Rezensionen von
Mein Schwules Auge

Du & Ich

Grenzen überschreiten: „Mein schwules Auge 8“

Wie clever! Die beiden Herausgeber Rinaldo Hopf und Axel Schock haben dem Buch ein sinniges Zitat von Jean Genet vorangestellt: „Den Reiz des Verbotenen kann man nur kosten, wenn man es sofort tut! Morgen ist es vielleicht schon erlaubt …“ Entsprechend mutig gingen die beiden, der eine Schriftsteller und Künstler, der andere Journalist und Autor, in ihrer Auswahl für die nunmehr achte Ausgabe von „Mein schwules Auge“ vor. „Grenzen sind veränderlich, sie sind abhängig von der Epoche und Gesellschaft, in der sie aufgestellt werden. Als Schwule genießen wir heute Freiheiten, die vor wenigen Jahrzehnten noch nicht denkbar waren“, schreiben sie in ihrem Vorwort. Wie richtig! Dementsprechend tauchen in dem Kompendium aus Bild und Wort auch künstlerische Vorreiter wie Tom of Finland oder Karl-Heinz Weinberger (jüngst in DU&ICH vorgestellt) auf. Und wie immer mischen sich bekannte und unbekannte Namen. Zu sehen gibt es Fotos, Gemälde, Comics von Künstlern wie Anthony Gayton – siehe das Bild auf dieser Seite! –, Etienne Zerah, Gengoroh Tagame, Stefan Zeh, Daniel Cartier, Martin von Ostrowski, Ulli Richter oder Hans van der Veen. Und zu lesen Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und Reportagen von Autoren wie Boris Steinberg, Brane Mozetic, Eric Walz, Manfred Maurenbrecher, Christoph Klimke, Dino Heicker oder Jan Gympel. Es gibt viel Neues, und ja: auch Grenzenüberschreitendes zu entdecken! Vor allem aber, wie vielfältig schwule Kunst und Kultur sein kann. Über 300 Seiten legen ein beredtes Zeugnis davon ab.

Cruiser (Schweiz) und  http://www.queer.ch

Das schwule Auge .- Rebellen in Wort und Bild

«Mein schwules Auge» ist eine erlesene Anthologie der Homo-Erotik, eine pralle Sammlung exklusiver Beiträge von queeren Künstlern, quer durch Epochen und Länder. Der Leser und Betrachter staunt, zwinkert und träumt, auf einem Auge blind, auf einem Auge scharfsichtig, auf beiden Augen schwul.

Zum achten Mal ist es erschienen, das «schwule Jahrbuch der Erotik». Frühere Nummern loteten die Abgründe von Obsessionen aus, widmeten sich der Faszination des Fremden oder der Sehnsucht nach dem Ländlichen. Die neuste Ausgabe richtet den Fokus nun auf Rebellen und Revoluzzer, auf Grenzgänger und Tabubrecher. Sie sind subversiv und schamlos, nehmen sich Freiheiten und bezahlen einen Preis, bahnen sich einen Weg durch das Dickicht von gängiger Moral und guten Sitten.

«Den Reiz des Verbotenen kann man nur kosten, wenn man es sofort tut! Morgen ist es vielleicht schon erlaubt…» Das Genet-Zitat eröffnet das Vorwort und sagt schon viel. Das Überschreiten von Grenzen, das Kämpfen um Freiräume, das Extreme und Revolutionäre, all das war auf dem weiten Weg der schwulen Emanzipation schwierige Aufgabe und produktive Lust zugleich. Es gab stets grosse Visionen und zivilgehorsame Mittelwege, immer waren bzw. sind sie flankiert vom Radikalen und Extremen. «Jeder von uns trägt Himmel und Hölle in sich.» Mit Oscar Wilde schliesst das Vorwort, und damit beginnt «Mein schwules Auge 8», eine Sammlung aus Texten und Bildern von 99 Künstlern, die etwas zu sagen und zu zeigen haben. Ein buntes Kaleidoskop, ein Mikroskop auf zu wenig genau Betrachtetes, ein Fernrohr in fremde Galaxien, ein Auge auf den gesamten Kosmos der schwulen Sexualität. Eine der Kurzgeschichten beginnt mit einem Stück Pizza für einen Euro, eine andere endet mit einem offenen Reissverschluss an der Bahnstation. Eines der erotischen Gedichte stammt von gerade eben, vom Berliner Luthardt, ein anderes ist im Paris des 19. Jahrhunderts verfasst worden, von Verlaine. Essays über Rebellentum und Pier Paolo Pasolini sind zu finden, über Glatzenfetisch und Park Cruising, über Pionier-Pornos und schwule Zombies der Filmgeschichte. In einem aktuellen Interview berichtet der indische Prinz Manvendra Singho Gohil von seinem Coming-out, in einem Protokoll Fritz Haarmann, Kleinkrimineller und Polizeispitzel, von seinen Taten und Motiven. 1924 wurde er zum Tode verurteilt, weil er angeblich 27 Männer durch einen Biss in den Hals getötet hatte. Neben und zwischen den Texten sprechen Bilder ihre eigene Sprache, mal ergänzend, mal kontrastierend. Mal explizit pornografisch, mal subtil andeutend. Es sind Schnappschüsse aus gewagten Träumen, Dokumentationen von nebenan, mittendrin, tief darunter. Fotos, Gemälde, Skizzen. Die Comics des Japaners Gengoroh Tagame etwa, oder die heute harmlosen Rocker-Portraits des Schweizer Fotografen Karl-Heinz Weinberger, die im Umfeld der biederen frühen 1960er als radikal galten. Zahlreiche Experimentierende wagen sich auf den Grat zwischen Kunst und Pornografie.

Die Beiträge sind breit gefächert, von unterschiedlicher Qualität. Als Gesamtes entfalten sie mit all ihren Reibeflächen eine rebellische Wirkung. Aus vielmal Einmal wird ein Ganzes. Wie bei Arthur Schnitzler formiert sich ein Liebesreigen, und wie bei ihm entsteht eine mehrfach interpretierbare Traumnovelle. «Eyes Wide Shut» hiess deren Verfilmung. Auch hier sieht nur klar, wer den Mut hat, die Augen weit zu schliessen. Am Ende zeigt die höchst inspirierende Reise durch Bilder und Texte einerseits, was bis heute den Geist eines Rebellen ausmacht: Dass er mit offenen Augen wilder träumt als so mancher, der seine Augen verschliesst und friedlich schläft. Andererseits, dass in jedem von uns ein kleiner oder grosser Rebell steckt, der manchmal schlummert, manchmal tagträumt, manchmal seine Fantasien mutig auslebt.

Ein Buch, das in jeden schwulen Haushalt gehört. Ob man es ins Bücherregal stellt oder auf den Nachttisch legt, in der Kunstsammlung ausstellt oder in der Kiste mit den Sextoys versteckt: Das liegt im (schwulen) Auge des Betrachters.

http://www.qwien.at

Schwule Vielfalt

Verfasst von Andreas Brunner

Mein schwule Auge ist 8. Die aktuelle Ausgabe des erfolgreichen und immer wieder überraschenden schwulen Jahrbuchs der Erotik wurde von QWIEN gelesen.

Als vor mehr als 25 Jahren der erste Band des Jahrbuchs für Erotik Mein heimliches Auge erschien, hatten endlich alle stolz polysexuell Perversen ein Medium gefunden. Auch Schwules fand sich von der ersten Ausgabe an in diesem queeren Sammelwerk, das schon Geschlechts- und Gendergrenzen in Frage stellte, bevor es dafür das akademische Label gab. Der große Erfolg der Anthologie, die von Jahr zu Jahr in Auflage und Umfang wuchs, ließ den Tübinger konkursbuch Verlag von Claudia Gehrke neue Geschäftsideen entwickeln und so gibt es seit einigen Jahren regelmäßig mein lesbisches Auge und Mein schwules Auge, das auch in diesem Jahr von den schon bewährten Herausgeberteam Axel Schock für die Texte und Rinaldo Hopf für die Bilder zusammengestellt wurde.

 

Wie immer ist die Mischung auf den ersten Blick bunt, Essays stehen neben pornografischen Texten, Comics neben schicker Aktfotografie, eingestreute Gedichte, Collagen, Pornobilder,… – die einzige zusammenhaltende Klammer ist schwuler Sex in seinen vielgestaltigen Varianten von hart bis zart, von kerlig bis queer, von SM bis zu lustvollen Erinnerungen an vergangene Zeiten. So erinnert sich Rinaldo Hopf an Cruising-Ausflüge in den frühen 1980er Jahren, die ihn in die Parks der Welt führten, oder Christoph Klimke erinnert wieder einmal an den heute wieder mehr denn je aktuellen Konsumkritiker Pier Paolo Pasolini, oder Dino Heicker lässt schwule Vampire wieder auferstehen.

Bekannte Autoren wie Fabian Kaden, Rosa von Praunheim, Peter Rehberg oder Mario Wirz stehen neben neuen Namen, gemeinsam ist ihnen, dass alle Texte Erstveröffentlichungen sind oder für Mein schwules Auge geschrieben wurden. Ähnlich bei den Illustrationen, die eigenständig neben den Texten stehen und manchmal einen interessanten inhaltlichen Gleichklang, dann aber auch wieder einen spannenden Gegensatz zu den nebenstehenden Texten darstellen. Auch hier ist die Liste der Namen illuster. Bruca LaBruce steht neben Anthony Gayton, “unser” Sepp of Vienna neben dem ebenfalls in Wien lebenden Neil Curtis, der mit seinen Körperbemalungen weit über die Szene hinaus bekannt ist.

Aus der Fülle an Beiträgen hervorheben möchte ich noch ein Interview mit Manvendra Singh Gohil, dem ersten Prinzen einer hinduistischen Fürstenfamilie aus dem westindischen Rajpila, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte und der sich seither in seinem Land, in dem Schwulsein bislang ein Tabu war, gegen Homophobie und für HIV- und Aids-Prävention einsetzt. Für uns als Historiker besonders spannend war natürlich Jens Doblers Geschichte über “Muthwillige Buben im Tiergarten”, in dem er von der ersten Erwähnung von Berlins beliebtestem Cruising-Park als Begegnungsstätte schwuler Männer berichtet. Bereits im Jahr 1850 konnte man in der Allgemeinen Gerichtszeitung von “Abscheulichkeiten” lesen, zu denen für den Autor “vor allen Dingen der unsittliche Umgang der Männer unter einander” zählte. Hätten wir so einen Bericht über den Wiener Rathauspark!

Das offene Konzept der Reihe steht dafür, dass auch sexuelle Fantasien, die abseits des sexuellen Mainstreams stehen, Aufnahme finden. Auf über 300 ausgiebig bebilderten Seiten ist dafür Platz. Ein Text irritiert allerdings. Der Herausgeber Axel Schock hat aus Verhörprotokollen des Massenmörders Fritz Haarmann einen Text gezimmert, aus mehreren Hundert Seiten hat er sich die “saftigsten” Passagen herausgesucht. So wird aus dem Geständnis eines Knabenmörders eine SM-Phantasie, vor allem in dem Umfeld, in dem sie publiziert ist. Mögen die anderen Geschichten des Bandes noch so abgedreht sein, es handelt sich bei ihnen allen um Produkte der Fantasie. Schocks Text ist aber aus dem Geständnis realer Morde montiert. Auch wenn sich der Text durch die Grausamkeit der erzählten Mordabläufe selbst richten mag, in einem fantastischen Bilderbuch über sexuelle Fantasien hat er nichts verloren.

RIK

Lauter böse Buben

Schamlos, subversiv und rebellisch sollen die Kerle sein, die sich in den Texten und Bildern der neuen Ausgabe von „Mein schwules Auge“ tummeln. Denn um sie soll es – so die Herausgeber – gehen: Rebellen und Revolutionäre oder auch einfach nur ganz gemeine kleine Ganoven. Beim Sex geht es hart und herzlos zu und manchmal dann doch auch überraschend artig. Essays über den politisch unbequemen Pier Paolo Pasolini (von Christoph Klimke) und den Vampirliebhaber Bruce LaBruce (von Mirjam Miehe) stehen neben deftigen Geschichten über das Treiben harter Kerle im Darkroom (Sam Balducci, Boris Belasko). Dazwischen Unveröffentlichtes von Tom of  Finland, im wahrsten Sinne fesselnde Porno-Comics aus Japan sowie viele Fotos von Männern  für jeden Geschmack in unterschiedlichstem Zustand sexueller Erregung.

 

Siegessäule

Die von Rinaldo Hopf und Axel Schock herausgegebenen „Schwulen Augen“ sind, mal abgesehen von der schwankenden Qualität der Beiträge, rare Schätze! Ein paar Dutzend Fotografen und Autoren liefern jeweils Bilder und Texte zu schwulen Leitthemen, was den Reichtum dieser Jahrbücher unterstreicht. Im achten „Auge“ geht es um schwule Grenzgänger, um Helden und Schurken. Ein Highlight, zu seinem 20. Todestag, sind unveröffentlichte Skizzen von Tom of Finland."

BLU-Magazin

 „Mein schwules Auge 8“, ein bildpralles Werk, das Fotos, Texte und schwules Leben dichtgedrängt in deine Wohnung bringt. Die Bilder sind nicht alle jugendfrei, die Texte auch nicht, aber so muss das auch einmal sein ... Das große Thema 2011 sind „Grenzgänger und Tabubrecher, Rebellen und Revolutionäre, schwere Jungs und böse Buben.“

Rainer Hörmann    http://samstagisteingutertag.wordpress.com/2011/10/11/sammelsurium-an-der-grenze-mein-schwules-auge-8-rezension/

Mit einer Zuverlässigkeit, die sonst nur noch dem Weihnachtsmann zu eigen ist, erscheint jedes Jahr ein neuer Band der Anthologie „Mein schwules Auge“. Die mittlerweile achte Ausgabe widmet sich dem Thema „schwule Rebellen und Bad Boys“, den, wie es die Herausgeber Axel Schock und Rinaldo Hopf im Vorwort ausführen, „queeren Grenzgängern und Tabubrechern, Querdenkern und Provokateuren, schweren Jungs und bösen Buben“. Texte und Bilder des Bandes eröffnen ein Tableau von „Stricher, Sados und Masos, Drag Queens und Transgender, Ehebrecher und Sexkiller, Künstler und Poeten“. Wer die Reihe aus dem Konkursbuch-Verlag kennt, weiß, dass man ein wüstes wie opulentes Sammelsurium erwarten darf, Belangloses und Anregendes in Text wie Bild, irgendwas zwischen plumpem Porno und Kunst, zwischen Banalität und Esprit. Das ist auch dieses Mal so.

Vorneweg sei es gestanden: Ich habe die in diesem Band enthaltenen erotischen (?) Kurzgeschichten überblättert, weil mich persönlich solche Texte nicht wirklich interessieren und ich darum selten eine Meinung dazu habe. Es gibt in diesem Band genug anderes, was mein Auge und meinen Kopf anregt:

Etwa den Aufsatz von Peter Rehberg über schwule Skins mit dem Titel „Die Glatze des Widerstands“. Akribisch spürt Peter Rehberg dem schwulengeschichtlich „populärsten Männerideal der Post-Aids-Ära“ nach, beschreibt den beabsichtigten Tabubruch mit Verweis auf die politische Ikonografie dieses Outfits: Der Homoskin zitiert den Neonazi, der den Nazi zitiert. Rehberg belässt dies in seiner Ambivalenz und räumt auch mit dem althergebrachten Klischee Homo=Fascho auf: „In diesem Diskurs von Adorno und der Linken, die ihm folgten, erfüllt der Homosexuelle die Funktion, heterosexuellen Männern die Frage nach der politischen Verdächtigkeit ihrer Geschlechtsidentität – denn der Fascho ist ein Mann – zu ersparen: der faschistische Mann ist der Homo und nicht die Hete. Eine Perversion erklärt die andere.“ Die clevere Schlussfrage, ob die faschistische Verehrung des gepanzerten Männerkörpers durch den schwulen Akt des Fickens unterlaufen wird, sollte man beim Betrachten der Abbildungen des gesamten Buches im Kopf behalten.

