konkursbuch Verlag Claudia
Gehrke
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Leseprobe Rafael Arozarena, Mararía
S. 47 ff.
Wieder stampften die
alten Frauen den Boden im Takt der Musik. Ich war kein Maulheld, das versichere
ich Ihnen, obwohl es mir damals nicht an Kraft und Aussehen mangelte. Wenn ich
tat, was ich Ihnen jetzt erzählen will, dann erfolgte es aus einem tiefer
liegenden Grund als den Angeber zu spielen. So geschah es, dass einmal, als ich
María ansah, sie den Blick hob und die Augen so zärtlich auf mir
ruhen ließ, dass ich eine seltsame Glut durch meinen Körper
strömen fühlte. Als ich mir dessen gewahr wurde, stand ich schon
neben ihr und forderte sie zum Tanz auf. Sie sagte nichts. Sie
überließ der Alten einen kleinen Beutel, den sie in der Hand hielt,
stand auf, stellte sich vor mich und wartete, dass ich sie um die Taille nahm.
Was für eine Taille! Meine rechte Hand erstarrte, kaum dass sie den
Körper unter dem Stoff des Kleides fühlte. Ich war kein großer Tänzer,
nein, mein Herr, das war ich nie, aber die Füße über den Boden
ziehen, das ist so einfach, dass man das nicht erst lernen muss. Wir tanzten,
ohne jemand anderen wahrzunehmen, wir hatten nur Augen für einander, in
wenigen Augenblicken erzählten wir uns das, was uns wichtig erschien.
Marías Haut war so zart und weiß, dass sie mich an die Madonna
erinnerte, die in der Kirche meines Heimatdorfes stand. Als wir an den
Fässern vorbeitanzten, stieß Marcial, der Bucklige, einen seiner
Schreie aus, aber diesmal so gellend und anhaltend, dass man ihn schütteln
musste, damit er aufhörte. Mir ging der Schrei zu Herzen, weil er für
mich eher der Klage eines verwundeten Tieres glich als einem Ausdruck der
Freude, das Mädchen tanzen zu sehen. Als das Stück zu Ende war,
brachten die Männer die Frauen an ihren Platz zurück und dann standen
sie gruppenweise in den Ecken des Tanzsaals zusammen. Ich blieb wie benommen
vor Mararía stehen und wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Ich
wartete darauf, dass die Gitarren und timples von Neuem zu spielen
begännen, aber es entstand eine so tiefe und andauernde Stille, dass es
mir war, als ob ich einen unheilverkündenden Hauch spürte. Sie
wissen, wie so etwas ist, nicht wahr? Es ist, als ob ein Schwarm Raben mit
schwarzem, lautlosem Flügelschlag in den Kopf eindränge. Jetzt hatten
die Alten neben María die Augen weit aufgerissen und eine von ihnen zog
einen Rosenkranz aus der Tasche und ließ ihn unruhig durch die Finger
gleiten. Ich warf dem Hexenverein ein scheues Lächeln zu und ging nach
draußen, um ein wenig Luft zu schöpfen. Die Nacht war klar und es
machte Vergnügen, den sternenübersäten Himmel zu betrachten. Da
dachte ich, dass es nicht schlecht wäre, verheiratet zu sein, in Frieden
zu leben und mit dieser schönen Frau Kinder zu haben und alt zu werden und
zu sterben und in Femés begraben zu werden. All das unter jenen Sternen,
in den stillen Nächten an Bord dieser Insel, die mir immer wie ein
gestrandetes Schiff vorgekommen war, wie ich selbst, wie mein eigenes
Leben… verflucht soll es sein! Ich stand gegen die gekalkte Hauswand
gelehnt und wartete und wartete, ohne genau zu wissen worauf, aber ich war
sicher, dass ich im Begriff stand, den Regeln eines Spiels zu folgen, das mein
Blut nicht zur Ruhe kommen ließ. Einige Minuten später erklangen die
Gitarren von Neuem und in der Tür erschien Isidro. Er kam auf mich zu.
»Gibst du mir
Feuer, Fremder?«
Ich streckte ihm das
Feuerzeug entgegen und zündete seine Zigarette an.
»Da drinnen ist
es heiß«, sagte er.
»Ja.«
»Hier
draußen ist es angenehm, in solch einer Nacht.«
»Ja«,
erwiderte ich.
Eine ganze Weile
sagten wir nichts. Ruhig rauchte er. Ein Uhu strich über uns hinweg und er
zeigte ihn mir, als ob dieser Vogel irgendeine Bedeutung hätte.
»Es ist ein
Uhu«, bemerkte er.
Er rauchte die
Zigarette zu Ende und zertrat den Rest mit dem Fuß.
»Gehen wir zu
mir nach Hause!«, sagte er plötzlich. »Ich lade dich auf ein
Glas ein.«
Wir gingen zum
Wirtshaus.
»Mutter!«,
rief er, als wir das Haus betraten