Leseprobe aus:
Olive Feuerbach
Sommerkrimi
konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
Leucate hat den schönsten Strand an der französischen
Mittelmeerküste und die meisten Sonnenscheinstunden. Der Kriminalbeamte
Martin und seine Freundin Teresa wollen da eigentlich nur Urlaub machen und
diesen mit ersten Gehversuchen im Bereich S/M würzen.
Vera, ihre Vermieterin, hat ihnen in diesem Punkt nicht nur einige
Erfahrungen voraus, sondern beginnt auch noch, intensiv mit Teresa zu flirten.
Als eine Bekannte Veras, die Frau eines deutschen Bankbeamten, aus der nahen
Naturisten-Anlage nicht zurückkommt und schließlich mit Kopfschuss
gefunden wird, geraten Martin und Teresa in die Ermittlungen zu einem Mordfall,
in dem die Fronten sonderbar verkehrt sind. Verglichen damit fühlt sich
der deutsche Polizist unter ukrainischen Mafiosi fast wie unter Freunden
…
Derweil erleben Teresa und Vera einen erotischen Rausch, der noch
am Aufblühen ist, als Vera abreisen muss. Da stellt Vera ihrer jungen
Geliebten die Aufgabe, ihre maßlosen devot-erotischen Fantasien in einem
Berichtsheft niederzuschreiben.
Das Berichtsheft wurde ebenfalls veröffentlicht.
01 Donnerstag,
23.5., 21.15 Uhr
Glück! Wenn man überhaupt von Glück reden sollte. Bonheur?
Satisfaction? –
Vera Brecht jedenfalls spürte irgend so etwas.
Wie sie dieses Restaurant liebte! Ganz vorne an der
Meeresfront. Ein Gebäude im Art-déco-Stil, nach Zerstörung
durch die Deutschen im Krieg identisch wieder aufgebaut, in weiß-blauen
Farben, stand es da wie das Ruderhaus eines Ozeandampfers, die Breitseite zum
Strand und die Schmalseite zum Hauptplatz des alten Badeortes am Littoral. Vera saß auf der Veranda, auch
da alles blau-weiß, nur in den Gläsern staken gelbe
Papierservietten, und sie fühlte sich fast wie der Bestandteil eines
Ensembles in einem der Diner-Bilder von Edward Hopper.
Es war richtig gewesen, dass sie vor zwanzig Jahren
dieses kleine Grundstück am Hang gekauft und vor zehn Jahren darauf ein
Ferienhaus gebaut – zu bauen begonnen – hatte, denn trotz einiger
geschickter Heimwerkerfreunde war es erst jetzt so weit fertig, dass sie selbst
nicht unbedingt jedes Mal mit der Werkzeugkiste im Kofferraum herfahren musste.
Keine dringenden Arbeiten mehr. Den Tag über hatte sie Zeitschriften
gelesen, das magazine littéraire war hierher abonniert, geschrieben, und am späten
Nachmittag die Roststellen an der Balkonbrüstung abgekratzt und mit
Hammerit gestrichen.
Am Morgen hatte sie ein langes und schmerzhaftes
Telefonat mit der Freundin in Basel geführt und nochmals vergeblich
versucht, sie zum Kommen zu bewegen. Gegen Abend war ihr aufgefallen, dass sie
seit dem Morgen noch niemanden als nur sich selbst und die Stimmen von France
Culture hatte
sprechen hören. Zu Hause sagte man ihr nach, sie kenne jede und jeden.
Hier konnte sie tagelang schreiben oder werkeln und keinen Menschen treffen.
Deswegen hatte sie sich die Regel gegeben, wenigstens einmal am Tag unter die
Leute zu gehen. Also war sie zum Essen hierher gekommen.
Sie genoss dieses absurde Verhältnis zwischen
drinnen und draußen in der halben Stunde, in der das Licht verschwand.