Es ist ein Manko des Bandes, dass er, was die Abbildungen angeht, weitgehend so tut, als sei Kunst/Fotografie/Grafik selbsterklärend. Das ist sie, zumal zeitgenössische Kunst, keineswegs. Wie schon in den Ausgaben zuvor, müssen Fotos und künstlerische Arbeiten ohne weitere Kommentierung auskommen. Das hätte aufschlussreich sein können, etwa dann, wenn ein Gemälde des Berliner Künstlers Martin von Ostrowski, das zeigt, wie sich ein Ledermann einen Schuss setzt, mit einer Zeichnung des amerikanischen Künstlers Rex auf Seite 133 korrespondiert, das eine schwule Szene zeigt, in deren Vordergrund ein Mann im Unterhemd sich eben die Nadel in den muskulösen, tätowierten Oberarm setzt. Zwischen den Arbeiten dürften Jahrzehnte liegen. Das Tabu besteht nicht allein im Drogengebrauch, sondern auch in seiner Darstellung – die war, zumindest in den USA, bis in die 70er Jahre hinein verboten. Ohne zusätzliche Angaben verklären sich die Bilder so zu einem der Zeit enthobenen Medium, was sie aber niemals sind. Ein Irrtum – und das Vorwort weiß es eigentlich auch besser und verweist als Beispiel auf Aufnahmen des Schweizer Fotografen Karl-Heinz Weinberger. Die „Rocker-Fotos“ galten in den frühen 1960er Jahre als Provokation, aus heutiger Sicht wirken sie seltsam antiquiert. Ein anderes Beispiel sind die Zeichnungen von Tom of Finland. Einst geächtete Pornografie finden sie allmählich ihren Weg in den Kunstmarkt – nachdem ihre Reproduktionen jahrzehntelang die Schlaf- und Badezimmer der Schwulen geschmückt haben. Ein großes Plus: Der Band zeigt bislang unveröffentlichte Skizzen des Meisters der schwulen Fetischwelt.

Ein weiteres großes Plus: Der Band traut sich, auch Kunst des einzig wirklichen Nachfolgers von Tom of Finland, des japanischen Zeichners Gengoroh Tagame, zu zeigen. (Abb. oben) Auf dem deutschen Markt ist Tagame, außer mit einigen bunten Niedlichkeiten, kaum zu finden. Was hätte man sich gewünscht, jemand hätte die Kunst Tagames, diese Synthese aus brutaler SM-Fantasie und japanischer Manga-Ästhetik erläutert. Stattdessen rücken die Herausgeber die Comic-Zeichnungen Tagames in den Zusammenhang mit Aussagen des Mörders Fritz Haarmann. Ein fataler Kurzschluss, wie mir scheint, der letztlich darauf hinausläuft, (künstlerische) SM-Fantasien durch den Kontext mit dem Mörder Haarmann zu denunzieren. Man tut gut daran, sich die Analyse von Peter Rehberg nochmals durchzulesen.

Nicht alles in „Mein schwules Auge 8“ ist so spannend und noch in seiner, wie ich meine, missglückten Kombination so erhellend. Die Mehrzahl der Texte sind die oben schon erwähnten Kurzgeschichten (die ich ignoriert habe) und jede Menge Fotografien von unterschiedlicher Qualität und unterschiedlicher Thematik. Beim Durchgucken fiel mir auf, wie wenig mich Nacktfotos als solche heute noch tangieren. Bin ich so abgebrüht? Bin ich schon zu alt, um erotische Fotografie noch erotisch zu finden? Eine eher belanglose Fotografie von Bruno da Silva zeigt einen nackten Mann unter der Dusche – nicht wirklich originell. Lediglich die am Bildrand sichtbare Tür mit Klinke macht klar, dass es dem Foto um die Position des Betrachters geht. Wir betreten als Voyeure den (verbotenen) Raum. Der Rest – Privatsache?

