Leseprobe
Anne Bax, Herz und
Fuß
Aus dem ersten Kapitel des
Romans:
Das ganze Ruhrgebiet
lag uns im Abendlicht zu
Füßen. Stadt an Stadt an Stadt, so weit das Auge reichte. Der hohe
Gitterzaun, der die weitläufige Industriebrache, die uns umgab, vor Besuchern
ohne Eintrittskarte schützte, wurde auf meinen Befehl zum
unüberwindbaren Wassergraben um unser eisernes Schloss. Es war ein Freitag
im Juli und das war unsere erste richtige Verabredung. Ich überlegte kurz.
Vielleicht auch unsere zweite, auf keinen Fall unsere dritte, dafür wusste
ich noch zu wenig über sie. »Von hier oben kann man bis Düsseldorf sehen«, flüsterte ich so stolz in
ihr Ohr, als hätte ich den 117 Meter hohen und 68 Meter breiten
Oberhausener Gasometer, auf dessen vorderer Aussichtsplattform wir standen,
persönlich und nur für diesem Zweck umgebaut. Ich wies über
Rhein-Herne-Kanal und Emscher hinweg weltgewandt in die Richtung, in der ich
Düsseldorf vermutete. Mit bloßem Auge gesehen hatte Düsseldorf
von hier oben noch kein Mensch. Wenn man es ganz genau betrachtete, war das
einfach einer der Sätze, die wir in den täglichen Führungen gern
benutzten, um Reisende aus ländlich geprägten Bundesländern zu
beruhigen. Die Tatsache, dass man eine so gepflegte und modisch tonangebende
Stadt wie Düsseldorf vom Dach einer gewaltigen, eisernen Tonne sehen
konnte, deren Innenwände auf ewig mit dunklem Schmierfett bedeckt waren,
ließ ganz Oberhausen gleich mehr nach Armani und weniger nach Armut
aussehen. Dort im fernen Düsseldorf roch es schon morgens nach Chanel,
hier roch es den ganzen Tag nach Kanal.
Ihr war das natürlich
vollkommen unwichtig. Sie winkte fröhlich hinab zu einem langen
Güterzug, der sich parallel zum Kanal mit vielen bunten Containern einem
unbekannten Ziel entgegenschleppte. Ich nahm vorsichtig ihre warme Hand, ihre
Finger schlossen sich mit angenehmem Druck um meine und wir schauten gemeinsam
in den Sonnenuntergang. Die Sonne ging über Oberhausen natürlich nie
an einem geraden Horizont unter, sondern sie blieb vorher immer an irgendeiner
verbeulten Satellitenschüssel, einem qualmenden Schornstein oder einer
frisch renaturierten Halde in der Nähe von Duisburg hängen. Im Moment
riss sie sich gerade die komplette linke Seite an der Silhouette dreier
stillgelegter, rostiger Hochöfen blutig und der ganze Himmel zerfloss
dunkelrot.
Meine neue Eroberung fand auch
das schön. Die warme Luft, die ihr das lange Haar zerzauste, umgab uns mit
dem Duft von feuchtem Asphalt, irgendwo weit weg hatte es schon zu regnen
begonnen. Ich zog sie näher zu mir und suchte in ihren blauen Augen nach
meinem Spiegelbild. Da war ich, mein schmales Gesicht, meine dunklen Augen,
mein fragender Mund mitten in ihrem sanften Lächeln. Sie war ein paar
Jahre jünger als ich oder sie war deutlich älter. Vielleicht waren wir
auch beide fünfunddreißig. Mein Herz klopft, flüsterte sie. Ich
lauschte. Wenn ich noch ein Herz gehabt hätte, hätte es jetzt
bestimmt auch heftig und hörbar geklopft. Aber leider blieb es in dem
hohlen Raum in meiner Brust absolut still. Was sicher nicht nur an dem
emotionalen Frontalzusammenstoß lag, der mir in einem Sommer wie diesem
vor ziemlich genau acht Jahren das Herz zertrümmert hatte, sondern auch
daran, dass ich in Wirklichkeit hier oben auf dem Gasometer vollkommen allein
war.
Auf dem Kanal fuhr ein langes
Binnenschiff Richtung Rhein und zog gerade seine Brücke ein, um unter der
nächsten Eisenbahnüberführung hindurchzupassen. Kluges Schiff.
Rechtzeitig den Kopf einzuziehen, hatte ich erst spät gelernt. Ich
probierte, wie weit ich meinen Kopf zwischen die Schultern senken konnte, und
war zufrieden, ich hätte locker unter der Brücke hindurchgepasst.
Dann drückte ich meine Stirn gegen den Gitterkäfig über der
Plattform, der verhinderte, dass Unglückliche ihre Probleme hier oben mit
Hilfe der Schwerkraft lösten, und seufzte. Warum stellte ich mir
ausgerechnet an diesem luftigen Ort immer so plastisch vor, dass es nach all
den Jahren wieder eine Frau neben und ein Gefühl in mir geben könnte?
»Weil das hier einfach unser
Lieblingsplatz ist, nicht wahr?«,
sagte ich zu der schmutzig grauen Taube, die
am Rande des Daches bestätigend mit dem Kopf nickte. So nah am Abgrund,
wie sie dort hockte, lief in ihrem Leben wohl auch nicht alles ganz glatt.
