Leseprobe aus

Jule Blum & Elke Heinicke

Dreivariantencouch

 

Liebste K, konnte mich gestern nicht mehr melden. Sorry.

Hab großartige Frau getroffen. Du wärst auch hingerissen.

Heiße Nacht. Verstehst schon. Kuss A

 

 

K

erstin starrte fassungslos auf das Display ihres Handys. Aber auch beim dritten Lesen wurde die Botschaft nicht verständlicher. Servierte Astrid sie da gerade ab? So nebenbei und per SMS? Das machten doch angeblich nur Teenager und Astrid wurde demnächst vierzig. Degradierte diese Nachricht sie hier beiläufig zur besten Freundin, die zur Komplizin amouröser Abenteuer gemacht wird? Als hätten die vergangenen Monate nicht anderes versprochen. Monate, in denen Kerstin sich auf diese Frau eingelassen hatte wie auf keine andere zuvor.

Vielleicht war das bloß wieder einer von Astrids Scherzen, der leider so ganz und gar nicht Kerstins Humor traf. Das konnte unmöglich ernst gemeint sein. Warum sonst der virtuelle Kuss am Ende?

Oder etwa doch? Astrid hatte sie abserviert, wurde Kerstin langsam klar. Sie atmete flach, vor ihren Augen flimmerte es. Kalte Wut stieg aus ihrem Bauch auf, brannte in der Kehle. Ihr war schlecht. Sie fröstelte.

Astrid würde sich vermutlich totlachen, könnte sie sie hier so sehen. Fand offensichtlich gar nichts dabei. Fühlten sich so etwa die offenen Beziehungen an, die Astrid immer gepriesen hatte? Das setzte womöglich voraus, dass Kerstin diesen Brocken kommentarlos schlucken und alles wie bisher weitergehen würde. Sie war sich nicht sicher. Kerstin war sich in nichts mehr sicher. Außer in einem – sie wollte Astrid nicht verlieren. Hatte sie das etwa bereits? Oder würde sie sich am Ende selbst verlieren, wenn sie zu Astrids Bedingungen an der Beziehung festhielte?

Kerstins Stimmung war düsterer als der kalte graue Tag vor ihrem Fenster. Von einer Woche, die so miserabel begann, war nichts Gutes zu erwarten.

Astrid, wie konnte sie nur!

 

 

 

1

Noch sechs Stunden, 27 Minuten und drei Mal umsteigen. Kerstin seufzte. Natürlich hätte es bessere Verbindungen gegeben, sogar einen durchgehenden Zug. Aber der wäre schon knapp zwei Stunden vor Büroschluss gegangen und so oft, wie sie seit Monaten zu Astrid nach Oldenburg fuhr, konnte sie sich das einfach nicht mehr leisten.

Noch sechs Stunden, 25 Minuten und immer noch drei Mal umsteigen. Kerstins Rucksack war in der Ablage verstaut und sie ließ sich erleichtert in den Sitz fallen. Im Lauf der Monate hatte sie die langen Zugfahrten schätzen gelernt. Geschenkte Zeit, in der sie all das lesen konnte, wozu sie sonst nie kam. Oder aber sie döste vor sich hin, schaute aus dem Fenster, schrieb Tagebuch, beantwortete Briefe und erledigte die eine oder andere dringende Arbeit.

Jetzt würde sie noch einmal die Konzeption durchsehen, die sie am Montag im Team vorstellen sollte. Also holte sie das Laptop aus seiner Tasche, suchte die Steckdose, rief das Programm auf und vertiefte sich in ihre Arbeit.

Noch vier Stunden und 37 Minuten und immer noch drei Mal umsteigen. Die Landschaft flog vor dem Fenster dahin. Graubraun, Reste von schmutzigem Schnee auf den Feldern.

Schon neun Monate fuhr sie diese Strecke. Selten hatte eine ihrer Beziehungen so lange gehalten. Meist war der Reiz des Neuen nach ein paar Wochen verflogen. Dann fühlte sie sich eingesperrt und lief einfach weg. Aber dieses Mal war sie geblieben. Einige liebe Freundinnen spotteten zwar, dass diese ungewöhnliche Beständigkeit nur eine Folge der Entfernung sein könne. Es mochte schon sein, dass die große Distanz bisher geholfen hatte, ihre alten Ängste auszutricksen. Sechshundert Kilometer Luftlinie schienen genug.

Mittlerweile fuhr sie jedoch alle zwei, drei Wochen nach Oldenburg. Und wann immer es ging, kam Astrid für ein paar Tage, arbeitete von Leipzig aus. War das denn überhaupt noch eine Fernbeziehung, mal abgesehen von der Kilometerzahl? Sie hatten viel Zeit miteinander verbracht, Alltag geteilt und trotzdem war der Fluchtimpuls ausgeblieben. Ganz im Gegenteil: Langsam hatte sie Bahnhofsabschiede satt, begann sich allmählich nach noch mehr Gemeinsamkeit mit Astrid zu sehnen.

Kerstin bewegte die Maus, öffnete ihr Fotoalbum und schaute sich die schönsten Aufnahmen aus dem Irland-Urlaub im letzten Frühjahr an. Damals hatte sie sich gerade von Cordula getrennt. Für Kerstin ein wenig dramatisches Ereignis, lediglich das Ende einer Affäre. Zum Schluss hatten sie sich kaum noch etwas zu sagen. Und je mehr Cordula sich bemüht hatte, alles richtig zu machen, desto häufiger hatte Kerstin sich entzogen.

Cordula hatte sich dermaßen schwer getan mit dem Beziehungsende, dass Kerstin vor ihrer klebrigen Anhänglichkeit nach Irland geflohen war.  ...

Sie war gegen Abend in Dublin gelandet, mit dem Bus noch zwei Stunden bis zu dem winzigen Ort gefahren, in dem sie übers Internet für die erste Woche ein Zimmer reserviert hatte. Als sie ausstieg, war es stockfinster. Sie schleppte sich müde zu der angegebenen Adresse und stolperte nur noch ins Bett. Am nächsten Morgen schien die Sonne auf eine unglaubliche Röschentapete. Kerstin lag unter einem mächtigen Federbett mit roten Röschen auf dem Bezug. Eine verschnörkelte Porzellanvase mit zartem Röschendekor, in der drei blassrote Seidenröschen vor sich hin staubten, stand auf dem Nachttisch. Und vor dem Fenster bauschte sich ein mit Rüschen überladener Vorhang voller rosa Röschen. Um dem rosigen Grauen zu entfliehen, schwang sie sich aus dem Bett und ihre Füße landeten auf einem flauschigen Teppich – selbstverständlich mit Röschenmuster!

Aber sie war wild entschlossen, sich ihre Urlaubslaune durch nichts verderben zu lassen. Bald saß sie im Frühstückszimmer, ignorierte sowohl die Röschenborte an der Wand als auch die röschengemusterte Wachstuchdecke auf dem Tisch und freute sich auf Eier mit Speck und eine große Kanne Tee. Ihr gegenüber war noch ein zweiter Platz eingedeckt. Wer würde wohl noch außerhalb der Saison ganz allein hier Urlaub machen? Egal. Kerstin war wenig neugierig und entschlossen, die Kontakte auf ein Mindestmaß zu beschränken.

In diesem Moment riss Astrid energisch die Tür auf, stapfte auf ihren Platz zu, ließ mit Schwung einen Stapel Bücher neben sich auf den Tisch plauzen und setzte sich. Kerstin zuckte zusammen, denn so früh am Morgen reagierte sie empfindlich auf Lärm. Schon zum Frühstück der Gesellschaft eines anderen Menschen ausgesetzt zu sein, war sie nicht gewöhnt. Auf Astrids munteren Gruß reagierte sie deshalb eher verhalten. Bloß kein Interesse zeigen, denn die andere kam, der Reiselektüre und dem gut gelaunten Morgengruß nach zu urteilen, ebenfalls aus Deutschland. Und in der Tat, Astrid war aus Norddeutschland, freiberufliche Journalistin und recherchierte gerade für eine Reisezeitschrift, wie sie Kerstin umgehend und ungefragt mitteilte. Das erklärte auch die überdimensionale Fototasche und die beeindruckende Menge Reiseführer, die Kerstin zunächst ein wenig lächerlich gefunden hatte.

Aber darüber hinaus war Astrid umwerfend schön und scharfsinnig und witzig, eine interessante Frau, wie Kerstin schon am selben Abend feststellte, als beide sich im Kaminzimmer wieder über den Weg liefen. Sie erlag auf der Stelle Astrids Charme. Nach einem ersten Geplänkel vor dem elektrischen Kaminfeuer – mit schmiedeeiserner Röschenverzierung – ging alles rasend schnell. Kerstin wollte eigentlich den geordneten Rückzug antreten, hatte sich gefragt, warum sie überhaupt ins Kaminzimmer gekommen war. Eigentlich wollte sie doch einen Brief an Sabine schreiben. Ihre beste Freundin wartete auf den ersten Bericht. In ihrem eigenen Zimmer hätte sie Ruhe gehabt. Eigentlich wollte sie doch auf gar keinen Fall mit jemandem reden. Oder machte sie sich da etwas vor? Und in Wirklichkeit wollte sie nichts lieber als diese Frau kennenlernen? Wenn sie über solchen Gedanken brütete, wurde das mit dem Brief natürlich nichts. Längst hatte sie dieses Unterfangen aufgegeben und kritzelte auf dem vor ihr liegenden Briefbogen herum. Während eine Spirale wuchs, die aus der Endloswiederholung des Wortes Rose bestand, wurde sie plötzlich von hinten angesprochen:

„A rose is a rose is …“

Sie war so damit beschäftigt gewesen, beschäftigt und völlig uninteressiert zu wirken, dass sie heftig erschrak und den Kopf herumriss. Und da stand Astrid direkt hinter ihr. Viel zu nah. Ihr war heiß geworden. Viel zu heiß. Sie wollte fliehen, doch vor ihr stand der Tisch und hinter ihr eine herausfordernd grinsende Astrid. Geredet wurde nicht mehr viel, nachdem sich ihre Lippen mit einer gewissen Unvermeidlichkeit gefunden hatten. Jener Abend fand seine Fortsetzung unter Röschenbettwäsche und von den nächsten Tagen erinnerte Kerstin sich hauptsächlich an nächtelanges Quasseln, tiefe Blicke, heiße Küsse. Tagsüber machte Astrid ihren Job. Abends holten sie von einer Tankstelle in der Nähe etwas zu essen, andere gastronomische Highlights hatte der Ort nämlich nicht zu bieten. Das nächste Pub zehn Kilometer weit. So gab es statt Guinness Büchsenbier samt Chips mit Chickenwings zum Mitnehmen und davor, dazwischen und danach Sex.

Noch vor Ablauf der ersten Woche verlängerte Astrid kurzerhand ihren Aufenthalt, beide bezogen ein gemeinsames Zimmer und von dem dadurch eingesparten Geld mieteten sie sich ein Auto. Kerstin hatte sich Hals über Kopf verliebt.

Lächelnd schaute sie sich jetzt die Bilder auf ihrem Laptop an und verlor sich in Urlaubserinnerungen. Nach diesen turbulenten Ferien war sie davon ausgegangen, dass es wohl bei einem Urlaubsflirt bleiben würde. Endeten solche Geschichten nicht spätestens mit dem Auspacken der Koffer? Aber kaum zwei Tage in Leipzig, hielt sie es nicht mehr aus und schickte Astrid eine Postkarte, bemüht cool und unverbindlich. Die E-Mail-Adressen hatten sie nicht getauscht, eine SMS wäre zu direkt gewesen, ein Brief zu persönlich, zum Telefonieren war sie allemal zu feige. Von Astrid steckte allerdings schon am darauffolgenden Tag ein langer Brief in ihrem Kasten.

Und so begannen sie zu reisen, von der Hunte an die Pleiße und von der Pleiße an die Hunte. Die Jahreszeiten wechselten, die Monate vergingen, aber der Wunsch, beieinander zu sein, sooft wie möglich, blieb.

Ständig war Kerstin unterwegs, ständig kaufte sie Fahrkarten, kannte Verbindungen und Fahrpläne schon längst auswendig. Und weil sie Orakel in allen Lebenslagen liebte, hatte sie ein Spiel daraus gemacht, ob es wohl gelingen würde, Rabatte für die Tickets zu ergattern. Schaffte sie es, war es ein gutes Vorzeichen für die Beziehung mit Astrid. Waren die Sparpreise vergriffen, geriet sie prompt in Zweifel, ob Astrid es wirklich ernst meinte, ob es ihr selbst nicht doch bald ungemütlich eng in dieser Beziehung werden würde, ob Astrids Art, Beziehungen zu führen, sie nicht doch überfordern würde. Wie furchtbar hatte sie sich im Herbst gefühlt, nach der schrecklichen SMS. Ach, wenn das Orakel ihr ein unerbittliches „Nicht verfügbar“ entgegenschleuderte, tauchte jedes Mal eine ganze Armada an Zweifeln aus ihren Seelentiefen auf. Dann blieb ihr nur, ihr eigenes Orakel zu manipulieren.

Für heute hatte es auf Anhieb geklappt, satte fünfzig Prozent Ermäßigung waren drin gewesen. Fabelhaft, denn ein gutes Omen brauchte sie. Schließlich war es kein gewöhnliches Wochenende. Astrid feierte ihren vierzigsten Geburtstag und unter den Gästen würde auch Dorothea aus Heidelberg sein. Astrid hatte sie vor gut drei Monaten kennengelernt, als sie für ein Kulturblatt beim Heidelberger Herbst war. Da ihr die Frau auf Anhieb gefiel, so hatte sie später stolz erzählt, hatte sie das ungeheuere Gedränge geschickt ausgenutzt, um ihr näher zu kommen. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie sich noch an jenem Wochenende in Dorothea verliebt hatte. Warum auch hätte sie lange drum herum reden sollen? Sie hatte von Anfang an erklärt, sich nur auf offene Beziehungen einlassen zu wollen. Keine Besitzansprüche. Keine Ausschließlichkeit. Keine Dramen. Keine Eifersucht.

Als dann aus den Theorien mit Dorothea Realität wurde, war Kerstin am Boden zerstört. Doch nach anfänglicher Panik hatte sie beschlossen, Astrids Modell auszuprobieren.

Aber jetzt war ihr trotz allem ordentlich flau im Magen. Schließlich war dieses Modell bisher weit weg gewesen. Wie sich die Praxis zu dritt gestalten würde, davon hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung. Würde sie sich mit Dorothea verstehen? Würde sie Astrid teilen können? Würde sie vielleicht doch eifersüchtig werden? Würde so viel geballter Konjunktiv überhaupt gut gehen können?

Endlich Zeit, das erste Mal umzusteigen. Kerstin verstaute ihre Wasserflasche und das Laptop im Rucksack, zog die Jacke über und ging zur Tür. Sie hoffte, im nächsten Zug einen ähnlich gemütlichen Platz mit ebenso friedlich-stillen Nachbarn zu finden. Diese Hoffnung wurde schnell enttäuscht. Sie fand sich in einem völlig überfüllten Zug beengt neben einem übergewichtigen Jüngling mit Stöpseln in den Ohren wieder. Die Bässe wummerten monoton, wurden kontrapunktiert von einem kreischenden Kleinkind und den resignierten Ermahnungen der Mutter auf der anderen Seite des schmalen Ganges. Kerstin war erleichtert, dass sie ausgerechnet dieses Mal darauf verzichtet hatte, ihr Orakelspiel zu spielen, dessen einfache Gleichung gelautet hätte: Nette oder wenigstens erträgliche Mitreisende verheißen ein wunderschönes, harmonisches Wochenende. Diese Reisegesellschaft allerdings hätte ein fürchterliches Fiasko prophezeit: Kerstin hätte sich wahrscheinlich auf ein katastrophales Wochenende mit Streit, Tränen und überstürzter Abreise mindestens einer der Beteiligten einstellen dürfen.

Als dann das quengelige Kind auch noch anfing, seine Umgebung mit gezielten Legosteinwürfen zu terrorisieren, floh Kerstin in den Speisewagen. Sie gönnte sich einen süßen heißen Kakao mit Sahne und ein dickes Stück Apfelkuchen ... Traf noch jemand heute zum ersten Mal die Geliebte der Liebsten? Kerstin begann von Neuem zu grübeln.

