Liebe Leserinnen und Leser!

Die meisten, die uns bei der Auswahl des Covers beraten haben, wollten das nun gewählte: weil es Glück ausstrahle. Diese Dreiheit und das Glück, das viele auch heute damit verbinden, wird im konkursbuch vervielfältigt, mit Abgründen konfrontiert und um andere Bilder erweitert. Und immer wieder, klar, gibt es das Glück.

Wie bei konkursbuch üblich, mischen wir die „Sprachen“, es gibt
Gesprächsmitschriften, Erzählungen, Glossen, literarische Essays,
wissenschaftliche Texte und Bilder.

Sie können in persönlichen Geschichten lesen, spannend erzählt, als wären sie erfunden. Oder in den bunten Momentaufnahmen der kurzen Gespräche blättern, die wir mit Menschen aus vielen unterschiedlichen Familienformen gemacht haben.

Es lässt sich in die Vergangenheit schauen, um Strukturen in Familien heute zu begreifen. Verhaltensweisen aus vorherigen Generationen pflanzen sich fort, unbewusst, auch dann, wenn man sie bewusst ablehnt.

Familie ist nicht nur privates Idyll, sondern durch Ökonomie und Arbeit mitbestimmt. Familienarbeit, Pflege von Kindern und Alten durch Menschen aus ärmeren Ländern ist ein weiteres Kapitel in diesem konkursbuch: Your Nanny Hates You! heißt ein Festival zum Thema Familie in Berlin, mit Theater, Performances und einer Konferenz mit Vorträgen,
die Sie in diesem konkursbuch nachlesen können.

 

Um die Orientierung ein wenig zu erleichtern, haben wir das opulente Familienlesebuch in 16 Kapitel von Rasselbande über Wahlverwandtschaften und Familienhorror bis hin zu Familienbetrieben und Banditen aufgeteilt.

 

Einfach ist es nicht mit der Orientierung in Familien-Banden. Schon wenn einem die Mutter etwas über die Verwandtschaft erzählt, kann sich die Bezeichnung je nach Erzählzusammenhang ändern: die Schwester der Urgroßmutter wird das nächste Mal, wenn von ihr gesprochen wird, zur Tante und so weiter. Gerne drängen sich die Ahnen ein wenig nach vorne, machen sich schnell mal eine Generation jünger, wenn sie in Erzählungen auftauchen … Der Narration ist es unmöglich, die Genealogie wirklich wiederzugeben. Früher nannte man deshalb alle „Vetter“ oder „Kusine“, auch wenn es sich um die Enkelkinder von Geschwistern der Urgroßmütter handelte. Schon in den Mythen geht es durcheinander, unterschiedlich erzählen sie, welcher der vielen griechischen Götter wie mit welchen anderen verwandt ist.

 

 

Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit, sagte Karl Kraus. Ein scharfer, knackiger Satz. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen wir ihn uns an, drehen ihn hin und her und versuchen, seinem geradezu unverschämten Aufforderungscharakter nachzuspüren. Tucholskys schillernde Polemik in dem Aphorismus abzuleuchten, sie mit Inhalten zu erhellen, sie zu bestätigen oder in Frage zu stellen, darum geht es. Familienbande.

Familie, was ist das, was soll das sein, was war das, was soll das noch?

Von Bande spricht man im Scherz und im Ernst. Bande meint eine Gruppe von frechen Gören und eine Gruppe von Verbrechern. Bande umschließen. Auf die Familie angewandt, die wir nun wahrhaftig nicht nur in der Verbrecherkartei ansiedeln, spielt das Wort Bande, wenn wir uns auf Tucholskys Ambivalenz einlassen, die bewegliche Rolle des Beigeschmacks, dem es nachzukosten lohnt. Bande grenzen ab. Bande verbinden. Bande umschließen. Bande, so heißen die inneren Ränder des Billardtisches, die dem gezielten oder zufälligen Anprall der schweren kleinen Kugeln Stand halten.

Bande, das sind die solide aus juristischen Formalitäten gewobenen Rechte und Pflichten, die straff um eine Gemeinschaft verschiedener Menschen gezogen werden, die sich entschlossen haben, zusammenzubleiben, mehr zu werden und sich dann vor allem anderen durch ihre Blutsbande zusammengehörig zu sehen: Eine Familie. Zu einer Familie zu gehören, kann etwas Wunderbares, etwas Unersetzliches bedeuten. Dass aus einer Familie eine Bande entstehen kann, nicht aber zwangsläufig entstehen muss, das meint Tucholsky mit Beigeschmack. Der Beigeschmack reizt uns.

