Leseprobe aus: Regina Nössler, "Schleierwolken"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Eine Collage aus verschiedenen, nicht zusammenhängenden Passagen.
Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
ca. 380 S., erscheint zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2017, ca. 12,90, ISBN 978-3-88769-563-7


An diesem nichtssagenden, farblosen Tag ohne Wetter im September rettete die Polizei in einer beherzten Aktion einen Mann aus dem Landwehrkanal vor dem Ertrinken. Ungefähr zur selben Zeit befreite die Feuerwehr in einem anderen Berliner Bezirk eine alte Frau samt Wellensittich aus ihrer brennenden Wohnung. Gerade noch rechtzeitig. Frau und Wellensittich überlebten. Am Ufer des Landwehrkanals stellten die Polizisten kurz darauf fest, dass sie keinen Mann, sondern eine Schaufensterpuppe aus dem Wasser gezogen hatten.
    Es war ein guter Tag für hilflose Personen und Vögel in aussichtsloser Lage. Aber ein schlechter für mich.
    Das Kribbeln im Nacken, das man angeblich spürt, wenn man sich verfolgt glaubt, hatte ich immer für Einbildung gehalten. Für eine Wahrnehmung, die gar nicht möglich ist, weil wir hinten bekanntlich keine Augen haben. Bis vor ungefähr fünf Wochen. Seit fünf Wochen spürte ich dieses Kribbeln selbst. Fast jeden Tag. Es kribbelte in meinem Nacken, wenn ich in der U-Bahn saß, wenn ich einkaufen ging oder abends in ein Restaurant, wenn ich mit dem Rad über das Tempelhofer Feld fuhr.
    Es war einer dieser farblosen Tage, die in jeder Jahreszeit liegen könnten, abgesehen vom Blätterstand der Straßenbäume, ein leicht angeschmutzter Tag, so grau und langweilig, dass er nicht einmal deprimierend war, selbst dazu fehlte ihm die Kraft. Ich hätte nicht sagen können, ob es jetzt im September noch warm oder schon kühl war – vermutlich weder noch, sondern etwas Undefinierbares dazwischen. Es musste geregnet haben, denn die Straße glänzte feucht. Falls dafür nicht ein Putzfahrzeug der Berliner Stadtreinigung verantwortlich war.
    Ich hörte Schritte hinter mir. In meinem Nacken kribbelte es. Die Schritte, schneller als ich, kamen näher. Seit fünf Wochen hörte ich andauernd Schritte hinter mir, das machte mich noch ganz verrückt. Ich war eine ziemlich uninteressante Person. Wer sollte mich verfolgen? Und aus welchem Grund? Ich war davon überzeugt, dass nur interessante, berühmte oder wichtige Menschen verfolgt wurden. Nichts davon traf auf mich zu. Selbst Zucker, den ich auch in Gedanken immer nur Zucker nannte, nie beim Vornamen, dürfte mich nach der langen Zeit vergessen haben. Irgendwann endete alles, sogar Hass. Für Zucker war ich eine Weile von Bedeutung gewesen, auch wenn es sich um eine durch und durch kranke Bedeutung gehandelt hatte.

*****

    Die letzte Nachricht von Zucker lag schon Jahre zurück. Zucker hatte mich vergessen. Ganz sicher. Und selbst, wenn nicht – er wusste nicht, wo ich heute wohnte. Seine letzte Nachricht fiel in die Zeit, in der mir dauernd merkwürdige Dinge passierten, die ich anfangs nicht einmal mit ihm in Verbindung brachte. Als ich zum Beispiel eines Morgens im Hof entdeckte, dass sich nachts jemand an meinem Fahrrad ausgetobt hatte, Reifen zerstochen, Sattel aufgeschlitzt. Nur an meinem Fahrrad, die vielen anderen daneben waren verschont geblieben. Kurz darauf lag ein brauner Umschlag in meinem Briefkasten. Oh, Post, hatte ich naiv gedacht, denn wann bekam man heute noch Post, die Adresse mit der Hand geschrieben. Kein Absender. Oben in der Küche öffnete ich den Umschlag. Langsam dämmerte mir, dass es sich möglicherweise gar nicht um freundliche Post handelte. Und so war es auch. Der Umschlag war mit Ohrwürmern gefüllt, dreißig oder vierzig oder fünfzig, ich hatte nicht die Nerven, sie zu zählen, von denen ein beträchtlicher Teil die Reise in dem flachen, mit Luftpolsterfolie gefütterten Behältnis erstaunlich gut überstanden hatte. Und lebendig. Wie lange brauchte man wohl, um so viele Ohrwürmer zu sammeln? Ihre harten Insektenpanzer erzeugten ein klackendes Geräusch, als sie aus dem Umschlag auf den Fliesenboden der Küche rieselten. Ein paar davon trafen meine Hand. Es gibt Schlimmeres, dachte ich, als Ohrwürmer im Briefkasten. Fäkalien. Tote Ratten.