Das Meer, das am Tag blau gewesen war, lag jetzt da in einem stumpfen
grünen Grau und zeigte kaum einen Unterschied zum grüngrauen Himmel.
Nur wenige Feriengäste waren noch auf der
Strandpromenade. Es irritierte sie, wie viele davon neuerdings in
lächerlichen Ferienanzügen und klobigen Turnschuhen daherkamen.
Hör auf zu räsonieren, ermahnte sie sich. Die Dämmerung nahm all
das in sich auf, es störte kaum mehr. Wer drinsaß im Glaskasten,
konnte fast das Gefühl haben, die Dämmerung selbst dringe herein und
hole die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauerin hinaus, sich am Prozess des
Dunkelwerdens draußen zu beteiligen.
Einen Moment sah Vera eine Frau mit windzerzausten
Haaren, die schon einige helle Strähnchen zeigten, in der Scheibe
gespiegelt und brauchte eine Zehntelsekunde zu lange, um sich selbst darin zu
erkennen.
Draußen der Platz mit seinen geparkten Autos,
Sperrgittern, Tischen und Stühlen wirkte jetzt wie ein Jahrmarkt ohne
Leute. Vor dem anderen Hotel, da, wo es eine hervorragende Fischsuppe gab,
leuchtete ein lächerliches ovales Schild und machte Reklame für ein
belgisches Bier. An einem abgestellten Van schien oben ein Licht zu blinken,
aber dann erkannte es Vera als Spiegelung der ersten blinkenden Leuchtreklame
am Platz, die für ein Snack-Restaurant warb, in das wahrscheinlich noch
kaum ein Kunde eingekehrt war. Einer der Glasflügel der Veranda hinter der
Eistheke wirkte auf sie wie ein Bild; im hellen Rahmen türmte sich in
Böcklin’scher Dunkelheit der Steilhang der Falaise, brombeerschwarz hätte Claude
Simon, der Dichter des benachbarten Perpignan, das genannt, und darüber
wölbte sich ein mysteriöses, noch gelb beschienenes Kugelgebilde. Wer
nicht wusste, dass diese Kugel zur Richtfunkstrecke des Fernsehens nach Afrika
gehörte, hätte sie für ein Ufo halten können. An derselben
Stelle hatte vor sechzig Jahren das erste Radargerät der Kriegsgeschichte
gestanden, aufgestellt von der Organisation Todt. Organisation Tod? Flankiert von
Superkanonen mit über fünfzig Kilometer Reichweite, in der Erwartung
einer alliierten Invasion. Jetzt zielte von derselben Stelle RTF mit seinen
Programmen hinaus übers Meer, ebenso vergeblich wie damals die Deutschen.
Denn die Invasion der Amis war längst erfolgreich vollzogen. Wir sind
kolonisiert und genießen wie die alten Griechen den Reiz der
Bedeutungslosigkeit.
Von ihnen, den alten Griechen, hatte der Ort schon seinen
Namen bekommen: Leucate, die Weiße. Die steile Abbruchkante des
Kalkplateaus, die jetzt schwarz in die Höhe ragte, sie glänzte
morgens weiß-lich in der Sonne. Zu Zeiten der Griechen und Römer war
das noch eine Insel gewesen, doch seither war die Lagune zum Festland hin
versumpft, verlandet und in fruchtbare Weinfelder verwandelt. Doch die
Eingesessenen wussten auch, wie prekär der Reichtum war, seit vor hundert
Jahren die Spekulation ihre gesamte Weinwirtschaft mit einen Schlag vernichtet
hatte, von dem man sich erst nach einem halben Jahrhundert erholte.
Vera hatte einen Salat bestellt und vom offenen
Rosé im Krug die erste Hälfte ziemlich schnell in sich
hineingeschüttet.
Zwei junge Männer waren hereingekommen und hatten
zwei Tische weiter Platz genommen. Sympathische Kerle, schwarze Jeans, schwarze
modische Hemden, sie lachten und palaverten mit der Bedienung und machten sich
selber lustig über die Mischung aus Englisch, Italienisch und Spanisch,
mit der sie sich verständlich zu machen suchten. Techniker oder EDV-Leute,
dachte Vera, vielleicht fahren sie heute Nacht noch weiter bis Barcelona.
