Leseprobe
aus Sabas Martín, Die Schritte kommen näher
Aus
dem ersten Teil des Romans: (Andante)
Dolores
[…
] Die Schatten umgeben mich, legen sich über das schwache Licht des
Nachmittags, und während sie in die Winkel des Schlafzimmers kriechen,
wecken sie die anderen Schatten alter Ängste; weitgehend vergessen waren
sie, diese Ängste, die jetzt zurückkehren, um auf den
Gegenständen zur Ruhe zu kommen, die meine Augen wiedererkennen. Hier sind
sie, ich sehe sie. Vor dem Bett der Teppich mit dem eingewebten Beduinenmuster.
Der Teppich vor dem Schrank mit den Beduinen, die im Schutze eines Sonnendachs
sitzen. Ein imaginärer Wind zaust an ihren Turbanen. Neben ihnen
Dromedare, die mit eingeknickten Beinen und halb geöffnetem Maul vor sich
hin dösen und sie mit sanftem Blick zu bewachen scheinen. Und der Schrank.
Der Schrank, in dem ich mich eines nachmittags, als sich die Schatten wie jetzt
ausbreiteten, mit Candelaria versteckt hatte. Wir wollten nämlich
herausbekommen, woher die erstickten Schreie unserer Mutter kamen, die
offensichtlich den Sprungrahmen des Bettes in Bewegung setzten. Bis in unser
Zimmer hörten wir durch die angelehnte Tür das Auf und Ab. Ich
streiche mit den Fingern über den Türgriff in der Mitte des Schranks
und spüre die metallische Kälte an den Fingerkuppen. Irgendetwas
hindert mich daran, ihn zu öffnen. Ich traue mich nicht. Ich kann ihn
nicht öffnen. Vater wohl: er öffnete ihn voller Wut, den Schrank,
Vater öffnete die Schranktür. Vor mir und Candelaria erschien der
nackte Körper unseres Vaters und sein vor Wut verzerrtes Gesicht. Ich war
schuld. Ich konnte mich nicht zusammennehmen. Der Husten verriet mich. Ich
konnte das Husten nicht unterdrücken, als wir im Schrank versteckt
zuhörten. Ich kann mich nicht durchringen, ihn zu öffnen. Wir
würden im Hof spielen gehen, hatten wir gesagt, aber wir nutzten die
Gelegenheit und versteckten uns, denn wir wussten, dass Vater und Mutter nach
dem Mittagessen eine kleine Pause einlegten und hinaufgingen, denn im Bett
ließ sich die klebrige Nachmittagshitze besser ertragen. Kurz darauf
vernahmen wir das rhythmische Auf und Ab der Sprungfedern, dabei Mutters
Stöhnen, das von einem süßen, tiefen Schmerz zu kommen schien.
Wieder höre ich es. Ich höre das stoßweise Keuchen, das immer
schneller und heftiger wird, und gleichzeitig eindeutige, kräftige
Schreie, nicht mehr das Flüstern, das anfangs in unser Zimmer drang. Ja,
da passierte es. Ich erschrak. Ich fühlte, wie ein übermächtiges
Gewicht sich auf meine Brust legte und meiner Lunge die Luft nahm. Ich konnte
nicht mehr. Sie werden uns entdecken. Ich halte mir die Ohren zu, um nicht die
tiefen Seufzer zu hören, unter welchen Mutter ihr Leben auszuhauchen
scheint. Ich nehme mich zusammen, will die Angst verscheuchen, die mich
beherrscht und sich in meiner Kehle als kribbelndes Kitzeln staut, das
überhand nimmt. Alles werde ich verderben. Candelaria bedeutet mir mit
Zeichen, dass ich durchhalte, dass ich bitte still sei, dass sie mich
hören und uns entdecken werden. Ihre Augen sind vor Schreck geweitet, und
vier Hände halten mir den Mund zu. Aber ich explodiere innerlich. Ich kann
es nicht. Ich konnte nicht an mich halten. Es war einfach unmöglich, den
Husten zu beruhigen, so sehr ich mich auch bemühte, so sehr ich auch den
Atem anhielt, bis ich glaubte, das Trommelfell, die Schläfen, der
Brustkorb, alles würde mir platzen. Und dann stand die Schranktür
plötzlich offen, Licht fiel zwischen die dunklen Hohlwände, die
Beduinen sahen mich vom Teppich auf dem Boden her an, dann der Zorn in Vaters
Gesicht, vor uns der Vater in seiner Blöße; Laken sollten den
Überraschungseffekt mildern und Mutter voller Scham im Bett und
schließlich der schreckliche Schmerz, der mehrere Tage zu spüren
war: die Striemen, die Vaters Schläge auf dem Körper hinterlassen
hatten.