Pressestimmen zu „Kleiner toter Vogel“

 

AVIVA-BERLIN.de

  Regina Nössler - Kleiner toter Vogel

Tatjana Zilg

 

Die Berliner Autorin beschäftigte sich schon in ihren früheren Werken intensiv mit dem Thema Angst. In ihrem Thriller, der in einem schwäbischen Provinzdorf mit dunklen Abgründen spielt, schildert sie eindringlich, wie eine Freiberuflerin aus der Großstadt in einen Ereignisstrudel gerät, der sie dem Gespenst der Angst fast schutzlos aussetzt.

 

Johanna Fink fühlt sich in allen Poren fremd, als sie das Haus ihrer gerade verstorbenen Tante Helene betritt. Von Berlin ist sie überstürzt mit dem Zug hergefahren, um den Hausstand aufzulösen und alle Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Gekannt hat sie ihre Tante kaum. Ihre Mutter hatte zur Schwester ein distanziertes Verhältnis und redete verächtlich über deren Lebensstil. Angeblich hatte sie ganz allein gelebt und einen tristen Alltag. Die Antipathie geht soweit, dass Johanna die Situation nach dem Sterbefall alleine regeln soll.

 

Gefühlschaos, Liebesverlust und mörderische Zustände in ländlicher Umgebung

 

Die Anfang-40jährige fühlt sich überfordert, aber wie sooft gelang es ihr nicht, die Wünsche der Mutter abzuwehren, obwohl diese auch über Johannas Leben mehr und mehr abfällige Bemerkungen macht. Johannas Widerstandsgeist ist ohnehin geschwächt, da bei ihr gerade selbst nichts rund läuft: Die Beziehung zu ihrer Freundin Ines, einer erfolgreichen Architektin, steht nach einem heftigen Streit auf der Kippe und die Aufträge für ihre Tätigkeit als freiberufliche Wissenschaftslektorin bleiben aus. So stimmt es in gewisser Weise, was ihre Mutter sagt: Zeit hat sie genug, um in dem kleinen Dorf in Schwaben, wo ihre Tante ein nettes Häuschen mit Garten besaß, die Dinge zu klären. Dennoch weiß sie nicht, als sie die Haustüre geöffnet und sich in den gemütlich und praktisch eingerichteten Räumen umgeschaut hat, wo sie beginnen soll. Stattdessen macht sich ein ausgesprochen unbehagliches Gefühl in ihr breit und sie erschaudert bei dem Gedanken an die Endgültigkeit des Todes, der ihre Tante ereilte. Dies wird verstärkt durch einige kleine unerklärliche Beobachtungen wie die eines toten Finks, der im Garten drapiert liegt.

 

Kaum wiegt sich die Leserin in Sicherheit, die Bedrohung sei nur die innere Wahrnehmung von Johanna, das Dorfgeschehen selbst aber harmlos, da liegt plötzlich eine Leiche auf der Terrasse des Hauses. Kurz zuvor hatte Johanna die Ermordete kennen gelernt: Es war die Putzfrau der Tante.

 

Das Geschehen transformiert zum sozio-delikaten Suspense-Krimi

 

Regina Nössler gelingt es, in einer Jonglage aus Krimi-Elementen, Dorf-Ethno-Satire und Psycho-Sezierung einen packenden Roman zu gestalten, dessen Hauptgewicht auf die inneren Prozesse der zentralen Protagonistin gerichtet ist und dennoch das Umfeld bizarr und lebensnah zugleich einbezieht, so dass die Spannung hochschlägt wie bei der Verfolgung einer spektakulären Mordserie eines Hitchcock-Films. Denn es bleibt nicht bei zwei Toten, es folgen weitere, und alle standen in einem direkten Zusammenhang zu Johanna. Als Fremde wird sie für das ländliche Ermittler-Duo der Polizei zur Verdächtigen, während ihre Angst, ihr könne selbst etwas passieren, nicht ernst genommen wird.

 

Eine Verbündete findet sie in Christiane Holzapfel, die auf den ersten Blick ein Landfamilienidyll lebt: Ein großes Haus, ein perfekter Ehemann - Lehrer - und zwei Kinder. Dass auch hier die Fassade gewaltig bröckelt, wird schnell klar, noch vor dem nächsten Mord sind die psychodynamischen Abgründe offengelegt. Viel Zeit, um den Schock zu spüren, bleibt Johanna nicht, denn über ein paar telefonische Ecken erfährt sie von dem Tod einer Bekannten in Berlin, die für sie gerade zu mehr als einer Bekannten wurde.

