konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 

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Lanzarote, Mararía und ich

Nachwort zu Mararía von Gerta Neuroth

 

 

D

as hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich nach meiner Pensionierung der Einladung einer Freundin in ihr Haus auf Lanzarote folgte! Erholen wollte ich mich, entspannen, die Arbeit ruhen lassen. Stattdessen bin ich heute immer noch mit dem Projekt beschäftigt, das mir damals sozusagen in den Schoß fiel.

Ich saß im Liegestuhl in Elfriedes Kakteengarten. Elfriede ist meine Freundin. Aus ihrem Bücherregal hatte ich einen Dumont Reiseführer Lanzarote gegriffen und blätterte in den Literaturhinweisen zur Insel. Dabei stieß ich auf den Titel: Rafael Arozarena, Mararía. In Klammern erschien der Zusatz: noch nicht ins Deutsche übersetzt, was mich verwunderte, denn ich las, dass der Roman schon 1973 in Spanien erschienen war. 1973 bis 1996, eine lange Zeitspanne. Ich witterte etwas Besonderes, und von dieser Minute an stand ich im Bannkreis von Mararía. Schnell erstand ich das Buch in einem Laden in Arrecife. Und dann las und las ich, tagsüber im Kakteengarten, abends im Bett, und es war das reine Vergnügen. Elfriedes deutsche Freunde konnten dieses Vergnügen nicht teilen, denn sie verstanden nur wenig Spanisch, wussten aber, dass man dieses Buch kennen müsse. So begannen sie mich zu bearbeiten, und ich überlegte letztendlich ernsthaft, ob ich nicht doch …

Ein Jahr später war die Rohübersetzung fertig, und ich fuhr erneut in Elfriedes schönes Haus. Im Koffer fanden sich Listen ungelöster Probleme, Vokabeln aus botanischen, zoologischen und mineralogischen Bereichen, für die ich Speziallexika benötigte. Wieder fand ich in Arrecife das, was ich suchte, aber nicht alles. Belesene, studierte Spanier schüttelten den Kopf, und ich verstand, dass ich mich noch mehr spezialisieren musste. So entdeckte ich das große Lexikon des Alfonso O‘Shanahan, das mich jubeln ließ, denn oft stieß ich als Quellenangabe zum unbekannten Wort auf »Rafael Arozarena, Mararía«, also »meinen« Roman. – Erst später, als ich den Autor besuchte, erfuhr ich den Grund für das ausgefallene Vokabular. Er hatte als lnsektenpräparator an einem naturwissenschaftlichen Institut gearbeitet.

Aber immer noch gab es schwarze Löcher im Text, und ich begriff, dass ich weg von den studierten Leuten musste. So holte man mir im Restaurant den alten Koch aus der Küche, und auch ein Gärtner gab bereitwillig Auskunft, wenn ich mein Sprüchlein hersagte: »Ich bin die deutsche Übersetzerin von Mararía. Denn Mararía kannten sie alle, arm und reich, jung und alt. Und immer gab man bereitwillig Auskunft, wenn ich mit Block und Bleistift übers Land zog; einmal auch schrieb ich so schnell ich konnte auf dem staubigen Kofferraumdeckel eines parkenden Autos mitten im Großstadtverkehr von Arrecife. Es war um eins in der Mittagshitze, und die junge Frau übersetzte mir lachend mit der Körpersprache tanzender Schritte das mir fremde Adjektiv, nur der alte freundliche Herr, um den fürchtete ich, denn er war so geduldig, und es war wirklich sehr heiß und meine Frageliste so lang.

Mein Optimismus wurde stark gedämpft, als ich eines Tages erfuhr, dass Mararía zum Lesekanon an kanarischen Gymnasien gehört; ich stellte fest, dass es eine umfangreiche Sekundärliteratur zu dem Roman gab und dass sich gerade eine politisch engagierte Frauengruppe in Arrecife Mararía benannt hatte. Und ich kam mir auf einmal furchtbar verwegen vor, auf Grund einer Ferienlaune zu behaupten, die deutsche Übersetzerin von Mararía zu sein. Die Übersetzungslizenz des Autors hatte ich allerdings schon lange in der Tasche, das schon.

