Leseprobe aus Regina Nössler, Dienstagsgefühle

 

Der Anfang des Romans:

 

Dienstag früh

 

Es begann an einem Dienstag, ganz plötzlich, als ich aufwachte und mich fragte: Wer liegt da neben mir?

Ich konnte noch nicht richtig denken, und trotzdem wusste ich sofort, es war Dienstag, es musste Dienstag sein. Darüber bestanden keine Zweifel. Mein Körper war an diesem Morgen nicht vom Schlaf erholt, mein Nacken tat weh, mein Mund war trocken und voller schlechten Schlafgeschmacks. Es gibt guten und schlechten Schlafgeschmack. Der an diesem Morgen war schlecht.

Dienstage habe noch nie gemocht. So wie andere Menschen üblicherweise Montage hassen oder manche auch triste, zähe Sonntagnachmittage, an denen nichts passiert, verabscheue ich Dienstage. Ein gewöhnlicher Wochentag, sollte man meinen, harmlos und unschuldig; bescheiden fügt er sich in die Woche ein ohne weiter aufzufallen oder sich in den Vordergrund zu drängen. Doch das stimmt nicht. Der Dienstag ist nicht so harmlos, wie er scheint. Nahezu alle Katastrophen meines bis zu diesem Zeitpunkt zweiundvierzig Jahre dauernden Lebens sind ausnahmslos an Dienstagen eingetreten. Dienstag ist mein persönlicher Krisentag.

Ich befand mich in jenem unwirklichen Zustand zwischen Schlaf und Erwachen, in dem das Bewusstsein noch nicht die Oberhand gewonnen hat, das Denken mit einiger Verspätung hinterherhinkt, die Sinne jedoch bereits eifrig Signale senden, vor allem dann, wenn etwas nicht stimmt. Ich lag auf der Seite und sah die Frau direkt vor mir. Sie schlief. Auch sie lag auf der Seite, mir zugewandt, so dass ich sie betrachten konnte. Eine Falte hatte sich senkrecht zwischen ihre Augenbrauen gegraben, eine Falte, die auch blieb, wenn ihr Gesicht entspannt war. Durch ihre dunkelblonden Haare zogen sich silbergraue Fäden, wie hübsch glänzendes Lametta. Um ihren Mund lag etwas Spöttisches, aber vielleicht beruhte dieser Eindruck auch nur auf meinem Zustand: ich war noch immer nicht wach. Trotzdem nahm ich die Frau neben mir überdeutlich wahr, ich roch sie und fühlte mich von ihr bedrängt, obwohl sie schlief...


Aus dem 2.ten Kapitel
Eine Geburtstagsfeier fand bei Freundinnen in Berlin-Charlottenburg statt, und bis zur letzten Minute hatte ich mit dem Gedanken gespielt, anzurufen und abzusagen. Die U-Bahn-Fahrt dauerte so lange, eine Dreiviertelstunde, und darüber hinaus zog ich es damals vor, allein in meiner Wohnung zu sein, denn dort konnte mir nichts passieren. Dort gab es nur mich und meine Gedanken, die mich zwar quälten, aber dennoch, sie waren gute alte Bekannte, mir vertraut wie niemand sonst auf der Welt.

Ich hatte Friederike nie zuvor gesehen. Ich weiß noch, dass ich mich darüber wunderte, denn sogar in einer Stadt wie Berlin werden die Lesben-Zirkel mit den Jahren überschaubar. Als wir einander vorgestellt wurden, erfuhr ich, dass Friederike Immobilienmaklerin war. Damals wäre mir kein abstoßenderer Beruf eingefallen als Immobilienmaklerin. Das waren unsympathische, aufgedonnerte Frauen, die mit Stöckelschuhen und engen Röcken über Kopfsteinpflaster wackelten und, ihre Makler-Courtage im Kopf, immerfort falsch lächelten und alles schönredeten. Doch Friederike entsprach diesem Bild überhaupt nicht – was mich beinahe wütend machte –, ganz im Gegenteil, und ihre Ausstrahlung bahnte sich sogar durch meine dumpfe Geschlechtslosigkeit den Weg in mein Inneres.

