Leseprobe

KIM Young-ha

Schwarze Blume

Roman

aus dem Koreanischen von Hanju Yang und Heiner Feldhoff

 

aus dem Anfang des Romans:

Sie kamen von weither. Die groben Sandkörner Mexikos knirschten in ihrem Mund, trockener Wind blies in die offenen Zelte.

Daheim in ihrem Land dauerten die Kämpfe an: Im Februar 1904 hatte Japan Russland den Krieg erklärt. Innerhalb weniger Tage landeten die japanischen Streitkräfte in Choson, dem Königreich Korea, nahmen die Hauptstadt ein und griffen von dort aus die russische Fernostflotte an, die vor Port Arthur ankerte. Zwar verlor die zweihundertfünfzigtausend Mann starke japanische Armee, befehligt von Marschall Iwao, im März des folgenden Jahres in der Schlacht von Fengtian in der Mandschurei siebzigtausend Soldaten, trug aber letztlich den Sieg davon.

Mit wachsender Spannung erwarteten die Japaner die Ankunft der baltischen Flotte unter Admiral Roschdestwenski. Ahnungslos bog das feindliche Geschwader, dessen totale Zerstörung in die Geschichte eingehen sollte, um das Kap der Guten Hoffnung und nahm Kurs auf Fernost.

Unzählige Menschen strömten in jenem Frühjahr nach Chemulpo?, Bettler, Männer mit kurz geschnittenen Haaren, Frauen in ihren traditionellen Trachten und mit ihren rotznäsigen Kindern. Seitdem König Kojong zehn Jahre zuvor sein Haar nach westlichem Vorbild abgeschnitten und eine Haarschnitt-Verordnung erlassen hatte, beherrschte die neue Frisur das Stadtbild. Im gleichen Jahr, in dem der König unter dem Druck Japans seinen Haarknoten einbüßte, mußte er einen noch viel herberen Verlust beklagen: Von seinem eigenen Vater angestiftet, hatten die Japaner ein paar herrenlose Samurai losgeschickt, welche die Königin mit zahllosen Messerstichen töteten und ihre Leiche in Brand steckten. Der König floh im Februar 1896 in den Schutz der russischen Gesandtschaft und versuchte mit ihrer Hilfe seine bröckelnde Macht zu retten. Vergebens. Ein Jahr später wurde das Königreich zum Kaiserreich deklariert, der König zum Kaiser. Doch damit erlangte er die Macht nicht zurück. Zudem gewannen die Vereinigten Staaten den Krieg gegen Spanien und annektierten die Philippinen. Nicht zu bändigen war die Gier der Großmächte auf Besitz in Fernost. Der hilflose Kaiser fand keinen Schlaf mehr.

[....]

3

Der Junge schob sich durch das Unterdeck. Zum Glück fand er in einer Ecke einen freien Platz, wo er sich hinkauerte und sich notdürftig mit ein paar Kleidungsstücken zudeckte. Er schaute sich um. In dieser düsteren Höhle sollte er also die nächsten Wochen verbringen? Die Anspannung in dem überfüllten Raum war mit Händen zu greifen. Familien saßen jeweils für sich in einem Kreis zusammen. Vor allem den Vätern von blutjungen Töchtern lagen die Nerven blank, geplatzte Äderchen hatten ihre Augen gerötet. Es gab fünfmal mehr Männer als Frauen auf dem Schiff. Verstohlen verfolgten sie alles, was die Frauen taten. Über vier Jahre wären sie nun mehr oder weniger beisammen, dachten die jungen Männer. In dieser Zeit würden einige der Mädchen das heiratsfähige Alter erreichen. Welche von ihnen würde vielleicht ihre Frau werden? Ans Heiraten dachte der Junge freilich noch nicht. Doch wenn er die Mädchen ansah, schoss ihm das Blut durch die Adern. Seit mehreren Nächten schlief er unruhig. Immer wieder war ihm ein Mädchen im Traum erschienen. Jedesmal sah sie anders aus und ließ ihn verwirrt zurück: Sie streichelte ihn mit ihren sanften Händen, seinen Zottelkopf, seine Ohrläppchen, es war alles noch ganz harmlos. Einmal aber sank sie ihm nackt in die Arme, so dass er jäh aus dem Schlaf aufschreckte. Sein Herz pochte heftig, er taumelte über die Schlafenden hinweg und stürzte an Deck, um tief durchzuatmen in der kalten Meeresluft.

 

Die Ilford lag da wie eine kleine Insel im Hafen. Wie lange sie wohl brauchen würde, bis sie jenes verheißungsvolle, warme Land erreichte? Keiner wusste es so genau. Schrecken erregte, wer behauptete, es dauere ein halbes Jahr. Wieder andere sagten, so lange Schiffsreisen seien gar nicht möglich, und sie würden spätestens in zehn Tagen ihren Zielhafen anlaufen. Auch über Mexiko wussten sie im Grunde nichts. Es gab keine Berichte, niemand von ihnen war jemals dort gewesen. Die allgemeine Verwirrung war nicht verwunderlich, sie alle schwankten zwischen vager Hoffnung und Angst.

Der Junge stand an die Reling gelehnt und ritzte mit einem Messer drei Silben in das Eichenholz: Kim I-jong. Den Namen hatte er erst in Chemulpo bekommen. Dort war ihm ein Mann begegnet, ein Bär von einem Mann, über dessen Arm eine längliche Narbe kroch.

„Wie heißt du?“

Der Junge zögerte. Der Mann nickte verständnisvoll: „Kannst du mir wenigstens deinen Vornamen sagen?“

Jetzt antwortete der Junge. Die Leute würden ihn Changsoi nennen.

„Wo sind deine Eltern?“, fragte der Mann weiter. Auch das wusste der Junge nicht. Sein Vater war beim Imo-Aufstand – oder war es die Donghak-Rebellion? – ums Leben gekommen. Dann verschwand auch seine Mutter. Er selbst wurde von einem fahrenden Händler aufgegriffen, bei dem er aufwuchs. Einen Familiennamen bekam er nicht. Dem Hausierer verdankte er jedoch seinen Rufnamen: Chang-soi, Bursche. Das war auch schon alles, was er ihm gab. Eines Tages, als der Händler kurz eingenickt war, machte er sich aus dem Staub. In Seoul schloss er sich dem koreanischen YMCA an.

[...]

In Chemulpo stand der Junge dann in dieser Schlange und traf auf den großen Mann. Der tätschelte ihm den Kopf:

„Junge, du musst einen richtigen Namen haben. Chang-soi, das ist was für Kinder. Vergiss ihn! Nimm den Familiennamen Kim und den Vornamen I-jong. I bedeutet zwei und Jong richtig. Das sind leichte Zeichen.“

Während die beiden in der Schlange weiter vorrückten, malte ihm der Mann die chinesischen Zeichen seines neuen Namens mit dem Finger immer wieder in die Hand. Sieben Striche. Er selber stellte sich vor als Cho Chang-yun. Früher Korporal bei den Pionieren in der Reformarmee des Großkoreanischen Kaiserreichs. Als der russisch-japanische Krieg ausgebrochen war, hatte er wie die meisten die Nase endgültig voll gehabt. Genauso wie zweihundert seiner Kameraden, mit denen er von russischen Militärberatern an modernen Repetiergewehren ausgebildet worden war, ließ er alles stehen und liegen und machte sich auf nach Chemulpo. […] Ein neues Leben in Mexiko aufzubauen, in dem das ganze Jahr über die Sonne schien, war weitaus verlockender. Was bedeutete es da schon, wo dieses Land lag? Mühsal gab es überall. Sein Sold war geradezu lächerlich gewesen! Wozu also zögern?

Der Junge ließ seinen Blick wieder über das Meer schweifen. Möwen mit schwarzen Schnäbeln kreisten über seinem Kopf. Das Gerücht von großen Goldfunden in Mexiko machte die Runde. Schon viele seien über Nacht reich geworden. Unsinn, Gold gebe es nur in Amerika, behauptete ein anderer. Aber auch das war nicht sicher. Der Junge wiederholte seinen neuen Namen: „Kim - I - Jong. Ich bin Kim I-jong. Ich gehe fort. Weit fort. Und wenn ich zurückkehre, bin ich ein erwachsener Mann. Mit einem richtigen Namen und einem Haufen Geld. Und dann werde ich mir Land kaufen und Reis anbauen. Wer Land besitzt, erwirbt sich Respekt.“ Diese Weisheit verdankte er dem Leben auf der Straße. Das Land würde er sich aber nicht in Mexiko kaufen, er würde zurückkehren, nach Chosǒn, und sein Land wäre ein einziges großes Reisfeld. Aber gleichzeitig tauchte ein anderer Gedanke in ihm auf, der an ein anderes fernes Land: Amerika.