Vielleicht hätte ich ja
etwas mehr gespürt, wenn ich mir die Augen der Frau, die mir das
vergiftete Apfelstück aus dem Hals küssen sollte, grün
vorgestellt hätte und ihre Haare kurz und perfekt geschnitten? Oder wenn
ich ihr dunkle Augen gegeben hätte? Braune? Gesprenkelte? Ein grünes
und ein blaues? Eine Augenklappe? Welches war eigentlich die häufigste
Augenfarbe? Und welche gefiel mir am besten? Hatten mir IHRE Augen damals
eigentlich von Anfang an gefallen? Ich starrte auf das eiserne Gitter, an dem
ich allein lehnte, auf die Taube, die immer noch nickte, und konnte mich nicht
erinnern. Das war gut. Alles was ich über SIE vergessen konnte war gut.
Die Taube gurrte jetzt leidgeprüft und spähte entschlossen in die
Tiefe. »Erstens kommt, wer auch immer
dich verlassen hat, davon auch nicht zurück, zweitens kannst du fliegen.
Also lass es!« Ich sprach so laut, dass die
Taube erschreckt aufflog und mit wirrem Blick Richtung Kanal davonflatterte.
Konnten Tauben schwimmen?
Die Sonne hatte den Kampf gegen
die drei toten Hochöfen mittlerweile verloren und war ergeben in einen der
stillgelegten Erzbunker gefallen. Das nutzte der Regen, um zusammen mit der
Dämmerung heranzueilen und das Dach, den Güterzug, das Schiff, die
Stadt und mich mit den ersten kleinen Tropfen zu besprenkeln. In meiner Hand
knarzte das schwarze Funkgerät leise und erinnerte mich daran, dass ich
meinen abendlichen Kontrollgang über die drei Aussichtsplattformen auf dem
Dach des Gasometers nun endlich fortsetzen sollte. Ich nahm die Stirn vom
Gitter und ging langsam weiter.
Eigentlich mochte ich diese stillen
Stunden am Abend, die mir mein Job als Projektleiterin dieser spät
berufenen Ausstellungshalle bot, besonders. Es war die Zeit, wenn die Aussichts- und Kulturhungrigen die Welt wieder durch
ihren Fernseher betrachteten und wir in unserem untergegangenen Industrieriesen
in kleiner Besetzung dem Ende des Tages entgegenträumten. Das heißt,
ich träumte, der Hausmeister reparierte, die Aufsichten rauchten und die
Kassenkräfte zählten.
Ich machte mich auf den Weg von
Plattform eins, an der der Außenaufzug hielt, mit dem ich vor einigen
Minuten angekommen war, auf den Rundkurs zu den beiden anderen Plattformen.
Zurück würde ich auf dem äußeren Treppenturm zwei
Stockwerke bis in die zehnte Etage gehen und von dort den gläsernen Aufzug
im Innern nehmen, der einen durch den gigantischen, dunklen, stillen Raum
schweben ließ wie einen einsamen Taucher durch die Tiefsee.
Sein kathedraler Innenraum hatte
diesen gelernten Gasspeicher Ende der achtziger Jahre vor dem Abriss bewahrt
und ihm diesen neuen Job als Wahrzeichen und Museum auf dem zweiten Bildungsweg
beschafft. Die Fahrt durch die Schwärze hinab in die wechselnden
Ausstellungen wurde mir nie langweilig, aber bevor ich heute schweigend
schweben konnte, galt es erst mal auszuschließen, dass jemand die Nacht hoch
über dem Ruhrgebiet verbringen wollte. Es gab zwar für jede Plattform
auf dem Dach auch eine Überwachungskamera, aber diese Wunderwerke der
Technik hatten mehr tote Winkel als der frühe VW-Käfer.
Ich schlenderte in Richtung
Plattform zwei. Alles hier oben war ruhig und menschenleer, kein vergessener
Besucher, der noch die Aussicht genoss, kein Lebensmüder, der nach ewigem
Schlaf suchte. Von dieser Aussichtsplattform hatte ich den direkten Blick auf
Europas größtes Einkaufszentrum, das die Frontlinie der ganzen
Region in der Schlacht gegen den Untergang darstellte. Früher hatten auf
dem gleichen Gelände Zehntausende in Stahlwerken und an Hochöfen
gearbeitet, heute brachte es diese selbst ernannte neue Mitte der Stadt auf
ungefähr dreihundert Tapfere, die Freizeitkleidung und Flachbildfernseher
verkauften. Sollten wir die Schlacht verlieren, würden wir dort
später einfach einen Gedenkstein aufstellen: Wanderer, kommst du nach
Oberhausen …
Gerade spuckte der lang
gestreckte Flachbau seine Besucher Kleinwagen für Geländewagen
für Mittelklassewagen in Richtung A 42
aus. Eine träge Metallpolonaise, die im dunklen Rot des Sommerabends
angemessen bedeutungsvoll glänzte. Der Wind trug mit den Regentropfen buntes Tonkonfetti des Karaoke-wettbewerbs,
der an Sommerabenden mit gnadenloser Regelmäßigkeit in einem der
Biergärten rund um das Konsumschlachtfeld stattfand, zu mir herauf. Ein
eiliger Schwarm in der Mitte getrennter Akkorde und zerrissener Texte, die
selbst so kleinteilig noch von dem Schrecken kündeten, den sie auf ebener
Erde zu verbreiten wussten. Ich wanderte schnell weiter, der letzten Plattform
entgegen. Ein großer Fetzen eines vielstimmigen Refrains über einen
Stern, der meinen Namen trug, verfolgte mich bis zur nächsten Kurve, wo
seine kurze stellare Reise von der Außenwand des Gasometers unsanft
beendet wurde. Mich freute das, denn von Liebesliedern schmerzte mir auch nach
acht Jahren ohne Liebe noch anfallartig die Milz.
Irgendetwas schimmerte in einer
Ecke der letzten Plattform zwischen den Gitterstäben grünlich, als
ich dem Weg weiter folgte. Ich ging unwillkürlich ein wenig schneller.
