Leseprobe aus "Wirklich ungeheuer praktisch"

Anne Bax
Eine berechtigte Frage

Die Erste, die kurz nach meinem Coming-out ein mutiges Erkundungskommando aus der schlecht getarnten Deckung ihrer Vorurteile schickte, war überraschenderweise Tante Christel. Überraschend war das vor allem deshalb, weil Tante Christel im Familienkreis als die Hüterin allen Wissens bekannt war. Aus einer nie versiegenden, von allen täglichen Talkshows gespeisten Quelle sprudelten ihre Erkenntnisse über Kaffeetafeln und warme Mittagessen hinweg und ertränkten andere Wortbeiträge in den tosenden Gewässern ihrer Weisheiten.

Leichtfertig hingeworfene Sätze wie „der Gerd aus dem Schützenverein hat wieder zu saufen angefangen" waren Tante Christels Stichworte, um einen schwarzwälderkirschseligen Vortrag über Gründe, Symptome und Folgen des Alkoholismus zu halten, bei dem die zentrale Botschaft „es ist eine Krankheit!" so oft und so laut vorgetragen wurde, dass sie sogar den Resten der Torte Verständnis und Toleranz einbläute. Sie kannte, verstand und tolerierte alles, wenn es nur am Nachmittag im Fernsehen besprochen wurde. Ehebruch war ihr Lieblingsthema, die Sendung „Hilfe, mein sexbesessener Ehemann betrügt mich mit meinem ganzen Kegelverein, und ich liebe ihn trotzdem" hatte sie sogar auf Video. Weitere Sendungen, die sie gern zitierte, handelten von vorehelichem Geschlechtsverkehr („Sex vor der Ehe, ich stehe dazu!"), Drogen („Kiffer, deine Drogensucht hat unsere Familie zerstört!") und natürlich auch von Homosexualität („Hilfe, mein Sohn ist schwul, und mein Mann will sich umbringen!").

Dass sie auch eine Sendung über Lesben gesehen hatte, offenbarte sie meiner Mutter bei der gemeinsamen Herbstbepflanzung der Familiengruft. Wenn ich meiner Mutter glauben darf, waren sie gerade dabei, die Erde um die letzten winterharten Stauden fest zu drücken, als Tante Christel mit der Schüppe auf sie deutete und fragte: „Wie machen Katrin und Antje das eigentlich?" Und noch bevor meine Mutter überlegen konnte, was wir denn eigentlich wie machten, brach Tante Christels frisch erworbenes Wissen mit ungeheurer Detailverliebtheit über meine kniende Mutter herein.

Selbst als sie mir zu Hause davon erzählte, wurde sie wieder rot und begann zu weinen. „Normalerweise ist eine immer der Mann bei Lesben, sagt Tante Christel, und die schnallt sich dann so ein Ding um, das heißt ... Dido und ist aus Plastik und vibriert" (hier zitterte ihre Stimme besonders stark), „und dann tun sie so als ..." sie machte eine lange Pause und bewegte sich unwillkürlich rhythmisch vor und zurück, „du weißt schon." Schlagartig wurde sie noch röter, aus Angst, ich könne es wirklich wissen.

Ich sah sie an und sagte leise: „Dido war die Königin von Karthago, sag Tante Christel, es heißt Dildo."

Meine Mutter ignorierte mein hervorragendes Geschichtswissen komplett. „Jetzt, wo sie endlich richtige Lesben kennt, wollte sie wissen, wie ihr es denn nun wirklich macht, weil sie hat gehört, manche machen es auch mit dem Mund." Passenderweise schluckte sie an dieser Stelle schwer.

Jetzt wurde ich rot. Ich war zwar als Junglesbe bisher nicht in die Nähe vibrierender karthagischer Königinnen gekommen, aber von dieser Sache mit dem Mund hatte ich auch schon gehört. Ich verbarg meinen genießerischen Gesichtsausdruck hinter dem Versuch, meiner Mutter zu erklären, dass eine einzelne Lesbe genauso wenig über die sexuellen Vorlieben fremder Lesben Bescheid wissen konnte, wie sie über die nächtlichen Aktivitäten ihrer Chorschwestern. Sie starrte mich einen Moment wortlos an, dann begann sie zu grinsen und flüsterte: „Ein Alt und zwei Soprane machen es gerne ganz in Gummi."

Ich beschloss, dieses Thema nie mehr anzusprechen.

Musste ich auch nicht, denn die nächste Frage brach in den frühen Morgenstunden einer weinbrandseligen Nacht aus meiner besten Schulfreundin hervor. „Wenn du sagst, du hast mit ihr geschlafen, was meinst du dann überhaupt? Steckst du ihr was rein oder sie dir ... oder?" Ihre Wortwahl und die ungeschickten Handbewegungen, mit denen sie sie untermalte, ließen vermuten, dass sie lesbische Sexualität irgendwo zwischen Fischertechnik und Playmobil vermutete. Bevor ich allerdings erklärend eingreifen konnte, schlief sie mit dem Kopf auf dem Tisch liegend ein und konnte sich am nächsten Morgen an nichts erinnern.

Nach einiger Zeit praktizierter Homosexualität hatte ich gelernt, mit dem immer wieder aufflammenden Interesse an meinem mysteriösen Sexleben zu leben, besaß ein Kontingent an frechen Erwiderungen und belächelte milde die Einfallslosigkeit der armen Geschöpfe, die solche Fragen stellten.

Im Familienkreis verdrängte mich ohne Vorwarnung mein Lieblinscousin, ein schon von Kindesbeinen an braver und biederer Bausparer, aus dem Mittelpunkt des Interesses, als er sich in eine Frau verliebte, die das Pech gehabt hatte, nicht als Frau zur Welt gekommen zu sein. Da sie die mögliche Operation für unnötig und gefährlich hielt, blieb sie auch mit ihm zusammen eine Frau, die an manchen Stellen etwas ungewöhnlich gebaut war. Die sonntäglichen Kaffeetafeln summten von Gerüchten. Auch ich betrachtete die beiden, die unerschüttert zu Opas Siebzigsten erschienen, und fing an, mir Gedanken zu machen. Sie war eine heterosexuelle Frau, die gebaut war wie ein Mann, er war ein heterosexueller Mann, der gebaut war wie ein Mann und auf Frauen stand, die gebaut waren wie Frauen. Die beiden machten einen verliebten und zufriedenen Eindruck. Wo waren Talkshows, wenn man sie brauchte?

Auf der Rückfahrt von einem gemeinsamen Saunaabend mit den beiden Männern, die das glücklichste Heteropaar waren, das ich kannte, kapitulierte ich schließlich vor meiner Neugier und schwor stumm und feierlich, im nächsten Herbst mit Tante Christel die Grabpflege zu übernehmen.

„Martin", fragte ich dann schweren Herzens im Schutze des dunklen Autos, „wie macht ihr es eigentlich?"

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