Kapitel 1
Ein gefilmtes Auge, angeheftet an einem bewusstlosen Körper.
Es sieht nichts, denn die Kamera hat ihm schon die Sehkraft geraubt. Der Blick
der namenlosen Linse leckt den Fußboden wie ein Detektiv ohne Grammatik
ab. Eine Puppe, eine weitere Puppe, ein Stofftier, eine Vase, Kakteen, ein
Fernseher, Kabel, ein Korb, die Ecke eines Sofas, ein Stück Teppich,
Krümel der Kekse, Würfelzucker, ein altes Familienfoto. Darauf steht
ein Mädchen, das schräg nach oben starrt, wo es nichts gibt. Das eine
Auge des Mädchens wird immer größer, als es fokussiert wird,
immer verschwommener, es ähnelt jetzt einem Fleck auf einem Blatt Papier.
Wer kann später wissen, dass es einmal ein Auge war? Die Kamera tritt
langsam zurück. Neben einem umgekippten Sofa steht ein Schrank auf dem
Kopf, man kann keine Geschichte aus dieser Ruinenlandschaft rekonstruieren.
In diesem Film sah ich SIE zum ersten Mal. Ein Jahr davor war ich
noch Gymnasiastin an einer Schule in Ho Chi Minh City gewesen, das früher
Saigon geheißen hatte und noch oft so genannt wurde. Die Lehrer
betrachteten mich als die Schülerin mit der eisernen Bluse. Meine Noten
waren unübertrefflich. In diesem Frühling bekam unsere Schule einen
Brief aus der DDR, in dem man uns bat, eine Schülerin oder einen Schüler
zum internationalen Jugendtreffen nach Berlin zu schicken. Man wollte eine
authentische Stimme zum Thema “Vietnam als Opfer des amerikanischen
Imperialismus” hören. Unser Schuldirekter hatte eine gute Beziehung
zur DDR, war auch schon dort gewesen. Er hatte uns mehrmals von seinem
Aufenthalt in Berlin und einem gewissen “Pergamonmuseum”
erzählt. “Pergamon” klang wie der Name eines Wandervogels, und
uns gefiel die Vorstellung des Berliner Himmels, in dem dieser Vogel flatterte.
In der Sondersitzung beschlossen die Lehrer, mich nach Berlin zu schicken. Ich
schrieb meistens klare Aufsätze, zudem hatte ich die Stimme eines
Kranichs, so dass ich beim Sportfest oder beim Empfang der offiziellen
Gäste schon öfter aufgetreten war. Außerdem machte ich wahrscheinlich
bei den Erwachsenen den Eindruck, nicht leicht verführbar zu sein.
Es war der erste Flug in meinem Leben. Ich freute mich auf die
Reise und konnte mir nicht vorstellen, dass mir etwas Gefährliches
zustoßen könnte. Aber da die Gesichter meiner Familie und Freunde,
die mich zum Flughafen brachten, vor Angst leicht entstellt waren, fing ich an,
mir Sorgen zu machen. Vielleicht hatten sie mir etwas verheimlicht, um mich
nicht zu beunruhigen. Aber was konnte das sein? Ich hatte zwar keine Ahnung von
der Mechanik des Flugzeuges, war aber dennoch davon überzeugt, dass meine
Maschine gut funktionieren würde. Ich war noch nie in so ein großes,
hartes, gut geputztes Fahrzeug gestiegen. Das Motorrad meines älteren
Bruders zum Beispiel war nichts anderes als ein verrosteter Ochse voller Beulen
und Kratzer. Wer weiß, ob alle Schrauben noch dran waren. Im Vergleich zu
diesem Motorrad kam mir die Maschine von “Interflug“, die bestimmt
“made in Germany“ war, sehr vertrauenswürdig vor.
Als ich meinen Sicherheitsgurt eng angezogen hatte, war ich
restlos erleichtert. Denn alles, was ab jetzt passieren konnte, lag nicht mehr
in meiner Verantwortung. Ich trank das Glas Wasser, das mir zugeteilt wurde,
und schlief ein. Ab und zu spürte ich die Kälte des Fensters an
meiner linken Schläfe und wachte auf.
In Berlin holten mich zwei junge Männer ab. Ich war zuerst
etwas überrascht, weil sie genau wie Amerikaner aussahen. Aber dann
begrüßten sie mich auf Russisch, was mich wieder beruhigte:
“Willkommen! Wie war die Reise mit unserem Interflug?” Einer von
ihnen nahm mir meine Reisetasche ab. Er schien etwas erschrocken zu sein,
wahrscheinlich, weil sie unerwartet leicht war. Der andere versuchte, seine
Zeige- und Mittelfinger in die vorderen Jeanstaschen zu stecken, die aber in Wirklichkeit
gar nicht existierten. Dabei betrachtete er die Knöpfe meiner weißen
Bluse. Als unsere Blicke aufeinander trafen, grinste er. Es gab auf bestimmten
Straßen in Saigon ungezogene Jugendliche, die ähnlich grinsten. Sie
trugen Jeans, die in Thailand oder in der DDR hergestellt worden waren, und
beobachteten den ganzen Tag die Passagiere, anstatt zur Arbeit zu gehen. Ich
fragte mich, ob der Mann wirklich ein Parteimitglied war. Unsere Blicke trafen
sich noch einmal, und er lächelte dieses Mal etwas anständiger.
Berlin war eine riesige Messeausstellung alter Paläste. Wenn
es so etwas geben würde wie die Inflation der Ruinen, müsste sie
ungefähr so aussehen. Prächtige Gebäude, die sich bis zum
Überdruss wiederholten, wirkten angeberisch und vereinsamt. Trotz der
Pracht der Architektur konnte die Stadt nicht reich sein, denn es gab keine
Köstlichkeiten auf der Straße: kein Imbiss für Nudelsuppe,
keinen Obstmarkt, keine Kokosnussverkäuferin. Es roch nach nichts
Essbarem. Mein Onkel hatte mir vor meiner Abreise gesagt: “So ein Pech,
dass du nicht nach Ungarn oder nach Tschechien eingeladen bist! Bulgarien
wäre auch lecker gewesen. Aber Deutschland!” Ich war zwar zuerst
etwas sauer über die Worte meines unseriösen Onkels, aber vielleicht
hatte er recht gehabt. Das Volk in Ungarn und Tschechien wisse, wie man gute
Paprika produziere und könne gut kochen. In Bulgarien könne man nicht
nur gute Gurken, Tomaten und Joghurt essen, sondern auch gut baden, kalt oder
heiß, wie man wolle. Mein Onkel besaß ein braunes, dickes,
tschechisches Motorrad, das er dem Militär abgekauft und selber repariert
hatte. Er putzte es regelmäßig und war sehr stolz darauf. Mein
älterer Bruder sagte aber abschätzig zu seinen Freunden:
“Schau, das ist der dicke tschechische Buddha unseres Onkels!” Mein
Onkel seinerseits verachtete das alte, kleine Moped von Honda, das mein Bruder
gebraucht auf dem Markt gekauft hatte. Es sei nicht männlich, kommentierte
der Onkel.
Meine Rede war für den nächsten Tag geplant. Ich war
danach für weitere fünf Übernachtungen in dem Hotel eingeladen.
Ich hatte noch nie so ein gigantisches Hotel gesehen. Wie bei einem
Bienenkasten gab es dort unzählige Fenster, bei denen man von
draußen nicht sehen konnte, ob sie offen oder zu waren. Ich erinnerte
mich an einen anderen Onkel, der hier Agrotechnik studiert hatte und nach der
Heimkehr gestorben war. Neben dem Hotel ragte die riesige Statue einer
Lauchblüte in die Höhe. Ihre Kugel glänzte wie das Dach eines
thailändischen Tempels. “Dieser Turm ist vierundvierzig Meter
höher als der Eiffelturm”, sagte der eine der jungen Gastgeber.
Daraufhin meinte der andere lachend: “Aber seine Wurzel ist kurz.”
“Waren Sie schon mal in Paris?” fragte ich. Die beiden
schüttelten den Kopf im gleichen Tempo nach links und nach rechts. Dann
brachen wir alle drei in Lachen aus, ohne zu wissen, warum.
Am Hotelempfang arbeitete eine Frau, die wie eine Schuldirektorin
aussah. Sie gab uns den Schlüssel und erklärte etwas auf Deutsch, was
einer der beiden Männer sofort für mich ins Russische übersetzte.
“Es gibt heute ein Konzert von einer russischen Rockgruppe im
Hotelrestaurant. Kostenlos. Vielleicht möchten Sie hingehen.” Er
zeigte mir das Ende des düsteren Flurs, wo sich das Restaurant befinden
sollte. Dann verabredeten wir uns für den kommenden Tag. Meine Betreuer
wollten mich um neun Uhr vom Hotel abholen und zu dem Veranstaltungsort
bringen. Ich war hungrig. Kaum waren die beiden aus der Hoteltür
verschwunden, eilte ich zum Hotelrestaurant. Es war noch geschlossen.
„Geöffnet von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr.“ Selbst ein
luxuriöses Hotelrestaurant konnte sich hier nicht leisten, länger als
vier Stunden am Tag Speisen zu servieren. Die Lebensmittelversorgung schien in
diesem Land nicht optimal zu funktionieren. Ich ging in mein Zimmer, das aufgeräumt,
geputzt, gewischt und poliert aussah. Es roch nach unbekannter Chemie.
Aus der Reisetasche holte ich mein Manuskript. Obwohl ich eine
Woche lang jeden Tag mit meinem Russischlehrer geübt hatte, den Aufsatz
vorzulesen, konnte ich mich plötzlich an keine einzige Zeile mehr
erinnern. Ich las das Manuskript einmal laut durch. In einem fernen Land sah
die eigene Handschrift unglaubwürdig aus.
Um Punkt sechs verließ ich mein Zimmer, um das
Hotelrestaurant zu besuchen. Die Tür zum Restaurant war zwar nicht mehr
abgeschlossen, aber es gab noch keinen Gast. Nach einer Weile brachte mir ein
schlecht gelaunter Kellner eine zweisprachige Speisekarte, russisch und
deutsch. Da er nicht mehr zurückkam, stand ich auf und ging in die
Küche, um nach ihm zu suchen. Zwischen den silbern glänzenden,
großen Töpfen und Gefäßen sah ich den Kellner, der in
einer Zeitschrift las. “Ich möchte eine Suppe und einen Salat
bestellen”, sagte ich auf Russisch. “Wir haben so was NIET.”
“Was gibt es denn?” “Beefsteak.” “Ich möchte
aber kein Fleisch essen. Darf ich nur Kartoffeln bestellen?” Der Kellner
stand auf und verschwand nach hinten. Ich wusste nicht, ob das die Hoffnung
oder Verzicht auf Kartoffeln bedeutete.
Auf der Bühne erschien ein Mann mit schmalen Hüften, der
wie ein Matrose aussah, und fing an, seine elektrische Gitarre zu stimmen. Er
hatte eine grüne Schlaghose und ein eng anliegendes Hemd aus leichtsinnig
glänzendem Kunststoff an, der mit einem Sonnenblumenmuster bedruckt war.
Er trampelte mit den Füßen, vielleicht wäre er sonst von den
Kabeln, die wie eine Schlangenfamilie auf dem Boden herumlagen, umwickelt
worden. Seine Schuhe waren schmal, spitz und von einer weißen Farbe wie
eine bestimmte Art von süßem Tofu, den man in China zum Nachtisch
aß. Es erschien noch ein weiterer Musiker mit schwarzen Haaren. Er sah
genauso aus wie Nikita aus meinem illustrierten Sprachlehrbuch. “Ist
Nikita zu Hause? Nein, er ist nicht zu Hause.” Wo ist Nikita hingegangen,
wenn er nicht mehr zu Hause ist? Ist er nach Deutschland gegangen, genau wie
ich? “Wann kommt er nach Hause? Ich weiß es nicht.” Die
Übungssätze aus dem Lehrbuchtext kehrten in meinen Kopf zurück.
Ich hatte immer gute Noten in Russisch, aber es gab eine grammatikalische
Regel, die ich körperlich verabscheute: den Verneinungsgenitiv. Wer
abwesend war, durfte nicht mehr im Nominativ stehen, als wäre er kein
Subjekt mehr.
Es gab außer mir immer noch keinen Gast im Restaurant.
Nikita schaute geistig abwesend im Raum herum, dabei überflog mich sein
Blick. Ich war nur ein Möbelstück wie ein Stuhl oder ein Tisch. Ein
weiterer Mann mit braunem Hemd betrat die Bühne und nahm seinen
elektrischen Bass unter die Arme. Mein kleiner Bruder würde sich freuen,
wenn er dieses Konzert erleben könnte. Er hatte das Plakat vom Sputnik,
das der Vater ihm geschenkt hatte, von der Wand abgerissen und stattdessen ein
Plakat aufgehängt, das eine verschwitzte Rockgruppe unter einer bunten
Beleuchtungsdusche präsentierte.
Die Musiker auf der Bühne beendeten den Soundcheck und traten
hinter die Bühne zurück. Meine Kartoffeln kamen immer noch nicht.
Vielleicht waren sie wegen ihrer Abwesenheit auch schon in den
ungenießbaren Genitiv verwandelt worden.
Der Saal kam mir seltsam vertraut vor. Er ähnelte einem
staatlichen Empfangssaal in Saigon. Wenn das Essen nicht gefehlt hätte,
hätte ich mich fast wie zu Hause gefühlt. Bald kam eine große
Gruppe russischer Touristen herein, eine heitere Atmosphäre verbreitete
sich.
Die Kartoffeln kamen immer noch nicht. An Stelle des Kellners
erschien ein Rentier vor meinen Augen. Das Tier war eingeflochten in den
Pullover eines jungen Mannes, dessen blonde Haare bis zu den Schultern wuchsen.
“Darf ich mich zu dir setzen?” fragte er mich auf Russisch mit
einem ungewöhnlichen Akzent. Kaum hatte ich genickt, setzte er sich neben
mich. “Wo kommst du her?” Er duzte mich, obwohl wir uns noch nicht
kannten. “Aus Vietnam.” Er lächelte flaumig und sagte, er
käme aus Bochum. Dabei hatte ich ihn gar nicht gefragt, woher er
käme. Ich hatte noch nie den Namen “Bochum” gehört. Er
klang eher wie ein Husten und nicht wie ein Stadtname. “Ist Bochum in der
Nähe von Berlin?” “Etwa sechs Stunden mit dem Zug, glaube
ich.” “Das heißt, an der Grenze zu Tschechien.”
“Nein. Die nächste Grenze ist die zu Holland, glaube ich.” Ich
wusste natürlich, dass es ein Land gab, das Holland hieß, aber die
europäische Karte in meinem Kopf hatte blinde Flecken. Ich sah Russland
und Polen in klarem Licht, aber alles, was westlicher lag als Berlin, war
verschwommen, weil dort ein sandiger Wüstenwind wehte. Auch Frankreich
musste irgendwo liegen. Das war ein Land, das eine Zeitlang bei uns zu Gast
gewesen war und deshalb im Geschichtsunterricht behandelt wurde. Meine
Urgroßeltern mütterlicherseits konnten angeblich französisch
sprechen, und meine Mutter und einige meiner Schulfreundinnen hatten eine
diffuse Sehnsucht nach diesem Land.
Der junge Mann bestellte uns Wodka. Ich hatte noch nie Wein
getrunken, aber Wodka hatte ich schon einige Male probiert, weil mein Vater ihn
ab und zu als Parteigeschenk nach Hause mitgebracht hatte. Einmal zeigte er uns
die Aufkleber auf der Wodkaflasche und kommentierte: “Die Endung von
Stolichnaya ist genau wie die von Moskovskaya eine weibliche.”
“Warum weiblich?” “Weil Wodka weiblich ist.” “Kommt
es niemals vor, dass man dem Wodka einen männlichen Namen gibt?”
“Doch. Die Familie Gorbatschow, die 1921 vor der Revolution
flüchtete und nach Berlin ging, stellte den Wodka her, der Gorbatschow
hieß.” “Warum ist ausgerechnet der Generalsekretär der
Kommunistischen Partei vor der Revolution weggerannt?” “Das ist
nicht der, sondern ein anderer.” “Und warum ist der andere
Gorbatschow vor der Revolution weggelaufen?” “Weil er sehr reich
und egoistisch war, wollte er sein Vermögen nicht mit den anderen teilen.”
“Warum ist er nach Berlin gegangen?” “Ich weiß es
nicht.”
Der Student aus Bochum hieß Jörg. Er studierte ein Jahr
russische Literatur in Moskau. Jetzt, auf der Rückreise nach Hause, wollte
er sich “Ost-Berlin” anschauen. Warum sagte er nicht einfach
Berlin, sondern Ost-Berlin? In dem Moment kam mir blitzartig der Gedanke, dass
dieses “Bochum” vielleicht in der von den Amerikanern besetzten
Zone lag. Mein Herz, das wegen des Wodkas schon deutlich hörbar schlug,
fing an, noch schneller und lauter zu schlagen. “Schlafen deine Eltern
schon im Hotelzimmer?” fragte er mich. “Sie sind in Saigon zu
Hause.” “Bist du ganz allein nach Berlin gekommen?!”
“Sehe ich so jung aus? Es gibt Frauen, die in meinem Alter schon Kinder
haben.” Jörg blickte mich überrascht an, trank seinen Wodka
wortlos aus und bestellte noch ein Glas. Ich bereute, was ich gerade gesagt
hatte und fügte hinzu: “Natürlich ist das eine Ausnahme. Frauen
versuchen, so spät wie möglich zu heiraten, und gebären meistens
nur ein Kind. Das ist die heutige Bevölkerungspolitik, die ich sinnvoll
finde.” Jörg schien sich aber überhaupt nicht für die
vietnamesische Politik zu interessieren und betrachtete aufmerksam die Naht
meiner weißen Bluse. Der Kellner, der mir keine einzige Kartoffel
gebracht hatte, brachte uns einen Wodka nach dem anderen. Wahrscheinlich hatten
sich alle Kartoffeln in den Wodka verwandelt. In der Ersten und der Dritten
Welt gab es eine Politik, in der das Volk durch Alkohol und andere Drogen
betäubt wurde, damit es nicht den eigenen Hunger bemerkte. Ich befand mich
aber doch in der Zweiten Welt. Warum bekam ich nur Wodka an Stelle von
Kartoffeln?
Jörg sprach über das Pergamonmuseum. Ich wollte ihn
fragen, ob es stimmte, dass es eine Vogelsorte gebe, die Pergamon hieß,
aber seine Zunge bewegte sich immer langsamer und ungeschickter. Ich konnte ihn
nicht mehr verstehen und langweilte mich. “Ich gehe schlafen”,
sagte ich zu ihm. In dem Moment ergriff er mit seinen zangenartigen Fingern
meinen rechten Arm und flüsterte mir hastig ins Ohr: “Wir fahren
morgen zusammen nach Bochum.” “Nein, auf keinen Fall”,
antwortete ich. Jörg drückte seine Lippen gegen mein Ohrläppchen
und fragte: “Möchtest du keine Freiheit haben?” Sein Atem war
ein Geist aus Wodka. “Warum sprichst du plötzlich von der Freiheit?
Was hat sie mit Bochum zu tun?” In dem Moment schüttelte die
Elektrizität die Luft um uns herum. Der Bass und die elektrische Gitarre
füllten den Raum mit dem Geräusch einer Riesenbaustelle, und das
Vorspiel für “Katjuscha” begann. Ich sah, wie Jörgs Mund
auf- und zuging. Er sprach sicher irgendwelche Worte, aber sie wurden sofort
von den elektrischen Tönen zermahlen. Ich sagte, ich könne nichts
hören, aber ich konnte nicht einmal meine eigenen Worte hören. Wir
diskutierten weiter heftig, ohne einander akustisch verstehen zu können.
Auf dem großen roten Tuch, das über der Bühne hing, stand auf
Russisch “Der Welt den Frieden”. Die Buchstaben hoben sich immer
deutlicher vom Hintergrund ab, aber bald verschwammen sie wieder. Als das
Musikstück zu Ende ging, hörte ich nur noch mein eigenes Herz schlagen.
Ich erinnerte mich an die Tatsache, dass ich mich jetzt zum ersten Mal im
Ausland befand. Dazu kam noch, dass mir ein fremder Mann aus der feindlichen
Hälfte der Welt Unverständliches einredete. Damit mein Herz nicht
noch schneller schlug und aus dem Mund heraussprang, hob ich das Glas und trank
meinen Wodka mit einem Zug aus. Jörg sagte mit seiner taumelnden Zunge:
“Es ist doch schade, dass eine so talentierte Frau wie du im Osten
lebt.” “Ich bin nach Berlin eingeladen worden und nicht nach
Bochum.” Es war nicht leicht, etwas gegen Bochum zu sagen, denn ich hatte
gar keine Vorstellung von dieser Stadt. Man konnte ihr vielleicht unterstellen,
dass sie keine revolutionäre Bedeutung in der Weltgeschichte gespielt oder
keinen bekannten Autor hervorbracht hatte, den man auch in Vietnam kannte.
“Warum willst du nicht mit mir kommen?” In Jörgs Augen war ein
rotes Spinnennetz aufgespannt. Die Musiker begannen wieder zu spielen, dieses
Mal einfühlsam. “Ich finde, das Leben ist sinnlos, wenn mir das
Essen nicht schmeckt.” “Du gewöhnst dich sofort daran.”
“Ich kann nicht deutsch sprechen.” “Du wirst es schnell
lernen.” Da ich nichts weiter zu sagen wusste, rief ich einfach:
“Ich will nach Hause! Nach Hause! Nach Hause!” Daran kann ich mich
noch erinnern. Der Sänger der Musikband erhob dann seine Stimme und sang:
“Rossia, Rossia, Rossia, meine Heimat!” Und die gewaltigen Wellen
der Melodie verschluckten mein Bewusstsein.
Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, was danach passiert war.
Als ich aufwachte, lag ich auf dem Viereck eines weißen Betttuches. Am
Fußende stand Jörg und lächelte. Mein Körper fühlte
sich schwer an, er versank weiter ins Weiche der Matratze. An der Wand war ein
Plakat vom Sputnik angebracht. Die Fensterrahmen wirkten seltsam viereckig.
Fenster sind zwar auch in Vietnam meistens viereckig, aber es war das erste
Mal, dass mir das unangenehm auffiel. Wann war ich ohnmächtig geworden?
Vor einem Tag? Vor einer Woche? Oder war es noch länger her? Die
verlorenen Zeiten waren nur als Erschöpfung im Körper spürbar.
“Wo sind wir jetzt?” “Im Westen.” Ich dachte, er meinte
West-Berlin. So sagte ich zu ihm: “Dann muss ich schnell mit der
Straßenbahn nach Osten fahren. Ich möchte nicht zu spät zu der
Versammlung kommen.” “Du kannst heute nicht nach Berlin fahren. Wir
sind in Bochum.”
Als er mir das sagte, wurde in meinem Kopf eine Flasche Champagner
geöffnet, die vorher heftig geschüttelt worden war. In der Ferne
brach der Lärm einer Sirene aus. Es dauerte einige Sekunden, bis ich
verstand, dass es meine eigene Stimme war. Als Jörgs Gesicht wieder in
meinem Blickfeld auftauchte, schrie ich auf Russisch: “Ich will nach
Hause, nach Hause, nach Hause!” In einer Fremdsprache klang es wie
gelogen. Dann weinte ich, weil ich Angst vor der Stille hatte. Dabei
vergaß ich fast, warum ich weinte, und um mich wieder der Situation zu
vergewissern, wiederholte ich: “Ich will nach Hause!” Jörg
schwieg die ganze Zeit mit zusammengezogenen Augenbrauen. Bald sagte er leise:
“Du kannst von hier nicht ins Ausland gehen. Es gibt keinen Flughafen in
Bochum. Außerdem gibt es einen Grund, warum es besser ist, wenn du hier
bleibst.” “Was denn?” “In deinem Bauch befindet sich
mein Kind. Es wäre intelligenter, wenn wir zuerst eine glückliche
Familie gründen und dann zusammen deine Eltern besuchen würden. Du
willst sicher nicht mit diesem Bauch allein nach Hause zurückfahren, ohne
deinen Beitrag für die Versammlung geleistet zu haben.”
Ich stand auf, wusste aber nicht, wohin ich mich bewegen sollte.
Meine Füße waren kalt. Auf dem Schreibtisch sah ich eine spitze
Schere. Was schnitt Jörg mit so einer großen Schere?
“Was möchtest du essen?” “Pho.”
“Was?” “Eine bestimmte Art Nudeln.” “Was für
eine?” Da ich nicht auf Russisch erklären konnte, dass man
dünne, längliche Reisnudeln im Wasser kochen, grüne Zitrone,
rohe Sojasprossen, Zitronengras, Peperoni und Spitzwegerich dazugeben und das
Ganze mit einer Brühe begießen müsse, fasste ich den
Kochvorgang kurz zusammen: “Eine Suppe, Nudel und rohe Gemüse, alles
zusammen.” Jörg ging aus dem Haus, und ich fiel wieder ins Bett in
der Hoffnung, der Schlaf könnte alles ungeschehen machen.
Als ich wieder aufwachte, stand das Essen auf dem Tisch. Genau
das, was ich gesagt hatte, aber die einzelnen Bestandteile waren getrennt
serviert. Die Nudeln waren dick und matt, blutig beschmiert mit
Tomatensoße. Die Suppe hatte viele Fettaugen auf ihrer Oberfläche
und schmeckte salzig. Dazu gab es zerknitterten Eisbergsalat und harte Tomaten
mit Mayonnaise. Mein Onkel aß manchmal Reis mit Mayonnaise. Es war ein
japanisches Produkt mit einem seltsamen Namen, “Cupido-Mayonnaise”
oder so ähnlich. In der Tat war das Bild des antiken Gottes Cupido, der
die anderen Götter und die Menschen in die Verliebtheit gejagt haben soll,
auf der Plastiktube zu sehen. Mein Vater, der seinen Bruder verachtete, sagte
zu mir: “Dieser Analphabet interessiert sich nur dafür,
ausländische Produkte zu kriegen und damit anzugeben.” Mein Onkel
war kein Analphabet, pflegte aber zu sagen, dass das Lesen die männliche
Potenz schwäche. “Das stimmt nicht, Onkel. Hast du nicht mehr die
Stimme von Ho Chi Minh in deinem Ohr? Hat er nicht allen Kindern des Landes
gesagt, Lesen und Schreiben sei das Wichtigste fürs Leben? Er muss das
gesagt haben. Ich habe es in der Schule gelernt.” Der Präsident war
leider drei Jahre vor meiner Geburt gestorben, so dass mein eigenes Ohr seine
Stimme nicht mehr erleben konnte.
Ich begann, mit der weißen Plastikgabel den Salat zu essen.
Der Geschmack von Mayonnaise erinnerte mich an das Wort Schwangerschaft.
Das Bett war im Verhältnis zu dem Raum viel zu groß, so
dass ich mich eingeengt fühlte. Ich verließ das Schlafzimmer und
ging in die Küche, in der Jörg gerade ein blubberndes Geräusch
erzeugte. “Möchtest du Kaffee trinken?” “Nein, danke.
Wie sind wir über die Grenze gekommen?” “Mit meinem
Auto.” “Haben die Leute von der Grenzpolizei nichts gesagt?”
In der Ecke stand eine kleine, dickbäuchige Maschine, die eine braune
Flüssigkeit in ihren eigenen, durchsichtigen Bauch hineinspuckte. Das
sollte Kaffee sein, auch wenn es so dünn und ärmlich aussah.
“Du hast als Füllung des Beifahrersitzes im Auto gesessen. Die
Polizisten konnten dich einfach nicht sehen. Kennst du nicht die TTT, die
Trabi-Transport-Technik? Möchtest du wirklich keinen Kaffee?”
“Nein! Ich will keinen schwachen Kaffee!” Wenn du mir Kaffee
anbieten wolltest, müsstest du Vietnamesische Kaffeebohnen importieren und
sie geduldig rösten. Du müsstest rösten und rösten, bis sie
anfangen, edelschwarz zu duften.
Jörg sagte nichts, wandte mir den Rücken zu und trank
seinen Kaffee ohne Zucker und Milch aus. Sicher hatte irgendeine
westeuropäische Firma südamerikanische Arbeiter betrogen und ihnen
diese Kaffeebohnen für einige Münzen abgekauft. Ich wünschte
heimlich, dass die Geister der minderjährigen Arbeiter, die in der Kaffeeplantage
gestorben waren, in der Nacht bei Jörg auftauchten, um ihn zu quälen.
Als Jörg den Kaffee ausgetrunken hatte, zog er sich seine Lederjacke an
und ging aus dem Haus. Die Tür machte beim Schließen ein so
schweres, dumpfes Metallgeräusch, dass ich dachte, sie könnte in den
kommenden zehn Jahren nicht mehr geöffnet werden.
Draußen wurde es immer düsterer. In der fremden Wohnung
gegenüber hatte jemand das Licht angeschaltet, aber man konnte nicht in
den Raum hineinschauen, da die Gardinen mit ihren Spitzen, die mich an
Unterwäsche für Frauen erinnerten, die untere Hälfte des
Fensters bedeckten. Auf der Fensterbank stand eine weiße Porzellanfigur,
die ein nacktes, fettes Kind darstellte. Es lächelte diplomatisch und
streckte seinen Penis in meine Richtung. “Belgien” stand auf dem
kleinen Sockel, auf dem er stand.
Normalerweise hatte ich keine Angst vor Schatten. Aber als der
Schatten eines Autos die Innenwand des Schlafzimmers streifte, bekam ich
Schüttelfrost. Nachdem er weg war, sah man die Unebenheiten der Wand
deutlicher als vorher. Sie sah aus wie eine pubertierende Haut mit
unzähligen, winzigen Bläschen. Wenn ich sie mit meinen
Fingernägeln zerdrücken würde, würde es nach Mayonnaise
riechen. Die Wand war genauso vorbildlich viereckig wie das Fenster und die
Decke, aber sie könnte sich lauwarm anfühlen wie eine menschliche
Haut.
Ich wachte durch meinen eigenen Schrei auf, dabei hatte ich zuvor
weder geschlafen noch geträumt. Aus meinem Unterleib wuchsen drei Beine.
Zwei von ihnen kannte ich schon, das dritte war muskulös und behaart. Als
ich noch einmal schrie, verschwand das dritte Bein. Ich erinnerte mich, wie
mein Onkel einmal auf einer hohen Leiter stand, um das Dach zu reparieren. Es
war ein besonders heißer Sommertag, und er hatte eine kurze Hose an.
Wo war Jörg eigentlich hingegangen?
Neben dem Bett stand eine Lampe, die wie ein Riesenpilz aussah.
Ich suchte nach dem Schalter, fasste den Schirm an, auch den Stiel, aber es
wurde nicht hell.
Auf dem Bett lag ein schlappes Kopfkissen. Wenn ich meinen Kopf
darauf legen würde, würde er immer tiefer sinken, ohne Halt durch die
Matratze hindurch bis auf den Fußboden oder noch tiefer, und immer
tiefer, bis in den Keller, und weiter, bis er in der Erde begraben würde.
Auf einmal war ich wieder oben, genauer gesagt, befand ich mich
auf einer Bühne und saß auf einem Kissen. Vor mir waren etwa
dreihundert junge ostdeutsche Parteimitglieder platziert, die mir konzentriert
zuhörten. Warum musste ich allein auf einem Kissen auf dem Boden sitzen,
während alle anderen Stühle hatten? Es musste sich um ein kulturelles
Missverständnis handeln. In Japan oder im Iran saß man vielleicht
sogar bei einer Parteiversammlung auf dem Fußboden, aber doch nicht bei
uns und auch nicht in China! Aber jetzt sollten wir solche kleinen kulturellen
Unterschiede überwinden und uns für den Frieden der Welt vereinigen!
Ich war beauftragt, über die Gewalt des Kapitalismus zu sprechen. Leider
konnte ich mich in dem Moment nicht an den Inhalt meiner Rede erinnern, da mich
mein Kissen zu sehr beschäftigte. Dieses Kissen musste eine andere
Erscheinungsform von Jörg sein, ja, er hatte sich aus einem mir
unbekannten Grund in das Kissen verwandelt. Er würde keine Luft mehr
bekommen, wenn ich mein ganzes Gewicht auf ihn setzten würde. Deshalb
versuchte ich, meine Hüfte in der Luft zu halten, indem ich die Muskeln
der Oberschenkel anspannte. Diese Haltung verlangte von mir eine gymnastische
Anstrengung, zugleich versuchte ich, nicht zu kräftig zu drücken,
sonst hätten aus meiner Vagina flüssige Mikromännlein
herausgequetscht werden können. Was hätte das Publikum gesagt, wenn
ich solche Wesen geboren hätte? “Du redest gut, in Wirklichkeit bist
du aber nichts anderes als eine verräterische Ehefrau, die
ausländische Währungen begehrt und Kinder wie Zinsen
gebärt!” Ich ahnte schon, dass mir solche Vorwürfe gemacht
werden könnten. In Vietnam war ich eine Musterschülerin, aber das
würde mir hier keiner glauben. Man würden sofort denken, dass ich
weibliche Ausstrahlung freiwillig als Ware anbieten würde. Weil unser
Nachbarland, Thailand, missverstanden und missbraucht wurde, bekamen wir alle
etwas von den Vorurteilen ab. Japaner waren dafür auch verantwortlich.
Warum hatten sie das Wort “Geisha” exportiert? Sie konnten
vielleicht nichts dafür, denn vor hundert Jahren hatten sie nichts anderes
zu exportieren. Als Preis dafür müssen wir aber heute noch als
potentielle Geishas leiden. “Ein kapitalistisches Land ist immer
gezwungen, etwas zu exportieren, auch wenn es nichts bringt und viele Opfer kostet.
Man sieht am Beispiel Japan den Widerspruch der kapitalistischen Wirtschaft am
deutlichsten, aber auch alle anderen werden bald davon betroffen sein!”
So schloss ich meine Rede vorläufig ab. Ein Selbstlob ist keine Tugend,
aber ich war zufrieden mit der scharfen Wendung am Ende meiner Argumentation.
Kein Applaus war zu hören. Vielleicht erwarteten die Zuhörer, dass
ich mehr über Vietnam erzählte. “In unsrem Land wurden viele
Menschen wie Mäuse im Labor geopfert, um neue Waffen für die
imperialistischen Kriege zu entwickeln.” Eine tödliche Stille
herrschte in dem Saal. Mein Nacken war nass von kaltem Schweiß. Eine
drückende Stille war ungünstig für uns, da der Atem des
Kopfkissens hörbar wurde. Um das Publikum zum lauten Lachen zu bringen,
versuchte ich, einen Witz zu machen: “Übrigens bin ich nach dem
chinesischen Kalender eine Ratte. Ein Lehrer von mir, der deutsch spricht,
empfahl mir, mich in Berlin als Maus und nicht als Ratte zu bezeichnen, weil
die Ratte in Deutschland ein verhasstes Tier sei. Also, verehrte Genossen und
Genossinnen, wir waren die Mäuse für militärische Experimente,
aber keine Ratten!” Keiner lachte. Das Schweigen war bedrückend, und
mein Atem hing schwer in den Lungen.
Durch die Tür hinter dem Publikum traten die beiden jungen
Männer, die mich vom Flughafen abgeholt hatten, in den Hörsaal ein.
Sie wackelten mit den Hüften wie Models bei einer Modenschau und drehten
sich um, um den Namen “LEE” auf ihrem Hintern zu zeigen. Die Jeans
von Lee war so teuer, dass das Monatsgehalt meines Vaters nicht einmal
ausreichen würde, um zwei Beine zu bedecken. Wir hatten zu Hause
natürlich viel mehr Beine als zwei. Ein Klassenkamerad hatte mir die
Gründungsgeschichte der Firma LEE erzählt. Es war einmal ein Chinese,
der Lee hieß. Er lebte in einem kleinen Dorf an dem Gelben Fluss und
hatte so geschickte Finger, dass er sogar für die Ameisen Knöpfe
annähen konnte. Aus Langeweile wanderte er nach Amerika aus und
gründete dort eine Firma, die seinen Namen trug.
Die beiden Männer mit den Jeans besetzten die für sie
reservierten Plätze in der ersten Reihe. Wie ich mir schon gedacht hatte,
waren sie Spione. Sie hatten bereits ihre Arme hochgekrempelt und warteten auf
einen günstigen Moment für den Angriff. Als ich anfing, über die
Doimoi-Politik zu sprechen, kletterten sie auf die Bühne und stachen mit
den Messern in mein Kissen. Das Blut sprudelte, und ich hörte Jörgs
Schreien, während die beiden Spione mir brüderlich erklärten:
“Er ist ein Spion aus Bochum. Er wollte dich politisch vergewaltigen.”
Ich sah das Blut und rief Jörgs Namen so sehnsüchtig, als wäre
er mein Geliebter gewesen.
Jemand streichelte meine Haare. Neben mir lag Jörg.
“Was war los? Hast du schlecht geträumt? Keine Angst. Es passiert
nichts Schlimmes mehr hier.” Es sprach fürsorglich wie ein Bruder,
der seine viel jüngere Schwester tröstete. Mir war etwas
Ähnliches vor langer Zeit passiert. Jörgs Atem roch nach der
Zahnpasta mit künstlichem Zitronengeschmack. Dann war mein Mund bedeckt,
so dass mein Atem rückwärts zu strömen begann. Als ich zum
ersten Mal im Leben Entenzunge aß, ging es mir ähnlich. Die Familie
meines Vaters stammte aus dem Süden. Eine seiner Schwestern, die ein
Restaurant in Saigon besaß und dort unter anderem chinesische
Spezialitäten anbot, steckte ein Stück Entenzunge in meinen Mund und
ermutigte mich: “Probiere es!” Ich war noch klein und wusste nicht,
ob man in die Entenzunge hineinbeißen sollte oder nicht. Vielleicht lebte
sie noch. Sie würde zweistimmig zu sprechen beginnen, wenn ich sie
entzweibeißen würde. Es würde blutbitter schmecken. Wenn ich
aber das ganze Stück zu schlucken versuchen würde, ohne es zu kauen,
könnte ich nicht mehr atmen. Wenn ich die Zunge ausspucken würde,
würden die Erwachsenen mich auslachen. Also was tun?
Jörg war nicht im Zimmer. Es war stockdunkel, ich hörte
keinen Atem von einem Lebewesen. Wenn ich aufstehen, das Bett verlassen und
herumwandern würde, könnte ich vielleicht das Bett nie wiederfinden,
das doch mein Rettungsboot war. Ich wollte mit geschlossenen Augen abwarten,
bis der Morgen ein viereckiges, intaktes Licht ins Zimmer warf.
Jörg klappte jeden Morgen seine Ledertasche demonstrativ zu
und ging zur Universität. Wenn er am späten Nachmittag nach Hause
kam, las er russische Bücher mit Hilfe der Wörterbücher. Nach
Sonnenuntergang bestellte er telefonisch Pizza und Salat für uns,
saß einen Augenblick mit mir zusammen, schaute sich kurz den Fernseher an
und ging wieder aus dem Haus. Wenn er wiederkam, lag ich meistens schon im Bett
und hörte das Rascheln vom Hemd und von der Hose im Dunkeln. Ich war nicht
sicher, ob es wirklich Jörg war. Derjenige, der Jörg oder ein anderer
war, kroch dann ins Bett. Es roch nach altem Sofa, Zigaretten, Haarwasser und
Nelken.
Jörg zeigte mir in der ersten Woche Warenhäuser und
Restaurants, aber ich mochte weder das schwere Besteck auf den weißen
Tischdecken noch die klar geputzten Glasscheiben der Schaufenster. Meine Zunge
war wie gelähmt. Was ich auch aß, es schmeckte nach Fett und Salz.
Die Produkte in den Warenhäusern sahen aus wie eine Ansammlung von
glitzerndem Müll. Immer, wenn Jörg mich ansprach, kam aus meinem Mund
dieselbe Frage, warum er mich hierher gebracht habe. Jörg flüchtete
sich in Adjektive und sagte mir: “Wir besuchen ein gutes Warenhaus,
weißt du, ein gutes”, “Es ist ein günstiges
Restaurant”, oder “wir kaufen in einem teuren Schuhladen
ein”.
Auf dem Schreibtisch lag eine lange, schmale Schere. An ihrer
Schneide waren zwei eckige Männlein zu sehen, die Hand in Hand dastanden.
Bevor ein Mann, der wahrscheinlich Jörg hieß, sich nachts auf meinen
Körper legte, hielt ich bereits die Schere an meine Brust,
zusammengeklappt und mit der Spitze in Richtung des Himmels. In der Dunkelheit
konnte der Mann die Schere nicht sehen. Er sprang mit einem Schwung auf mich,
und die Schere durchstach sein Fleisch. Ich spürte, wie die Messer
zwischen seinen Rippen nach innen ragten. Vielleicht schaute ihre Spitze schon
aus dem Rücken heraus. Seine Augen schwollen an und platzten. Dann fiel
der schwere Körper kraftlos neben mich. Es schien, als würde in dem Raum
eine Weile Frieden herrschen. Der Welt den Frieden: die Arbeit war erledigt
worden. Auf einmal merkte ich, dass meine Hände sich klebrig
anfühlten. Ich stellte überrascht fest: in einer extrem lichtarmen
Umgebung konnte menschliches Blut schwarz aussehen.
Das Gesicht eines Menschen sah seltsam aus, wenn man es aus zu
großer Nähe betrachtete. Die Augen und die Augenbrauen wuchsen
zusammen, hinter ihnen bildete sich ein dunkler Hohlraum, die Form der Nase
verschwand, die Nasenlöcher schwärzten sich, während die
emaillierte Oberfläche der Zähne eine kannibalische Helligkeit
annahm.
Das Fleisch meiner Pobacken schmerzte, es mussten Jörgs
Fingernägel gewesen sein, die noch in meinem Fleisch brannten. Sein
schwerer Körper, den ich nicht einmal ein bisschen zur Seite schieben
konnte, zerdrückte mich. Ich streckte meinen Zeigefinger und steckte ihn
in sein Auge. Er schrie kurz auf, stand auf und ging schimpfend ins Badezimmer.
Ich folgte ihm. Er untersuchte sein rotes Auge im Spiegel. Ich nahm den
eisernen Kerzenständer in die Hand und schlug ihn auf seinen Hinterkopf.
Er kniete sich langsam nieder, wie ein Akkordeon, das sich zusammenzog, und lag
zum Schluss quer auf dem Boden. Ich pustete in sein Ohr, um ihn wie eine
Gummipuppe aufzublasen. Kaum war er aufgestanden, gab er mir einen
Fußtritt gegen die Brust. Ich fiel rückwärts, schlug mit dem
Hinterkopf gegen die Wand und brach zusammen. Jörg griff nach meinem
Fußgelenk, hob es einfach hoch und hielt mich kopfüber. Dann
öffnete er mit den Fingern meine Schamlippen und steckte alles hinein, was
er gerade fand: die Zahnbürste, den Rasierapparat, das Fläschchen mit
den Augentropfen und den Kamm. Nur die Nagelschere ließ er aus der Hand
fallen. Ich schnappte sie und stach damit in seinen Spann.
Ich wurde bald des sexuellen Verkehrs überdrüssig, weil
man bei der Sache immer zu zweit war und keine neue Szene zu sehen bekam. Aus
dem Fenster beobachtete ich ab und zu fremde Menschen, die mit seriösem
Gesichtsausdruck aus dem Gebäude traten und irgendwohin eilten. “Hast
du gar keinen Freund? Hat kein einziger Mensch Interesse an dir?” fragte
ich Jörg, woraufhin er mich überrascht ansah. Schon am nächsten
Tag brachte er einen Mann in seinem Alter mit nach Hause. Als ich auf Russisch
zu ihm sagte, dass ich mich freue, ihn kennenzulernen, antwortete er verlegen
auf Englisch, dass er leider kein Vietnamesisch verstehe. Jörg lachte und
klopfte ihm auf die Schulter. Zu mir sagte er, in dieser Stadt würde kaum
jemand russisch sprechen. Das enttäuschte mich genau so wie damals, als
ich erfuhr, dass es hier keinen internationalen Flughafen gab. “Das ist
Mark”, stellte Jörg mir den Mann erneut vor und begann, mit ihm
Dosenbier zu trinken und zu plaudern.
Mark versprach mir, beim nächsten Besuch seine neue Freundin
mitzubringen, die aus Moskau stammte. Den Erklärungen zufolge, die
Jörg mir später gab, war Mark in seinem Wirtschaftsstudium sehr
erfolgreich, hatte aber keine Begabung für Sprachen. Obwohl er schon
einmal angefangen habe, Russisch zu lernen, könne er diese Sprache nicht
einmal akustisch von anderen Sprachen unterscheiden. Wenn jemand vietnamesisch
aussehe, höre er ihn automatisch vietnamesisch sprechen. Gesichter sahen
verschieden aus, aber Fremdsprachen waren für ihn in ihrer
Unverständlichkeit alle gleich.
Die Freundin von Mark hieß “Anna”, aber sie
hatte keine Ähnlichkeit mit der Anna aus meinem alten russischen
Sprachlehrbuch. Die neue Anna erzählte mir nicht auf Russisch, wie viele
Geschwister sie hatte oder wo sie geboren war. Sie fragte mich nicht in dieser
Sprache, wie es mir ging oder was ich am kommenden Sonntag machen würde.
Sie sprach vielmehr die ganze Zeit nur deutsch. Anna, die kein Russisch mehr
sprach, wollte ich lieber Anne nennen, und nicht mehr Anna. Aber was war ich,
die gar nichts mehr sprach?
Jörg und ich waren mit Mark und Anna in einer Pizzeria
verabredet. Frauen und Männer um die zwanzig standen dort herum. Einige
warteten auf die “frisch gebackene” Pizza aus der Mikrowelle,
andere küssten einander oder rauchten. Es gab einen Spielautomaten, der
Bilder von Tomaten in seinen Fenstern zeigte.
Mark schenkte mir ab und zu ein charmantes Lächeln,
während Anna mich nie anschaute und ins Gespräch mit Jörg
versank. Die deutsche Sprache klang so, wie sie aus dem Mund von Anna
herauskam, plastisch und bunt. Beim Zuhören hatte ich das Gefühl,
durch hügelige Landschaften spazieren zu gehen. Die Pizza schmeckte wie
altes Papier mit Tomatengeschmack. Das dunkelrote Getränk mit
Kohlensäure schmeckte wie ein Medikament gegen Halsschmerzen. Ich
hätte viel lieber frisches Wasser mit grüner Zitrone und Zucker
getrunken. Ich verfiel in eine sentimentale Stimmung, vielleicht, weil ich
gerade meine Tage hatte. Während wir Pizza klein schnitten und aßen,
versank ich in meinen Gedanken über vietnamesische Frühlingsrollen
aus rohem Teig und frischen Kräutern, so dass der Speichel in meinem Mund
zu fließen begann. Als ich meine Pizza lustlos aufgegessen hatte, hatte
ich immer noch nichts zu sagen und saß schweigend und mit krummem
Rücken da. Jörg sprach plötzlich russisch, wahrscheinlich aus
Mitleid mit mir. Er fragte Anna, ob sie wisse, dass die Verlängerung der
Transsibirischen Eisenbahn durch Bochum gefahren sei. Diese Eisenbahnlinie habe
Moskau direkt mit Paris verbunden. Annas Gesichtsausdruck hellte sich
plötzlich auf: “Ja, ich weiß. Die Schienen verliefen bei den
Sieben Planeten, glaube ich.” “Es gab dort ein
Kohlebergwerk”, fügte Mark hinzu. “Kennt ihr den
amerikanischen Film, in dem ein Junge, dessen Vater ein armer Bergarbeiter ist,
das Licht vom Sputnik im nächtlichen Himmel sieht und später
Astronaut wird?” “Ich habe noch nie einen amerikanischen Film
gesehen”, antwortete ich. Anna warf einen verächtlichen Blick auf
mich. “Ich mag Tarkowskij”, fügte ich aus Protest hinzu. Anna
lachte. Ab diesem Punkt blieb ihr Geschichtsausdruck glühend freundlich,
und zum Schluss lud sie mich sogar zum Eis ein.
“Sieben Planeten”: das waren die ersten beiden
deutschen Wörter, die ich bewusst lernte. Wenn ich an die Planeten im
Kosmos dachte, wurde ich kurzfristig von jeder Angst befreit. Es war eine neue
Erkenntnis für mich: Die Vorstellung einer großen Entfernung
beängstigte mich nicht. Wenn ich Angst hatte, lag es also an der Enge.