Wahrhaftig, in der linken Ecke der dritten, großen Plattform lag oder
stand ein grüner Gegenstand. Sehr grün, unangenehm grün. Ich
kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, aber der unbestimmte
grüne Gegenstand ließ sich mit den begrenzten Möglichkeiten
meiner Augen nicht näher heranzoomen. Wahrscheinlich hatte wieder jemand
seinen Rucksack zum Fotografieren abgenommen und ihn dann einfach vergessen.
Leute vergaßen alles Mögliche, Taschen, Schirme, Mäntel,
manchmal sogar Kinder. Wir trugen alles zusammen und bewahrten es auf, die
Kinder unterhielten wir altersgerecht mit Geschichten über den garstigen
Gasometergeist, der unter dem Dach schwebte, was ihre Freude über die
Rückkehr der Eltern verstärkte. »Hat jemand heute nach einer grünen Tasche gefragt? Oder
irgendetwas Grünem?« Ich drückte die Taste der
Funke, während ich langsam Richtung Plattform ging.
Helmut, der Hausmeister, knurrte
als Erster eine Antwort. »Bei mir nicht.«
Auch die
Kasse und die Garderobe verneinten und verabschiedeten sich in den Feierabend.
Ich ging näher. Also hatten wir hier einen Gegenstand, den niemand vermisste. In der
Dämmerung und auf diese Entfernung sah die Fundsache jetzt eher wie eine
kleine Skulptur aus, vielleicht fünfzehn Zentimeter hoch, unten breiter
oben schlanker. Konnte auch eine Vase sein. Wer vergaß denn eine Vase? »Helmut schaust du mal auf den
Monitoren, ob noch jemand außer mir auf dem Dach ist?« Vielleicht ließ sich der
Besitzer ja noch zeitnah mit seinem Eigentum wieder vereinigen.
»Wer soll denn da noch sein? Ich
sehe nix!« Wahrscheinlich hatte er gar
nicht geguckt.
Ich trat vom Weg, der in weitem
Kreis um die erhöhte Dachmitte des Gasometers führte, auf die Plattform
hinunter und blieb ungefähr zwanzig Meter vor dem grünen Gegenstand
stehen. Ein ganz kleines, aber trotzdem spürbares Gefühl von
Unbehagen ließ mich an dieser Stelle innehalten. Weit unten kreischten
die Bremsen des Güterzugs klagend auf, als sollten sie den Soundtrack
für einen Horrorfilm liefern. Ich spielte mit der Taste des
Funkgeräts und überlegte kurz, ob ich Helmut bitten sollte, zu mir
aufs Dach zu kommen. Um gemeinsam eine Vase im Zwielicht zu betrachten? Seine
Meinung dazu würde ich mir dann wochenlang anhören können.
Vielleicht war das ja sogar ein Scherz der Aufsichten. Wenn ich mir allerdings
überlegte, wer heute Dienst hatte, war auch das mehr als unwahrscheinlich.
Diese spezielle Gruppe städtischer Angestellter musste schon in Einzelgesprächen
beruhigt werden, wenn sie ihre Kaffeetassen verwechselte.
Ich sah jetzt zum ersten Mal ganz
genau hin. Nein, eine Vase war das auch nicht. Eher ein Schuh, ein
großer, halbhoher Stiefel, über den ein Witzbold einen schrecklich
grünen Wollstrumpf gezogen hatte. Der obere Teil hatte einen Zipfel, als
hätte man dort einen Knoten gemacht. Also doch ein Scherz? Sehr lustig.
Vom Licht des Tages war jetzt nicht mehr viel übrig. Die blauen
Scheinwerfer, die den oberen Teil des Gasometers bei Einbruch der Nacht in
einen Lichtkranz hüllten, glimmten langsam auf und tauchten die Plattform
in unwirkliches Zwielicht. Der Güterzug fuhr auf der anderen Seite mit
einem lauten Zetern seiner eisernen Räder wieder an und ich fuhr mit einem
kleinen Schrei zusammen. Was war denn heute Abend mit mir los? Ich ging
entschlossen weiter. Ja, das war ein Schuh, ein ziemlich großer halbhoher
Herrenschuh, und auch das mit dem grünen Strumpf stimmte. Ich stellte mein
Funkgerät auf den metallenen Boden und hob den Schuh hoch. Er war eiskalt
und ein wenig feucht. Ich drehte ihn in beiden Händen. Die Kälte war
so intensiv, dass ich sie in meinen Fingern spüren konnte. Wie konnte ein
Schuh, noch dazu ein Schuh in einem so dicken, dichten Wollstrumpf, an einem so
warmen Julitag so kalt sein? Schwer war er auch noch. Vielleicht war er aus
Metall. Ich stellte den Schuh wieder auf den Boden und nestelte an dem Knoten,
mit dem der Strumpf oben zusammengebunden war. Die neonfarbene Wollsünde
war eindeutig selbst gestrickt, an den Fasern einiger giftgrüner
Wollfäden hingen winzige, glitzernde Wassertropfen. Der Regen wurde
stärker und ich fluchte, während der Knoten nur widerwillig nachgab.
Endlich hatte ich ihn gelöst, zog das längere Ende aus der Schlaufe
und spähte vorsichtig in die Öffnung. Die Seiten des Strumpfes
klebten aneinander. Da war etwas Dunkles, etwas Rotes? Es sah aus wie eine
… Blume? Ich zögerte kurz und griff dann langsam in den kalten,
grünen Strumpf, der meinen Unterarm einen unschönen Augenblick lang
wie ein feuchter, kratziger Ärmel umschloss, und berührte etwas
Weiches. Ein wenig angewidert zog ich meine Hand schnell aus dem klammen, engen
Wolltunnel und brachte mit festem Griff das weiche Objekt mit ans
Dämmerlicht. Es war die perfekte Blüte einer großen, roten Rose
ohne Stil. Eine Rose ohne Dornen. Sie war wunderschön und ihre
Blätter schienen genau für dieses Licht gemacht zu sein, denn sie
changierten gekonnt zwischen tiefschwarz und blutrot. Ich nahm eines der
dunklen Blütenblätter zwischen die Finger. Es war ebenfalls eiskalt.
Ein kleiner Regenschauer huschte über die Plattform und hinterließ
eine feine Gänsehaut auf meinem Arm. Der Tag hatte plötzlich viel von
seiner Wärme verloren. Warum stellte jemand einen Schuh mit einer
wunderschönen roten Rose und einer extrem hässlichen grünen
Wollsocke auf das Dach des Gasometers? Ich krempelte den Strumpf langsam
tiefer, um zu sehen, was für eine Art Schuh es war. Falls Helmut doch
einen seiner durchgeschwitzten Arbeitsstiefel im kleinen Grünen als Spaß
hier für mich auf die Plattform gestellt hatte, dann würde sein Abend
unerfreulich enden. Aber Helmut würde keine vollkommene Rose für mich
auf den Schuh legen, ich war mir nicht einmal sicher, ob Helmut wusste, dass es
Schnittblumen gab. Der Strumpf war ziemlich lang und eigenartig steif, fast wie
gefroren. Er ließ sich nur schwer krempeln. Schließlich erreichte
der Strumpfbund den Rand des Schuhs und das Leder wurde sichtbar. Ich hatte
irgendetwas Dunkles erwartet, das wurde mir plötzlich bewusst, als der Rand
erschien.
Das Leder war aber nicht dunkel.
Es war blass. Es war blass, es war bläulich und marmoriert.
Mein Blut schoss aus dem Kopf,
weil es nicht mehr in der Nähe meiner Augen sein wollte, und sammelte sich
brodelnd im Magen. Die Magensäure tanzte von dieser Invasion beleidigt
schäumend nach oben. Ich würgte und fühlte mich leicht werden.
Ich starrte auf das obere Ende des Schuhs und sah den glatt durchgesägten
Knochen umgeben von gefrorenem Fleisch.
Das war kein Leder.
Das war kein Schuh.
Das war ein menschlicher Fuß.
Dann fiel ich um.
Der Himmel über mir
war dunkel und der Boden unter
mir warm.
»Charlie! Charlotte!« Aus dem Funkgerät schallte
hektisch mein Name. Ich schlug beide Augen gleichzeitig auf und sie starrten
ins Grüne. Der feine Flaum aus winzigen Fasern, der die dicken,
grünen Wollfäden umgab, kitzelte meine Nase. Ich fuhr entsetzt hoch
und mein rechtes Knie tat dabei höllisch weh. Offensichtlich war ich
zuerst auf ein Knie gesackt und dann seitlich umgekippt. Genau neben den gefrorenen
Fuß, der immer noch dort stand und dem nichts mehr wehtat. Mir wurde
schlecht. »Helmut …« krächzte ich würgend
und schluckend in das Funkgerät, dessen Sprechtaste ich endlich
gedrückt hatte. Ich blickte flehend zu der Überwachungskamera, die
ihre Bilder an seinen Arbeitsplatz
übertrug. Bewegen konnte ich mich nicht, mein ganzer Körper
fühlte sich taub an und mir war, als würde auch ich am Boden
festfrieren.
»Bin unterwegs« kam seine Antwort und ich konnte
hören, wie sich die Tür des Außenaufzugs in der Ferne quietschend
öffnete. Er war schon fast da. Wie lange hatte ich hier gelegen? Ein paar
Minuten sicherlich, es war jetzt schon ziemlich dunkel und der blaue Lichtkranz
strahlte hell. Ich schielte wieder hinunter auf den Boden. Gleich würde
ich nicht mehr allein mit diesem … diesem Ding hier sein. Helmut kam
für sein Alter ungewöhnlich schnell über den Rundkurs zu mir
herab. Die sandfarbene Weste mit den vielen Taschen, die er täglich trug,
wehte trotz der vielen praktischen Werkzeuge, die in ihr verborgen waren, leicht
an beiden Seiten nach hinten. Auf der Plattform angekommen, stellte er sich
stützend neben mich. Ich deutete ohne jede Einleitung auf das Stillleben
am Boden. »Das ist ein Fuß, Helmut,
ein menschlicher, gefrorener, toter Fuß. Und eine Rose, pflanzlich, aber
auch gefroren. Hat hier irgendein Wahnsinniger abgestellt.«
Es auszusprechen machte es in
einem neuen Maß schrecklich und mir wurde wieder schlecht.
Helmut betrachtete den toten
Fuß und schüttelte in einer eigenartig ruckartigen Bewegung seinen
Kopf. Er seufzte dabei einmal tief, dann wackelte der Kopf still weiter.
Sprechen war nicht seine Art. Er hatte dreißig Jahre lang die
Straßen Europas allein und schweigend aus dem Führerhaus eines Lkw
vorbeiziehen sehen, bevor er als Frührentner diesen Hausmeisterjob
angenommen hatte. Selbst Lobbyisten für die Tabakindustrie hätten in
dieser Situation wohl nach den passenden Worten gesucht.
»Polizei …«, stellte er nach langem Schweigen
fest, als hätte er die Lösung für eine komplizierte
Rechenaufgabe gefunden.
Wir sahen uns kurz an. Er war ein
kleines bisschen blasser als sonst und die Furchen auf seiner Stirn schienen
tiefer zu sein. Ich war froh, dass ich mein eigenes Gesicht nicht sehen musste,
und nickte ...
Aus einem späteren Kapitel:
Ein heller Vollmond
hatte sich dem Gasometer als
aufwendig illuminierte Dekoration aufgedrängt …
Ich hatte Baby zwei Freikarten
besorgt und sie zeigte einer meiner Meinung nach etwas zu jungen und zu
dünnen Frau auf Plattform eins gerade Düsseldorf. Die drängte
sich dankbar an die selbsternannte Fernsichtige. Baby zog sie an sich und ich
sah auf meinem Weg diese Bewegung einen vertrauten Rhythmus bekommen. Ich
räusperte mich, damit die beiden nicht vergaßen, was das Wort »öffentlich« in »öffentliche Nacht der
Ruhrgebiets-Landmarken« bedeutete, und schloss eine Hand
fest um die kleine Spraydose in meiner Tasche.
»Wir schließen in zehn
Minuten, wenn ihr also noch etwas von der Ausstellung sehen wollt, müsstet
ihr jetzt nach unten fahren.«
Ich schaute demonstrativ auf mein Handy.
»Ich denke, das lassen wir aus.
Was meinst du, Süße?«
Süße klammerte sich von mitternächtlicher Kultur bedroht
schutzsuchend an Baby und die beiden gingen verschmolzen wie zwei Schokoriegel,
die zu lange in der Sonne gelegen hatten, neben mir her bis zum Aufzug.
»Ich bleibe noch einen Moment
oben. Viel Spaß noch euch beiden.« Ich versuchte, nicht anzüglich zu klingen, und merkte, dass es
mir misslang. Baby streckte mir kurz bevor sich die Aufzugtür schloss die
Zunge heraus. Mit den beiden fuhr noch eine Gruppe Hobbyfotografen nach unten,
die riesige Stative und Objektive in den Aufzug schleppten. Morgen würde
das Internet von einer mächtigen Welle »Mond-über-der-Metropole-Ruhr-Bilder« überschwemmt werden.
Noch acht Minuten bis
Mitternacht, so langsam konnten die Aufsichten ausschwärmen und die
wenigen noch im und um das Gebäude verstreuten Besucher auf das Ende
dieser langen Museumsnacht aufmerksam machen. Ich drückte gerade die
Sprechtaste des Funkgerätes, als mein rechtes Bein zu vibrieren begann.
Ich zog das Handy aus der Hosentasche und schaute auf das Display. Mittlerweile
war mir diese spezielle Nummer vertraut. Ich hatte Irene Thomas zwei Tage nach
Markus’ Besuch angerufen und nur ihre Mailbox erreicht. Sie wiederum
hatte einen Tag später eine Nachricht auf meiner hinterlassen und ich
hatte gestern wieder ihre angerufen. Wenn ich jetzt den Anruf annahm, bevor sie
wieder auflegte, würde es uns vielleicht gelingen, ohne elektronische
Hilfen miteinander zu reden.
»Hallo?«
»Frau Gabriel?« Ihre Stimme klang auch
unaufgezeichnet äußerst angenehm.
»Ja. Frau Thomas?«
»Auch ja. Ich hoffe, ich
störe Sie nicht zu später Stunde, aber ich bin gerade hier
vorbeigefahren und habe gesehen, dass der Gasometer noch offen ist und da
dachte ich, ich versuche es einfach mal.«
»Da haben Sie richtig gesehen und
nein, Sie stören nicht.«
»Heißt das, ich könnte
auch noch reinkommen?« Sie lachte vorsichtig.
»Wo sind Sie denn?«
»Vor dem Kassenhäuschen. Aber
das ist schon geschlossen.«
»Dann bleiben Sie mal da stehen.
Ich komme Sie abholen.«
»Wunderbar.« Sie legte auf.
Per Funk dirigierte ich die
Aufsichten zur letzten Kontrollrunde und fuhr mit einem im lockeren Palstek
ineinander verknoteten Männerpaar nach unten. Ich betete darum, nicht mit
den beiden stecken zu bleiben, denn der Einblick in schwule
Zungenkussvariationen, den sie mir vermittelten, während wir an einem Seil
kontrolliert der Erde entgegenfielen, deckte meinen Bedarf vollkommen. Unten
ging ich den kurzen Schotterweg vom Aufzugturm zum Kassenhäuschen am
Gitterzaun und lauschte dem regen Funkverkehr, der die verschiedenen Bereiche
als geräumt oder zu räumen meldete. Seit der Sache mit dem Fuß
waren alle intensiv bemüht, nichts zu übersehen. Mit mir schlenderten
vereinzelte Besucher zum Ausgang.
Irene Thomas stand in einem
Flecken Lampenlicht, der sich vom hellen Mondlicht bedrängt
unregelmäßig über den asphaltierten Vorplatz gegossen hatte.
Der Vorplatz stand ihr genauso gut wie das Empire State Building, auf dem ein unbekannter Amerikaner das Bild von ihr und
Markus geschossen hatte. Wahrscheinlich würde sie auch auf einer
Müllhalde gut aussehen. Es gab solche Menschen, die ihre Umgebung
erhellten und schöner machten. Ich ging auf sie zu und sie lächelte
mich an, als ich näher kam. Helmut trat aus dem Kassenhäuschen
und sah kurz zu ihr, bevor er knurrte: »Aufschließen?« Er
hatte seinen Schlüssel schon in der Hand, mit hoher Wahrscheinlichkeit
hatte er vollkommen unsichtbar hinter der verspiegelten Kassenscheibe ihrem
Teil des Telefongesprächs gelauscht.