 

AVIVA-Tipp: Dieser Roman ist mehr als ein nervenkitzelnder Psychothriller. Zugleich ist er ein lesbischer Beziehungsroman, wenn Johanna ihre Beziehung und die unterschiedlichen Positionen der beiden Partnerinnen im Rückblick profunde reflektiert und doch nicht von ihrer Zuneigung loslassen kann. Im weiteren Verlauf des Plots wird "Kleiner toter Vogel" zu einem Schelminnenstreich, gewürzt mit viel subtilem, schwarzem Humor, wenn die Morde dem kleinbürgerlichen Idyll die strukturierte Fassade entreißen. Als I-Tüpfelchen gibt es ein überaus überraschendes Ende, das nach all den Lynch´esken Gräulichkeiten mit einem positiven Gefühl aus dem Lesesog entlässt.

 

Zur Autorin:

Regina Nössler wurde 1964 in Altenhundern geboren und studierte später Germanistik und Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Heute lebt sie als freie Autorin und Lektorin in Berlin und schreibt Romane und Erzählungen. Zuletzt erschien der Beziehungsthriller "Die Kerzenschein-Phobie". "Kleiner toter Vogel" ist ihre elfte Buchveröffentlichung.

 

Regina Nössler

Kleiner toter Vogel

konkursbuch Verlag, erschienen März 2010

Klappenbroschur, 416 Seiten

10,90 Euro

ISBN 978-3-88769-751-8



HAJO, Okt. 2010:

Kleiner toter Vogel. Roman von Regina Nössler

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2010  

Ein Buchfink auf der Terrasse – wie niedlich! Es sei denn, er liegt dort tot, quasi als makaberes Begrüßungsgeschenk, verschwindet auf unerklärliche Weise wieder und entpuppt sich dann auch noch als eine Art Vorbote einer ganzen Reihe von Todesfällen - dann wird’s unheimlich...

Am liebsten würde sie gar nicht erst auspacken, sondern gleich wieder abreisen. Bei Johanna Fink läuft es zur Zeit gar nicht gut: Die freiberufliche Lektorin leidet unter einem Mangel an Aufträgen, ihre Beziehung geht gerade in die Brüche, und nun hat es sie vom heimatlichen Berlin in die schwäbische Provinz verschlagen, in das verwaiste Haus einer kürzlich verstorbenen Tante. Nur höchst ungern hat sie sich überreden lassen, den Haushalt der ihr nahezu unbekannten Verwandten aufzulösen – ohne auch nur im Geringsten ahnen zu können, in welchen Strudel von Ereignissen  sie „am Ende der Welt“ hineingeraten soll...                                                                                                                                           Die beklemmende Atmosphäre im und um das Haus herum an diesem neblig-unbehaglichen Herbstabend, der kleine tote Vogelkörper vor dem Wohnzimmerfenster, der geheimnisvolle, Furcht einflößende Anruf, die Geräusche in der Nacht – denkbar schlechte Willkommensgrüße... Nachdem diese erste furchtbare Nacht überstanden ist, scheinen sich ihre Ängste bei Tageslicht betrachtet als unbegründet zu erweisen – zunächst, denn sehr bald steckt Johanna mitten in einem sehr realen Albtraum, der mit der Frauenleiche auf der Terrasse erst seinen Anfang nimmt... In ihrem Umfeld lebt es sich gefährlich...

Und ihren ersten Fluchtinstinkten zum Trotz zieht sich Johannas Aufenthalt in diesem wenig beschaulichen Dorf mit seinen argwöhnisch-abweisenden Einwohnern in die Länge...

 

Regina Nösslers Psychothriller „Kleiner toter Vogel“ wird vermutlich bei so mancher Leserin, die das Buch mit ins Bett nimmt, den Nachtschlaf etwas verkürzen, denn statt sanfter Einschlafhilfe bietet es echten Nervenkitzel – ohne lautes Getöse, aber ausgesprochen eindringlich. Das Gefühl der Bedrohung, das von der Protagonistin Besitz ergreift, ist so hervorragend eingefangen und so lebensecht geschildert, dass es förmlich den Seiten entströmt und beim Lesen unweigerlich mit aufgesogen wird. Nach Erreichen des mit Neugier und Spannung erwarteten - völlig unvorhersehbaren -  Endes darf frau dann erleichtert wieder ausatmen und sich zur Wahl ihrer Lektüre beglückwünschen!

 

SIEGESSÄULE

„In Regina Nösslers Krimi „Kleiner toter Vogel“ hat Johanna Fink die Nase voll von Berlin, ihrer schwierigen On-and-Off-Beziehung und den Geldsorgen. Als Auszeit von den Problemen löst sie den Hausstand ihrer verstorbenen Tante auf. So landet die Wissenschaftslektorin in einem schwäbischen Dorf voller alltäglicher und auch ungewöhnlicher Grausamkeiten. Das Landleben erscheint ihr gefährlicher als die Großstadt und umgeben von Tod ist sie ihrer eigenen Leere, Panik und Einsamkeit ausgesetzt ... alles in allem ist ihr ein großartiger Thriller gelungen, der ansteckende Angst verbreitet und kaum aus der Hand zu legen ist.“

 

Lesbenring-Info
Das Cover verspricht hinter der herbstlich trostlosen und vom Zahn der Zeit bröseligen Hausfront einen Thriller. Alle Zutaten dafür sind vorhanden: die Protagonistin Johanna Fink hat Angst, sie wird bedroht und reihenweise pflastern Tote ihre Terrasse: Zuerst ein Buchfink, dann die Putzfrau der verstorbenen Tante, gefolgt von einer Spitzmaus und dem unsympathischen Nachbarn und Familienvater. Und just nach ihrem Telefonat stirbt die Kollegin ihrer Ex in Berlin eines unnatürlichen Todes. Gründe genug für blankes Entsetzen und Gänsehaut bei der Leserin.

Bis hierhin könnte es ein Thriller wie so viele andere sein. Wer allerdings die subtile und vielschichtige Schreibweise von Regina Nössler kennt, erwartet mehr – und wird nicht enttäuscht. Der Autorin gelingt es immer wieder aufs Neue, die bedrückende Atmosphäre der Geschichte zu brechen, das Grauen mit einem dicken Fragezeichen zu vertreiben. Johanna Fink zweifelt immer wieder, dass all das Sterben mit ihr persönlich zu tun hat. Und einige Vorkommnisse stellen sich ja tatsächlich als harmlos und zufällig heraus. Schließlich ist es ja tatsächlich nicht Johannas Terrasse, die den Tod so magisch anzuziehen scheint, sondern die Terrasse des Hauses ihrer verstorbenen Tante. Johanna soll den Haushalt auflösen und das Anwesen in einem schwäbischen Dörfchen verkaufen. Etwas widerwillig und auch verunsichert reist sie von Berlin ab, denn mit ihrer Freundin Ines hat sie sich wieder einmal gestritten, vielleicht ist es auch endgültig aus, die Tante hat sie kaum gekannt und in ihrem Job als Lektorin hat sie schon monatelang keine Aufträge mehr.

Nebel  hüllt sie gleich an ihrem ersten Abend im Dorf ein, sie ist einsam, fürchtet sich und die Dorfbewohner scheinen die Fremde argwöhnisch zu beobachten. Regina Nössler gelingt es, die Leserin in diese Stimmung mitzunehmen. Aber immer wieder zweifelt Johanna, meint sie, dass es keinen Grund für ihre Angst gebe, sie sich alles einbilde und sich am Ende alles in Wohlgefallen auflösen werde. Und die Leserin glaubt ihr jedes Mal. Findet ihren eigenen Grusel etwas lächerlich – bis dann die nächste Leiche auf der Terrasse liegt.

Das Ende wirkt dann tatsächlich heiter –  Johanna scheint ihr Glück auf der schwäbischen Alb gefunden zu haben. Die Leserin lässt das beinahe vergessen, dass dieses Glück zwischen einer essgestörten mordenden Teenagerin,  einem aus Geldgier mordenden Verwandten, tierquälenden und mobbenden Jugendlichen und homophoben Dorfbewohnern stattfindet. Selbst Johannas Freundin Ines ist nicht unbescholten. Aber die so unheimlich erschienene Frau gibt Johanna einen Kuss und der Himmel scheint voller Geigen zu hängen.

Ein wundervolles Buch, das über 400 Seiten immer wieder den Spannungsbogen aufbaut und ihn meisterhaft mit einem Augenzwinkern genauso oft unterbricht. Gruseln und Schmunzeln liegen dicht beieinander, eine Dynamik, die nur einer wahrhaft virtuosen Autorin wie Regina Nösler gelingen kann.

Darüber hinaus ein auch in der Gestaltung herausragendes Buch, das auf keinem  Nachtisch fehlen sollte. (Schwäbische) Albträume von Zwiebelbraten und Blaukraut garantiert.

Regina Nössler: Kleiner toter Vogel. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2010

gelesen von Elke Heinicke