Die Bedienung brachte den beiden Weißwein und bald
darauf große Plateaux de fruits de mer. Ob sie wohl schwul sind?, fragte
sich Vera. Der eine, dem sie ins Gesicht sah, war ein wirklich schöner
junger Mann, schlank und offensichtlich durchtrainiert, mit einem klaren
offenen Gesicht. Der andere, mit dem Rücken zu Vera, war massiger, ein
genusssüchtiger Esser, dessen Lachen ansteckend wirkte. Wenn sie redeten,
spitzte Vera die Ohren, verstand aber nur, dass sie eine fremde Sprache sprachen,
irgendetwas zwischen Portugiesisch, Albanisch und Finnisch. Vielleicht waren
sie auch Rugbyspieler von der örtlichen Mannschaft, die immerhin in der
Nationalliga spielte.
Eigentlich erstaunlich, dass dieses Hotel noch kein
McDonald’s oder Burger-King war, wie das Café de Paris in Narbonne
oder die achthundertjährige Loge de la Mer in Perpignan. Vera füllte
ihr Glas noch einmal und trank auf die Fremdheit und Idylle von Leucate. Seit
den Einbrüchen in ihre villa im vergangenen Jahr fand sie aber die Rückseite der Idylle
nicht mehr so uneingeschränkt amüsant.
...
11 Sonntag,
26.5., 10.30 Uhr
Vera hatte im Halbschlaf registriert, dass ihre Besucher einzogen.
Sie würden wohl bis Mittag schlafen; sie bemühte sich, sie nicht zu
stören, während sie sich um die Pflanzen kümmerte.
Sie hatte einige Kannen Wasser zu den Rosenbüschen
und anderen Ziersträuchern getragen, die nicht von der automatischen
Bewässerung erreicht wurden. Vor allem die New Dawn draußen an der
Straße machte ihr Sorgen. Erst bei näherem Hinsehen wurde deutlich,
dass der Glanz auf ihren Blättern nicht von einer gesunden Hartlaubigkeit
herrührte, wie man sie in südlichen Ländern oft sieht, sondern
von eingetrocknetem Honigsaft. Die Pflanze war von Spinnmilben verseucht. Sie
hätte am liebsten gleich den Schlauch genommen und die Bescherung
weggespritzt, aber das ging nicht in der prallen Sonne. Traurig betrachtete sie
die schöne Pflanze. Da fiel ihr ein, dass der Pflanzenmarkt in Rivesaltes
sonntags geöffnet hatte. Sie würde nachher ein Spritzmittel holen, auch
wenn sie es erst am Abend, wenn die Sonne nicht mehr brannte, anwenden konnte.
In einer milden Panik prüfte sie gleich die Red Star
und stellte erleichtert fest, dass dort weder Honig noch Spinnmilben zu sehen
waren. Aber Fraßlöcher an den neuen Blättern, und bald fand sie
auch die Verursacher, kleine grüne Raupen. Sie fing an, sie abzusammeln.
Da läutete das Telefon. Sie rannte die Stufen zu ihrer Wohnung hoch, die
kleinen Raupen in der hohlen Hand, und fragte sich, wer das wohl war. Sonntags
um halb elf kamen nur wenige Anrufer in Frage.
»Vera Brecht, guten Morgen.« Sie klang etwas
außer Atem.
»Hallo Vera. Hast du einen Moment Zeit?« Es
war Andreas Kentner. Maggie und er wollten heute doch zurückfahren und
wären normalerweise längst weg gewesen. Was war los?
»Natürlich. Lass mich nur zuerst die Raupen
beseitigen, die ich in der Hand habe. Ich habe sie gerade von einer Rose
abgesammelt.« Vera überlegte, was sie mit den Raupen machen sollte.
