das Glück kommen auch nicht zu kurz. Auf dem Titelbild ein sich küssendes Paar mit Kleinkind (mit Wärme fotografiert von Anja Müller), im Innenteil jede Menge schöne und köstliche Bilder: Ein Vater wie eingespannt in zwei Stricke: vorne zieht der Hund an der Leine, hinten hat sich das Kleinkind bäuchlings auf das Spielauto gelegt und lässt sich ziehen (Foto von Ursula Markus).

Leider fehlt ein brauchbares Inhaltsverzeichnis. Man sollte sich beim Lesen die vielen guten Stellen gleich markieren, um sie wiederzufinden. Ansonsten bekommt man hier sehr viel Stoff für wenig Geld. Das Schlusswort gebührt den beiden Herausgeberinnen Sigrun Casper und Claudia Gehrke: „Es ist unmöglich, sich zu denken ohne Familie.“

„Familien-Bande“, Literarische, journalistische und wissenschaftliche Texte und Bilder, 416 Seiten, Euro 16,80, erschienen im August 2009. ISBN 978-3-88769-248-3. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke.