Leseprobe aus:

 

 

 

Olive Feuerbach

Teresas Berichtsheft

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

 

 

 

 

Vera verlangt von ihrer neuen Geliebten,  ein "Berichtsheft" zu führen, in dem sie ihre maßlosen devoten erotischen Wünsche und Fantasien aufschreibt.

Eines Tages beschließen die beiden, Auszüge zu veröffentlichen ...

Vera und Teresa sind Figuren aus dem Thriller "Sommerkrimi", der an dem Strandabschnitt mit den meisten Sonnenscheinstunden Frankreichs spielt.

 

 

 

 

 

 

Veras Vorwort

 

Am Abend jenes Tages, als ich meine neu gefundene Freundin Teresa an den Händen hochzog, die Beine gespreizt, bis sie gerade noch mit Mühe auf den Zehenspitzen balancieren konnte, und sie dann so fürchterlich gezüchtigt habe, bis ihr die Stimme und mir beinahe das Herz brach – die Striemen waren noch eine Woche zu sehen –, an diesem Abend habe ich ihr die Aufgabe gestellt, ihre erotischen Fantasien und Tagträume für mich aufzuschreiben.

Danach hatte sie sich mir ohne jeden Vorwurf, wie eine Süchtige, in die Arme geworfen und sehr lange nicht mehr losgelassen. Ich wollte wissen, ob sie wirklich eine Masochistin ist, also jemand, die aus den Schmerzen selbst ihre erotische Erregung zieht – wobei ich mit erotischer Erregung mehr meine als einen momentanen Geilheitsreflex im Bauch oder im Kopf –,denn dann wäre ich auf Dauer nicht die richtige Partnerin für sie gewesen. Mir gibt es nichts, jemanden zu quälen und Schmerzen zuzufügen; und wenn ich einmal mit körperlichen Schmerzen arbeite, dann nur, um einen inneren Prozess oder einen erotischen Höhenflug auszulösen. Ich vermutete, dass Teresa diese fürchterlichen Schmerzen nur ausgehalten hat, um mir zu beweisen, welch großes Opfer zu bringen sie bereit war. Die Liebe ist ein seltsames Spiel, und wenn jetzt jemand sagen würde, dass ich sie liebe wie meinen Augapfel – nein, würde ich antworten, sie liebe ich mehr!

 

Im Betasten ihrer Haut und im Atmen ihrer Gerüche könnte ich mich verlieren. Und genauso in ihren Worten, in ihrer Stimme, wenn sie spricht und haucht und kichert und lacht, knurrt und faucht und stöhnt und schreit. Aber genauso in ihren Säften. Selbst ihre Tränen, und sie weint gerne, schmecken süß unter dem Salz, zumindest bilde ich mir das ein.

Und dann ihr Mund: dieser lebendige, elastische, unaufhörlich bewegte Mund mit den feinen Lippen und den Grübchen daneben. Ich kenne keine andere, die die vielen kleinen Muskeln, die den Mund und die Lippen formen, so aufregend, variantenreich und differenziert spielt wie Teresa. Sie kann gleichzeitig küssen und schmollen, schreien und lachen, träumen und Gier ausdrücken. Ich habe sie überredet, dass sie ihre dunklen welligen Haare kürzer und hoch trägt, denn gerade bei einer Devoten ist ein freier und stolzer Nacken wichtig, und ich liebe den feinen Flaum dort, der mir erlaubt, sie mein Küken zu nennen.

Ihre Bereitschaft zu lieben, erotisch zu fühlen und denken, zu genießen und andere genießen zu lassen, ihre Fähigkeit, sich in einem Orgasmus nach dem anderen zu vergessen und zu verströmen – ach, davon will ich gar nicht sprechen, sonst nimmt mir sie am Ende noch jemand weg, so wie ich sie ihrem lieben Freund Martin weggenommen habe. Das wäre furchtbar, ich liebe sie nämlich! Ich liebe sie, wie ich noch nie jemand anderes geliebt habe! Doch nun – Teresa selbst.