Wieder einmal war es Arrecife, das mir zu einem besonderen Erlebnis mit Mararía verhalf. Die Stadt kam mir so verändert vor. Es war, als ob »mein Roman« zu einer lebenden Kulisse geworden wäre: Eine Kamelkarawane zog mit Säcken und Fässern beladen über die schöne Brücke am Hafen, ein alter Fordlaster fuhr durch die Straßen, große Mengen Kürbisse und Zwiebeln lagerten vor der Kaimauer, die Passanten trugen Kleider der 30-er Jahre. Ich sprang aus dem Auto und erkundigte mich. Ja, wir verfilmen gerade Mararía. Und wenn Sie den Regisseur sprechen wollen, da oben, im ersten Stock. Ungläubig schritt ich über die Treppen des schönen Patrizierhauses, hörte mich mein Sprüchlein »Ich bin die deutsche Übersetzerin von Mararía« sagen und stand schon dem Regisseur gegenüber, der es als ganz natürlich ansah, dass ich mich für die Hauptdarsteller der Figuren interessierte, mit denen ich mich nun schon so lange beschäftigte. Im Handumdrehen stand ich vor dem Filmschauspieler Carmelo Gómez, der herzlich meine verschwitzten Wangen küsste, sich fotografieren ließ und mit mir über seine Rolle plauderte. Monate später in Santa Cruz erfuhr ich erst, was mir da widerfahren war, als die Studentinnen in Ah- und Oh-Rufe ausbrachen, als ich ihnen von der Begegnung erzählte. Ein Foto musste ich ihnen von ihrem Idol schicken.

Doch nun ist es endlich an der Zeit, vom Roman selbst zu berichten, zu fragen, warum auch heute, so lange Zeit nach seiner Erstveröffentlichung‚ immer noch auf Lanzarote die Augen zu leuchten beginnen, wenn man den Titel nur erwähnt. Als Erstes fällt die Vielschichtigkeit auf. Es sind nicht die Geschichten allein, es sind die Art der Darstellung und die Sprache und innerhalb der Sprache die farbigen Metaphern. Dann aber auch der Kunstgriff, dass Realismus und Surrealismus Hand in Hand gehen, wie es ein spanischer Kritiker ausdrückte, und die Einbeziehung magischer Elemente, wie sie heute noch in entlegenen Gebieten der Kanarischen Inseln lebendig sind. Nicht umsonst wurde der Roman gleich bei Erscheinen für den Premio Nadal, einen bedeutenden spanischen Literaturpreis, vorgeschlagen, und erhielt der Autor 1988 den Literaturpreis der Kanaren.

Nach Beendigung der Lektüre hatte ich den dringenden Wunsch, möglichst vielen Lesern dasselbe Lesevergnügen zu verschaffen, nach Reich-Ranicki ein Indiz für die Güte eines Buches. – Neben der Übersetzungslizenz des Autors brauchte ich nun auch noch einen deutschen Verlag. Erstaunlicherweise waren gleich zwei Verlagshäuser interessiert, u.a. der Gustav Lübbe Verlag, der gerade eine neue literarische Serie startete. So ergab es sich, dass der erste telefonische Kontakt Mitte Dezember stattfand, der Abgabetermin aber bereits Anfang März 1998 war – und ich hatte noch nie vor einem Computer gesessen. Die zunächst verfluchte Technik begann mir Spaß zu machen, aber zugegebenermaßen erst in der letzten Zeit, als die Verknüpfungen sich dann endlich auch im Hirn vollzogen und nicht nur hinter dem Bildschirm.

Die Übersetzung weckte einen großen Wunsch in mir: Ich wollte Rafael Arozarena persönlich kennenlernen. So meldete ich kurzerhand meinen Besuch in Sta. Cruz auf Teneriffa an und bereits am Tag nach meiner Ankunft holte mich ein liebenswürdiger alter Herr im Hotel ab und lud mich zu einer Fahrt über die Insel ein, um mir den Schauplatz seines nächsten Romans zu zeigen … Auch seine Dichterfreunde lernte ich kennen, denn gerade feierte man die Woche des Buches, und in der Uni lasen kanarische Autoren aus ihren Werken, wozu ich eingeladen wurde. Herzerfrischend war die Art, wie Arozarena mit den Studenten umging. Als Erstes sprach er von seiner »schlimmen Taubheit« und meinte, sie sollten nur tüchtig schreien. Das eigentliche Thema des Vortrags (Das Meer der Dichter) interessierte die Studenten weniger, sie kamen immer wieder auf Mararía zu sprechen. Dabei erfuhr ich die wundersame Geschichte der Genesis des Romans.