Sollte sie dieser Dorothea ganz klar signalisieren, dass sie die älteren Rechte auf Astrid hatte? Aber was für Rechte denn eigentlich? Würde sie ganz offen mit Astrid schmusen können? Sollte sie wie immer völlig selbstverständlich ihren Platz in Astrids Bett belegen, ihren Rucksack gleich nach der Ankunft wie üblich im Schlafzimmer abstellen? Oder besser Astrid alles überlassen, denn Astrid hatte ja auf dem Treffen bestanden. Sollte sie doch jetzt sehen, wie sie mit der Situation zurechtkam. Doch wenn sie alles in Astrids Hände geben würde, bestünde die Gefahr, dass die Lösung des Problems nicht in ihrem, Kerstins, Sinn ausfiele. Was, wenn Astrid wollte, dass alle drei zusammen in dem großen Bett schliefen? Kerstin kannte diese Dorothea ja nicht einmal. Wie sollte das bloß gehen? Bei diesen Gedanken wäre sie am liebsten auf der Stelle ausgestiegen. Besser ein gemütliches Wochenende allein zu Hause, als diese Spannungen und Ungewissheiten aushalten.

Als Kerstin nach einer halben Stunde an ihren Platz zurückkehrte, war der Heavy-Metal-Fan ausgestiegen, der nervende kleine Junge eingeschlafen. .... Die nunmehr eingezogene Ruhe ließ zusammen mit der warmen Schokolade im Bauch Kerstins Stimmung enorm steigen. Sie lehnte sich zurück, nahm ihr Buch zur Hand und freute sich auf eine Stunde ungestörter Lektüre. Als sie das Buch öffnete, fiel ihr Blick auf die Postkarte von Astrid, die ihr als Lesezeichen diente. Ein Lebkuchenherz auf rosafarbenem Grund mit der Aufschrift Für dich!. Nach Astrids letzter Abreise aus Leipzig hatte sie die Karte auf ihrem Kopfkissen gefunden.

Astrid hatte ein besonderes Faible für den geschmacklosesten Firlefanz, ein Händchen für Kitsch. Sie wählte die Sachen mit Hingabe aus und kombinierte alles absolut unmöglich miteinander. Was am Ende dabei herauskam, war erstaunlich amüsant und originell. Kerstin hatte sich an die fantasievoll in Astrids Wohnung arrangierten Blümchen, Engel, die röhrenden Hirsche und Quietschentchen nicht nur gewöhnt, sondern liebte sie geradezu. Und über die Herzpostkarte hatte sie sich riesig gefreut. Wenn das keine Liebeserklärung war! Mittlerweile sprachen sie beide davon, eine Beziehung miteinander zu haben, und manchmal träumten sie sogar ein ganz klein wenig in die Zukunft. Vielleicht würden sie im Sommer wieder zusammen Urlaub machen?

Aber jetzt war da plötzlich Dorothea auf der Bildfläche erschienen. Wo würde die ihren Platz in den Plänen finden? Oder würde Astrids Leidenschaft für sie ganz schnell wieder abflauen? Würde Dorothea nur eine kurze Episode bleiben? Vielleicht wäre es das Beste, großzügig zu sein und abzuwarten. Kerstin hatte keinerlei Erfahrung damit, die Dritte zu sein. Aber war nicht Dorothea die Dritte? War sie doch diejenige, die neu dazugekommen war, diejenige, die sich jetzt Gedanken machen sollte, wie sie mit Kerstin und Astrid und der ganzen Situation zurechtkam. Schließlich wollte Astrid die Beziehung mit Kerstin genauso sehr wie umgekehrt. Das hatte sie jedenfalls auf die rosa Postkarte geschrieben.

Alles vernünftige Nachdenken nutzte nichts, Kerstin hatte Angst. Angst, die sich nicht in Worte fassen ließ, die kalt und schwer im Magen lag. Das Gefühl war alt und vertraut. Mit den Jahren hatte sie gelernt, es zu verdrängen, nur selten schwappte es an die Oberfläche. Fast immer konnte sie die Angst verstecken, selbst engste Freundinnen wussten nicht davon. Hoffentlich würde ihre Fassade auch heute keine Risse zeigen.