 

1

Ich bin nicht Teresa! Zumindest ist die Teresa, welche dies schreibt, nicht identisch mit der Teresa, über die geschrieben wird. Und auch die Vera der Fantasien ist nicht einfach identisch mit meiner süßen und herben, starken und manchmal ganz zarten Geliebten Vera, auf deren Wunsch und hoffentlich zu deren Vergnügen ich dies aufschreibe. Teresa liebt an Vera auch diese wunderbar reine und zugleich nicht bloß oberflächliche, sondern dreidimensional in der Tiefe zu tastende, von keinen Flecken und Unreinheiten gestörte Haut. Sie hat die Farbe von älterem Porzellan und wenn Teresa daran nippt und züngelt, fühlt sie sich an wie die Haut einer Aprikose, die soeben gepflückt wurde. Dazu passt das Parfüm, das Vera benützt, sehr spärlich benützt, das nach Blütenwiesen am Morgen duftet, in die Teresa sich mit geschlossenen Augen fallen lassen möchte. Das alles sagt sie der Geliebten und diese lächelt, sie quittiert es mit vielen kleinen Küsschen überall hin.

Die Teresa auf diesen Seiten entspringt meiner Fantasie; meine süchtigen und oft maßlosen Tag- und Nachtträume haben sie geformt, die auch nicht davor zurückschrecken, sich eine eigene, ebenfalls oftmals überzeichnete Vera zu schaffen, wie sie eben nötig ist, um alle Unterwerfungs-, Demütigungs-, Liebes- und Verschmelzungswünsche ihrer Sub realistisch unterzubringen. Freilich, ganz so literarisch abgehoben ist die Sache nicht, denn in all diesen Fantasien steckt der Kern und heimliche Wunsch, dass etwas davon wahr werden könnte, dass ich sie auch leben möchte – neben dem anderen Leben, in dem ich eine praktische Frau bin und tapfer und meinen Beruf ernst nehme und eine vernünftige Partnerschaft haben möchte –, dassVera oder die von ihr beauftragten anderen Mädchen all das mit mir anstellen, wonach es mich in meinen Fantasien verlangt, um mich damit restlos in der Rolle als Liebesobjekt aufgehen zu lassen.

Morgen darf ich wieder mit ihr zusammen sein. Wir wollen in ein neues Szenelokal zum Essen gehen. Alles wird stimmen, die Speisen, der Wein, die Gespräche, die gepflegte Atmosphäre und Stimmung unter den Anwesenden, es wird auch kein Wort von sexuellem Innuendo fallen, das ahnen ließe, was für eine gierige und genusssüchtige Schlampe ich manchmal bin. Viele werden uns für Mutter und Tochter halten. Ich glaube übrigens, ich werde ihr auch im Gesicht schon ähnlich, und das liegt sicher nicht nur am Stil des Make-ups. Ja, und danach werden wir zu ihr gehen und uns lieben, ihre Lippen und Hände werden leicht sein wie Schmetterlinge und wenn sie Zärtlichkeiten sagt, schickt mich schon das gurrende Vibrieren ihrer schönen Altstimme beinahe durch die Decke. Die Musik, die sie spielt, wird mich betören: Respighi vielleicht, Lalo, schwüle Salonmusik und ruppigen frühen Jazz und den Grunzer Tom Waits, später dann Schumann und Schubert, gespielt von ihren Lieblingskünstlern, die ich fast alle nicht kenne. Sie wird mir Cocktails einflößen: Bellini, Mischungen aus Campari und Blutorange, Limonenlikör, Eis und Wein. Sie wird mich unter die Dusche nehmen und in den Duschgels und den Cremes danach alle Wohlgerüche Arabiens loslassen. Aber schonen wird sie mich nicht. Und nachher, spät in der Nacht, eigentlich gegen Morgen, wenn ich glücklich, denk- und gefühlsmüde und erschöpft bin wie ein ausgewrungener Lappen, wird sie ganz fürsorglich darauf bestehen, mich noch nach Hause zu fahren.

Aber sie wird nicht zulassen, dass ich ein Taxi rufe, sondern selbst fahren, sie fährt gern Auto. Vielleicht zieht sie nur ihren Kimono an, damit ich ihn beim Abschiedskuss noch einmal öffnen und sie streicheln und anknabbern und lecken kann.

Meine Fantasien überwältigen mich immer wieder. Und sie hat gesagt, ich muss sie alle aufschreiben, so wie die Lehrlinge ein Berichtsheft führen über ihre Fortschritte. Ich will das machen, werde das machen, wie alles, was sie von mir will. Sie will alle Berichte lesen – und am Ende wird sie mich vielleicht besser kennen als ich mich selbst!