Als junger Mann bekam der Autor Probleme mit seiner Familie, denn er wollte nicht Arzt wie der Vater werden sondern Dichter. Er wünschte sich ans Ende der Welt, um endlich Ruhe zu haben. Sein Wunsch ging in Erfüllung, denn die Telegrafengesellschaft, die ihn derzeit beschäftigte, brauchte einen Mann für einen Außenposten im Süden von Lanzarote, in Femés. Dort sollte er in einer Hütte hoch oben auf dem Berg Atalaya auf Werkzeug warten. Das Werkzeug kam aber nie an. Er harrte acht Monate in der Einsamkeit aus, dann hatte er genug, denn in den 40er Jahren, um die es hier geht, war Femés von der Umwelt so gut wie abgeschnitten; es gab keine Verkehrsverbindungen wie Lanzarote sie heute bietet. Dazu das unwegsame Vulkangelände. Er suchte Zuflucht in der einzigen Schenke des Dorfes, und es schien, als ob sich die alten Männer, mit denen er ins Gespräch kam, von einer Last befreien wollten, die sie früher einmal auf sich geladen hatten, früher, als sie Mararía noch liebten. Und so entdeckte Arozarena wie ein »Archäologe auf Spurensuche« in der schwarz verhüllten Frau, die durch das Dorf geisterte, »María, die Schöne, María, die Wahnsinnige, Mararía, die Hexe«, wie es einer der zahlreichen Literaturkritiker formulierte. – Bei seiner Rückkehr nach Teneriffa stellte Arozarena fest, dass sein Arbeitgeber ihn längst auf die Vermisstenliste gesetzt hatte. – Was die alten Leute ihm in der Schenke erzählt hatten, wanderte als eine Art Tagebuch in den hintersten Winkel einer Schublade, bis ein Freund, Literat wie er, die Kladde im Wachstuchumschlag mit den »literarischen Abfällen« entdeckte und ihn veranlasste, ein Buch daraus zu machen. So erzählte es mir der Dichter in einem Brief.

Man kann sicher verstehen, wie mir Mararía nach all diesen Geschichten ans Herz gewachsen ist. Ich war fast traurig, als die Übersetzung beendet war. Doch die nächste Beschäftigung schloss sich folgerichtig an: Ich begann, im Public-Relation-Bereich aktiv zu werden, um dem in Deutschland ganz unbekannten Autor Gehör zu verschaffen. Damit verbunden ist ein besseres Verständnis kanarischer Kultur, denn wer Mararía gelesen hat, für den wird Lanzarote zu einem Erlebnis besonderer Art. Aber, bitte, weit weg vom lauten Jet-Set! Dafür in die Feuerberge, wo der Eremit dem Fremden Gastfreundschaft bietet, wohin auch Mararía vor ihren Verfolgern geflohen war. Dort wo »die Sterne immer enger zusammenrücken und der Himmel phosphoresziert«.  

                                               Gerta Neuroth, Ratingen 1998

 

»Das hätte ich mir nicht träumen lassen«, könnte ich auch heute wieder sagen, mehr als zehn Jahre nach Verfassen obigen Artikels, denn die Attraktivität des Romans scheint ungebrochen. Schon 1982 schrieb der Kritiker Manuel V. Perera: »Mararía gehört zu den wenigen literarischen Werken, die nicht in ihrer Zeit verhaftet sind, die immer wieder neu entdeckt, die immer wieder neu geschaffen werden, die im Kopf der Leser ihre Zeit überleben.« Sogar China wollte seinen Lesern die Emanzipationsgeschichte der jungen Frau aus Femés nicht vorenthalten und auch hier erschien eine Übersetzung. – Zurzeit laufen auf Teneriffa Verhandlungen wegen einer Bühnenfassung. Mararía soll als Oper erscheinen. Man darf gespannt sein!

 

Und auch wir wollen den deutschsprachigen Lesern wieder ermöglichen, dem Sog des Romans zu verfallen und mit dem Buch in der Hand die Insel zu erkunden, von der der Autor Rafael Arozarena sagt: »Lanzarote und Mararía sind eins.«

 

 

Gerta Neuroth

Ratingen, im Juli 2009