konkursbuch Verlag Claudia
Gehrke
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Die Schritte kommen näher
Roman, 160
Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, einige Bilder, Übersetzung
Gerta Neuroth, 12,90 Euro, ISBN 978-3-88769-760-0
Sabas
Martin macht mit seiner spannenden dunklen Familiengeschichte, die überall
auf der Welt spielen könnte, auch eine Liebeserklärung an seine
Heimat, die kanarischen Inseln. Seine Literatur steht in der Tradition der
Literatur der Inseln – einer von lateinamerikanischen und
europäischen Schreibtraditionen sowie der oralen Erzähltradition
Afrikas beeinflussten Literatur - und hat weitergehend auch jüngere
Autoren stark beeinflusst.
Die
Inseln sind Orte des Ankommens und Abschiednehmens, von Phasen großer
Trockenheit und Hunger, von Einwander/innen, Auswanderer/innen,
Händler/innen, und in der Gegenwart von Urlaubsreisenden. In der
kanarischen Weltliteratur wie auch in den Werken Sabas Martíns taucht
das Motiv der Wanderbewegungen immer wieder auf.
Nach
dem Tod der Mutter kehrt der Erzähler zurück an seinen Geburtsort
Nacaria, eine fiktive kanarische Insel, um das Erbe anzutreten. Doch das Erbe
ist nicht nur die alte abgelegene Finca der Mutter, sondern auch die Geschichte
seiner Familie. Die Fragen, z.B. nach seinem Vater, die er als Kind stellte,
wurden nie befriedigend beantwortet. Mutter Dolores schickte ihn früh ins
Internat, weit weg von der Insel, weil sie seine Nähe nicht ertragen
konnte. Einsamkeit und Unwissenheit prägten seine Kindheit.
Zurückgekehrt in das Haus seiner ersten Kindheitsjahre werden Erinnerungen wach. In Briefen an seine Geliebte Alma rekonstruiert er eine Familiengeschichte, die sich wie eine griechische Tragödie entwickelt. In inneren Monologen kommen Mutter Dolores, deren Schwester Candelaria und der Sohn der Schwester José zu Wort und enthüllen Szene für Szene das dunkle Familiengeheimnis.
Indem
Sabas Martin die Figuren in inneren Monologen sprechen lässt, wird ihre
Isolation spürbar. Einsamkeit mitten in der Familie, eine Isolation, die
es in vielen Familien gibt - aber auch auf der Insel: die Fincas liegen verstreut
weit auseinander in der Landschaft.
Das
zunächst glückliche, sich dann aber in eine Tragödie
entwickelnde Leben der Tante des Erzählers beispielsweise spiegelt das von
Wellen aus Wohlstand und Armut, Fruchtbarkeit und Trockenheit geschüttelte
Leben auf der Insel Nacaria wieder, vielleicht auch das der Insel selbst.
Flirrende Hitze und gleißende Sonne, gepaart mit der sozialen Enge, die
die Mitglieder der Familie gefangen hält.
Erst
der Sohn, der in die Fremde geschickt wurde, findet einen Ausweg durch die Worte
und die Sprache, die er an seine Geliebte richtet.
Für
den Briefe schreibenden Erzähler setzen sich die einzelnen Mosaikteile des
früher Gehörten, des Erinnerten, der kursierenden Gerüchte zu
einem Bild zusammen. Er beginnt zu verstehen und plant die Familiengeschichte
in eine Erzählung zu verarbeiten, um Zugang zu seinen Verwandten zu
finden. „In den Worten wollte ich zusammen mit ihnen das Leben leben, zu
dem ich keinen Zutritt hatte, das sie mir verbargen, damit ich in Unkenntnis
blieb.“ Diese Geschichte, die der Erzähler schreiben möchte und
in der er immer wieder stecken bleibt, erschafft der Autor Sabas Martín
auf behutsame und poetische Weise. Wie der Erzähler in seinen Briefen an
Alma schreibt, folgt die Handlung der Geschichte zu großen Teilen dem
Vorbild schicksalhaften Verstrickung antiker Dramen ohne die Einmischung der
Götter. Dabei lehnt sich der Aufbau an die Formen der klassischen Musik
an, der der Geschichte ihren Rhythmus verleiht und die Dramatik vorantreibt.
Auch
die Namen der Figuren Mutter Dolores (Schmerz), Onkel Fidel (Treue/Vertrauen),
Alma (Seele) bezeichnen ihre Positionen im Familiengefüge, nur der
Erzähler bleibt ohne Namen. Gekonnt arbeitet Sabas Martín mit
erzählerischen Mitteln (wie der Wiederholung, dem inneren Monolog) auf den
Höhepunkt zu und schafft somit einen wunderbaren Roman, der von einem
großen düsteren Geheimnis getragen wird und doch voller
Liebeserklärungen ist.
Biographie
Sabas
Martín 1954
in Santa Cruz de Tenerife geboren, lebt heute in Madrid. Martín ist ein bekannter
spanischsprachiger Autor mit umfangreichem Werk (Prosa, Lyrik, Essays) und
Journalist. Er war u.a. Intendant des "Teatro de Camara del
Circulo de Bellas Artes de Tenerife", ist Mitglied der Academía
Canaria de la Lengua. Für
Nacaria (Edicions de baiule, 2003, 3. Auflage) erhielt er den Preis
"Premio de Novela Alfonso Garcia-Ramos". Texte von Sabas Martin
wurden bisher u.a. ins Französische, Englische, Italienische, Kroatische
und Bulgarische übersetzt. Dieser Roman ist die zweite Übersetzung
eines seiner Werke ins Deutsche. 2009 erschien „Nacaria“ im
konkursbuch Verlag.