Später fragte ich Jörg noch einmal, ob der Zug von
Moskau nach Paris tatsächlich durch Bochum gefahren sei. Jörg
antwortete wie ein stolzer Grundschüler, der von dem Lehrer gelobt wird:
“Ja, sicher. Aus dem Fernen Osten kam der Zug. Er muss nach pazifischen
Seepflanzen, die an der Küste von Vladivostok lagen, gerochen haben, oder
nach den Steinen der Chinesischen Mauer, dem Sand der mongolischen Wüste,
dem salzigen Wasser des Baykalsees. Der Zug kam über den Ural nach Moskau
und dann nach Bochum, um weiter nach Paris zu fahren.” “Das
heißt, wir leben doch nicht am Rande der Welt, sondern wir stehen auf
einer Hauptlinie. Von hier aus kann man mit dem Zug überall
hinfahren.” Jörgs Augen bewölkten sich. “Ich weiß
nur nicht, ob der Zug hier je gehalten hat. Ich werde jemanden danach
fragen.”
In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen. Jörg
schnarchte. Als ich seine Nasenflügel mit zwei Fingern zuhielt, wurde er
still. Aus der Ferne hörte ich das leise, reibende Geräusch der
Treibachse, das Klappern der Wagenkupplung und einen langen, heulenden
Nachklang aus den Eisenbahnschienen. Irgendwo nicht weit entfernt vom Kopfkissen
fuhr der Zug. Nur die Schlaflosen wussten von seiner Existenz.
Ich trat aus dem Haus und ging einfach ziellos geradeaus, bis ich
nicht mehr wollte. Dann kam ich wieder denselben Weg zurück nach Hause,
ohne etwas erledigt zu haben. “Spatz” war das Wort für den kleinen,
braunen, gewöhnlichen Vogel. Wenn ich zu Hause blieb, drehten sich in
meinem Kopf immer dieselben Gedanken. Kann ich wirklich nach Saigon fahren,
wenn das Kind geboren ist? Wie lange wird der Embryo noch in meinem Bauch
bleiben? Wie alt muss das Kind sein, um fliegen zu können? Wenn meine
große Schwester oder meine Mutter hier wären, könnte ich sie
alles fragen. Meine Mutter pflegte mich leidenschaftlich über die
Sexualität zu unterrichten, als wollte sie aus mir einen vollkommenen
weiblichen Knödel zubereiten. Die menschliche Seele sei kugelförmig,
aber auch der Körper einer Frau müsse aus Rundungen bestehen,
behauptete sie. Ich hörte ihr nicht zu, unterbrach sie oder wechselte das
Thema, indem ich Konfuzius zitierte. Er schrieb zum Beispiel, er habe nie einen
Menschen gesehen, der den “Farben” die Wissenschaft vorziehe. Das
chinesische Ideogramm für Farben kann vieles bedeuten. Konfuzius meinte
hier sicher die sexuelle Lust. “Das ist doch klar. Wer kann sich mehr
für die Wissenschaft interessieren als für den Beischlaf?”
antwortete meine Mutter abschätzig. Wenn ich mich mit Konfuzius besser
ausgekannt hätte, hätte ich ihr noch mehr erzählen können,
um sie zum Schweigen zu bringen. Aber ich hatte mein Wissen nur aus zweiter
Hand, oder besser gesagt, aus zweitem Mund importiert. Ein alter Lehrer
erzählte mir in der Pause immer wieder über Konfuzius, seitdem er
mein Interesse für seine Lehre bemerkt hatte. Ich selber konnte kein
chinesisches Schriftzeichen lesen. Es musste aufregend sein, zum Beispiel das
Ideogramm für “Farbe” schreiben zu können, das so
aussehen sollte wie eine hockende Frau und ein Mann auf ihrem Körper.
Solche Schriftzeichen stellte ich mir viel aufregender vor als den sexuellen
Realismus meiner Mutter. “Ich finde es schade, dass ich kein Chinesisch
lesen kann.” “Willst du etwa Konfuzius und Mao lesen, anstatt die
eigene Schönheit aufzupolieren?” “Du hast etwas gegen China,
das ist eine Dummheit. Weißt du das eigentlich?” Konfuzius hatte
gesagt, man solle den Eltern nicht widersprechen. Aber was sollte ich machen,
wenn die dummen Eltern gegen Konfuzius waren? Ich stellte mir manchmal den
betäubenden Duft der alten chinesischen Bücher vor. Er hätte
mich vor dem Duft der Frauen geschützt, der unser Haus immer wie verfaulte
Mangos erfüllte.
Ich schrieb einen Brief an meine Familie, in dem ich mitteilte,
dass ich unerwartet ein Stipendium für Deutschland bekommen habe und
deshalb etwas länger hier bleiben wolle. Ich schrieb absichtlich nur
Deutschland und nicht Bochum, damit sie sich keine unnötigen Sorgen
machten. Jörg beobachtete mich besorgt, als ich ihn nach Briefmarken
fragte. Um ihn zu beruhigen, übersetzte ich ihm den Brief mündlich.
Er riss ihn mir aus der Hand, steckte ihn in seine Ledertasche und versprach
mir, ihn zu frankieren und abzuschicken.
Ein Monat verging, ohne dass ich etwas von meiner Familie
gehört hatte. Jörg hatte keinen Wandkalender in seiner Wohnung, aber
da ich wieder meine Tage bekam, bemerkte ich, dass fast ein Monat vergangen
war. Warum schreibt mir meine Familie nicht? Haben sie mich vergessen wie ein
abgetriebenes Kind? Haftet Verdacht an meiner Familie, so dass sie mir nicht
schreiben können? Es hatte in den Siebzigern Familien gegeben, die ihre
begabten Kinder allein ins Exil schickten, weil sie die Entfaltung des
Individuums wichtiger fanden als den Zusammenhalt einer Familie. Aber ist nicht
die Idee des Exils heute veraltet? In meiner Klasse gab es sogar eine
Schülerin, die mit ihrer Familie gerade aus der Schweiz zurückgekehrt
war.
In den eigenen vier Wänden zerdrückten mich die Sorgen.
Draußen auf der Straße dagegen bekam ich das Gefühl, nicht
mehr von der vergangenen Zeit abgeschnitten zu sein. Ich versuchte, von der
Vorstellung wegzukommen, dass es die voneinander getrennten Orte ‚hier‘
und ‚drüben‘ gebe. Trotz ihrer Entfernung mussten
‚hier‘ und ‚dort‘ verbunden sein. Die Mauer in Berlin
sollte schwerer zu durchbohren sein als die Chinesische Mauer, aber auf der
Weltkarte, die in Jörgs Zimmer hing, entdeckte ich eine Linie, die von
Vladivostok bis Lissabon ging. Auf dieser Karte stand Bochum nicht. Im
westlichen Teil von Europa breitete sich keine Wüste aus. Es gab so viele
Stadtnamen, dass die Striche der Buchstaben, die verschiedene Namen
darstellten, einander berührten. Mir kam es seltsam vor, dass die Existenz
so zahlreicher Städte, deren Namen ich nicht einmal kannte, keinen
Einfluss auf mein Alltagsleben haben sollte.
Es gab einige warme Tage, die Fenster der Nachbarhäuser
blieben jedoch geschlossen. Vor den Fenstern wuchsen gut geformte Blumen, die
an Plastikblumen erinnerten. Kaum jemand pflanzte Gemüse im Garten.
Wahrscheinlich brauchte man keins. Auch Jörg aß außer Tomaten
kaum Gemüse.
Meine Schritte wurden jeden Tag schneller, meine Augen wollten
immer mehr sehen. Einen Tag zuvor war ich bis zum Haus mit dem
Tannenkränzchen gegangen, heute bis zum Haus mit den grinsenden
Plastikpuppen. Sie stellten alte, faltige Männer dar, die rote
Schlafmützen und Filzstiefel trugen. Da ich jeden Tag erneut am Punkt Null
beginnen musste, lief ich immer schneller, um weiterzukommen. Es blieb lange
hell, zwischen fünf und neun Uhr blieb die Zeit sogar stehen. Ich
besaß keine Armbanduhr. Selbst wenn die Sonne noch unschuldig hell
schien, konnte es schon neun Uhr abends sein. Die Täuschung durch die Helligkeit
beunruhigte mich, und der Rückweg zog sich immer in die Länge. Wenige
Läden, die es am Weg gab, schlossen pünktlich wie abgesprochen um
sechs Uhr. Nach sechs Uhr war kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen,
obwohl die Sonne noch schien. Sie beleuchtete nur mich, eine unwichtige Figur
ohne Rollentext, in einem Theater ohne Publikum.
Einmal kam ich so spät nach Hause, dass Jörg schon von
seiner Kneipentour zurückgekehrt war. “Wo warst du?” Jörg
sprach immer häufiger deutsch mit mir. Ich versuchte, diese Sprache nicht
zu lernen. Denn ich hatte Angst, durch sie für immer an den Ort gefesselt
zu werden. Ich brauchte die Sprache auch nicht zu verstehen. Die Situation und
Jörgs Gesicht zeigten mir deutlich, was er meinte. Er hatte nicht vor, mir
diese Sprache beizubringen. Er schien abzuwarten, bis ich von allein zu einem
Teil seiner vertrauten Umgebung wurde, so wie ein neues, zu gut gestärktes
Hemd im Laufe der Zeit geschmeidig wie die zweite Haut wurde.
Das gemeinsame Leben machte uns immer stummer. Jörg
erzählte nichts mehr, und ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte.
Seine Wünsche waren nicht schwer zu erraten. Er wollte immer dasselbe
essen. Wenn er vom Lernen erschöpft war, wollte er sich ausruhen. Wenn er
nicht fernsah, fiel ihm der Geschlechtsverkehr ein. Auch da nahm er sich nie
vor, das feststehende Szenario sprachlich zu modifizieren. Zuerst gab es kalte
Lippen, dann brennende Zunge. Meine Brüste wurden zu Brotteig, der
geknetet werden sollte, und dann überkam mich eine bestimmte Empfindung,
als wollte ich sofort Wasser lassen. Dabei betrachtete ich unbeteiligt, wie
Jörgs Kopf sich auf und ab bewegte. Zwischendurch wendete er meinen
Körper einmal um wie beim Fischbraten. Ich schämte mich, ihm meinen
Rücken zu zeigen. Da ich ihn nicht sehen konnte, kam er mir zu nackt vor.
Genauso war es mit dem Gesicht. Ich mochte nicht gerne, wenn er sich zu lange
mein Gesicht anschaute. “Du musst dich wegen nichts schämen, andere
Leute machen das genauso. Das sieht man in den Filmen”, klärte er
mich auf.
Die Vorstellung von einer Eisenbahnlinie, die aus Paris über
Bochum nach Moskau fuhr, verließ nie meinen Kopf. Eines Tages,
unmittelbar nach dem Aufwachen, sprang die Frage aus meinem Mund, ohne dass ich
es mir vorher überlegte. “Hast du eigentlich schon jemanden genauer
nach den Eisenbahnschienen bei den Sieben Planeten gefragt?” Jörg
hatte ein Bein in der Hose, das andere schwankte noch in der Luft. “Noch
nicht. Aber du kannst selber hingehen, wenn dich das so interessiert.”
Jörg erklärte mir, wie man zu den Sieben Planeten kam. Es schien kein
weiterer Weg zu sein als mein täglicher Spaziergang, nur in eine andere
Richtung. “Meine Mutter ist auch schon mal dahin gelaufen, als sie hier
war. Sie hat sich ansonsten bei mir gelangweilt. Sie meinte, die Rapsfelder seien
wunderschön gewesen.” Ich war überrascht, dass Jörg eine
Mutter hatte. Warum hatte sie sich bei Jörg gelangweilt? War es
langweilig, einen Sohn zu haben? Warum wollte Jörg mich ihr nicht zeigen,
wenn wir bald heiraten würden?
Ich folgte Jörgs Beschreibung und fand eine Straße, die
“Sieben Planeten” hieß. Drei kleine Jungen spielten mit einem
Spielzeugtraktor. Es war selten, dass man spielende Kinder auf der Straße
sah. Wahrscheinlich gab es in der Umgebung gefährliche Entführer. Am
Ende der Straße öffnete sich plötzlich das Blickfeld, und ich
wurde vom Licht der Rapsfelder empfangen. Bis zum Horizont war die Fläche
restlos gelb gefärbt. Wozu brauchten die so viel Pflanzenöl? Es gab
wenig Gemüse in der Stadt. Wollten sie wenig Gemüse mit viel Öl
essen oder verwendeten sie das Öl für militärische Zwecke? Ein
schmaler Weg führte mitten durch das Feld. Links und rechts stand der
Raps, der nur ein bisschen kleiner war als ich. Hat ein Politiker ein
ähnliches Gefühl, wenn er durch die Menschenmenge geht, die ihn
empfängt? Ich war anscheinend willkommen. “Unsere Genossin kam aus
der Ferne, um ihr Wissen mit uns zu teilen. Wir empfangen sie mit
Applaus!” Ein Applaus der Rapsblüten. Ich war eine vorbildliche
Schülerin, die ohne Verspätung zu der Versammlung der jungen Parteimitglieder
kam. Am rechten Ende des Feldes sah man den verlockenden Schatten eines
dunkelgrünen Waldes. Der Weg bog in diese Richtung ab.
Das Rapsfeld zog meine Haare mit unsichtbaren Händen zu sich.
Die Rapspflanzen wollten, dass ich bei ihnen blieb. Aber eine andere Kraft zog
mich nach vorne, in die Richtung einer Straße, auf der die Häuser
eher angeordnet waren als gebaut. Kein Lebewesen war zu sehen, alle Fenster
waren geputzt, alle Außenwände makellos geglättet. Meine
Schritte klangen ungewöhnlich hohl, als würde ich mit hohen
Absätzen über einen Tunnel gehen. Es musste unter meinen
Füßen große, hohle Räume geben. Kein Wunder, denn auch
dieses Land hatte Kriege erlebt. Oder war es eine Strecke, unter der
Bergarbeiter gebaut hatten? Die Häuser wiesen mich mit unschuldigen
Gesichtern ab. Ein alter Mann kam aus einem der Häuser und pflückte
unsichtbares Unkraut zwischen seinen Tulpen. Er wandte mir seinen
Schildkrötenpanzer zu. Ich ging weiter.
Am Ende dieser Straße begann ein kleiner Wald. Die Schatten
der Eichen kamen mir auf einmal vertrauter vor als die Häuser der
Menschen. War es für mich vielleicht besser, in einem Wald zu leben als in
einer Stadt? Nein, sagte ein großes Kreuz zu mir. Seine Glieder waren
weiß mit roten Spitzen. Ich konnte zuerst die grasbewachsenen
Eisenbahnschienen, die hinter dem Kreuz lagen, nicht sehen. Sie waren
verrostet, wahrscheinlich waren sie jahrelang nicht mehr benutzt, sogar nicht
einmal betrachtet worden. Die Schienen verschwanden links in den Schatten der
Bäume, rechts ins helle Niemandsland.
Diese Eisenbahnschienen belebten eine geheime Verbindung zu den
Monaten und Tagen, die doch nicht vergangen und abhanden gekommen waren. Ich
war aufgeregt bei der Vorstellung, dass diese Schienen, die ich vor mir sah,
bis Moskau weitergingen. Ein Cousin von mir studierte gerade in Moskau. Ich
kannte zwar seine Adresse nicht, aber ich würde ihn sicher sofort finden,
da man mich dort verstehen würde. Mein Cousin würde mich in den
direkten Zug nach Peking setzen. In Peking würde ich eine Fahrkarte nach
Hanoi kaufen. Es könnte dabei Komplikationen geben, aber verglichen mit
der jetzigen Situation wären alle weiteren Probleme nur kleine Erbsen. Von
Hanoi aus würde es bis Saigon nur noch zwei Tage dauern, und auf dieser
Strecke könnte mir bestimmt nichts Schlimmes mehr passieren. Wenn ich
bloß Moskau erreichen könnte!
Ich wollte warten und in einen Zug einsteigen, aber es gab keinen
Bahnhof. Seither besuchte ich diese Stelle ein paar Mal und spazierte an den
Schienen entlang in beide Richtungen. Ich entdeckte nicht einmal Spuren eines
Bahnhofs. Ich erlebte auch niemals, dass gerade ein Zug vorbeifuhr. Nur in
schlaflosen Nächten, wenn ich mit brennenden Wimpern im Bett lag,
hörte ich ein Eisenbahngeräusch in der Ferne.
Jörg saß mit finsterem Gesichtsausdruck am Esstisch,
das Kinn in beide Hände gestützt. “Was ist passiert?” Ich
konnte diesen Satz fließend auf Deutsch sagen, denn das Wort
“passiert” gefiel mir. Es gab mir das Gefühl, dass alles, was
einem passiert, bald vorbeiging. Nichts bliebt für immer. Das einzige, was
ich von früher besaß, war mein Reisepass, den ich immer in meiner
Brusttasche aufbewahrte. “Ich bin durch die Prüfung gefallen”,
sagte Jörg. Wie eine große Schwester legte ich meine Hand auf seinen
Kopf und sagte: “Kein Problem. Versuch es noch einmal!” Er nahm
meine Hand und hielt sie wie ein Mikrophon vor seinen Mund: “Ich bin
nicht fürs Lernen gemacht. Mein Vater wird mir kein Geld mehr
überweisen. Es war meine letzte Chance. Ich will nicht weiterstudieren.
Lass uns zusammenarbeiten. Wir können Autos in den Osten verkaufen.”
Ich nickte, da es mir gleich war, ob er studierte oder arbeitete. Ich war eher
über die Tatsache überrascht, dass er einen Vater hatte. “Was
macht dein Vater?” “Er ist Büroangestellter.”
“Gehen wir deine Eltern nicht besuchen?” “Nein, das geht
nicht.” Jörg stand auf und steckte sein Portemonnaie in die
Hosentasche. “Wo gehst du hin?” “Ich will nur ein Bier
trinken, dann komme ich wieder.”
Eine Stunde verging und dann noch eine weitere, aber Jörg kam
nicht zurück. Die hellbraunen Lederschuhe, die er nie trug, standen in der
Ecke des Zimmers. Aus Langeweile schob ich sie mit meinen Füßen hin
und her wie ein Fußballspieler in einer Zeitlupenaufnahme. Der
Sekundenzeiger der Wanduhr drehte sich zitternd weiter. Ich stellte mir vor,
den Zeiger abzubrechen. Dann entschloss ich mich, spazieren zu gehen. Kaum
erreichte ich das Ende der Straße, strömten schon Tintenwolken in
den Himmel hinein. Ich bereute, bei diesem Wetter losgegangen zu sein und
sprach die Wörter “Sieben Planeten” aus, dann beängstigte
mich nichts mehr. Es roch nach kommendem Regen.
Auf meinem Lieblingsplatz vor den verrosteten Schienen stand schon
eine andere Frau. Ihr langer Mantel hatte einen hoch stehenden Kragen, der wie
Kiemen eines tropischen Fisches aussah. Auf dem Kopf trug sie
außerirdisch anmutende Dekorationen. Vielleicht war sie eine
Sängerin, die gerade einer futuristisch gestalteten Opernbühne
entflogen war. Was konnte der Grund dafür gewesen sein, dass sie hierher geeilt
war, ohne sich abzuschminken und sich umzuziehen? Sie war älter als ich
und hatte etwas Außerordentliches an sich. Ihre Ausstrahlung schien sogar
die Konsistenz der Luft, die sie umgab, zu verändern. Die klare Form ihrer
Lippen hielt ihr Fleisch wie überreife Früchte zusammen, ihre beiden
Enden verzogen sich ab und zu ganz leicht nach unten , als würden sie sich
an einen bitteren Geschmack erinnern. Die Wirbelsäule der Frau zeichnete
eine gerade Linie der Gerechtigkeit, die von keinem herkömmlichen Gesetz abhängig
war. Nach jedem Blinzeln löste sich ihr Körper zwei Sekunden lang in
farbige Mikrokörner auf.