Wenn dann unter dem Dach der Familie Gebote und Verbote gehorsamst befolgt werden, wenn autoritäre Vorstellungen von Füßen unter Tischen und davon, wer hier das Sagen hat, den Ton bestimmen, wenn starr an Ritualen und Ehrenkodizes festgehalten wird, können sich bei den Mitgliedern solcher Familien alle möglichen Leiden, Macken, Krankheiten, Neurosen, Psychosen und Süchte herausbilden. (Die im bundesdeutschen Familiengesetz festgeschriebene „elterliche Gewalt“, die dem Bande-Charakter der Familie besonders ausdrucksvoll Rechnung trug, wurde erst 1979 in einer Gesetzesänderung des elterlichen Sorgerechts zumindest verbal abgeschafft!).

In den letzten Jahrzehnten hat die Reißfestigkeit der Familienbande erheblich nachgelassen.

Doch viele Familien, die ihren Nachbarn das schöne Bild von Harmonie und Nettigkeit demonstrieren, sind auch heute noch beherrscht von der Unerbittlichkeit des Bande-Gens. Diese Familien haben eine von Generation zu Generation weiter verfeinerte Übung darin, ihre Leichen im Keller zu hüten. Sie schotten sich ab. Nichts Nachteiliges dringt durch Wände, Türen, das Panoramafenster. Die Büsche entlang des Gartenzauns halten dicht. Nach außen erscheint das Familienleben fein so, wie es die gängige oder eine vorgestellte Norm und die Tradition vorschreiben. Aus der Überzeugung, alles soll beim Alten bleiben, oder um seine Ruhe zu haben oder aus Angst vor Veränderung wird der Aufmerksamkeit der sozialen Kontrolle keine Angriffsfläche geboten. Diese Bande halten nur zu gut.

Bankräuber tragen Masken, warum wohl?

 

Kinder, Jugendliche, Menschen im Erwachsenenalter, die in „Banditenmilieus“ anzutreffen sind, haben vielleicht von Anfang an, vorsichtig gesagt, von Lieblosigkeit geprägte Jahre in ihrer Familie hinter sich. Oder den Widerspruch von Liebe und Ablehnung. Sie sind abgehauen aus der Familie, der Schule. Draußen suchen und finden sie ihresgleichen, bilden Banden, Gruppierungen und haben die Orte, wo sie einander treffen. Sie hängen ab, randalieren, klauen, zerstören und erleben im Rausch der Gewalt und der Drogen zusammen mit den anderen eine Ahnung von diesem Gefühl, das eine nur einigermaßen funktionierende Familie dem Kind vor allem anderen ganz selbstverständlich vermittelt.

Das Gefühl, jemand zu sein.

Das Modell „Familie“ hält sich in seiner gesetzlichen Verankerung, doch es wankt. Die Begründung hat sich verändert.

 

Wer heute von Banden des Herzens spricht, riskiert, belächelt zu werden. Wer mit dieser Formulierung Schwierigkeiten hat, halte sich einfach weiterhin an seinem Stammbaum fest, überprüfe seine Aktien oder gehe Poolbillard spielen. Wir, die Herausgeberinnen, sind bei der Beschäftigung mit dem Familienthema auf die ungeheure, manchmal auch gefährliche, Bedeutung der Herzensbande für uns alle aufmerksam geworden. Sie kosten kein Geld, scheren sich nicht um juristisch verbriefte Rechte und Pflichten, sind von leichter Konsistenz und halten seltsamer- oder nein, natürlicherweise besser als manch institutionell beglaubigter und konfessionell abgesegneter Zusammenschluss. Der Beigeschmack von Wahrheit ist hier in der Liebe, der Freundschaft und der seelisch-geistigen Verwandtschaft zu spüren.

Seit den Siebziger Jahren tun sich Menschen zu unterschiedlich gearteten und lokalisierten Wahlfamilien zusammen. Sie suchen bestimmte Orte auf, z.B. Bars, wo sie einander erkennen und freudig begrüßt werden, wo sie sich gegenseitig helfen, wenn´s brennt. Orte, wo sie angenommen sind, so wie sie sind. Wo nicht zählt, wie artig sie waren, was sie verdienen, was sie leisten.

 

Familien, in welcher Konstellation auch immer, sind auf Glück angewiesen.