Liebste Henriette,

diesmal empfehle ich Dir einen Krimi, von dem ich mir wünsche, dass er die Erinnerung an unsere Heimat ein bisschen wach hält und Dich ein großes Stück mehr ermuntert, zurückzukehren, in unseren geliebten Moloch mit seinen Absonderlichkeiten und Verrücktheiten. Berlin ist hip, schwärmen alle Berlinbesucher und ich halte dagegen, Berlin ist aufreibend, kleinlich und poplig.
Ein Beispiel davon kann man in Regina Nösslers Thriller „Auf engstem Raum“ erleben. Ja, soweit sind wir schon, dass wir die ungeschönte Realität hinter all den Sexy-Betörungen unseres Bürgermeisters in der Literatur suchen und finden müssen.
Der Roman ist in einem kleinen Schreibwarenladen in Zehlendorf angesiedelt, du weißt schon, diese winzigen inhabergeführten Läden, die stetig abnehmen, und in denen man immer etwas sucht, was man doch nicht finden kann. Es ist der Weg zurück in unsere Kindheit, die wir riechen und schmecken wollen, zurück in eine Zeit, in der uns noch bunte Abziehbildchen beglückten und wir in den Kisten und Regalen nach ausgefallenen Waren stöberten, weil wir unsere Freundinnen, die immer eine größere Farbanzahl von bunten Malstiften besaßen, auch mal beeindrucken wollten.
In diesem Buch tauchen wir in die Welt der Ladenbesitzer und ihrer Angestellten ein, in eine Welt, die alles andere als paradiesisch und friedlich ist. In der heutigen Welt sind ja die meisten Verkäufer keine Angestellten mehr, sondern Zeitarbeiter oder wie in diesem Fall mittellose Studenten, die als Aushilfskräfte den Laden zusammenhalten und nur nebenbei an ihrer Doktorarbeit werkeln können. Der männliche Part des Ladeninhaberehepaars ist ein Kontrollmensch und Gewohnheitstier, stur und rechthaberisch, seine Gattin eine unausgeglichene, unausgefüllte Frau. Womit ja schon mal die Konfliktherde geschaffen sind.
Allen ist gemeinsam, dass sie ihre Kunden hassen, diese ewig nörgelnden, meckernden, fordernden Schnäppchenjäger, Rabattfeilscher und Rentnerplagegeister, die sie zwingen, zu erläutern und zu suchen, was sie schon hunderttausend Mal erläutert und gesucht haben. Jegliches Handeln geschieht auf engstem Raum, der keine Privatsphäre zulässt und den Abstandsradius, den ein Mensch für sein Wohlempfinden beansprucht, aufs Gröbste beschränkt. Man wartet geradezu, dass sich das explosive Gemisch entlädt. Bevor aber nun der eigentliche Mord geschieht, mehren sich die Anzeichen, ganz einem Psychothriller gemäß, dass etwas Unheilvolles im Schwange ist. Ein Mann stirbt an der Eingangstür, eine Kundin kippt im Laden um und dann geschieht der Mord, spektakulär unspektakulär für einen Krimi, und wird danach die Wogen für einige Zeit glätten helfen. Bis dieser kleine Tod auf Raten, den jeder einzelne Mitarbeiter tagtäglich in sich spürt, erneut den Anlass für einen Gewaltausbruch mit schlimmen Folgen gibt.
Das ist ein sehr gut zu lesender Krimi, einfallsreich und souverän komponiert, stilistisch sicher, spannungsgeladen, mit dem Mut zu Lücken, die zum Nachdenken anregen. Wer Kammerstücke mit ihrem begrenzten Personal mag, menschliche Abgründe und seelische Verletzungen, facettenreich aufgeblättert, besser verstehen will, wird den Krimi lieben. Diese gekonnt erzählte Geschichte fasziniert durch ihre Einfachheit ebenso wie durch ihre Konzentration.
Und ich bin mir sicher, dass Du nach dem Lesen des Buches den kleinen Laden nebenan nicht mehr mit unschuldigen Augen betreten wirst.

Liebe Grüße

Henny

krimilady.de