»Das wäre nett, Helmut.«
»Hallo.« Sie reichte mir die Hand,
nachdem sie durch das Tor gegangen war. »Ich bin Irene.«
Ich nahm ihre Hand und
drückte sie. Sie erwiderte den Druck kurz und fest.
»Ich bin Charlotte.«
»Wir können du sagen, oder?
Ich habe gehört du spielst auf unserer Hochzeit Mundharmonika, das
verbindet doch.«
»Auf jeden Fall. Du sagen, meine
ich. Was die Mundharmonika angeht, verhandele ich noch mit dem
Bundesverfassungsgericht, das meine Konzerte als Nötigung einstufen will.«
Sie lachte. »Markus hat recht gehabt, ihr habt
den gleichen Humor. Ich bin, nebenbei bemerkt, unendlich dankbar, dass du mir
ein Interview ermöglichst.«
Die Freude lag ganz bei mir.
»Na ja, ich habe gehört, dass
wir beide mit einer einzigen Geschichte von dir sehr reich werden. Wie
könnte ich da ablehnen.«
»Reich? Ich weiß nicht. Du
hast alle anderen Angebote abgelehnt.« Sie sah mich ernst an.
»Deren Verlobte haben nie mit mir
zusammen die Tür zum Chemiesaal geklaut.«
»Warum habt ihr das denn gemacht?«
»Wenn ich das bloß noch wüsste.« Wir lachten gleichzeitig und in
mir breitete sich das Gefühl aus, das nötig war, um mit
hölzernen Segelschiffen zu unbekannten Kontinenten aufzubrechen. Helmut
putzte schon seit einiger Zeit einen ungewöhnlich hartnäckigen Fleck
auf der Kassenscheibe und ich konnte förmlich sehen, wie seine Ohren sich
den zarten Schallwellen über unseren Köpfen entgegenstreckten.
»Lass uns in mein Büro gehen,
da können wir einen Termin für ein Gespräch vereinbaren.« Ich ging vor in die Richtung, in
der mein Büro-Container stand. Sie schaute im Gehen staunend am Gasometer
hoch, der im Mondlicht majestätisch neben uns aufragte, und sagte: »Kann man da eigentlich jetzt noch
hoch?«
»Man nicht. Wir schon.« Mir war ansatzweise bewusst,
dass das der gleiche Tonfall war, in dem Baby der unbekannten Süßen
gerade noch die Lage von Düsseldorf erklärt hatte. Ich klärte
über Funk, dass ich die abschließende Kontrolle des Daches doch
selbst übernehmen würde und wies ihr den Weg. Auf dem Weg zum Aufzug
erzählte sie mir, wie sie bis jetzt an die Geschichte herangegangen war.
Sie hatte einen der ermittelnden Beamten zu einem längeren Gespräch
getroffen und sich in Archiven kundig gemacht, was ähnliche Fälle
betraf. Da die Behörden bei ihren Ermittlungen auf der Stelle traten,
hatten sie sie relativ großzügig informiert, die Rose hatten sie
allerdings nicht erwähnt.
»Und? Gibt es ähnliche
Fälle?« Wir blieben vor dem Aufzug
stehen und ich drückte auf den Knopf. Die Zahl vier in der Anzeige wurde
dunkel und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Einen Moment überlegte ich,
warum der Aufzug denn aus der vierten Etage kam, aber dann begann sie wieder zu
sprechen.
»Niemand hat bis jetzt einen
gefrorenen rechten Fuß einfach in die Gegend gestellt. Auch keinen
linken. Wenn es überhaupt vergleichbare Funde gab, hat man auch den Rest
der Leiche schnell in der Nähe gefunden. Wie beim Rhein-Ruhr-Ripper vor
ungefähr zehn Jahren, der seinen Opfern die Hände oder den Kopf
abgehackt hat. In den siebziger Jahren gab es dann noch einen berühmten
Kindermörder hier ganz in der Nähe, der seine Opfer zerstückelt
in der Kühltruhe aufbewahrte. Er hat die eingefrorenen Kinder allerdings
nicht ausgestellt, sondern versucht, sie Stück für Stück im Klo
hinunterzuspülen. Die Sache ist aufgefallen, als die Nachbarn sich über
die verstopften Ausgüsse beschwert haben.« Sie zog die Schultern hoch, als wäre ihr
plötzlich kalt. Ich hätte gerne eine Jacke gehabt, die ich ihr um die
Schultern legen könnte, aber ich hatte keine und ihre Schilderung
ließ zudem auch mich frösteln. Sie rieb sich beide Arme und ich
konnte sehen, dass sie schöne Hände hatte. Natürlich hatte sie
auch noch schöne Hände.
Der Aufzug hielt wie immer mit
einem lauten Krachen und sie erschreckte sich sichtbar.
»Keine Angst. Dieses Geräusch
macht er schon seit Jahren und keiner hat bis jetzt herausgefunden, warum er
das tut. Aber es hat auch keine weiteren Folgen. Glaub mir, selbst wenn wir
hier drinnen stecken bleiben sollten, holt der Hausmeister uns nach ein paar
Minuten wieder ans Licht.«
»Wie
beruhigend. Ich habe leider kein gutes Verhältnis zu engen, geschlossenen
Räumen.« Sie ging mühsam lächelnd an mir
vorbei in den grell beleuchtenden Metallwürfel, der seine Türen
hinter uns schloss
und sich quietschend auf den Weg nach oben machte. Sie musterte angespannt die
Bedienungsleiste und fragte nicht wirklich interessiert: »Man kann also an allen zwölf
Etagen halten?«
»Ja, hier außen kann man
überall halten, aber nur auf der zehnten Etage kann man dann in den
Innenraum gehen und von dort hinunterfahren. Außen kann man von allen
anderen Etagen dann nur den Rest auf dem Treppenturm nach oben oder unten
laufen. Innen hat der Gasometer keine Treppe, nur ein Erdgeschoss und drei
offene Etagen, darüber ist nur leerer Raum und eine kleine Plattform auf
der zehnten Etage. Warst du noch nie hier?«
»Nein. Das ist eine von den
Sachen, die ich mir vorgenommen habe, als ich ins Ruhrgebiet gezogen bin, aber
es ist bis jetzt noch nicht dazu gekommen.«
»Du bist noch neu hier?«
»Im Oktober sind es zehn Jahre.« Sie sah schuldbewusst aus.
Wir mussten beide lachen. »Hast du die Kisten schon
ausgepackt?«
Sie schüttelte den Kopf und
die Angst vor dem engen Raum, der uns umgab, schien sie zu kurz zu verlassen.
Der Aufzug ruckte und blieb auf der zwölften Etage stehen. »Da sind wir schon.« Ich klang bemüht
fröhlich, wie ein Zahnarzt, der einem Angstpatienten einen Backenzahn
gezogen hatte.
»Das ist gut. Ich glaube, nach
unten möchte ich aber lieber laufen.« Sie fröstelte jetzt richtig, obwohl es eine warme Nacht war.
Eine kleine Gänsehaut raute ihren Nacken unter den kurzen dunklen Haaren
vorteilhaft auf, was mir nur auffiel, weil sie dicht vor mir aufs Dach ging.
»Das ist ja ein unglaublicher
Ausblick, ich kriege eine richtige Gänsehaut.« Sie blieb auf der ersten
Plattform stehen und schaute begeistert auf den hellen Erdtrabanten und das
dunkle Ballungsgebiet.
Eine Gänsehaut hattest du
gerade schon, sagte ich zum Glück nicht, sondern: »Da hinten ist Düsseldorf.« Und entschuldigte mich in
Gedanken bei Baby.
Sie schaute kurz in die Ferne und
antwortete grinsend: »Und wen interessiert
Düsseldorf?«
Ich zuckte mit den Schultern und
strich den Hinweis auf die Landeshauptstadt aus meinem aktiven Wortschatz.
»Hast du den Fuß hier
gefunden?« Sie sah mich kurz an. »Ist es in Ordnung, wenn wir hier oben
über das Thema reden? Ich habe dich gar nicht gefragt, wie es dir damit
geht.«
»Es geht mir einigermaßen
gut und nein, der Fuß stand dort drüben, da ist auch noch eine
Plattform.« Ich deutete auf die andere
Seite, die man von hier aus nicht einsehen konnte, und ging vor ihr her auf den
Rundkurs. Helmut scheuchte über Funk die Aufsichten Richtung Ausgang. Das
war seine Art mir mitzuteilen, dass er gerne Feierabend machen würde. Ich
drückte die Taste und sagte pflichtbewusst: »Ich bin hier gleich fertig.«
»Sieht man nicht«, knurrte er kurz zurück und
ich winkte in die nächste Überwachungskamera, an der wir
vorbeiliefen. Ob Helmut Irene für eine romantische Verabredung hielt?
Wenigstens konnte er dann endlich mal sehen, dass ich einen guten Geschmack hatte.
Ich sah ihr zu, wie sie dicht ans Gitter gedrängt auf das dunkle Riesenrad
am Einkaufszentrum blickte und korrigierte mich. Markus hatte einen guten
Geschmack.
»Damals warst du allein hier oben?« Sie drehte sich zu mir um und
bemerkte, dass ich sie beobachtet hatte.
Erwischt.
»Ja.«
»Ein wunderbarer Platz, um allein
zu sein. Ich meine, normalerweise.« Sie drehte sich wieder dem Panorama zu. Schade, dass die Taube nicht
da war. Ich hätte auch ihr gerne gezeigt, dass ich zur Abwechslung mal
nicht solo, sondern mit einer schönen Frau auf dem Dach stand. Wenn ich es
mir recht überlegte, hatte ich die Taube seit jenem Freitag nicht mehr
gesehen. Hoffentlich hatte sie sich nichts angetan.
»Charlotte?« Irene berührte mich kurz am
Arm und sah mich fragend an.
»Entschuldige, ich habe
nachgedacht.« Und ich hatte vollkommen
verpasst, dass sie sich wieder umgedreht hatte.
»Das würde mir sicher auch so
gehen.« Sie ließ ihre Hand auf
meinem Arm und drückte ihn kurz. »Wir können auch später darüber reden, ich kann das gut
verstehen.«
Nein, das kannst du leider nicht.
»Vielleicht ist das wirklich
besser. Komm ich zeige dir noch die besagte Plattform und dann machen wir uns
auf den langen Weg nach unten.«
Das Gasometerdach war für
diese Nacht zusätzlich beleuchtet und so sah ich den grünen Schimmer
sehr früh. Ich blieb stehen und seufzte. Also hatte doch ein Witzbold
diese Gelegenheit nicht verpassen wollen und natürlich so spät
gehandelt, dass ich jetzt den Feierabend verschieben konnte. Hatte der Aufzug
deshalb auf der vierten Etage gestanden? Weil jemand noch nach mir auf dem Dach
war und ein großes Stück gefahren und dann den Rest zu Fuß
gegangen war? Nicht ungeschickt, der dunkle Treppenturm verbarg seine Benutzer
zur Nacht perfekt. Der Gedanke war sehr unangenehm. Ich schaute vorsichtig
über meine Schulter hinweg auf den Weg hinter uns. Keiner da.
Irene war neben mir stehen
geblieben und sah mich fragend an. Ich zeigte auf das grüne Objekt auf der
letzten Plattform. »Wir haben hier seit dem Fund ein
kleines Problem mit Nachahmern und ich fürchte, heute Abend konnte mal
wieder jemand der Versuchung nicht widerstehen.«
»Helmut?« Ich sprach ins Funkgerät. »Hat gerade noch jemand das
Gelände verlassen?«
»Quatsch. Schon lange keiner mehr
da. Bin in der Werkstatt.« Er hätte es also
überhaupt nicht sehen können, wenn jemand vor Kurzem durch das
große Drehkreuz im Zaun nach draußen gelangt wäre.
Außerdem konnte jeder einigermaßen sportliche Mensch auch an der
dunklen Kanalseite über den Zaun klettern und auf den unbeleuchteten Pfaden
verschwinden.
»Wo sind die Aufsichten?«
»Alle schon raus.«
Ich unterrichtete Helmut, der
höchstwahrscheinlich gerade seine Tasche packte, dass er den Streifenwagen
aus seiner Umlaufbahn holen durfte, und drehte die Lautstärke des
Funkgeräts schnell etwas leiser, damit Irene seine Reaktion nicht mit
anhören musste.
»Gehen wir nicht näher?« Sie zögerte.
»Doch«, sagte ich und bewegte mich
nicht, denn mein Gehirn hatte die ihm zur Verfügung stehenden Bilder und
Informationen fertig sortiert und eine kleine Welle Adrenalin durch meinen
Körper geschickt. Das grüne Objekt dort hatte nicht nur die korrekte Farbe, es stand auch genau am selben Ort. Es
stand haargenau am selben Ort. Mir war, als ob Irenes Worte über Ripper
und Kindermörder in meinem Kopf von einer unsichtbaren Pumpe aufgeblasen
würden und immer größer wurden. Sie drückten schon von
innen gegen meine Stirn, die zu schmerzen begann. Ich griff nach dem
Pfefferspray und sah mich wieder um.
»Komm.« Ich wollte Irene nicht
beunruhigen und ging vorsichtig weiter. Sie folgte mir und sah mich dabei immer
wieder fragend an. Fünf Meter vor dem grünen Ding blieben wir stehen.
Da war dieses grelle Grün, das ich nie mehr vergessen würde. Da war
die gleiche, dicke Wolle und der Knoten mit dem langen Zipfel. Ich brauchte
nicht danach zu greifen, um zu wissen, dass die Wolle kalt und feucht sein
würde. Die Konturen des Fußes waren in der Mischung aus Mond- und
Lampenlicht klar zu erkennen. Meine Hand löste sich von meiner Nebelwaffe
und griff nach ihrer Hand, weil es in meinem Kopf dumpf summte. Die
aufgeblasenen Worte über die Mörder und ihre Methoden füllten
mittlerweile meinen ganzen Kopf aus.
»Das sieht aber genau aus wie auf
dem Polizeifoto. Charlotte?«
Sie drückte meine Hand und starrte abwechselnd mich und das grüne
Ding vor uns an. In der Ferne konnte ich eine Polizeisirene hören. Gut.
»Ich fürchte, das ist kein
Nachahmer«, hörte ich mich sagen,
obwohl ich ihr eigentlich hatte versichern wollen, dass alles in Ordnung war.
Dass niemand außer uns hier war. Dass wir nichts zu fürchten hatten.
Sie nickte stumm.
»Meinst du, er ist noch hier?« Ihre Hand bewegte sich unruhig
in meiner.
»Nein. Wer immer das tut, will
nicht gesehen werden. Ganz sicher.« Hier oben, allein mit dem Mond und der Nacht mussten wir jetzt beide
hoffen, dass das stimmte. Ich hielt ihre Hand sanft wie einen ängstlichen
Vogel und strich vorsichtig mit dem Daumen über ihre Finger. Das
Gefühl, jemanden beschützen zu wollen, drängte die Angst aus dem
Verstand in Richtung Rückenmark und meine Augen nahmen die Welt wieder
klarer wahr.
Unter dem
grünen Fuß flatterte etwas Helles immer wieder leicht mit dem Wind
auf. Ich ließ ihre Hand los und ging darauf zu. Der grüne gefrorene
Fuß stand auf der Ecke eines Blattes aus Papier. Ich traute mich nicht, es
hervorzuziehen, aber das war auch nicht nötig, denn die wenigen Zeilen
waren nicht vom Fuß bedeckt. »Das sieht
aus wie eine Seite aus einem Buch«, sagte
Irene plötzlich ganz dicht neben mir. Wir beugten uns beide vor und lasen
gemeinsam den kurzen Text.
Wer, wenn ich schriee,
hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?
Und gesetzt selbst, es
nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein.
Denn das Schöne ist
nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir
bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.
Ein jeder Engel ist
schrecklich.
Ich sah sie ratlos an. Irene
konnte ihren Blick nicht von dem kalten Fuß lösen und begann
plötzlich leise zu weinen. Ich begriff erst gar nicht, was sie zwischen
den Schluchzern sagte. Aber dann verstand ich sie.
»Das ist ein rechter Fuß,
Charlotte.«
Ich sah hinunter und ich sah,
dass sie recht hatte. Der andere Fuß war auch ein rechter Fuß
gewesen. Ich legte meinem Arm um sie und sie lehnte sich weinend an meine
Schulter. So standen wir auch noch dort, als die Polizei eintraf.