*****

    Während ich die Gneisenaustraße entlangging, nahm ich flüchtig den alten Mann mit der karierten Tasche voller Pfandflaschen wahr. Neben ihm stand eine Transsexuelle, sehr groß, ungefähr eins fünfundachtzig, und eine türkische Jugendliche mit Kopftuch und Schultasche, die den Blick starr auf das Smartphone in ihrer Hand gerichtet hielt. Normalerweise waren sie immer im Pulk unterwegs, mindestens aber zu zweit. Bestimmt schwänzte sie die Schule. Der alte Mann mit den Pfandflaschen, die Transsexuelle und die Jugendliche warteten auf den Bus, Linie 140, von Tempelhof zum Ostbahnhof. Kein doppelstöckiger, sondern ein einfacher Bus. Unsinnigerweise dachte ich, dass ich noch nie mit ihm gefahren war, und als mir bald darauf klar wurde, was mit mir geschah, fragte ich mich auch kurz, ob ein einfacher Bus möglicherweise weniger gefährlich war als ein doppelstöckiger oder ob es keinen Unterschied machte, denn Bus blieb Bus.
    Ein Hund. War da nicht irgendwo auch ein dicker, gelber, unansehnlicher Hund? Und rief nicht jemand seinen Namen? Klang wie Rosine. Oder Rosina.
    Hießen so wirklich Hunde? Rosina?
    Ich hasste Rosinen. Hatte sie schon immer gehasst. Sie erinnerten mich an tote Käfer. Ich spürte wieder das Kribbeln im Nacken, aber da war nichts. Oder doch? Im nächsten Moment sah ich die ganzen Pfandflaschen, die sich vorhin noch in der karierten Tasche befunden hatten, ich registrierte sehr genau ihre unterschiedlichen Formen und Größen und Etiketten, sah, wie die Flaschen über den Boden rollten, alle aus Plastik, keine einzige Glasflasche darunter, die wäre ja auch sofort zu Bruch gegangen, der Hund namens Rosine oder Rosina rannte kläffend quer über den Gehweg, ein unangenehm hohes Bellen, das in den Ohren wehtat, wiffwiffwiff, vielleicht war da aber auch gar kein Hund und kein neuer, fremder Schmerz in meinem Rücken, vielleicht bildete ich mir beides nur ein, genauso wie die Schritte, die ich dauernd hinter mir zu hören glaubte, genauso wie das vor fünf Wochen, als ich etwas gesehen hatte, was ich nicht hätte sehen sollen. Was niemand hätte sehen sollen. Bestimmt hatte ich es ganz falsch gedeutet, meine Wahrnehmung hatte nicht mit dem übereingestimmt, was wirklich geschehen war. Ich war sehr müde gewesen an diesem Tag vor fünf Wochen und mit meinen Gedanken woanders.
    Was wird jetzt eigentlich aus dem Paket?, dachte ich. Meine Mutter wartet doch auf das Paket!
    Ich verlor das Paket, als ich fiel. Zu dem wohlvertrauten Stechen unter dem Schulterblatt gesellte sich kurz dieser andere, unbekannte Schmerz, das Paket rutschte weg und landete auf der Straße. Diesmal überstand es den Sturz nicht so unbeschadet, es wurde aufgerissen, und das ganze teure Zeug aus dem Sanitätshaus lag auf der feucht glänzenden Gneisenaustraße, ich erkannte die beleuchtete Leselupe und das neue Blutdruckmessgerät, das meine Mutter unbedingt haben wollte, weil sie mit dem alten nicht zurechtkam. Ob man noch jemals meinen Blutdruck messen müsste?
    Die Autos donnerten vorbei. Auf der Gneisenaustraße fuhren sie oft wie die Verrückten. Zwischen Bürgersteig und Fahrbahn befand sich der Radweg, und die Radfahrer achteten nie darauf, ob ein Fußgänger ihren Weg kreuzte. Ich sah den Radfahrer auf mich zukommen und im letzten Moment ausweichen. Der Schmerz vorhin im Rücken hatte sich ganz anders angefühlt als sonst, als hätte mir jemand von hinten einen Stoß versetzt, und direkt danach verlor ich die Kontrolle über meine Beine und über mein Gleichgewicht, ich dachte noch: Aha, so fühlt es sich also an, wenn man die Kontrolle verliert, der Satz von Gott, in dem das Komma fehlte, fiel mir ein, ich merkte, wie rau der Straßenbelag war, an diesem farblosen, leicht angeschmutzten Tag, den es genauso gut wie jetzt im September auch im Frühling oder im Winter geben könnte, ich merkte, wie die obere Hautschicht von meinen Handflächen geschält wurde und dass mir außerdem noch, zusätzlich zum alten Stechen unter dem Schulterblatt, das jetzt aber ganz in der Hintergrund getreten war, und zum neuen Brennen an den Handflächen, das Knie höllisch wehtat, wahrscheinlich war meine Hose am Knie eingerissen, als Kind, dachte ich, war das ganz alltäglich gewesen, aufgeschürfte Hände und Knie, die Feuerwehr hatte die alte Frau und ihren Wellensittich gerettet, die Polizei die Schaufensterpuppe, ich sah den Bus, Gott, von hier unten war er gigantisch! Wieso fiel mir denn jetzt Gott ein? ER saß wohl kaum am Steuer des 140ers.
    Ich lag auf der Straße. Wie war es dazu gekommen, dass ich hier lag? Ich dachte an den Zehnmeterturm im Freibad vor Jahrzehnten, ich hörte jemanden schreien, entsetzlich schreien, es klang ganz anders als kreischende Kinder im Freibad, ich wusste nicht, ob es die türkische Jugendliche war, die die Schule schwänzte, oder die Transsexuelle, oder war ich diejenige, die schrie, ohne es zu merken? Und ich sah, wie der Bus, dieser riesige gelbe Ozeandampfer, direkt auf mich zukam.
    Die Sirenen, die ich gehört hatte, galten nicht mir. Für mich war alles zu spät.

*****

    „Willst du mich vergiften?“, wiederholte meine Mutter und stach auf ein Stück Tomate ein. Sie machte zwar nicht die empfohlene Krankengymnastik, sorgte sich ansonsten aber ständig um ihre Gesundheit. „Das Grüne ist doch giftig! Weißt du das etwa nicht?“
    „Du müsstest ungefähr hundert Stück davon essen, mindestens, bevor es giftig wird.“
    „Nein, das ist giftig!“, beharrte meine Mutter. „Ich schneide das Grüne ja immer raus. Und übrigens esse ich abends auch nicht gern so viel. Das bekommt meiner Galle nicht. Das weißt du doch.“ Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck schob sie das Schälchen mit dem Tomatensalat von sich.
    Und genau diese beiden Dinge, dass sie den Tomatensalat von sich schob, ihn verweigerte, und ihr angewidertes Gesicht, machten mir etwas aus. Machten mir viel mehr aus, als ich mir eingestehen wollte. Ein unangenehm heißes Gefühl, wie Scham. Zurückweisung. Meine Mutter lehnte mich ab, und das ertrug ich auch mit sechsundvierzig noch nicht. Meine Mutter lehnte meine Art zu leben insgesamt ab, wie ich wusste, deswegen hatte ich gehofft, wenigstens beim Tomatensalat würden wir uns finden, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Ich hasste dieses Gefühl. Ich hasste es, dass es immer noch so viel Macht über mich hatte. Wegen Tomaten! Zurückgewiesen, nicht wertgeschätzt wegen verdammter Tomaten!

*****

    Ein ungefähr vierzehnjähriger Junge, wahrscheinlich der Anführer, stellte sich mir in den Weg. Immer wenn ich ihm ausweichen und mit meinem Koffer im Schlepptau an ihm vorbeiwollte, machte er einen Schritt zur Seite, wie mein Spiegelbild. Er grinste. Seine Kumpane, darunter auch zwei Mädchen, kicherten, was er als Ansporn zu betrachten schien. Ich begann zu schwitzen und fühlte leichte Panik in mir aufsteigen. Der Gurt der Reisetasche drückte in meine Schulter. Der Junge wiederholte sein Spiel, er machte den Eindruck, als könnte er sich den gesamten restlichen Tag damit beschäftigen, mich nicht vorbeizulassen. Ein Zweiter trat gegen meinen Koffer, erst leicht, nur mit der Schuhspitze, dann fester. Die anderen johlten. Die Leute auf dem Bahnsteig taten so, als bemerkten sie nichts davon, tja, du musst wohl alleine zusehen, wie du damit klarkommst. Wahrscheinlich waren sie froh, nicht selbst zur Zielscheibe geworden zu sein.
    Wie kam ich an ihm vorbei? Ohne meine Würde zu verlieren? War es überhaupt wichtig, in Essen-Steele seine Würde zu bewahren? In Berlin geriet ich nie in solche Situationen. Es musste an der Umgebung liegen, am Ort. In Berlin verspürte ich auch fast nie Angst auf der Straße, obwohl man doch das genaue Gegenteil hätte erwarten sollen, Angst im Moloch Großstadt, Gelassenheit in der Kohlenprovinz. Auch vor fünf Wochen hatte ich keine Angst gehabt, es war gar keine Zeit für Angst gewesen, wenngleich die Situation außerordentlich bedrohlich war, viel bedrohlicher als jetzt auf diesem verwahrlosten Bahnsteig mit ein paar Jugendlichen. Aber vor fünf Wochen hatte ich am Rand gestanden, nicht mittendrin, mehr noch, ich war vollständig im Hintergrund geblieben, unsichtbar, zumindest hatte ich das angenommen, und es war nicht um mich gegangen.
    Jetzt ging es eindeutig um mich. Die Jugendlichen brauchten jemanden zum Quälen, sie brauchten etwas, das die gigantische Langeweile in ihnen vertrieb, die mindestens so groß war wie der Marianengraben im Pazifik tief. Ich kannte die Langeweile der Jugendlichen an solchen Orten. Am schlimmsten war sie an Sonntagen. Ohne Koffer und noch zusätzlich diese verdammte Reisetasche hätte ich wegrennen können, und genau das hätte ich auch getan, obwohl es peinlich war, wenn eine Sechsundvierzigjährige vor einer Handvoll Vierzehnjähriger davonlief.