Wie im Tanze schwebten die Möwen über das Wasser. Die Schnellsten stiegen, mit großen Fischen im Schnabel, hoch in die Lüfte. Ihre Flügel färbten sich rot in der aufziehenden Abenddämmerung. I-jong ging hinunter in den Schlafsaal und ließ sich erschöpft in seine Ecke fallen. Zwischen dem leisen Weinen der Kinder hörte man vereinzelt tiefe, gedämpfte Stimmen, Stimmen von Männern mit ungewisser Zukunft. Sie klangen hohl. Ihre Worte zerliefen wie Gischt, die sich am Bug des Schiffes bricht. I-jong schloss die Augen und hoffte, nicht vor dem Frühstück aufzuwachen.

 

[...]

Als Ijong aufwachte, glitt das Schiff ruhig dahin. In den Tagen zuvor hatte der Sturm die Ilford immer wieder durchgeschüttelt, und inzwischen hatte sich ein säuerlicher Geruch im Schlafsaal festgesetzt. Einige der Passagiere versuchten ihre steigende Übelkeit mit Ginseng-Tropfen zu bekämpfen, andere setzten auf Akupunktur, und manche erhofften sich sogar Linderung durch einen Aderlass. Jeder hatte sein eigenes Patentrezept.

Die Seekrankheit machte auch bei Ijong keine Ausnahme, aber von Akupunktur hatte er keine Ahnung, und Ginseng-Extrakt besaß er nicht. Er ging an Deck und sah den deutschen Seeleuten bei ihrer Arbeit zu. Wie merkwürdig die aussahen mit ihren spitzen Nasen und kantigen Gesichtern. Und dazu waren es Riesen. Kaum zu glauben, dass auch sie menschliche Geschöpfe sein sollten. Er beobachtete die Männer aus sicherer Entfernung. Als er wieder zurückgehen wollte, sah er einen Gang, dessen Ende sich im Finsteren verlor. Er wagte sich hinein. Der Gang führte in einen Flur mit vielen kleinen Türen, hinter denen sich die Kajüten der Mannschaft und auch die des Kapitäns befanden. Wenn er da weiter herumirrte, würde ihn bald jemand erwischen. Doch nichts rührte sich, niemand in Sicht. Wahrscheinlich waren alle an Deck. Aber je weiter er dem Gang folgte, desto deutlicher nahm er einen Geruch wahr, der immer intensiver wurde. Es roch, I-jong war sich sicher, nach deftigen Speisen. Er folgte dem Geruch eine Treppe hinunter und erblickte durch einen Türspalt Leute bei der Arbeit. Na klar, das war die Küche.

Wenn es eine Hölle gab, wie sie sich die Christen vorstellten, dann musste sie so aussehen. Züngelnde Feuer, Kessel und Pfannen, die scheppernd an der Decke schaukelten, dazwischen die Köche und Hilfsköche, die sich anbrüllen mussten, um den Lärm des Maschinenraums zu übertönen. Ihre Kleidung war schmutzig, ihre überlangen Haare fielen ihnen über die Augen. Der Fußboden war übersät mit Abfällen und glänzte fettig von Speiseöl. Aber keiner der Anwesenden verlor auf dem glitschigen Boden den Halt. Hier also wurde das Essen für den Kapitän und die Offiziere zubereitet, für die Mannschaft und auch für eintausenddreiunddreißig Passagiere.

[...]

Ijong wurde schließlich doch entdeckt. Jemand brüllte ihn auf Japanisch an. Mit einem Küchenmesser in der Hand kam der Mann auf ihn zu. Ijong zuckte zusammen. Das Gesicht des dicken Japaners vermummte ein dichter Bart, seine blitzenden Augen gaben dem Jungen unzweideutig zu verstehen, dass er hier nichts verloren habe. Wieder stieß der Mann wütende Laute aus. Ijong verstand kein Wort. Geistesgegenwärtig griff er nach einem Besen und fing an, Chinakohlblätter und Kartoffelschalen zusammenzukehren. Der Japaner schüttelte zornig den Kopf. Nein, das hatte er natürlich nicht gemeint. Aber Ijong wich seinem Blick einfach aus und kehrte und kehrte. Der Japaner kläffte ihn noch ein weiteres Mal an, gab aber schließlich auf, als Ijong immer noch nicht reagierte. Entnervt ging er zu seinen Kollegen zurück und redete heftig auf sie ein.