Schließlich warf sie sie in den Ausguss und ließ heißes Wasser
laufen.
»So, jetzt bin ich für dich da. Seid ihr noch
nicht auf Achse? Soll ich noch was für euch erledigen?«
»Nein, nein. Es geht um Ivana.«
»Ja?«
»Ich sitze hier bei Ludger Siegmann. Ivana ist
verschwunden. Seit gestern Nacht.«
»Das kann doch nicht sein!«
»Wir haben alles abgesucht. Wir haben rumgefragt.
Keiner hat sie gesehen.«
Vera fing an, Fragen zu stellen und ärgerte sich,
denn die Freunde hatten sicher längst dieselben Fragen gestellt. Ivana war
ein lockeres Geschöpf und Vera konnte sich auch vorstellen, dass sie sich
auf ein Abenteuer eingelassen hatte. Aber sie hätte in diesem Fall
irgendeine Nachricht hinterlassen, da war sie sich sicher, obwohl sie Ivana
erst so kurz kannte.
»Ludger und wir sind der Meinung, man sollte die
Polizei einschalten. Deshalb rufe ich an. Du kennst die doch ein wenig. Und
kannst gut französisch. Gehst du mit uns hin?«
»Ich komme gleich.«
Vera zog ein sauberes Hemd heraus, eine ordentliche Hose,
schloss die Wohnung sorgfältig ab und fuhr das Auto heraus. Zum Glück
hatten die Gäste nicht getan, was sie ihnen gesagt hatte, und ihr Fahrzeug
nicht im Hof, sondern gegenüber auf der Straße abgestellt, so dass
sie losfahren konnte, ohne sie zu wecken. Sie ging nochmals zurück und
holte Handy, Reisepass, Notizblock und Schreibzeug. Die Kamera lag schon gut
eingewickelt vor dem Rücksitz. Wer weiß, ob man sie brauchte.
Am Oasis stand Andreas bereits am Tor und tippte den Code
ein. Um diese Zeit gab es noch genügend Parkplätze. Vera versuchte
einen Scherz: »Wenn ich so einen Tropf zum Mann hätte, würde
ich vielleicht auch abhauen.«
Andreas kannte im Moment keinen Humor. »Lass die
Witze. Der Typ ist völlig fertig. Und ich hab kein gutes Gefühl. Da
ist was faul.«
»Im Moment sind wir alle ein wenig
hysterisch.«
Andreas schimpfte. »Das ist doch’n
Scheiß, was du sagst, und du weißt es. Ivana ist verschwunden. Man
muss mit allem rechnen.«
Er hatte recht. In der Wohnung mit
dem Panoramablick hinaus
auf einen Strand voll fröhlicher Leute trafen sie auf einen völlig in
sich zusammengesunkenen Siegmann. Maggie versuchte ihn aufzubauen, aber er
hörte anscheinend gar nicht zu.
Vera erfuhr, dass Ivana nach dem Abendessen noch das Auto
genommen hatte, um in der Dämmerung herumzufahren, während Siegmann
seinen Krimi las. Als sie um Mitternacht nicht zurück war, wurde er
unruhig. Er saß bis etwa halb vier und wartete und schlief danach im
Sessel ein. Als sie morgens immer noch nicht da war, bat er die Kentners um
Hilfe. Sie hatten inzwischen alle Möglichkeiten in Betracht gezogen, was
hätte passiert sein können, und waren alle Straßen abgefahren.
Vergeblich. Jetzt waren sie überzeugt, dass sich etwas Schlimmes ereignet
hatte.
»Sind Sie sicher, dass Sie keinen Krach hatten? Sie
sahen ja nicht gerade begeistert aus, als sie vorgestern mit den anderen am
Tisch flirtete …«
»Stimmt. Ivana war mächtig aufgekratzt,
vielleicht weil Sie sie so rangenommen haben. Wissen Sie, sie hat so eine Art.