Einer der raffiniertesten Kniffe Veras hat gar nichts mit meinem Körper zu tun und lässt mich doch jedes Mal erschüttert zurück. Wir treffen uns jeden Mittwoch zum Apéritif in einem belebten Café und da muss ich ihr die aufgeschriebenen Fantasien seit dem letzten Mal vorlesen. Na und?, mag man fragen. Aber wenn jemand einen Text vorliest, dann spitzen sich an den Nebentischen ganz von allein die Ohren. Vera stellt dazwischen wenige, meist ganz technische Fragen, aber es ist für alle Lauscher klar, dass die Vorlesende sich selbst als das Objekt dieser Maßnahmen beschreibt. So dass ich am Schluss, nachdem Vera gezahlt hat, nur schamrot und mit niedergeschlagenen Augen hinter ihr hinausschleiche.

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3

Fantasie, die sich beim Anhören eines Quartettsatzes von Borodin einstellt: Man sieht, wie Teresa hereinkommt und sich wie eine Verhungernde an Veras Hals wirft. Seit vier Monaten kennen sie einander, Vera und Teresa. Nach drei Tagen waren sie ein Liebespaar. Wo andere sich Ringe schenken, bekam Teresa für die Dauer des Urlaubs chromblitzende Ketten um Fesseln und Handwurzeln. Und von Anfang an war Teresa darauf aus, der Geliebten alle erdenklichen Zeichen ihrer süchtigen Hingabe darzubringen. Wenn diese, wie häufig, gleich sagt: „Zieh dich aus!“, kommt es Teresa gar nicht in den Sinn, auch nur eine Sekunde zu zögern, egal wer sonst vielleicht in der Wohnung sein könnte.

Vera hat eine solche Intensität der Unterwerfung nicht erwartet, aber lässt sich darauf ein, und dann gibt es für eine lange Zeit nur Küssen, Tasten, Lecken, Fühlen, Streicheln, Stammeln, Kichern, Seufzen, Zufassen, Saugen, Glucksen, Lachen, Reiben, Reizen, Juchzen … Vera hat gute Lust, dieses süchtige Wesen gleich ohne Rückhalt zu lieben und sich von ihr lieben zu lassen, aber irgendwann sagt ihre Dominaerfahrung, es sei besser, zuerst etwas zu bremsen und die Gangart festzulegen.

„Pause!“ Vera greift sich ein Paar Klettbänder und fesselt Teresas Arme auf dem Rücken zusammen, und zwar von den Handgelenken bis zu den Ellbogen so straff, dass der Zug in den Schultern ein bisschen wehtut. Mit der Zeit mehr, dann später gibt es sich.

„Ja, mach mich zu deiner Lustsklavin“, sagt Teresa noch. Dafür bekommt sie den Knebel, einen ziemlich großen schwarzen Ball mit Atemlöchern. Den Mund so weit aufgesperrt zu bekommen, ist nicht angenehm, und dann trieft auch noch der Speichel. „Damit du nicht so viel plappern musst!“ Teresas Brustwarzen signalisieren, wie erregt sie schon ist, aber sie kann jetzt ihre Freundin und Herrin nur noch mit den Schultern, den Brüsten, den Bewegungen des Halses und des Schoßes liebkosen. Aber findet Teresa darin nicht ihren eigenen Wunsch wieder? Bringt nicht jeder Schritt mehr an Hilflosigkeit auch mehr Abhängigkeit und damit mehr Zuwendung der Geliebten mit sich – in der Perspektive, dass sie am Ende nur noch Ausdruck von deren Willen, am liebsten als ein Teil von deren Leben gelebt werden wollte?

Vera hat wohl ihr Abschweben gespürt. „Ich glaube, wir werden noch viel Schönes mit dir anstellen, mein Hürchen.“ Das gänzlich unerwartete Wort schmerzt, die Assoziation mit einer Hure, die ihr Geschlecht gegen Geld auch da anbietet, wo keine Liebe ist, kam in Teresas Welt bisher nicht vor, und von der sensiblen und verehrten Vera hätte sie das zuletzt erwartet; aus Protest rollt Teresa mit den Augen. Aber Vera kennt kein Pardon. „Ich weiß, so was hört man als kleine spießige Bürgerin nicht gern. Aber bist du nicht ein Hürchen, wenn du zu allem bereit bist, sofern man dich nur in der Währung von Geilheit und Demütigung bezahlt?“

