Ausschnitt aus dem Vorwort von Claudia Gehrke

Heute nackt? Eigentlich zeigen sie sich nicht nackt. „Nacktfotos von mir? Nee, würde ich nicht machen lassen..." Höchstens einem anderen zuliebe, aber kaum aus eignem Interesse...

„Der nackte Junge da, erotisch? Nein, erotisch ist der nicht!"

...

Auf einen ersten Blick sehen heutige Jugendliche sehr erotisch aus. Erotik in der Kleidung. Mädchen mit freiem Bauchnabel. Jungs mit tiefsitzenden Jeans, die quasi nur noch vom Geschlecht gehalten werden. Und Erotik im Tanz. Doch das Wort „Erotik" würden sie selbst nicht verwenden. Mit Sex habe das alles nichts zu tun, Tanz ist Rausch, abspacen, raven, rasen, Ekstase. Und natürlich verlieben sie sich, schüchtern. Natürlich haben sie schon mit jemandem geschlafen. Natürlich ist jede neue Liebesgeschichte eine unendlich tiefe. Auch wenn sie große Töne spucken, he, die oder der ist geil - die Liebe ist Schwärmen, ist unendliches Reden über Gefühle und über die Beweise der Gefühle. Mädchen reden mit der besten Freundin oder männlichen Kumpeln endlos über mögliche Jungs, und die Jungs reden genauso endlos über ein Mädchen, das sie will oder nicht will. Gerne reden sie am Telefon, per Handy, während einer Fahrt. Nicht ganz so gerne direkt, schon gar nicht mit Älteren, die ihnen gegenüber sitzen. Sie reden über Gefühle. Und die Körper?

Kein Ort nirgends. Die Körper sind noch nicht ihre Körper. Auch wenn sie sehr körperbewusst leben und sich kleiden, viel Gesundes - keinen Alkohol - trinken, Sport treiben und ihren Körper zu formen versuchen. Die Körper haben ihren Ort im Selbst noch nicht gefunden. Noch sind sie zu neu. Natürlich, sie sind schön, sie sind zauberhaft, sie sind nackt. Aber zugleich verstecken sie in der Nacktheit ihre Nacktheit. Vielleicht hatten sie schon mit jemandem Sex, vielleicht aus Pflichtgefühl, vielleicht aus Lust, doch die sexuelle Lust hat sich noch nicht in ihren Körpern eingeschrieben. Es gibt eine Scham in diesen Körpern

...

Nackt sein heißt zwar nicht mehr kichern, aber ganz bei sich sind sie noch nicht, die von Thomas Karsten fotografierten Jugendlichen in ihren nackten Körpern. Manche schauen, wie sie denken, dass ein erotischer Blick in einem Magazin oder einem Buch zu sein habe, doch auch unter diesem Blick wird die Unsicherheit sichtbar. Sie halten sich an einem Blumentopf fest, an einem Skateboard, einem Kopfhörer, an der Wand. In der Komposition dieser Fotografien spielt der Raum eine Rolle, die Farben, die Accessoires - viel mehr als in Karstens erotischen Arbeiten aus den Büchern „Love Me", „Moments of Intensity" und „Days of Intimacy", in denen die Körper aus sich selbst heraus ihre starke Erotik entfalteten. Diese insgesamt „schrillere" Ästhetik, das gestaltete Zusammenspiel von Farben, Dingen, Möbeln und dem Raum gibt den jugendlichen Körpern eine Art Schutzschild. Nacktheit lässt sich nicht unbedingt mit Erotik gleichsetzen...