Geschlechtslos. Ich hatte keine Gefühle und keine Sehnsüchte mehr, und ich glaubte, sie würden niemals zurückkehren. Ich glaubte, ich sei abgestorben für immer. Masturbation hatte ich abgelegt wie eine lästige Gewohnheit, die mich plötzlich nicht mehr interessierte. Alle paar Wochen fiel mir ein, dass es das ja auch noch gab, und dann verrichtete ich es freudlos, mechanisch und schnell, meist vor dem Einschlafen. Ich dachte dabei an gar nichts, untermalte es nicht mit Fantasien. Masturbieren galt sogar noch in meiner Jugend als eine Art Sünde, bei der die Gefahr bestand, krank zu werden, es war schmutzig und ein Tabu, was es damals umso reizvoller machte. Und nun als Erwachsene glaubte ich, ich müsste es unbedingt von Zeit zu Zeit tun, sonst wäre ich nicht normal, obwohl sich dort unten nicht das Geringste regte. Mein pflichtschuldiges Rubbeln alle paar Wochen war etwa mit dem Befüllen und Einschalten einer Kaffeemaschine zu vergleichen, und meistens dauerte es auch nicht länger. Ich dachte dabei nie an Verena, kein einziges Mal. Ich dachte an gar nichts.

Ich war fest davon überzeugt, wenn ich es täte, wäre dies der Beweis dafür, dass ich noch lebte. Lebendig zu sein, war für mich eng mit sexuellen Gefühlen verbunden. Aber ich hatte keine solchen, also war ich wohl eine Art Zombie.

Die Geburtstagsfeier wurde wider Erwarten sehr vergnüglich, sogar für mich, obwohl ich doch glaubte, mit siebenunddreißig Jahren dem Leben endgültig abgeschworen zu haben.

Friederike sah ich die ersten Stunden, von unserer Begrüßung einmal abgesehen, so gut wie gar nicht. Ich mied sie, ohne dass ich genau wusste, warum. Als Annette uns einander vorgestellt hatte, hatte etwas Schnippisches in Friederikes Stimme gelegen, worüber ich verärgert war. Ich achtete darauf, mich immer in einem anderen Zimmer aufzuhalten als sie und dieses zu verlassen, wenn sie kam. Ich weiß noch, dass ich die ganze Zeit mit Gudrun schwatzte, einer alten Bekannten, von der ich mich an diesem Abend merkwürdigerweise gar nicht losreißen konnte. Dabei war ich mir der Anwesenheit Friederikes in der Charlottenburger Wohnung sehr bewusst, sogar durch Wände und Türen sickerte sie. Friederike erschien mir gefährlich. Sie schien einen Schalter gedrückt zu haben, den ich lieber unbetätigt gelassen hätte. Ich hatte mich mit meinem einsamen Leben als bedauernswertes Opfer des Verlassen-worden-Seins inzwischen gut eingerichtet.

Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, habe noch nie daran geglaubt, noch nicht einmal als Teenager. Liebe hatte immer zuerst in mir reifen müssen, alles andere war Schwärmerei gewesen. Auch Friederike liebte ich keineswegs vom ersten Moment an – vielmehr reizte sie mich, sie reizte mich dazu, mit ihr zu streiten, zum Beispiel über ihren verabscheuungswürdigen Beruf, von dem ich allerdings nicht viel wusste. War das überhaupt ein richtiger Beruf? Ich bildete mir mit siebenunddreißig viel darauf ein, freie Journalistin zu sein, und insgeheim wartete ich auf einen günstigen Moment, um die Immobilienmaklerin, selbst wenn sie nicht so aussah, wie ich mir diese Spezies vorstellte, damit zu konfrontieren – nur um sie zu ärgern.

Warum wollte ich eine Frau, die ich gar nicht kannte, ärgern?