Interessant fand ich ein Interview des Redakteurs Kevin Clarke mit dem Regisseur Jim Tushinski, der einen Dokumentarfilm über den Pornoregisseur Wakefield Poole gedreht hat. Zur Sprache kommt dabei auch Pooles’ Kokainsucht, deren zynische Tragik in dem Satz gipfelt: „Er hat in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren so viele Drogen genommen, dass er keinen Sex hatte. Seiner Meinung nach hat ihn das [vor einer HIV-Infektion] gerettet. Als er wieder clean war, hatte er kein Interesse mehr an Sex.“

An anderer Stelle im Buch ist ein sensibler Bericht von Oliver Sechting abgedruckt. Er berichtet von seinem ersten Abend unterwegs als Mitarbeiter der Stricher-Hilfe. Zum Abschluss führt der Weg zu den Strichern am Bahnhof Zoo. „Wir steigen aus und Markus öffnet die Heckklappe des Busses. Zwei große Wasserbehälter kommen zum Vorschein, einer für heißes und einer für kaltes Wasser. Daneben liegt in einer Plastikkiste ein übersichtliches Sortiment an Tütensuppen, Instantkaffee, Teebeuteln, Zitronenteepulver, Kondomen, Infobroschüren und Give-Aways. Scheu fragen uns die Jungs nach Getränken und Suppe, ganz brav einer nach dem anderen. Mir ist zum Heulen.“

Da ist die Grenzerfahrung ganz anderer Natur und weit entfernt von öffentlicher, marktschreierischer Skandalisierung.

Beim Betrachten des achten Bandes von „Mein schwules Auge“ kommt mir etwas in den Sinn, das mich seit längerem beschäftigt: Vielleicht ist ja mittlerweile nicht mehr die Pornografie, die Sexualität, auch nicht ihre sadomasochistischen Variationen, der Tabubruch. Vielleicht ist es mittlerweile der gewöhnliche Alltag, sofern es den noch geben sollte. Wäre eigentlich ein schönes Thema für Band 9.

Schwulst  (Magazin für Schwule und Lesben in Baden Württember)

Soeben ist im Konkursbuch-Verlag Tübingen die achte Ausgabe der Reihe "Mein Schwules Auge" erschienen: Sie verstoßen gegen Moral, Tabus und gute Sitten. Sie sind subversiv, schamlos und nehmen sich die Freiheit, die sie brauchen. Jede Menge Grenzgänger und Tabubrecher, Rebellen und Revolutionäre, schwere Jungs und böse Buben bevölkern die achte Ausgabe des erotischen Jahrbuchs „Mein schwules Auge". Dazu kommt ein Exklusiv-Interview zum Coming-Out eines indischen Prinzen.
99 internationale Künstler, Fotografen und Autoren präsentieren in diesem neuen Band in beeindruckender stilistischer Vielfalt die Abgründe schwuler Sexualität.

Buchhandlung Löwenherz Wien

Wieder einmal verstoßen die erotisch-pornografischen Bild- und Textbeiträge im neuen schwulen Auge gegen Moral, Tabus und die guten Sitten. Und das mit Absicht! Man will hier subversiv und schamlos sein. Man nimmt sich die Freiheiten, die man braucht, um kreativ und erotisierend zu sein. Auch die 8. Ausgabe dieses erotischen Jahrbuchs wird von Grenzgängern, Tabubrechern, Rebellen, Revolutionären, schweren Jungs und bösen Buben bevölkert. Und auch ein indischer Prinz reiht sich mit seinem illustren Coming-out in den Reigen ein. Insgesamt 99 Künstler und Autoren haben zu diesem vielfältigen Werk beigetragen, das jede Menge Abgründe schwuler Sexualität beleuchtet - darunter Bruce LaBruce, Anthony Gayton, Gengoroh Tagame, Tom of Finland, Sepp of Vienna, Björn Björnson, Rosa von Praunheim, Rolf Redlin, Peter Rehberg und Eric Walz.