Touché! Das Stichwort funktioniert, auch wenn Teresa das nicht wahrhaben will. Natürlich ist etwas dran und prompt beginnt sie in ihrem erregten Zustand sich auszumalen, wie es denn wäre, wenn sie unter irgendwelchen Umständen, vielleicht in einem fremden Land, in einem Bordell gelandet wäre und dort einer Frau, einer selbstbewussten, anspruchsvollen Frau als Kundin, ausgeliefert wäre. Sie spürt es an ihren Brustwarzen, wie eine anspruchsvolle Freierin sie packen und reizen würde. Wie diese sie berühren, benützen, durch Orgasmen jagen, aber auch erniedrigen, demütigen und vielleicht sogar quälen könnte. Oder, wenn sie mit ihren Diensten nicht zufrieden wäre, oder einfach gemein, sie bei der Sklavenhalterin anschwärzen würde, um sie schmerzhaft züchtigen zu lassen, was vielleicht vor der Kundin, oder auch vor anderen Mädchen, oder gar in einer Art Öffentlichkeit vor fremden Menschen ausgeführt würde, die sich dann an ihrem Zucken und Schreien ergötzen, über ihr Bittgestammel und ihre Tränen lachen würden. Was geht eigentlich in mir vor, fragt sich Teresa, dass ich in dem Moment, in dem meine Liebste meinen Körper anfasst und für sich modelliert, liebevoll modelliert, zugleich darüber fantasiere, dass sie mich anderen Leuten ausliefern könnte? Bin ich geil geworden wie eine läufige Hündin, wenn es für mich vorstellbar wird, dass eine andere, eine fremde Frau, ja nicht nur das, sondern eine zahlende Kundin, in mir die Katarakte der Wollust auslösen und mich mit dem ozeanischen Gefühl überschwemmen könnte – solange das nur mit der Geliebten zusammenhängt? So, wie sich die Vorstellung jetzt auf ihre Erregung auswirkt, kann sie das nicht ausschließen.

Ein Klaps auf den Hintern reißt sie aus diesen Gedanken. „Was träumst du, Schätzchen? Denk dir lieber aus, wie man eine Sklavin bestrafen sollte, die allzu gedankenlos in der Gegend herumsteht.“

Sie möchte erklären, sie sei doch nicht gedankenlos herumgestanden, aber kann jetzt ja nur den Kopf schütteln.

Vera packt sie an den Brustwarzen. „Aber ein geiles Stück bist du schon.“ Sie greift nach den Klemmen, der Augenbinde und den vibrierenden Spielsachen. „Komm!“ Und beschert ihr dann die schönsten Orgasmen.

 

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11

Ohne Kleider. Die Fantasie, vor einer größeren Zahl von Menschen entblößt zu werden, wobei sich die Scham mit der Furcht und Hoffnung verknüpft, dass sie am Ende sexuell genommen, in schreiende Orgasmen getrieben und erst danach von der Geliebten getröstet und belohnt werden wird, kommt in vielen Formen vor. Anscheinend ist ihre Fantasie die ganze Zeit dahinter her, sich solche Gelegenheiten auszudenken, übrigens auch in Zeiten, in denen sie ihren Kopf bei der Arbeit haben sollte oder anderes erledigen.

Man kennt ja die Geschichten von dem naiven Mädchen, das auf Reisen ist, spätnachts in einer Jugendherberge oder auch mitten in der Nacht in einer menschenleeren Stadt im Waschsalon, die gedankenverloren ihre ganzen durchgeschwitzten Klamotten, alles, was sie auf dem Leib trägt, in die Waschmaschine steckt, die dann nicht mehr zu öffnen ist. Und bald kommen doch Leute, sie versucht, sich unauffällig und still in eine Ecke zu drücken, aber diese finden immer Mittel und Wege, sie zum Aufstehen zu bringen, anzufassen, ihre Erregung zu konstatieren – es sind übrigens die Mädchen, die das tun, aber die Kerle bilden ein durchaus nicht passives Publikum, wenn sie ihre Schwänze herausholen und fragen, ob sie diese lutschen wolle. Sie will das natürlich nicht, aber dann hat ihre Fantasie immer den Kniff parat, dass sie, um dem zu entgehen, irgendetwas anderes Beschämendes tun muss. Zum Beispiel sich mit einem anderen Mädchen, das auch zur Clique gehört, vor aller Augen vergnügen.

Meist lässt es ihr Tagtraum nicht so weit kommen, dass sie erfährt, ob es noch weiter darüber hinausgehen wird.

 

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