Die Dunkelheit um uns herum verdichtete sich. Die Frau nickte mir
gewissenhaft zu, als hätten wir eine Vereinbarung gehabt. Mein Herz fing
an, heftig zu schlagen. Es war nicht sie, sondern ich, die etwas in die Tat
umsetzen musste. Und heute war der Tag, der dafür vorgesehen war. Ich
glaubte, mich erinnern zu können, dass wir uns darüber in einem Traum
geeinigt hatten. Nur der Inhalt dieser Vereinbarung blieb mir unbekannt.
Plötzlich legte sich die Frau auf die Eisenbahnschienen und drückte
ihr Gesicht gegen eine Schwelle. Ich rannte zu ihr, griff nach ihrer Schulter
und versuchte, ihren Körper umzudrehen, aber sie war unbeweglich wie die
Dachspitze eines Tempels, dessen unterer Teil in der Erde eingegraben war. Ich
dachte, ich hätte einen Zug aus der Ferne kommen gehört, obwohl das
gar nicht möglich war. Diese Schienen kannten seit langer Zeit nur noch
Rost und Unkraut, aber keine Räder mehr. Bald hörte ich wieder, wie
ein Zug sich näherte. Oder war das nur eine Straßenbahn, die in der
Innenstadt fuhr? Oder war es das Brummen des Kühlschrankes, das mir
während meiner einsamen Tage in die Tiefe meines Gehörs eingepflanzt
worden war? Ich wollte der Frau sagen, dass sie aufstehen sollte, aber mir fiel
kein einziges Wort ein. Die alten Wörter hatten meinen Schädel
verlassen, ich brauchte neue Wörter, um die Frau ansprechen zu
können. Was waren aber neue Wörter? Die schweren eisernen Räder
rollten weiter, kamen immer näher. Ich schaute hilflos herum. Es musste
irgendwo eine Alarmanlage sein. In einem Busch stand etwas Rotes, ein Kasten,
auf dem das Bild eines Blitzes gemalt war. Ein Hebel wuchs wie der Schwanz
eines Drachens krumm aus dem Kasten. Er ließ sich nicht bewegen. Ich
drückte ihn mit dem Gewicht meines Körpers nach unten, meine Beine
baumelten in der Luft, und dann fiel ich mit dem Hebel zusammen wieder
hinunter. Auf die eingefrorene Stille folgte die Sirene. Zahllose kleine rote
Blinklichter, die in gleichmäßigen Abständen auf einer Linie
bis in die Ferne angesetzt waren, begannen zu blinzeln.
Ich versteckte mich hinter einem Busch, hörte, wie der Zug
mit einem ohrenzerreißenden Wiehern gebremst wurde. Ein monströser
Schatten hielt an und bedeckte mein Blickfeld. Genau vor meiner Nase schwebte
im Busch eine weiße Blume. Sie störte mich irgendwie, obwohl sie
betäubend duftete. Aus dem Zug sprangen ein paar Schaffner und
versammelten sich um die liegende Frau. Diskutierende Stimmen und verwirrte
Schritte drehten sich in meinem Kopf, während mein Herzschlag immer lauter
wurde. Ich hatte keine Angst, wegen eines Verdachts verhaftet zu werden.
Vielleicht behaupteten sie, dass ich die Frau auf die Schienen gestoßen
hätte oder dass ich unnötig den Zug angehalten hätte. Das
würde mir nichts ausmachen. Es gab für mich eine viel wichtigere
Frage, aber ich hatte Angst, sie in eine Sprache zu übersetzen. Wenn ich
sie formulieren würde, müsste ich sie beantworten und etwas die Tat
umsetzen. Nach Moskau, nach Moskau, nach Moskau. Wenn ich in diesen Zug
einsteigen würde, könnte ich nach Moskau fahren, von dort aus gab es
einen Weg nach Hause. Ich kroch parallel zu dem Zug durch den Busch und
erreichte seine Mitte. Die halbe Doppeldrehfalttür blieb offen, nachdem
einer der Schaffner herausgesprungen war. Ich schlich in den Zug hinein und
ging durch den menschenleeren Gang. Alle Abteiltüren bis auf die letzte
waren geschlossen. Ein weißes Licht sickerte durch die Türspalte.
Ich öffnete die Tür vorsichtig und sah eine Frau in meinem Alter, die
mir ziemlich ähnlich sah. Sie sprach mich sofort in einer Sprache an, die
mich überfiel und verschluckte. Die Bedeutung der Sätze erreichte
meine Gehirnzellen umgehend: Die Frau habe ein Damenabteil für zwei
Personen reserviert, aber mit Entsetzen festgestellt, dass sie allein in dem
Abteil sei. Sie hasse es, allein in einer abgeschlossenen Kammer zu sein, so
etwas hätten ihre Verwandten schon zur Genüge erlebt. Ich antwortete
sofort, dass ich mich in genau derselben Situation befinde. Mit Tränenkugeln
im Hals fragte ich sie, ob ich nicht in ihrem Abteil schlafen könne. Sie
nickte sofort kräftig, und in dem Moment hörte ich aus der Ferne die
Sirene eines Krankenwagens.
Meine Landsmännin hieß Ai Van (Liebe Wolke), leider
konnte ich sie nicht als Genossin bezeichnen, denn sie war schon als Kind mit
ihrer Familie nach Frankreich emigriert. Sie besuchte das Lycée
Saint-Catherine in Paris, heiratete einen Franzosen und studierte
Filmwissenschaften. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, während ich sie
ausfragte.
Es war natürlich das erste Mal für mich, mit einer
Auswanderin zu sprechen, die immer noch im Ausland lebte. Ich hatte mir bis
dahin gedacht, alle Auswanderer wären mehr oder weniger reich, fett und
egoistisch und hätten fetischistische Beziehungen zu Schuhen und
Möbeln. Man würde sie sofort an dem kalten Blick erkennen, mit dem
sie ihre Mitmenschen nach ihren Kleidern beurteilten. Aber das konnte ich von
Ai Van nicht behaupten. Sie hätte genauso gut eine meiner Freundinnen sein
können. Ich erzählte ihr, dass ich einen deutschen Touristen in
Saigon kennen gelernt habe, mit dem ich jetzt verheiratet sei und zusammen in
Deutschland lebe. Zurzeit reise ich allein durch Europa, um entscheiden zu
können, was ich später studieren wolle, fügte ich hinzu.
“Wo willst du in Paris übernachten?” fragte mich Ai Van. Ich
brauchte eine Weile, bis ich den Sinn ihrer Frage verstand. Ich hätte fast
geschrieen: Fährt der Zug nicht nach Moskau?! Mit einer leisen Hoffnung,
sie missverstanden zu haben, fragte ich, wann wir in Paris ankämen.
“Morgen früh, denke ich”, antwortete sie fröhlich.
Mir wurde dunkel vor Augen. Der Zug erhöhte knirschend seine
Geschwindigkeit, um mich zu ärgern. Moskau entfernte sich weiter hinter
dem unsichtbaren Horizont. Aus Ai Vans Mund sprudelten lustvoll
geschmückte Bezeichnungen für Pariser Gebäude, die mein Ohr
nicht erreichten. Mir war schon bekannt, dass Paris eine berühmte Stadt
war. Auch die Französische Revolution war sicher nicht schlecht, immerhin
war es auch eine Revolution. Aber ich wusste nicht, was ich in Paris machen
sollte. Außerdem lag es hoffnungslos weit weg.
Mein Onkel gab einmal an, dass er vielleicht die Gelegenheit habe,
geschäftlich nach Paris zu fliegen. Daraufhin antwortete mein Vater
verächtlich, es sei lächerlich, wenn jemand, der aus einer armen
Bauernfamilie stamme und es durch die Revolution geschafft habe aufzusteigen,
plötzlich Sehnsucht nach Paris entwickle.
Im Unterschied zu meinem Vater, der seinen Bruder verachtete,
verstanden sich meine Mutter und ihre Schwester sehr gut. Meine Tante
erzählte mir einmal, dass sie als junges Mädchen mit ihrer Freundin
eine heimliche Expedition in die Ruine einer Kautschukplantage unternommen
habe. Ihre Vorfahren hatten das Land besessen. Unter einem großen
Spinnennetz, das wie ein Regenschirm über dem Sofa gespannt war, setzte
sie sich auf das verlassene Sofa, aus dem die schimmelige Feuchtigkeit des
Jahrhunderts hochstieg. Meine Tante und ihre Freundin entdeckten eine Truhe
neben dem Sofa und öffneten sie. Darin befanden sich der trübe Trichter
eines Grammophons und einige verschimmelte Bücher. Meine Tante
blätterte darin, nahm ein einziges Buch – Balzacs
“Serafita” – mit nach Hause und versuchte, hier und da einige
Stellen zu lesen oder eher zu erraten. Unser Land sei früher ein Teil Frankreichs
gewesen, erzählte mir diese Tante, als ich noch klein war. Darauf soll ich
geantwortet haben: “Dann war Paris ein Teil unseres Landes! Wie
schön!” Meine Tante lachte. Diese Erinnerung beruhigte mich.
Als Ai Van erfuhr, dass ich kaum Geld dabeihatte, gab sie mir ein
paar Hundertfrankenscheine in die Hand, ohne zu zögern. Da ich sie nach
einem günstigen Hotel fragte, bot sie mir an, bei ihrer älteren
Schwester zu übernachten. Sie könne mich nicht zu sich nach Hause
einladen, da ihre jüngere Schwester gerade zu Besuch sei. Sie schrieb mir
einige Adressen und Telefonnummern auf.