*****

Ein kleiner Stoß. Oder das Kissen aufs Gesicht. Das ging immer. Oder bei der Mutterwaschung. Kopf unter Wasser. Das Zappeln und Strampeln, das unweigerlich folgen würde, aushalten. Noch länger aushalten. Nur noch ein bisschen. Am besten nichts denken in diesem Moment, nur eisern festhalten. Diese Methode würde sich wahrscheinlich durch die sichtbare Gewalt, die nötig wäre, verraten. Druckstellen an den Armen, wo ich meine Mutter festgehalten hatte. Aber würde sich beim Tod einer Vierundachtzigjährigen überhaupt jemand die Mühe machen, ihn näher zu untersuchen? Alte waren lästig. Alte belasteten die Rentenkasse.

*****

    Schnipsel aus Erinnerung: eine heruntergekommene Laube, in der es an manchen Tagen nach Schimmel roch und an allen nach Erde. Nach Regenwurm. Oft nach Öl. Und nach menschlichen Ausdünstungen. Schweiß. Angst. Erregung. Bösartige Erregung. Die winzigen Fenster, so dreckig, dass sie fast blind waren. Das Gefühl, eingesperrt zu sein an diesem fensterlosen Ort, wenn die Tür geschlossen war, was immer der Fall war, aus Vorsicht, niemals entkommen zu können. Vorhänge vor den fast blinden Fenstern. Kariert. Oder mit Blumen? Die Struktur des Holzes der Tür. Abgeblätterter Lack. Viele Schichten, mal rot, mal blau, ganz unten grün. Zwei wackelige Stühle. Oder waren es drei? Ein Campingtisch. Auf dem klebrigen Fußboden eine alte, fleckige Matratze. Keine Heizmöglichkeit.

*****

Ich hatte den Moment auf der Kellertreppe nicht genutzt. Vielleicht wäre auch das schlechte Gewissen mit nach unten gestürzt und jetzt tot. War das schlechte Gewissen totzukriegen? Wahrscheinlich nicht. Es grub sich in meinem Inneren voran, durch meine Eingeweide, mein Herz, meine Blutgefäße. Ich merkte gar nicht, dass ich wie in Trance über das Feld stolperte. Und als ich es endlich merkte, blieb ich abrupt stehen und sah mich um. Nirgendwo ein blau uniformierter Zugbegleiter. Auch keine Fahrgäste mehr, die vor den Türen rauchten, telefonierten und auf ein Taxi hofften, das nicht käme. Hier draußen war kein Mensch. Nur die Saatkrähen, von denen einige kurz aufblickten, bevor sie sich wieder ihren eigenen Beschäftigungen widmeten.
    Hatte ich ein Signal überhört, einen Pfiff, ein Rufen, dass alle dazu aufforderte, wieder in den Zug zu klettern? Immerhin stand der Zug noch da. Ich hatte mich rund zwanzig Meter von ihm entfernt. Es war gespenstisch still. Die einzigen Wesen außer mir die Saatkrähen. Und er, wie ich jetzt bemerkte. Der Angstschweiß-Mann. Er stand ganz in meiner Nähe, hatte mir das Gesicht zugewandt, jedoch ohne erkennbare Regung darin. Sicher wollte er mich nicht darauf aufmerksam machen, dass der Zug bald losfuhr. Er war nicht der Typ dafür. Er sah nicht aus wie ein freundlicher, hilfsbereiter Mann, sondern wie einer mit einer Menge Probleme. Ich war allein mit ihm. Wo steckten die anderen Fahrgäste? Die drei Piccolofrauen, das Outdoor-Ehepaar? Und was war aus den Kranken in Wagen drei und zwölf geworden? Der Panikattacke? In einem ICE saßen gewöhnlich doch hunderte Menschen. Die Fenster waren von außen nicht einsehbar, erst recht nicht aus dieser Entfernung. Ich stand viel zu weit weg vom Zug. Was für eine unheilvolle Reise. Der Zug sollte mich doch nach Hause bringen, nicht in Schwierigkeiten.
    Und wenn er jetzt losfuhr, mit all meinen Sachen darin, dem Koffer oben auf der Gepäckablage, meinem Hausschlüssel im Rucksack, wenn der Zug losfuhr und ich allein mit dem Mann und dreißig Saatkrähen im Nirgendwo zurückblieb?