Das törnt sie an. Sie wollte gestern unbedingt zur Sandbank rausschwimmen,
wie Sie gesagt haben.«
»Und, hat’s funktioniert? Und Ihr Ding ist
noch okay?«
Trotz seines Unglücks musste Ludger lachen.
»Sie sind nicht gerade diskret. Es war schön.«
»Selten, dass man ein Feedback bekommt. Aber kann
es trotzdem sein, dass sie irgendwem schöne Augen gemacht hat?«
»Die Letzte waren Sie, verdammt noch mal. Trotzdem
– verzeihen Sie – ist sie keine Lesbe, das weiß ich. Und ich
glaube, dass sie mich wirklich mag. Seither waren wir die ganze Zeit zusammen.
Kein Beschäler in Sicht, keine Borke zum Reiben.«
Na, so langweilig der Kerl normalerweise war, im Stress
entwickelte er Macho-Witz.
»Und wie wär’s mit einer spontanen
Spritztour nach Barcelona? Sie sind doch eher ein Kulturmuffel.«
»Sie allein? Im Gegenteil, da hätte sie mich
mit Sicherheit mitgeschleppt.«
»Irgendwas sonst? Dass ihre Mutter plötzlich
krank wurde, was weiß ich? Hat sie denn ein Handy dabei?«
»Hat sie«, sagte Andreas. »Wir haben
mehrfach angerufen, aber sie nimmt nicht ab.«
»Das ist doch was. Wenn das Gerät
eingeschaltet ist, kann man die Zelle ermitteln. Ist zwar umständlich,
besonders übers Ausland und am Sonntag. Aber ziemlich effektiv. Wir
sollten wirklich die Polizei verständigen. Nehmen Sie den Ausweis Ihrer
Frau mit und Ihren eigenen.«
12 Sonntag,
26.5., 14.00 Uhr
Maggie ließ sich die Handynummer von Vera geben und blieb in
der Wohnung, falls dort ein Lebenszeichen ankäme. Vera fuhr mit Siegmann
und Andreas zur Gendarmerie, die am Sonntag um diese Zeit natürlich nicht
fürs Publikum geöffnet war. Aber irgendwer hatte immer Bereitschaft.
Nach langem Klingeln und Klopfen erschien misslaunig ein
Beamter, der sich das Hemd in die Hose stopfte. Leider war es nicht Berquet.
Der Gendarm ließ sie widerwillig ins Haus und
führte sie in ein winziges Zimmer neben dem Eingang, wo er sich hinter
eine alte Schreibmaschine klemmte. Vera stand unter der Tür, so eng war
es, und diktierte ihm die Personalien des Anzeigeerstatters und der Vermissten.
Als der Gendarm auch noch die üblichen Fragen fragte, die sie sich schon
hundertmal gestellt hatten, kam es zu einem Schwall von Argumenten hin und her,
der damit endete, dass Vera rief: »Also fragen Sie, fragen Sie, fragen
Sie!«
Der Typ ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und
stellte seine Fragen. Am meisten hackte er auf der Variante herum, dass sie mit
einem mysteriösen Lover durchgebrannt sein könnte. Dann erzählte
er wie zur Entschuldigung, vor wenigen Wochen nur hätten die
Angehörigen von drei alten Engländern einen Riesenwind gemacht, weil
sie angeblich verschollen und in ihrer Pension nicht angekommen waren. Sogar
mit Hubschraubern und Hundestaffel hätte man gesucht. Das war frei
erfunden; Vera hatte damals den Bericht in der Zeitung genau gelesen. Nur das
stimmte: Die Alten waren zu ihrer gebuchten Pension gekommen, die gefiel ihren
nicht und so machten sie einfach kehrt und suchten sich ein anderes Quartier.
Pech nur, dass sie das niemandem zu Hause sagten und wochenlang fröhlich
in den Pyrenäen herumkraxelten. Erst, als ein Foto in der Zeitung war,
hatte sie ein Ladenbesitzer entdeckt.
»Was glauben Sie, wie oft wir hier eine Vermisstenmeldung
von Ausländern reinkriegen? Und wie oft hinterher nichts dran ist?«,
sagte der Gendarm.
»Und wie oft Sie gar nichts tun. Ich war hier vor
drei Wochen. Kein Mensch hat einen Hubschrauber eingesetzt. Und erst recht
keine Hundestaffel. Es waren die Zeitung und ein Privatmann, ein Ladenbesitzer,
die die Engländer gefunden haben. Die Polizei hat nicht so viel getan, wie
unter den kleinen Fingernagel geht. Und jetzt, hinterher, will sie sich mit
fremden Federn schmücken!«
Der Beamte wollte Vera zuerst
über den Mund fahren, aber mit jedem Wort fiel er mehr in sich zusammen.
Er konnte ja nicht bestreiten, dass sie recht hatte.
»Was sollen wir denn machen?«, stöhnte
er und schlug mit der flachen Hand auf die alte Schreibmaschine. »Eine
vermisste Person ist nicht interessant, nicht so wie Rauschgift, Waffen-,
Menschenschmuggel. Dafür gibt’s die Sondereinheiten mit den cleveren
Jungs, die kriegen alles und können alles. Aber wir hier sind doch am
Arsch. Ich habe ja nicht mal einen Computer.«
»Scheiße«, sagte Vera, »tant
pis. Und was machen
Sie jetzt?«
»Ich gebe jetzt die Meldung durch zur Leitstelle in
Carcassonne.« Carcassonne war am anderen Ende des Départements,
hundertdreißig Straßenkilometer entfernt. »Und wenn alles gut
geht, liegt sie morgen um zehn Uhr auch in Perpignan vor. Und in den
übrigen Leitstellen der Region: Béziers, Montpellier, Nîmes.
Das Passbild können wir erst morgen früh nachschicken. Ob’s was
nützt, kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht fragen Sie besser selber die
richtigen Ladenbesitzer.«
Die Resignation des Mannes war zum Erbarmen. Vera
erklärte ihm, dass man die Zelle ausfindig machen müsse, von der das
Handy der Vermissten Antwortsignale gab, und dass das möglich sei und auch
kurzfristig zu machen. Doch damit war der Mann total überfordert. Das
müssten sie morgen mit dem Revierchef besprechen. Er selbst könne
dazu nichts sagen. Heute ginge außer der Meldung sowieso nicht mehr viel.
Wenn die junge Frau irgendwo gegen einen Baum gefahren wäre, wüsste
man inzwischen Bescheid. Und sonst: Das Leben sei hart und ungerecht.
Nur mit Mühe konnte Vera den Beamten dazu bringen,
ihre und Siegmanns Handynummer zu notieren. Es war klar, dass da so schnell
nicht angerufen würde.
Sie mussten am nächsten Tag nochmals kommen und mit
dem Revierleiter sprechen. Bis dahin war vielleicht eine wichtige Nacht
verloren. Aber was konnte es denn sein: Unfall? Verbrechen? Nervenkrise?
Abgehauen? Ganz im Innern glaubte Vera nicht an einen Unfall. Der wäre
schnell entdeckt worden. In diesen Tagen kamen die Leute aus dem ganzen Land,
um ihre Häuser und Rusticos und Campingwagen auszuwintern, da blieb keine
Straße und kein Feldweg unbefahren, zumindest keiner, auf den sich nachts
eine Ausländerin, die spazieren fuhr, verirren würde. Nein, es musste
einen anderen Grund geben. Im Nachhinein kam ihr auch Ivanas Exaltiertheit bei
dem Fischessen vor zwei Tagen seltsam vor. Irgendwas stimmte nicht.
Auf der Rückfahrt berichtete Vera, worüber sie
mit dem Polizisten gesprochen hatte. Siegmann saß stumm da und gab von
Zeit zu Zeit einen Seufzer von sich. Man würde sehen.