Es war Zeit für das nächste Umsteigen geworden. Sie hatte nicht mehr als nur ein paar Zeilen gelesen ...

Das letzte Stück fuhr Kerstin wie immer mit der Regionalbahn. Vielleicht wäre ihre heutige Glückssträhne noch nicht zu Ende. Dann wäre der Berufsverkehr schon durch und der Zug nicht so voll wie beim vorigen Mal, als sie die letzte Etappe eingequetscht zwischen vielen fremden Menschen hinter sich bringen musste. Völlig durchgeschwitzt und zerzaust hatte sie am Ende nur noch zu Astrid nach Hause und unter die Dusche gewollt.

Heute, so spät wie es war, müsste sie eigentlich einen Platz oben im Doppelstockwagen ergattern können. Sie liebte es, unter sich die Landschaft oder wie heute Abend die Lichter der kleinen Ortschaften und verstreuten Höfe vorbeiziehen zu sehen. Wenn sie einen Fensterplatz oben finden würde, dann würde es ein schönes Wochenende werden, sagte das Orakel.

Noch 48 Minuten und einmal umsteigen. Bald, ganz bald …

 

 

Zeitreise

An die zwölf Wohnblöcke, fünfziger oder sechziger Jahre, noch ganz neu, vier Eingänge mit je vier Etagen, drei Wohnungen auf jedem Treppenabsatz, Fernheizung. Zwischen zwei Blöcken eine Rasenfläche, so groß wie ein halbes Fußballfeld. Zwei weitläufige Spielplätze. Ein riesiger Sandkasten, zehn mal zehn Meter. Eine Kaufhalle. Eine Wäscherei. Ein Sportplatz. Ein Kindergarten und eine Krippe für die ganz Kleinen. Ein Hochhaus mit sage und schreibe zehn Stockwerken, das höchste Gebäude der Stadt. Und eine Hauptstraße, eine mit weißen Strichen in der Mitte. Da muss man stehen bleiben und abwarten, dass auch die andere Richtung frei wird. Aber vor dieser Straße ist Kerstins kleine Welt ohnehin zu Ende, denn allein, ohne Erwachsene, ist das Überqueren streng verboten. Das andere Ende ihrer Welt bildet die ehemalige Müllkippe. Betreten verboten, Eltern haften für ihre Kinder. Aber der Müllberg ist toll zum Rodeln und für rasante Skiabfahrten. Bisher sind es bei Kerstin eher wackelige Versuche. Und wenn kein Schnee liegt, ist immer noch der eine oder andere Schatz zu finden. Zum Glück ist nicht jede Grenze absolut.

Langsam wird ein pummeliger Arm unter der Decke hervorgestreckt. Ein zweiter folgt. Kerstin schlägt die Augen auf und blinzelt ins Morgenlicht. Das Gitterbett wird nun auch langsam zu eng. Bald soll sie ein Klappbett bekommen, aber dazu muss das elterliche Schlafzimmer umgeräumt werden.

Kerstin klettert aus ihrem Bett, das Gitter am Fußende wurde vor einer ganzen Weile entfernt. Mutti ist schon zur Arbeit gegangen. Oma hantiert in der Küche. Zum Frühstück gibt es Marmeladenbrot und Kinderkaffee, wie immer. Danach gehen Oma und Enkelin einkaufen, wie jeden Morgen.

Quelle aller guten Dinge steht in Neonschrift über der Fassade der Kaufhalle. Wenn von der Kaufhalle die Rede ist, heißt es in der Siedlung nur: Wir gehen in die Quelle. In der Quelle gibt es Bananen! Die arbeitet in der Quelle. Kerstin hat lange kein anderes Wort für eine Einkaufsmöglichkeit gekannt.