*****

Ich war so unendlich erwachsen. Ich räumte klaglos die vollgepissten Einlagen weg, die meine Mutter im Badezimmer sammelte. Hätte ich vor zwanzig Jahren gedacht, dass ich so etwas jemals tun würde? Nein. Vor zwanzig Jahren litt ich darunter, jedes Weihnachten zu meinen Eltern nach Wattenscheid fahren zu müssen. Ich fand mich unendlich erwachsen und kam mir Weihnachten bei meinen Eltern plötzlich vor wie ein kleines Kind. Vor zwanzig Jahren fand ich meine Eltern „schon älter“ und mich selbst unsterblich.
Der Gestank der vollgepissten Einlagen war atemberaubend. Meine Mutter brauchte so lange, bis sie die Treppe ins Erdgeschoss bewältigt hatte, und von dort nach draußen zur Mülltonne, und sie fand, es müsse sich lohnen, wenn sie diesen mühsamen Weg auf sich nahm. Doch nicht für eine einzige Einlage! Also warten, bis es mindestens drei waren. Oder vier. Oder fünf. Wenn ich dann das nächste Mal nach Wattenscheid kam, hatte sich eine ganze Menge angesammelt.
„Ich kann doch nicht für jede einzelne extra runtergehen“, sagte meine Mutter, während scharfe, ätzende Magensäure in meiner Speiseröhre hochstieg, ich konnte gar nichts dagegen tun, „das musst du doch verstehen.“
    Ich hatte unendlich viele Weihachten bei meinen Eltern verbracht, alle, wenn ich ehrlich war, ich fuhr auch nach dem Tod meines Vaters jedes Jahr spätestens am Vierundzwanzigsten zu ihr, meiner Mutter, jetzt erst recht, ich war eine gute Tochter, ich konnte meine Mutter, die an allen so herummäkelte, dass sie bei niemandem die Feiertage verbringen wollte, doch nicht alleine lassen. Ich war eine gute Tochter. Mein Gott, sechsundvierzig und ich hatte kein einziges Weihnachten meines Lebens so verbracht, wie ich es mir gewünscht hätte. Früher war ich Weihnachten das Kind gewesen, das man fragte, wann es denn endlich mit seinem Studium fertig sei. Später das Kind, das man fragte, ob es sich nicht endlich einen anständigen Job suchen wolle. Nach meinen Liebesbeziehungen wurde ich nie gefragt. Sie wurden totgeschwiegen. Wenn wir es nicht aussprechen, wenn wir es niemals benennen, wenn wir nie eine von denen kennenlernen, dann gibt es das auch nicht. Mein Bruder hingegen erschien meistens am zweiten Feiertag mittags mit seiner Frau und fuhr vor der Abendessenszeit wieder nach Hause. Zurück ließ er mich mit den gemeinsamen Eltern, später mit der gemeinsamen Mutter, dem Fernsehprogramm, dem ganzen Essen, das mich schon lange nicht mehr in Verzückung geraten ließ wie in meiner Kindheit, meiner echten Kindheit, und der drückenden Sprachlosigkeit, die genauso aussah wie der trübe Himmel über Wattenscheid und wie der S-Bahnhof Essen-Steele.
    Wie kam ich jetzt auf Weihnachten? Weil Weihnachten in ein paar Monaten, die rasend schnell vergehen würden, schon wieder stattfand. Weihnachten war eigentlich dauernd. Natürlich würde ich die Feiertage bei meiner Mutter in Wattenscheid verbringen. Gute Tochter, brave Tochter, ich lasse dich nicht allein, natürlich lasse ich dich nicht allein. Meine Mutter hatte allerdings auch nie daran gezweifelt, dass ich diese Tage mit ihr verbringen würde, ich tat es doch schon seit meiner Geburt ohne eine einzige Unterbrechung, mein Bruder, ja, mein Bruder war erwachsen, der musste nicht so lange bleiben, das versteht doch jeder.
    Die vollgepissten Einlagen, warum hießen sie überhaupt Einlagen? Und warum waren die Frauen in der Fernsehwerbung, die sie benötigten und glücklich waren, seit sie sie benutzten, ungefähr erst in meinem Alter? Und warum sprachen sie nur vom Lachen, Husten und Niesen und suggerierten damit, dass es sich um wenige Tropfen handelte, allerkleinste Mengen, wie ein bisschen Blumenwasser, das aus der Gießkanne danebengegangen war, oder ein winzig kleiner verschütteter Schluck Wein, nicht mehr als ein Esslöffel voll, statt um wahre Sturzbäche? – Die vollgepissten Einlagen, sechs an der Zahl, begrüßten mich, als ich das Badezimmer im ersten Stock betrat. Ich war so erwachsen, mir drehte sich zwar der Magen um, aber ich wehrte mich, widerstand, ich musste nicht kotzen, ich war erwachsen, ich würde jetzt diese ganzen Pissdinger zusammensammeln, mich gemahnen, nicht durch die Nase zu atmen, ich würde sie ohne ein Wort nach unten bringen in den Müll. Gute Tochter. Ich würde meine Mutter auch nicht anschreien, warum sie es selbst nicht schon viel eher erledigt hatte, warum sie gewartet hatte, gewartet und gesammelt, gesammelt, bis es sich endlich lohnte, lohnt sich doch vorher nicht bei nur einer, bis ich das nächste Mal kam, räumte Tante Hedi die Pissdinger weg? Nein. Ich würde stillschweigend ohne zu murren und ohne zu kotzen meinen Tochterdienst erfüllen.

*****

Ich hatte nicht die Spur von krimineller Energie in mir. Entweder, weil ich so gesetzestreu war oder weil ich viel zu viel Angst hatte. Ich fuhr nicht mal schwarz mit der U-Bahn. Das Schwarzfahren meines gesamten Lebens hätte ich an einer Hand abzählen können, und wahrscheinlich wäre eine Hand noch zu viel gewesen. In meiner Jugend hatte ich mit einer Freundin nachts betrunken Mercedes-Sterne von Autos gebrochen, was aber alle taten, die sich für links hielten, denn ein Benz war ein verhasstes Bonzen-Auto, es war so eine Mercedes-Stern-Phase, die ungefähr ein halbes Jahr andauerte, allerdings hatte ich die Bonzen-Trophäen in meinem Zimmer vor meiner Mutter verstecken müssen, statt sie stolz zu präsentieren; und mit eben dieser Freundin war ich tagsüber ein paar Mal durch verschiedene Ruhrgebiets-Boutiquen gestreift und hatte mir in der Umkleidekabine todesmutig, aber mit schlotternden Knien ein Oberteil unter den Pullover gezogen, ein anderes Mal eine Jeans unter meine eigene Jeans, sodass ich wie eine pralle Wurst aussah, was meinem Selbstwertgefühl nicht guttat. Eindeutig die kriminellste Phase in meinem Leben. Im Grunde hatte ich nur die Freundin, in die ich heimlich verliebt war, beeindrucken wollen, denn die Freundin tat sehr cool und behauptete, oft Klamotten zu klauen. Es war noch vor der Zeit, als Plastikteile an der Kleidung befestigt waren, die an der Tür des Ladens entsetzlich piepsten. Ich hatte die Sachen nicht mal gemocht und so gut wie nie getragen, nur heimlich, stattdessen hatte ich sie nach ganz hinten in meinen Kleiderschrank gestopft, immer mit der Angst vor Entdeckung durch meine Mutter. Meine Mutter, die über alles im Leben ihrer Tochter bestens informiert war, zumindest glaubte sie das, eine gläserne Tochter war ihr Idealbild, hätte zu wissen verlangt, was das für Kleidungsstücke waren und woher sie stammten.
Nicht zu vergessen: einmal, mit fünfzehn oder sechzehn, hatte ich meiner Mutter Geld gestohlen. Hundert Mark. Ein Vermögen. Diese hundert Mark stellten wahrscheinlich das schlimmste all meiner Vergehen dar, und ich hatte es meiner Mutter nie gebeichtet, wobei Protestanten ja ohnehin nicht beichteten, zumindest nicht vor einem Pfarrer. Beichten vor den Eltern, speziell vor der Mutter, war durchaus vorgesehen. Ich hatte manchmal Hasch geraucht, das eine ältere Schülerin auf dem Schulhof verkaufte, das kam mir ungeheuer verboten vor. Unter anderem dafür verwendete ich die gestohlenen hundert Mark, denn die ältere Schülerin, die schmuddelige Ute, die allerdings immer durchblicken ließ, sie sei in Wahrheit eine Wohltäterin, verdiente sich mit ihrer Kleindealerei ein gutes Zubrot und war nicht billig.
Ungeheuer verboten erschien es mir auch, dauernd in eine Mitschülerin verliebt zu sein. So verboten, dass ich niemandem davon erzählt hätte, nicht mal mir selbst, wohingegen ich mit meinem sehr bescheidenen Marihuana-Konsum durchaus prahlte, weil ich mir sehnlich wünschte, interessant für die anderen zu sein, vor allem für die in aller Stille begehrten Mitschülerinnen. Es war nicht nur verboten, sondern irgendwie auch ekelhaft, im Unterschied zu Ladendiebstahl und Kiffen, was beides cool war.