Ijong verstand nichts. Wo hätte er auch Japanisch lernen sollen? Mit dem Hausierer hatte er zwar den einen oder anderen Abstecher in die japanischen Viertel der neuen Hafenstädte gemacht, ohne sich aber auch nur ein Wort Japanisch gemerkt zu haben.

Seitdem ging Ijong täglich in die Kombüse. Er kehrte und putzte, auch wenn ihn niemand damit beauftragt hatte. Anfangs hatten die Köche nur wüste Beschimpfungen für ihn übrig, aber allmählich gewöhnten sie sich an seine Gegenwart und gaben ihm Arbeiten, die ihnen selbst zu lästig waren. Er holte Zwiebelsäcke aus dem Speicher oder schrubbte den Küchenboden, wenn sie mit dem Kochen fertig waren [...]

Jedes Anrempeln und jede Ohrfeige war wie ein Initiationsritus, ließ ihn ein Stück weiter dazugehören. Für ihn, der bisher in Korea als Hausierer von einer Stadt zur anderen herumgereist war, wurde die Küche der Ilford zu einem gemütlichen Zuhause. Und so bekam er gar nicht recht mit, dass er sich in Wahrheit auf der weitesten Reise seines Lebens befand.

 

[...]

 

Am nächsten Morgen war er als Erster wach. Er schlich sich aus dem Schlafsaal in Richtung Küche. Auf dem Flur schaute er sich vorsichtig um. Irgendwo konnte ja der Bauer aus Pyongyang auf ihn lauern. Und tatsächlich, als er an die Treppe kam, die zur Küche hinunterführte, sah er eine Gestalt bei den Toiletten, die man provisorisch für die Frauen eingerichtet hatte. Die unbekannte Person erschrak und stieß einen Laut aus, es war ein Mädchen, das es nicht mehr schaffte, seine Augen unter dem langen Changot-Gewand zu verbergen, mit dem sich die Yangban-Frauen in der Öffentlichkeit den Blicken von Fremden entzogen. Sie sah Ijong direkt in die Augen. Nur einen kurzen Moment, aber lang genug, dass sich zwei Sechzehnjährige als Mann und Frau erkannten. Das Mädchen drehte sich zur Seite und wartete, bis er vorüber war. Ijong blieb noch einmal stehen und warf ihr über die Schulter einen verstohlenen Blick nach, als sie um die Ecke verschwand. Wie samtweich und leichtfüßig sie in ihrem langen Rock dahinschwebte.... Und ein unbeschreiblicher Geruch blieb von ihr zurück.

 

[...]

 

Nie hatte sich Yon-su zu Hause in Seoul Gedanken über ihren Körper gemacht, wozu auch? Er war einfach da, einsatzbereit und gehorsam. Sie dachte lieber über Grundfragen des Lebens nach. Woher komme ich? Wozu lebt man? Warum muss man sterben? Ihre Eltern trichterten ihr fortwährend ein, sie stamme von ihren Ahnen ab und sei zu einem Leben bestimmt, in dem sie für ihren Vater, für ihren Ehemann und ihre Söhne da sein müsse. Das sei der einzig sinnvolle Lebensweg einer adeligen Frau. Nach dem Tod würde sie als Geist ins Jenseits gehen. Anders durfte und konnte es nicht sein. Aber das mochte Yon-su einfach nicht hinnehmen.

Ohne Zweifel war sie vom Fleisch und Blut ihrer Eltern, das leugnete sie nicht. Aber wozu sie als Frau leben sollte, dazu hatte sie ihre eigene Meinung, die sie freilich nicht laut äußern konnte, das schien ihr zu gefährlich. Ich lebe für mich, dachte sie im Stillen, für niemanden sonst.

Die Zeiten waren vorbei, in denen Frauen, selbst sehr junge Witwen, nach dem Tod ihres Ehemanns keine andere Wahl als der Selbstmord blieb. Wenn so eine Unglückliche damals, angeblich um aller Welt ihre Treue zu beweisen, zu Tode gekommen war, hatte der König in ihrem Dorf das Tor der tugendhaften Frau erbauen lassen. Und heute? Noch immer kam es keiner Frau in den Sinn, für sich selbst zu leben, für niemanden sonst.

Warum sollte das nicht möglich sein? Warum darf es nicht sein, dass sich auch eine Frau für die Welt interessiert, sie erkundet und nach Herzenslust lernt, was sie will? Brav und fügsam hatte Yon-su zu Hause gesessen und die zehn Symbole der Unsterblichkeit? gestickt, aber im Kopf der Sechzehnjährigen wuchsen unzeitgemäße, ja umstürzlerische Ideen heran. Doch je weniger sie einen Ausweg aus ihrer Lage sah, umso größer wurde ihr Verlangen. Vor den unübersehbaren Veränderungen ihres Körpers aber verschloss sie die Augen. Ihre Regel hatte bereits eingesetzt, ihre Brüste bildeten sich heran, waren beinahe reif zum Stillen, ihr Gesicht hatte die Konturen einer erwachsenen Frau angenommen. All das hatte sie ignoriert und sich in ihre allgemeinen Existenzfragen geflüchtet.

Auf dem Schiff war das nicht mehr möglich. Ihr Körper ließ sie keine Sekunde los. Der natürliche Stoffwechsel wurde für die Frauen zur Qual. Es gab zwar Toiletten für sie, aber wenn sie sich durch die Menge der liegenden Männer zum Frauenklo durchzwängen mussten, fühlten sie sich wie ausgezogen. Die Männer kicherten unverhohlen. Hatte Yon-su beim Toilettengang ihre Mutter dabei, ging es noch umständlicher zu. Wie bequem hatten sie es dagegen in Seoul gehabt; den Nachttopf aus Messing leerte am Morgen das Dienstmädchen. Aber von solchem Luxus konnte sie hier auf der Ilford nur träumen. Sie trank wenig und aß nur das Nötigste, um so selten wie möglich die improvisierte Toilette aufsuchen zu müssen. Das Schaukeln des Schiffes tat sein Übriges. Gleich nach der Abfahrt hatte sie sich dreimal übergeben müssen. Jedes Mal wurde es schlimmer.

Das Animalische ihres Körpers wurde ihr auf krasse Weise bewusst, sie war ein tierisches Wesen, mal war es hungrig, mal war ihr speiübel, mal quälte der Harndrang. Am unerträglichsten war für sie, dass ihr Körper den Augen der anderen schutzlos ausgeliefert war. Es gab anfangs nicht einmal eine Trennwand, hinter der sie, und wenn auch nur für kurze Zeit, ungestört gewesen wäre. Diese schamlosen stummen Blicke! Ohne ein einziges freundliches Lächeln. Nein, ein Lächeln hätte sie noch weniger ertragen können. Jedesmal, wenn sich ein Blick in ihren Körper bohrte, wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie nur ein schwaches Geschöpf war, das dem Kerker des Körpers nicht entfliehen konnte. Männer beobachteten jede ihrer Regungen, wie sie aß, schlief, aufs Klo ging, kotzte. aufs Klo ging, kotzte.

Nach einer Woche wurde sie gelassener. Die geilen Blicke der Männer und das eifersüchtige Getuschel der Frauen konnte sie nun einigermaßen aushalten. Einmal, selbstbewusst, mit aufgerichtetem Kopf, erwiderte sie sogar einen jener unverschämt musternden Blicke und starrte zurück. Zum ersten Mal im Leben sah sie einem Mann, einem fremden Mann, direkt in die Augen. Ihr Kopf dröhnte vom eigenen Herzschlag, ihre Haut kribbelte vor Anspannung. Aber zugleich war ihr, als hätte sie mit ihrer mutigen Handlung die Tür zu einer neuen Welt aufgerissen. Von nun an ging Yonsu dazu über, ihr langes Changott-Gewand, das Kopf und Körper verschleierte, an- oder abzulegen, wie es ihr in den Sinn kam. Einmal wollte ihre aufgebrachte Mutter sie zurechtweisen. Yonsu blieb stur. Es war ohnehin absurd, mit dem Changott noch irgendetwas verbergen zu wollen.

 

[...]

 

Die auf dem Schiff beginnende dramatische Liebesgeschichte zwischen Yon-su und Ijong wird durch das gesamte Buch hinweg weitererzählt, wie auch die Geschichten anderer ausgewählter Protagonisten, die sich immer wieder miteinander verweben.

 

Als zweite Leseprobe noch ein Kapitel aus der Mitte des Buchs:

 

In leichtem Trab lenkte Choi sein Pferd auf das Henequenfeld zu. Er trug einen eleganten, breit geschwungenen Sombrero, am Sattel steckte eine lederne Peitsche. Auf seiner Brust funkelte das Silberkreuz, das er Kwangsu ein zweites Mal abgenommen hatte. Von Weitem hätte man ihn zweifellos für einen Mexikaner, einen einheimischen Hazienda-Aufseher gehalten. Als er das Henequenfeld erreichte, verneigten sich die koreanischen Arbeiter, was Choi aber nicht zu beachten schien. Er inspizierte die Arbeit auf dem Feld. Überall wurde energisch auf die fleischigen Henequenblätter eingeschlagen, bis sie schließlich abfielen. Frauen und Kinder banden sie dann mit ihren zarten Händen zusammen. Es schien alles friedlich zu sein.

In einiger Entfernung sah Choi den Schamanen Paksu angestrengt mit seiner Machete herumfuchteln. Er gab seinem Pferd leicht die Sporen und ritt an ihn heran.

»He«, rief er ihm zu. Paksu nahm den Hut vom Kopf und blickte zu ihm auf. Geblendet von der Sonne, zog er eine Grimasse.

»Na, wie klappt’s denn? Lässt es sich aushalten?«, fragteChoi.

Paksu druckste herum.

»Nimm dich bloß in Acht! Ich will dich nur warnen. Nicht dass es dir wie Kwangsu ergeht!«

Kaum war Choi fortgeritten, spuckte Paksu geräuschvoll aus. Yi-ssi, der neben ihm arbeitete, trat näher an ihn heran und sagte mitfühlend: »Dieser verdammte Schweinehund! So ein Arschkriecher!« Paksu schaute vorwurfsvoll zum Himmel, an dem nicht das kleinste Wölkchen zu sehen war.

»Ob Kwangsu vielleicht schon tot ist?«, murmelte Yi-ssi vor sich hin.

»Ganz bestimmt, so oder so«, meinte der Schamane.

»Entweder ist er an irgendeiner Krankheit gestorben oder verhungert.«

Mit wütenden Bewegungen schlug Yi-ssi ein Henequenblatt ab.

»Dieser gemeine Hund von Besitzer hat ständig beteuert, dass alles in Ordnung wäre, wenn wir nur in seine Kirche kommen und an seinen Gott glauben. Eine glatte Lüge! Dieser Bastard, dieser Ganove lässt Kwangsu in einer dreckigen Hütte dahinsiechen. Wer will da an ihren Gott glauben? Nicht einmal die alten Samsin-Göttinnen* in unserem Dorf hätten solche Grausamkeiten zugelassen.«

Bei Einbruch der Dunkelheit, nachdem Paksu seine Arbeit beendet hatte, raffte er etwas Essbares zusammen, darunter Maisbuletten und Weißkohl-Kimchi, und sprang heimlich über die Einfriedung der Hazienda. Es dauerte eine halbe Stunde zu Fuß bis zu der Bruchbude der Kranken, die nur notdürftig gegen die Sonne geschützt war. Ein unerträglicher Gestank schlug ihm entgegen.

»Hallo, Kwangsu!«, rief Paksu, als er in die Hütte trat. Kwangsu, der einstige Pater Paulus, schaute ihn aus eingefallenen Augenhöhlen an. »Willst du etwa dein Leben aushauchen und deine Seele hier in der Fremde umherirren lassen?« Er half ihm, sich vorsichtig aufzurichten. Kwangsu schüttelte den Kopf, wies das Essen von sich und sagte mit kaum hörbarer Stimme, er habe keinen Appetit. Aber vom Weißkohl-Kimchi nahm er doch etwas.

»Was ist denn das?« Paksu wies auf einen kleinen Erdhügel, der sich ein paar Meter von der Hütte entfernt auf dem freien Feld erhob.

Kwangsu lachte nur: »Weißt du, was ich zuallererst hier tun musste?«

Paksu kniff die Augen zusammen: »Du hast die Leichen vergraben müssen, stimmt’s? Aber womit denn?«

Kwangsu hielt ihm die Hände vor die Nase und lächelte bitter. Er hat wohl keine andere Wahl gehabt, dachte Paksu. Sich mit Leichen die Hütte zu teilen, wäre unzumutbar gewesen. Er schaute ihm eine Zeitlang wortlos zu, dann fragte er: »Geht es dir immer noch so schlecht?«

»Ja, ich bin schlapp und zu nichts in der Lage, sämtliche Glieder schmerzen. Aber todkrank bin ich dennoch nicht. Nachts kann ich nicht schlafen. Erscheinungen verfolgen mich. Wenn ich die Augen schließe, ist alles um mich herum weiß. Ich habe das Gefühl, als würde jemand an jedem einzelnen Knochen meines Körpers nagen.«

Paksu schloss die Augen, als wollte er nichts mehr von diesem Elend hören.

»Jetzt pass einmal genau auf! Tu, was ich dir gesagt habe. Es bleibt dir leider nichts anderes übrig. Ich sage dir das wirklich nicht gerne, aber ich sehe keinen anderen Ausweg.«

Kwangsu schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das kommt nicht in Frage!«

»Warum denn nicht?«, bedrängte ihn Paksu.

Kwangsu schwieg eine Weile und sagte dann: »Ich bin katholischer Priester gewesen. So, jetzt weißt du’s.«

Paksus Gesicht blieb ohne jede Regung, als verstünde er nicht, warum das etwas mit der Sache zu tun haben sollte. Kwangsu beruhigte sich.

»Niemand kann das vorhersehen«, sagte Paksu. »Der Geist kommt völlig unerwartet und unangekündigt. Er hat Besitz von dir ergriffen, hat dich als sein Medium auserkoren. Du musst ihn annehmen, es gibt kein Entkommen. Wenn er in dich hineingefahren ist, kannst du nichts mehr dagegen tun. So ist es nun einmal.«

Er stand auf und ließ Kwangsu mit seinen Qualen und Alpträumen in der Hütte zurück.

In dieser Nacht erschien ihm eine Frau. Sie gehörte nicht zur Hazienda Buenavista. Die Frau deckte ihm wortlos den Tisch. Zum edlen Reis gab es gegrillten Gelbfisch, knackig-saftiges Kimchi, rote Chilipaste, grüne Chilischoten, eingelegte Austern, Krebs und gedünstete blaue Krabben, Köstlichkeiten, die Kwangsu gierig verschlang. Eine Traummahlzeit. Verstohlen blickte er immer wieder zu der Frau. Als er die Haut des Gelbfisches mit den Stäbchen abzog, kam, noch dampfend, das Fleisch zum Vorschein, das sich saftig und zart anfühlte. Die Frau ging hinaus, um Reistee aufzubrühen.

»Mutter!«, rief er.

Sanft lächelnd schüttelte sie den Kopf.

»Erkennst du mich nicht wieder?«

Der gesättigte Kwangsu ließ sich nun Zeit und betrachtete ihr Gesicht genauer. Die Frau stellte das Tablett mit dem Tee ab und setzte sich zu ihm. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest, sie war zart und warm. Augenblicklich empfand er Geborgenheit und Beseligung. Er schloss die Augen. In der Ferne sah er schemenhaft die Umrisse eines Baumes.

»Komm mit, lass uns dorthin gehen!«, sagte sie. Er rannte mit aller Kraft los. Aus dem morgendlichen Nebel tauchte eine riesenhafte Ulme auf, von der etwas Wuchtiges, vielleicht ein vom Blitz getroffener und abgeknickter Ast, leicht schaukelnd herabhing. Jetzt begriff er endlich, was es war. Ein wilder Schmerz durchzuckte seinen Körper. Es war die Frau, die sich damals erhängt hatte. Diese Frau, gerade zwanzig, früh verwitwet, war Nacht für Nacht zu ihm herausgeschlichen. Einmal hatte die junge Witwe sich mit dem Ahnungslosen treffen wollen, und wie verabredet hatte er sich im Morgennebel am Dorfeingang eingefunden. Doch dann empfing ihn nur noch ihr toter Körper. War es das, was sie ihm letztlich zeigen wollte? Er kam sich vor wie ein im Spinnennetz gefangenes Insekt. Welche Absurdität! Er wusste weder ein noch aus, es war ihm zu mute, als säße er in der Falle, mehr noch, als würde er von Gott einer Prüfung unterzogen. Er fühlte die schwere Last der Sünde. Sein Fleisch war schwach geworden, er hatte der Versuchung nicht widerstanden. Und Gott hatte sein Urteil gefällt. Was danach geschah, war lediglich die Vollstreckung der ihm auferlegten Sühne.

Die Zeit verstrich. Eines Tages stürmten zwölf berittene Geister, Säbel und Fahnen schwingend, in seine Hütte. Ein alter Mann drückte ihm etwas Reis in die Hand. Kwangsu nahm ihn entgegen, fuhr zum Himmel empor und verteilte ihn an die Vögel und anderes Getier. Schließlich erschien die schreckliche Mudang aus Komso und beschimpfte ihn: »Ich hatte dich zu mir geholt, aber nicht, weil ich dich mochte. Nein, was ich brauchte, war dein junger Körper! Und jetzt ist es endlich soweit, komm und füge dich!«

Damals hatte ihn der Glaube aus Palästina gerettet, aber jetzt schien auch er keine Lösung anbieten zu können, um ihn da herauszuholen. Seine Blicke trafen mit denen der Frau zusammen, die wie eine Frucht am Baum hing. Es waren die Augen jener Frau, die ihm den herrlich fleischigen Gelbfisch zubereitet hatte. Erschrocken zuckte er zusammen und öffnete die Augen, zwang sich, sie noch weiter aufzureißen – doch nichts anderes umgab ihn als die Leere seiner düsteren, feuchten Hütte, der Gelbfisch aus Uido und die schöne Frau blieben verschwunden.

Einige Tage später suchte ihn Paksu, begleitet von etwa zehn Männern, wieder in der Hütte auf. Da sie lange hatten ausharren müssen, bis sie vor Choi und den anderen Aufsehern sicher waren, war es bereits nach Mitternacht, als Paksu mit seinem Initiations-Kut endlich beginnen konnte, um den Geist, der von Kwangsu Besitz ergriffen hatte, feierlich zu empfangen. Es sollte eine Sternstunde Paksus werden und zugleich die Geburtstunde des Schamanen Kwangsu, die viele der Koreaner in Buenavista unbedingt miterleben wollten. Daher nahmen sie das beträchtliche Risiko in Kauf. Sie bestachen die wachhabenden Maya und vergewisserten sich, dass Choi eingeschlafen war. Velazquez war außer Haus. Er hielt sich in Mérida auf. Auch aus den nahegelegenen Haziendas trafen Landsleute ein, darunter der Eunuch Oksun, nach drei harten Arbeitsjahren sichtlich abgemagert. Er wollte das Kut auf seiner Flöte begleiten. Sie klang verblüffend ähnlich wie die P’iri, wer genau hinhörte, den erinnerten ihre etwas höheren Töne vielleicht noch mehr an die Taepyŏngso. Sangsoi brachte eine Changgu-Trommel mit, die er aus mexikanischem Rindsleder gebastelt hatte. So konnte das Kut in nahezu ursprünglicher Form zelebriert werden.

Hier in der Einöde, wo selbst Henequen nicht gedieh und sich schier endloses Brachland ausdehnte, fand vor der einsamen Hütte das nächtliche, sich über fünf Stunden hinziehende Kut statt. Musiker und Mudang hatten bisher noch nie zusammen geprobt, alles war improvisiert, aber jeder Takt stimmte, als hätten sie nie etwas anderes getan. Für den einstigen Pater Paulus, aus dem nun der Paksumudang Kwangsu werden sollte, spielte der alte Hofmusikus auf der Flöte und tanzte dazu, während Paksu, der Mudang aus Chemulpo, den Messertanz darbot und Sangsoi auf dem Changgu trommelte. Mitten in der Wildnis Yucatáns zuckten die von der harten Feldarbeit ausgelaugten Körper der Frauen, die sich selbstvergessen den Melodien und dem Rhythmus einer Musik hingaben, die ihnen vertraut war wie ihr eigen Fleisch und Blut. Das Kut strebte seinem orgiastischen Höhepunkt zu. Wie von Sinnen tanzten die Frauen, nun schon über fünf lange Stunden, kreischten, lachten und heulten. Die Männer betranken sich bis zur Bewusstlosigkeit.

Kwangsu fügte sich Paksu willenlos wie in Hypnose und tat alles, was dieser verlangte. Er zog sich aus, zog sich an, schwebte in der Luft, fuhr wieder herab. Die letzte Vision, die Kwangsu empfing, ließ ein weißes Pferd auftauchen. Es erschien am Horizont, lief auf ihn

zu und verschlang ihn. Kwangsu glitt hinunter in den Pferdebauch, kauerte zwischen den Gedärmen, wand sich wieder heraus, stieg auf und ritt mit einer roten und einer weißen Fahne davon. Dabei schrie er: »Ich bin der General auf dem weißen Ross.«

Das war eben jener Geist, den die Mudang in Komso verehrt hatte. Inmitten dieser Visionen durchfuhr Kwangsu blitzartig die Überzeugung, dass die Mudang bereits aus dieser Welt geschieden sein musste, eine Erkenntnis, die genauso plötzlich wieder erlosch.

 



?               ein Hafen in Inchon, entspricht heute dem Stadtteil Chunggu von Inchon

?     Sonne, Berg, Wasser, Stein, Wolke, Tanne, Kraut der Unsterblichkeit, Schildkröte, Kranich, Hirsch