Milch gibt es am Milchschalter direkt in die mitgebrachte Kanne. Seit Kurzem ist die nicht mehr aus Aluminium, sondern aus Plaste, nur Kerstins Puppenkanne ist nach wie vor aus goldglänzendem Blech. Am Wochentag ist es leer, voll wird es nur am Sonnabend, wenn die Quelle bereits um 12.00 Uhr schließt und alle Familien der Siedlung unbedingt noch ihren großen Wochenendeinkauf machen müssen. Da muss man sich erst einmal nach einem Korb anstellen, dann an der Flaschenrückgabe, beim Backstand und am Fleischstand und zum Schluss an der Kasse. Kerstin kennt sich inzwischen aus und ist ein prima Platzhalter in einer der Schlangen, wenn sie mit ihrem Vater einkaufen geht.

Heute gibt es keine Schlangen. Es ist gemütlich und es wird geschwatzt. Und Oma ist so gut gelaunt, dass sie Kerstin eine große Tüte Puffreis kaufen will.

„Aber nur für dich! Nicht wieder an alle verteilen!“

Kerstin will aber eine Schachtel Salmiakpastillen oder eine Lakritzstange. Die mag sie viel lieber. Oma sagt, die sind aus Pferdeblut, das findet Kerstin gruselig, doch schmecken tun sie trotzdem.

Nach dem Einkauf kocht die Oma das Mittagessen. Kerstin bleibt unten, schaut sehnsüchtig der täglich hier entlangspazierenden Kindergartengruppe hinterher. Die Kinder gehen ganz gesittet Hand in Hand in ordentlichen Zweierreihen und scheinen Kerstin wahre Glückskinder zu sein. Nie allein, nie von Langeweile geplagt. Kerstins Mutti ist froh, dass ihr Kind nicht in einen Kindergarten muss, aber Kerstin würde so gern bei all den anderen sein. Sie schlendert zum Spielplatz, der um diese Zeit wie so oft fast leer ist, denn leider gibt es in diesem Teil der Siedlung nicht viele Kinder. In einer Zweiraumwohnung wohnt man mit Kind schließlich ziemlich beengt. In den anderen Blöcken sind die Wohnungen größer, da haben die Kinder sogar ihre eigenen Zimmer.

Aber wenigstens Uwe, Martina, Gabi, Evelin, Thomas und Peter wohnen in ihrem Block. Doch Thomas ist zum Spielen zu klein, Martina, Evelin und Gabi sind zu groß, gehen längst zur Schule. Bleiben Uwe und Peter. Wie soll das erst werden, wenn ihr bester Freund Peter im Herbst in die Schule kommt?

Heute sitzt er zum Glück schon auf dem Klettergerüst, als Kerstin den Kiesweg entlanggehüpft kommt. Schnell wird ein Spiel ausgemacht: Kosmonauten. Und das Klettergerüst ist das Raumschiff. Ein Kosmonaut steigt aus in den freien Raum. Das ist Kerstin, die kann nämlich in Windeseile die Stange neben der Schaukel raufklettern. Und runterrutschen ist fast wie schwerelos sein. Peter findet bei der Wippe ein Bonbon. Sicher ist das jemandem aus der Tasche gefallen. Aber Kerstin reißt es dem Freund aus der Hand:

„Das könnte vergiftet sein, von Amerikanern abgeworfen. Genauso machen die das mit den Kindern in Vietnam.“

Peter hätte das Bonbon gern gelutscht, jetzt steckt er es vorsichtshalber erst mal in die Hosentasche. Eine neue Spielidee ist geboren: Mutige vietnamesische Kinder schleichen durch den Dschungel, um in einer versteckten Erdhöhle schreiben und lesen zu lernen.

Unterbrochen wird das Spiel erst von der Oma, die vom Küchenfenster aus energisch zum Mittagessen ruft. Gehorsam flitzt Kerstin Nudelsuppe und Schokoladenpudding entgegen.

 

 

2

Die Kühlschranktür schloss sich. Dorothea begann zu lächeln, öffnete die Tür gleich noch einmal und ließ sie erneut zufallen. Dieses satte kleine Geräusch passte perfekt zu ihrer Stimmung. Ein langes spannendes Wochenende lag vor und heißer Sex mit Astrid hinter ihr. Das Grinsen wurde breiter – schon allein dafür hatten sich das nächtliche Aufstehen und die lange Fahrt wohl gelohnt.