©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017



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Regina Nösslers Kunst ist es, den alltäglichen Schrecken, die kleinen Abgründe des menschlichen Beisammenseins in eine sich immer bedrohlicher aufschaukelnde Handlung einzubinden. In ihre Romanhandlungen sind immer auch gesellschaftspolitische Themen verwoben, hier u.a. das Thema „pflegebedürftige Eltern“.

Sie kann sich vor allem an die Wolken erinnern. Nur dass es vor dreißig Jahren weniger Kondensstreifen gab. Elisabeth Ebel, Mitte vierzig, ist Lektorin und Korrektorin. Außerdem ist sie eine gute Tochter. Oft reist sie von Berlin zu ihrer Mutter, die in Wattenscheid alleine in einem zu großen Haus lebt und sich weigert, ins betreute Wohnen zu ziehen. Auch mit sechsundvierzig erträgt Elisabeth es kaum, dass ihre Mutter an allem herummäkelt und sie und ihre Art zu leben immer abgelehnt hat. Sie war das Kind, das man fragte, ob es sich nicht endlich einen anständigen Job suchen wolle. Nach ihren Liebesbeziehungen wurde sie nie gefragt. Sie wurden totgeschwiegen. „Wenn wir nie eine von denen kennenlernen, dann gibt es das auch nicht.“ Elisabeth fühlt sich zunehmend verfolgt, in Berlin, dann auch in Wattenscheid und sogar unterwegs im Zug. Paranoia? Martin hat seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen. Er fürchtet sich vor Menschen. Ein längst verschüttet geglaubtes Geheimnis verbindet die beiden. Sie wissen nicht, dass sie heute in Berlin-Kreuzberg fast Nachbarn sind. Elisabeths alte Mutter jammert und triezt ihre Tochter. Manchmal kommt Elisabeth ein unaussprechlicher Gedanke: ihr ein Kissen ins Gesicht zu drücken. Mutterliebe und auch Tochterliebe sind keine Selbstverständlichkeit. Familie ist eine höchst komplizierte Angelegenheit. Und Teenager können grausam sein, heute wie vor dreißig Jahren.

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