Leseprobe „Zweisamkeit und andere Wortschätzchen“

 

FALTEN

Es ist nie zu spät

 

Schwer, sie zu beschreiben. Vorhandenes ist zugemalt, Unebenheiten, Fältchen, Asymmetrisches zum Festhalten gibt es nicht. Ein Gesicht, ein Bild wie Zitronengötterspeise. Nicht bloß sauber, sondern rein, so steht sie dekorativ hinter der Verkaufstheke unter dem Namen einer französischen Firma. Neben ihr zwingt ein Spiegel in genau der richtigen Höhe mich, die Kundin, Einsicht zu nehmen in das eigene, etwas fettige, leicht gerötete, im Ganzen blasse und, zugegeben, mit einigen Falten versehene Gesicht.

Eine Nachtcreme will ich kaufen. Ich, die ich mich für meine Hautpflege sonst im Drogeriemarkt eindecke, will mir entgegen aller Aufklärung mal wieder etwas Exklusives gönnen.

Nach einigem Hin und Her über die von mir benutzte Marke, an deren Namen ich mich recht flott geschwindelt nicht erinnern kann, erkundet sie meinen Hauttyp mit geübtem Auge und behutsam sicherem Schiebedruck ihrer Fingerkuppen auf meiner Wange: Anspruchsvolle Mischhaut. Sie nickt. Sie hat es sich gleich gedacht. Für meine Haut seien die Pflegepräparate mit dem rosa Punkt, nämlich für trockene bis normale Haut geeignet. Ein sicherer Griff in das zartfarbig voll gestellte Regal hinter ihr, schon leuchtet mich genau das richtige Nachtcremetöpfchen an. Diese Serie decke auch Ansprüche reiferer Haut ab, sagt meine Beraterin leise, als setze sie das eben Gesagte in Klammern, fügt dann aber beherzt hinzu, dass meine Haut auf den ersten Blick einen eher fettigen Eindruck mache. Das käme daher, sie sei von innen unrein.

Während ich beunruhigt mein Spiegelbild nach inneren Unreinheiten absuche, postiert die perfekt Gepflegte neben mein Nachtcremetöpfchen ein Plastikfläschchen in Helllila. Diesem leckerem Farbton sind drei gleitende L nacheinander und eins extra wahrhaft angemessen. Reinigungsmilch. Eine Innovation, also wirklich auf dem letzten Stand der dermatologischen Forschung, gründlich, ohne die Hautstruktur anzugreifen, und pflegend, sagt die Schöne in einem Ton, als ginge es um Höheres. Gut geschult zählt sie einige lange Fremdwörter auf, die auf „ol“ und „ym“ enden, was mich an hallende Labors mit schillernden Gefäßen und hin und her eilende rosa Laborantinnen in silbernen Kitteln denken lässt. Mein trotziger Einwand, eine gute rückfettende Seife aus dem Naturkostladen täte es doch wohl auch, hätte nicht kommen dürfen.

Bitte schön, bringt die rundum Mattierte mit treffsicherer Pointierung, fein gemischt aus Gekränktsein, Besserwissen und verkaufspsychologisch geschickter Provokation aus unmerklich angeekelt zusammen gezogenen Lippen hervor, – also bitte sehr, waschen Sie sich weiter mit Seife. Wenn Sie meinen, dass Wasser und Seife Ihrem Hautzustand nicht schaden –, sie betont das Ihrem derart spitz, dass ich schlucken muss, – dann bleiben Sie doch dabei. Ich werde Ihnen nichts aufdrängen.

Meine Dummheit und ihre wohlmeinende Strenge beschämen mich sehr. Um alles wieder gut zu machen, nicke ich dem helllila Fläschchen zu, woraufhin die Schöne lächelnd ihre feinen Augenbrauen hebt. Meine Wallung von Verlegenheit benutzt sie nun gleich, um mich auf die Falten unter meinen Augen und über meiner Oberlippe hinzuweisen. Zaghaft wehre ich mich, weise auf mein Alter hin, wo doch ein paar Falten allmählich wirklich legitim seien. Sie aber schüttelt unbeeindruckt den Kopf, wobei sich ihr Haar leicht mitbewegt und gleich wieder in seine Form zurückgleitet.

Falten?, sagt sie nun. Falten, dieses eine Wort aus ihrem Mund fasst zusammen, was die Welt bewegt. Falten sind die Ursache allen Elends. Nicht nur unkorrekt, eine Sünde ist es, die Macht der Falten zu ignorieren und nicht mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen, und allen, nach denen unermüdlich weiter geforscht wird, gegen das menschliche Übel anzugehen, das ihr Wachstum erzeugt. Falten, hat die Faltenlose geraunt und nun bleibt mir nichts übrig, als mich dieser sanft-kundigen Unerbittlichkeit zu unterwerfen. Künstlich lächle ich, ihrer Aufforderung gehorchend, in den unbestechlichen Spiegel hinein. Da sehe ich sie auf einmal scharf und genau, die Wellen und Rillen, die sich um meine Augen herum bilden, wenn ich den Mund nur ein ganz klein bisschen verziehe. Falten. Und wenn ich den Mund schließe, muss mein Blick die unschönen Kerben über der Oberlippe aushalten. Kaum habe ich mich erschüttert von mir abgewandt, vernehme ich das Urteil: Daraus werden bald Runzeln.

Seufzend starre ich in das kalte Dunkel, das mir bevor steht. Doch aus der Finsternis schält sich ein Unterton von Zuversicht. Das müsse nicht sein, höre ich, so weit müsse es nicht kommen, das wäre zu vermeiden. Als ich zur absoluten Einsicht und Gewissheit hingeführt bin, dass es niemals zu spät sei, nicke ich der kombinierten Augen-Lippencreme zu und siehe, es ward wieder hell um mich.

Erschöpft und vor Aufregung wahrscheinlich noch fettiger und röter verlasse ich die taufrische Fachkraft. Meinem Konto fehlen nun zweiundneunzig Euro und sechzig Cent. Aber was für eine Fülle an Glücks- und Erfolgsaussichten habe ich gegen eine lächerliche Summe eingetauscht. Mit siebzig wie Anfang sechzig auszusehen, was für Aussichten!