Dorothea machte es kaum mehr etwas aus, bereits um drei Uhr in der Früh in ihrem kleinen Honda über nahezu ausgestorbene Autobahnen in Richtung Oldenburg zu rasen. Vor Verlangen mit glühendem Bauch und einer Überdosis Adrenalin im Blut kribbelig bis in die Zehen konnte sie sowieso nicht schlafen, wenn sie Astrid drei ewig lange Wochen nicht gesehen hatte.

Wie beim letzten Besuch hatte sie nach der Ankunft die Wohnungstür leise mit ihrem Schlüssel geöffnet und Astrid mit einer Tüte ofenfrischer Brötchen aus den Federn locken wollen, aber Astrid hatte sie – ebenfalls wie beim letzten Mal – ins Bett gezogen, die Brötchen waren vergessen und Dorothea stürzte sich auf anderes als auf ein üppiges Frühstück.

Das holten sie dann später nach, schon ziemlich in Eile. Astrid musste dringend in die Redaktion ... Von der Redaktion aus wollte sie gleich zum Bahnhof fahren, um Kerstin abzuholen. Und Dorothea hatte versprochen, für heute Abend ein Festmenü zu zaubern. Ein gutes gemeinsames Essen würde für eine entspannte, harmonische Stimmung sorgen, so hoffte sie jedenfalls.

Nachdem Astrid ebenso hektisch wie unwillig aufgebrochen war, holte Dorothea als Erstes die Kühltasche mit den Zutaten für Astrids Geburtstagskuchen aus ihrem Auto. Sie gedachte, um Mitternacht eine Himbeer-Ricotta-Torte mit einer Kerze darauf zu servieren. Auf das entzückte Gesicht freute sie sich schon. Astrid aß nahezu alles gern und mit offenkundigem Genuss, schätzte selbst gemachte Süßigkeiten aber am allermeisten. Sie würde heute Abend ganz besonders auf ihre Kosten kommen, denn als Dessert war die von ihr heiß geliebte Mause-Schokolade geplant.

Die Torte war im Handumdrehen fertig, sie machte trotz des imposanten Namens, des noch imposanteren Aussehens und des himmlischen Geschmacks erstaunlich wenig Arbeit und Dorothea konnte sie bald vor begehrlichen Blicken und gierigen Fingern bis zum Abend in ihrem Auto verstecken. Schnell spülte sie anschließend alles verräterische Geschirr und begann mit der Zubereitung der Mousse au Chocolat. Die würde wohl ein wenig länger brauchen als der Kuchen, doch Dorotheas Hände arbeiteten wie von selbst, bewegten sich in vertrauten Abläufen. Ihre Gedanken begannen zu tanzen, während sie die bittere dunkle Schokolade ins Wasserbad schnitt, Eier trennte und mit braunem Zucker schaumig schlug, rührte und kostete.

Die vergangenen dreieinhalb Monate waren ein einziges Feuerwerk gewesen, an ein solches Gefühl des Verliebtseins konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern.

Astrid. Immer wenn Dorothea auch nur flüchtig an sie dachte, bloß irgendwo den Namen las oder hörte, zuckte es durch sie. Verknallt wie ein Teenie, von Kopf bis Fuß durchtobt von Endorphinen, war sie schon regelrecht süchtig nach diesem Kick.

Pausenlos gut gelaunt ging sie inzwischen nicht nur sämtlichen Freundinnen und ihren Kolleginnen in der Beratungsstelle, sondern auch zunehmend vielen Rat suchenden Frauen gehörig auf die Nerven. Nicht jede konnte unter dem Druck ihrer eigenen Probleme Verständnis aufbringen für scheinbar grundlos strahlendes Lächeln, träumerische Blicke oder Gedankenverlorenheit. Marion, ihre Sandkastenfreundin und Lieblings-Ex, hatte vorgestern bereits zum zweiten Mal mit der endgültigen Scheidung gedroht, sollte sich Dorotheas enervierender Zustand permanenter Glückseligkeit nicht in absehbarer Zeit auf ein zumutbares Maß reduzieren ....

 

© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke