HERTA MÜLLER

Aus „Zukunft! Zukunft?“

Einmal anfassen – zweimal loslassen

Ich lernte auf der Fahrt nach Marburg INGE WENZEL AUF DEM WEG NACH RIMINI kennen. Ich glaube nicht, dass sie schlief. Sie hielt ihre Augen stundenlang geschlossen, es war ihre Aufgabe, zu schlafen. Kennen Sie Inge Wenzel? Anfang dreißig, blondes lockeres Haar, schmales Gesicht, schlanker Hals mit Goldkettchen, das in die Schlafrichtung, neben den linken Träger von Inge Wenzels weißem Nachthemd hing, ein Nachthemd mit zweifingerbreiten Trägern, wie es meine Großmutter im Winter genäht hatte. Es war mein Nachthemd auf dem Weg vom Dorfzuhause in die Welt. Der Stoff war knapp, das Nachthemd verlangte nach breiten Trägern, weil es unten unschicklich kurz geworden wäre, wenn man es oben zusammengenäht hätte. Die Breite der Träger machte den oberen Rand zu einem viereckigen Halsausschnitt, aber arg dekolletiert, meinte sie, als sie die Träger festnähte. Ich werde nie wissen, ob sie diese Freizügigkeit ausdehnen oder einschränken wollte, als sie das ovale Lochmuster zu sticken begann. Es muss einen Sog gegeben haben, am gestickten Halsrand geriet ihr das Nachthemd mit jeder Lochreihe mehr zum verschneiten Feld in der Hand. Acker mit Winterruhe, wo kein Fuß geht, wo sich Tauen und Frieren zerbrechlich schön ausgleichen ...

 

Monate habe ich gelauert, um alleine mit ihr im Abteil zu sein. Sie war fest angeklebt. Ich musste sie mit dem Schlüssel abstemmen. Die Deutsche Bahn hat sie bald darauf durch andere Bilder ersetzt. Sie wäre mir gestohlen worden, wenn ich sie nicht rechtzeitig gestohlen hätte.

 

Dem Staat wenigstens Wäscheklammern oder Nudeln stehlen, weil er mir das Leben stahl ... In Rumänien wurden die erwischten Diebe mit der Beute fotografiert und mit Namen und Alter auf Schautafeln in den Läden ausgestellt, wie Absolventen der Schande ...

 

Nach meiner Erfahrung kommt Vergangenes umso deutlicher zurück je genauer ich mich auf Gegenwart einlasse ...

 

Die Trennung der beiden, die Auffassung von Zeit gehorcht hierzulande räumlichen Kriterien. Eigentlich sind es Zugehörigkeitskriterien ...

 

Die Splitter aus der Vergangenheit könnten mir selber nicht so unerhört grell und neu durch die Gegenwart gehen, wenn ich sie seinerzeit, als sie gelebter Augenblick waren, durchschaut hätte. Vielleicht war immer viel zu viel, zu lückenlos dicht getan, gesagt, verschwiegen worden, als dass ich das unterste Ausmaß der Dinge hätte begreifen können.

Ich bin bis heute beschämt, wie wenig ich an der Gegenwart das Gepäck erkannt habe, dass sie mir, sobald sie vergangen war, mitgegeben hat für die Zukunft.