Ina Paul: „Damals in Hanoi im Jahr des Tigers. Drei Novellen“

 

Die Liebe im Staatskonflikt

Drei tragisch-romantische Liebesgeschichten. Eine Wiederbegegnung lässt eine große Liebe wieder aufleben. In sinnlichen Geschichten geht es auch darum, wie das Eingreifen des Staates die Entwicklung der Menschen und ihrer Liebe behindern konnte.

Damals in Hanoi im Jahr des Tigers: Eine junge Rundfunkjournalistin gerät in den Verdacht, eine unerlaubte Liebesbeziehung zu einem vietnamesischen Kollegen zu haben.

Rückkehr nach Verona: Die erste Reise nach dem Fall des Eisernen Vorhangs führt Julia nach Verona. Dort begegnet sie ihrer ersten Liebe wieder.

Leipzig, noch ehe der Hahn dreimal gekräht haben wird: Mitte der 1960er Jahre wurde der kleine Fernsehfilm aus dem Leipziger Universitätsmilieu verboten. Damit wurde die Karriere der jungen Dramaturgin Angela David-Friedrich und ihres Assistenten und heimlichen Geliebten jäh beendet. Nach Maueröffnung begegnen sie sich wieder.

 

In: Pforzheimer Zeitung Nr.98, 29.April 2009, Redaktion: Jürgen Metkemeyer

 

 

Drei Paare, 3 Wiederbegegnungen nach Jahrzehnten. In der titelgebenden Novelle gerät die Ost-Berliner Rundfunkjournalistin Maria in Verdacht, die Nacht bei ihrem vietnamesischen Kollegen verbracht zu haben. Ohne je dazu gehört zu werden, wird sie aus Hanoi abberufen, Ehe und Karriere sind zerstört. Die 2. Novelle nimmt ihren Ausgang in Verona. Julia sieht in der Menge ihre ehemalige große Liebe Thomas wieder. Der geht, trotz Ehefrau und Sohn an seiner Seite, auf sie zu in dem Versuch, alles Verpasste in einer Woche nachzuholen. In der 3. Geschichte steht die ehemalige Dramaturgin Angela plötzlich vor ihrem einstigen Assistenten. Sie hatten vor 25 Jahren gemeinsam einen für die damaligen Verhältnisse in der DDR viel zu kritischen Fernsehfilm gedreht. Damit waren beider Karrieren beendet. Ihre erotische Anziehung nach der langen Zeit besteht nach wie vor.

Ina Paul (zuletzt BA 8/97) erzählt, wie leicht durch die Einmischung des Staates Liebesbeziehungen selbst apolitischer Ostdeutscher zerstört wurden. Dieses wunderbare Buch beginnt man lächelnd und legt es am Schluss sehr aufgewühlt zur Seite.

                                                                                                                                                                                 Martina Mattes

ID 19/09 – BA 6/09 – ID 3000                                                                                                                        221.478.0

ekz-Informationsdienst

 

 

 

Unverhofftes Wiedersehen

Ina Paul über die Irrwege der Lieb: „Damals in Hanoi im Jahr des Tigers“

 

Die Autorin hat das Filmhandwerk gelernt, war Dramaturgin beim Deutschen Fernsehfunk in Berlin, später bei der Defa. Ina Paul hat sich mit Sonetten und Romanen – zuletzt „Auf und davon“ – auch als Autorin einen Namen gemacht.

Drei Novellen sind in ihrem jüngsten Werk vereint. Die Titel gebende Geschichte „Damals in Hanoi im Jahr des Tigers“ führt nach Vietnam, wenige Jahre nach dem Ende der französischen Kolonialzeit. Die junge Rundfunkreporterin Maria Martin wird fälschlicherweise beschuldigt, eine Liebesnacht mit ihrem vietnamesischen Kollegen verbracht zu haben. Sie wird aus der Partei ausgeschlossen, nach Berlin zurückgeschickt. Immerhin kann sie sich als Lektorin eine neue berufliche Existenz aufbauen, im Privatleben bleibt sie wie erstarrt. Erst als sie einen jungen Vietnamesen trifft, der wie Nams Sohn Hong-Ha aussieht, findet sie die Kraft, mit ihrem Schicksal abzuschließen.

Auch die zweite Geschichte erzählt von der Erinnerung an eine Jugendliebe. Julia Diefenbach fährt nach der Wende nach Verona und trifft dort Thomas, in den sie auf dem Gymnasium unsterblich verliebt war. Sie hat ihn nie vergessen. In den romantischen Nächten erzählen sie sich ihr Leben, holen Versäumtes nach. Doch Julia will keine gemeinsame Zukunft. Ein Shakespeare-reifes Ende bahnt sich an.

Um die Karriere einer jungen Fernsehdramaturgin geht es in der dritten Novelle. Angela hatte Anfang der 60er-Jahre einen Fernsehfilm zu betreuen, der ihren Chefs wegen seiner politischen Aussage nicht gefiel. Da sie Mitglied der Partei war, wurde sie künftig mit weniger verantwortungsvollen Aufgaben betraut. Ihr Assistent Heiner Müller, der auch ihr heimlicher Geliebter war, wurde jedoch als Bibliothekar in die Provinz verbannt. DDR-alltägliche Praxis. Jahre nach der Wende begegnen sich die beiden zufällig bei einem Wohnungstausch.

Alle drei Geschichten erzählen so von verlorener Liebe und unverhofftem Wiedersehen. Es geht um Menschen, die in der DDR zu Hause waren, die nicht verstanden haben, wieso sie plötzlich ins Visier des Staates gerieten. Drei sinnliche, starke Geschichten, die authentisch Schicksalswege enthüllen.                                                                                            

                                                                                                                                                                                 Renate Kruppa

In: Der Prignitzer. Montag, 20. Juli 2009