Die Charlottenburger Wohnung war groß genug, um sich darin zu verlaufen, hundertvierzig Quadratmeter, fünf Zimmer, und irgendwann an diesem Abend fragte ich mich, wo Friederike wohl abgeblieben sei. Ich hatte sie seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen, auch nicht von weitem.

Das passte mir auch nicht. Ich wollte ihr zwar aus dem Weg gehen, aber sie sollte gefälligst anwesend sein. Allein die Tatsache, dass sie sich in derselben Wohnung befand wie ich, weckte ein belebendes Kribbeln und versüßte mir den Abend. Ich befürchtete schon, dass sie womöglich gegangen wäre, was mich mit einer eigentümlichen Mutlosigkeit erfüllte. Anscheinend war ich doch noch lebendig.

Die Gastgeberin Annette erzählte Gudrun und mir soeben etwas über die „Käsekuchenhilfe“; diese kleinen Tüten hatten schon unsere Mütter benutzt. Ich wurde zusehends unruhiger und gab vor, das Badezimmer aufsuchen zu müssen.

In Wahrheit suchte ich Friederike und war bemüht, es möglichst unauffällig zu tun. Ich wollte auch niemanden fragen, ob sie vielleicht schon gegangen sei. Alle wussten von Verenas und meiner Trennung, und auf gar keinen Fall wollte ich den Eindruck erwecken, bedürftig zu sein. Außerdem war mir Friederike noch nicht einmal sympathisch. Doch der Gedanke, sie könnte längst weg sein, quälte mich.

Ich stattete tatsächlich beiden Badezimmern einen Besuch ab, dort war sie nicht. Dann ging ich in die Küche. Diese Geburtstagsfeier verlief atypisch, denn es hielt sich kaum jemand länger in der Küche auf, wo sich normalerweise, so klein die Küchen auch sein mögen, die Gäste versammelten. Niemand war in der Küche – außer Friederike.

Sie lehnte an der Fensterbank, als ich die Küche betrat, und hielt einen Teller mit einem Stück Käsekuchen in der Hand. Beim Näherkommen sah ich, dass sich am Tellerrand ein lustiges Häufchen Rosinen auftürmte.

Selbstvergessen und völlig auf sich bezogen, als gäbe es auf der Welt nur sie und den Käsekuchen, pulte Friederike mit der Kuchengabel eine weitere Rosine heraus, bis sie mich bemerkte. Es rührte mich, wie sie ganz in Gedanken versunken dort stand, aber vielleicht dachte sie in diesem Moment auch an gar nichts, sondern schenkte ihre ganze Aufmerksamkeit den Rosinen.

Ich starrte auf den Teller mit dem Rosinenberg, der offenbar stetig anwuchs, und musste lachen. Es war so ungezogen! Ich konnte mir Friederike plötzlich als Kind am elterlichen Kaffeetisch vorstellen, obwohl ich sie an diesem Abend zum ersten Mal sah, als pausbäckiges Kind, mit helleren Haaren als heute, wie sie genau dasselbe tat wie jetzt, vielleicht mit etwas ungeschickteren, täppischen Fingern. Und mit einem angewiderten Gesicht, aus dem die kindliche Empörung schrie.

„Ich kann Rosinen einfach nicht ausstehen“, sagte Friederike entschuldigend und errötete, „ich konnte sie noch nie ausstehen, schon als Kind nicht.“

Die Rosinen sahen matschig und unappetitlich aus, gelblich-weiße Quarkreste klebten an ihnen. Es erschien mir ganz unglaublich, dass eine erwachsene Frau als Gast in einer fremden Küche Rosinen aus dem Kuchen pulte – nicht nur eine einzige, sondern einen ganzen Haufen. Ich wusste, dass Annette sich immer sehr viel Mühe mit der Verköstigung gab, wochenlang Kochbücher zu Rate zog und diesmal besonders stolz auf den lockeren, luftigen, aber auch festen Käsekuchen war. Wenn man selbst Rosinen pulte, mochte dies von großer Befriedigung begleitet sein, doch das Zusehen war abscheulich, der zerpflückte Kuchen, ein Trümmerhaufen. Das verwöhnte Kind mit dem angewiderten Gesichtsausdruck. Gleichzeitig entzückte mich Friederikes Erröten.

„Ich wollte sie unauffällig verschwinden lassen“, sagte Friederike.

„Was?“, fragte ich. Ich hatte ihr gar nicht zugehört. Nicht nur ihr Erröten war hinreißend, auch ihre Hände, die Teller und Gabel hielten, und die ganze Person, wie sie schuldbewusst und klein in Annettes Luxus-Küche stand. Friederike ist nicht klein, aber Schuldbewusstsein lässt Menschen schrumpfen.

„Die Rosinen“, sagte Friederike. „Ich wollte sie verschwinden lassen. Oder sie vielleicht der Katze geben. Fressen Katzen Rosinen?“ Sie hatte aufgehört, in der Quarkmasse zu stochern, und sah mich jetzt an.

Ich goss mir ein Glas Rotwein ein und stellte die Flasche wieder zurück auf die schicke Arbeitsplatte aus Granit.

„Ich weiß, dass man das nicht tut“, fuhr Friederike fort, obwohl ich sie gar nicht angeklagt hatte. „Ich wollte auch nicht, dass es jemand sieht.“ Sie kicherte. „Doch dann kamst du.“

In diesem Kichern lagen das Vergnügen eines jungen Mädchens, in das sich auch ein bisschen Verlegenheit mischte, und der kindliche Spaß einer erwachsenen Frau, die wusste, dass sie sich schlecht benahm. Als ich es hörte, war ich froh darüber, dass die Fähigkeit, niedlich zu sein – wenngleich sie möglicherweise eher im Auge der Betrachterin lag –, eindeutig keine Frage des Alters war; man hörte nicht auf, niedlich zu sein, bloß weil man die dreißig oder die vierzig überschritten hatte. Auch die unansehnliche Rosinenhalde auf dem Teller fand ich plötzlich bezaubernd. Und es war geradezu liebenswert, mit welcher Akribie Friederike Rosine für Rosine zuerst aufgespürt und dann entfernt hatte.

Inzwischen hatte sie das Essen wieder aufgenommen, während ich neben ihr stand und meinen Wein trank. Doch plötzlich hielt sie mittendrin inne, mit einem Gesicht, das dem angewiderten des verwöhnten Kindes am Kaffeetisch in meiner Vorstellung sehr nahe kam; und mehr noch, pures Entsetzen lag darin, als handelte es sich um krabbelnde Käfer und nicht um friedliche Rosinen. Sie führte die Kuchengabel an ihren Mund und spuckte eine Rosine darauf. Genau genommen spuckte sie weniger, sondern ließ vielmehr die Rosine, an der noch Kuchenmasse klebte, dezent auf die Gabel fallen. Sie musste Rosinen wohl sehr verabscheuen, und sich diese eine zusammen mit dem sie umgebenden Kuchen in den Mund geführt zu haben, war ein schreckliches Versehen.

Friederike wollte die Rosine gerade auf den anderen abladen – da nahm ich ihr ohne darüber nachzudenken die Gabel aus der Hand und steckte sie mir in den Mund.

Ich mag Rosinen gar nicht besonders, aber die Tatsache, dass diese eine sich zuvor in Friederikes Mund befunden, dass sie auf ihrer Zunge gelegen hatte, stellte einen unwiderstehlichen Reiz für mich dar. Ich verspürte keinen Moment lang Ekel, auch nicht den Hauch dessen.

Voller Genuss behielt ich die Rosine eine Weile im Mund, bevor ich kaute und schluckte. Friederike hielt den Teller noch immer in der Hand, ich die Gabel, und wir sahen uns schweigend an.

Das war unser erster intimer Kontakt.