Aus "Mein heimliches Auge" VII

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke - PF 1621 - D-72070 Tuebingen
Tel 0049 (0) 7071 66551 und 0049 (0) 172 7233958
Presse und Veranstaltungen: Babett Taenzer, Tel 0049 (0) 30-609824890
E-Mail:
taenzer@konkursbuch.com


Rotkäppchen geht durch den Wald. Da kommt der Wolf und sagt: „Ehe ich dich fress, hast du drei Wünsche frei.“
„Okay“, sagt Rotkäppchen, „fick mich!“

So fickt der Wolf das Rotkäppchen. Als zweiten Wunsch sagt Rotkäppchen, „fick mich noch mal“, und da fickt der Wolf das Rotkäppchen noch mal. Danach ist er aber schon ganz schön müde.

Als dritten Wunsch sagt Rotkäppchen „fick mich noch mal“, und da fickt der Wolf das Rotkäppchen noch mal und fällt um und ist tot.

Da kommt der Förster aus dem Wald und sagt mahnend: „Rotkäppchen, Rotkäppchen, das war nun schon der fünfte Wolf in dieser Woche.“


Die drei Schauspielerinnen wittern ein Geheimnis, während sie sich verschämt die Röcke glatt streichen.
„Knöpf dein Kleid auf“, sagt Ann zu Anna und Anne, die Dritte, schaut zu. Befehlen, Gehorchen, Zuschauen – drei Stichworte der Erregung. Auf dem Theater und in der Lust ist das erotisierende Spiel der wechselnden Rollen der Macht möglich.

Beides sind Inszenierungen von inneren Bildern, die das Licht suchen.


(Ulrike Rogowski)


 Aus dem vom Gericht bestellten Gutachten von Dr HERRAD HESELHAUS, Universität Tübingen:

„Das heimliche Auge ist ein dynamisches Kunstwerk, in dem jeder einzelne Beitrag in ein Netz von Interpretationen einbezogen wird. Bilder und Texte gehen Beziehungen miteinander ein, sie variieren einander, widersprechen einander, ergänzen, unterminieren oder extrapolieren einander. Abstrakte Kunst und realistische Fotografie, ernste Darstellungen und ironische Kritik reflektieren einander und eröffnen neue Horizonte, die über das Einzelne hinausweisen ...

Dieses Verfahren potenziert sich, denn ein solches Jahrbuch wird im seltensten Fall von vorne bis hinten durchgelesen. Im Gegenteil, man kann bei jedem beliebigen Bild oder Text beginnen und dieses mit jedem anderen kombinieren, so daß eine Vielzahl von Argumentationsketten und Darstellungskombination ensteht. Ein solches Gebilde wird in der Postmoderne als Hypertext bezeichnet: die Summe der ästhetischen Erkenntnisse in MHA sei somit um ein Vielfaches größer als die Anzahl der textuellen und visuellen Beiträge. Eine solche Verfahrensweise sei als absolutes Gegenteil zu pornografischen Verfahrensweisen zu betrachten, da diese, um ihres Zieles schnellstmöglicher Lustbefriedigung willen, auf Eindeutigkeit und Eindimensionalität beharren müssen, so daß im Falle der Pornografie die Summe der ästhetischen Erfahrungen um ein Vielfaches geringer sei als die Anzahl der Darstellungen, im schlechtesten Fall bliebe nur eine einzige Erfahrung, die der „Aufreizung..“.

„Mein heimliches Auge“ bietet eine multiperspektivische Darstellung von Sexualität, die gleichzeitig ausnahmslos jedem Rezipienten einen immer neuen fremden Blick auferlegt, denn er kann auf keiner Seite mit einem Beitrag rechnen, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse bedient. Durch diese Fokussierung der Wahrnehmungstrukturen selber rückt – aller deutlichen Bildlichkeit zum Trotz – die kulturelle zwischenmenschliche – demokratische, produktive (sozusagen der Blick von Foucault) –Bedeutung von Sexualität in den Vordergrund.“

 

 

Claudia Gehrke

Rotkäppchen und die Pornografie

Beitrag für einen Sammelmand

 

„Rotkäppchen geht durch den Wald. Da kommt der Wolf und sagt: „Ehe ich dich fress, hast du drei Wünsche frei.“

 

Sex mit Tieren und Sex mit Kindern gilt als „harte“ Pornografie, und dessen Darstellung ist grundsätzlich verboten, ebenso wie die Darstellung von Gewalt im Zusammenhang mit Sex. Auch der Besitz von so genannter Kinderpornografie ist verboten.

Oben zitiertes „Rotkäppchen“ also, in diesem Fall Sex einer Märchenfigur (Kind) mit einem Wolf (Tier), war eine feministische Satire auf eines unserer bekanntesten Kindermärchen. Rotkäppchensatiren gibt es, seitdem es das Märchen gibt. Die historischen Zeichnungen, die wir dazu druckten, entstanden in den 1920er Jahren  und waren zuvor schon vielfach reproduziert, das gezeichnete „Mädchen“ ist sichtbar eine junge Frau – kein Kind.

Dieser Beitrag war Anfang der 1990er Jahre einer der Auslöser für die Verfolgung von „Mein heimliches Auge“ als Pornografie. Ein damals medienbekannter Privatverfolger sandte das per Faxkopie an Jugendämter, die Bundesprüfstelle, Bundestage, das BKA. etc

Kinder in Märchen werden gefressen oder eingesperrt, verfolgt, bedroht von Ungeheuern und von Hexen ausgehungert. Die den Kindern zugestandene Erregung ist: Gruseln. Das erzeugen die Märchen, das lieben Kinder. Und sie wissen: das ist ein Märchen, also nicht wahr.

Die Darstellung sexueller Erregung – als Erregung Erwachsener – soll ferngehalten werden von Kindern. Daher ist so genannte weiche Pornografie, also alles was „ausschließlich der Erregung“ dient, alles was  „sozial desorientierend ist“ ist mit einem Vertriebs- und Werbeverbot belegt, damit es nicht so leicht in die Hände von Jugendlichen und Kindern geraten kann. Das Vertriebsverbot heißt: man darf nicht per Post verschicken, bzw. nur mit komplizierten Auflagen, persönliche Abholung mit Ausweis etc.  – es könnte ja ein Jugendlicher (selbst wenn man der Bestellung Ausweiskopien beilegen muss, trickreich mit dem Ausweis des älteren Bruders) bestellen. Man darf keine Werbung für diese Produkte machen, die in die Hände Jugendlicher geraten könnte, also nicht in „normalen“ Buchprospekten dafür werben, keine Anzeigen in Zeitungen damit machen etc. Im Buchhandel darf es nicht sichtbar ausgestellt werden, sondern nur auf Anfrage gezeigt. Nur in Sexshops, in die man erst ab18  eintreten darf, darf diese „weiche“ Pornografie ausgestellt werden. Das Internet hat die Lage geändert, jeder kommt jederzeit im Prinzip an alle Bilder, und ein Klickangebot, ich bin noch keine 18 und verlasse diese Seite, verführt, vermute ich, eher zum Gegenteil: den anderen Klick: Eintreten zu wählen

Die Heftchen, Fotos, Filme, DVDs, also alles, was zu dieser erlaubten Pornografie zählt, zu dieser so genannt weichen Pornografie für Erwachsene, sind ebenfalls Märchen, die Erregung erzeugen. Eine andere Erregung als die durch die Kinder-Märchen erzeugte – aber so weit weg sind Gruseln und sexuelles Schaudern dann vielleicht doch nicht.

Märchen für Erwachsene – für Männer – also: Frauen, immer willig, Frauen, die es permanent und mit jedem und dauernd treiben, die nicht widersprechen, die auch dann noch auffordernd aus dem Bild auf den außenstehenden Betrachter schauen und ihn einladen mitzumachen, selbst wenn bereits in all ihren Öffnungen etwas steckt,  usw.

Es gibt auch Märchen für schwule Männer; und neuerdings versucht sich die Industrie in vergleichbaren Märchen für Frauen. Das funktioniert noch nicht so richtig – kein Markt, heißt es. Der größte Markt an „Pornos“ mit Bildern ist nach wie vor der für heterosexuelle Männer. Frauen lesen. Shades of Grey. Früher Heftchenromane. Kitsch-Liebesgeschichten mit etwas oder etwas mehr Sex.

Nachdem also diese Rotkäppchenfaxe damals eine mittlere Erregungswelle ausgelöst hatten – das heimliche Auge wurde in der Zeit u.a. auch durch „pro familia“ vertrieben, als Anregung für Erwachsene, oft Paare, sich mit ihrer Sexualität auseinanderzusetzen, und dieser private Sittenwächter hatte es vor allem auf „pro familia“ abgesehen – eine Erregungswelle, die bis in die Tagesnachrichten drang: „Gelder für ‚pro familia’, damit sie Pornografie vertreibt!“ – nach eingehender Sichtung der Bücher stellten die zuständigen Stellen, also Staatsanwälte und Jugendämter, dann doch fest, dass Rotkäppchen hier als Satire gemeint war, und es sich keineswegs um harte – also ganz zu verbietende – Pornografie, also etwa einen Aufruf, Sex mit Wölfen zu machen,  handeln könne, aber eventuell um so genannt „weiche“ Pornografie. Denn die Staatsanwälte fanden erregende Stellen, vor allem Bildseiten mit sichtbaren weiblichen Geschlechtern. Diese wurden ordentlich aufgelistet und kamen in die Anklageschriften.

 

Es gibt zwei Wege, diese Vertriebsverbote für „weiche Pornografie“ zu erreichen. Einmal mithilfe einer Anzeige durch ein Jugendamt bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, andererseits durch Anzeigen an die Staatsanwaltschaften, die daraufhin ihrerseits aktiv werden, und beispielsweise Durchsuchungen anordnen und Polizisten zu Hundertschaften in den Buchhandel schicken, oder damals auch zu uns in den Verlag schickten, um zu überprüfen, ob da etwa etwas mit Vertriebsverbot zu belegendes ausgestellt und verkauft wird. Unser  Privatverfolger fand ein Jugendamt, das die notwendigen Anzeigen bei der BPS machte, die bei den Staatsanwaltschaften konnten er und einige seiner Helfer selber machen.

Die Bundesprüfstelle ist ein Gremium aus Lehrern, Wissenschaftlern, Mitarbeitern aus Sozial- und Beratungseinrichtungen, das in Sitzungen, zur Zeit der Auseinandersetzungen um das „heimliche Auge“ unter dem Vorsitz von Frau Mommsen-Engerding entscheidet, was jugendgefährdend ist und in eine entsprechende „Liste“ aufgenommen (also „indiziert“) wird und was nicht. In jahrelanger Auseinandersetzung kam dieses Gremium zu der Entscheidung, dass das Auge nicht jugendaffin ist – d.h. Jugendliche eigentlich nicht interessiert, da zu komplex – und auch nicht als jugendgefährdend eingestuft werden kann. Die Bewertungspraxis der BPS hatte sich in der Auseinandersetzung mit dem „Auge“ verändert, sie wurde vielschichtiger. Noch unter der Leitung des vorigen BPS-Vorsitzenden, eines Herr Steffen, galt die Regel: „Möse erkennbar und Schwanz über einen bestimmten Winkel aufgerichtet“ gleich pornografisch (er meinte: an irgendetwas muss man das ja festmachen, sonst sei es zu schwammig). Egal also in welchem Zusammenhang scharfe Schamlippen auftauchten, sie galten als pornografisch – und da bei Frauen sexuelle Erregung ja so leicht nicht zu erkennen ist wie bei Männern, wurde vorsichtshalber alles zwischen den Beinen unscharf gemacht, um als Nicht-Pornografie durchzugehen, bei Männern durfte es hängend scharf sein. So wie es noch in den 70ern in Kuinderaufklärungsbüchern hieß: „Wenn es Papi und Mami gut geht, wird der Penis von Papi hart und dringt in Mami ein“ (was alles bei „Mami“ dazugehört, wurde nicht erwähnt, Feuchtigkeit, sich öffnen, erregt sein, Schwellung der Klit), so fiel durch diese Bilderbewertungspraxis das weibliche Organ der Lust vollständig aus der Sichtbarkeit, bzw. war lange Zeit nur schlitzlos retuschiert zu sehen (auch das ist subtile Gewalt, eine Art Kastration).

Jetzt wird der Zusammenhang bewertet, die Komplexität eines Objekts, das zur „pornografischen“ Diskussion steht. Und es wird versucht,  „echte“ Gewalt zu indizieren, wirkliche Gewalt – an Kindern, Frauen, Männern – zu bekämpfen. Und nicht mehr die in sexuellen Spielen als Mittel zur Steigerung von Lustgefühlen eingesetzten „Ekstase-Techniken“ – heute SM genannt. Natürlich gibt es auch im Bereich der „sexuellen Spiele“ Grenzüberschreitungen zur „Gewalt“, die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist,. immer eine schwierige Diskussion bleiben.

Und so wurde schließlich in einem ausführlich Gutachten der BPS festgestellt: das Auge als Ganzes ist keine, auch keine „weiche Pornografie“. Es ist ein Buch, das sich  vielschichtig mit Sexualität beschäftigt, und das weder ausschließlich der Erregung dient noch sozial desorientiert noch Gewalt verherrlicht, sondern im Gegenteil als Collage eine große Freiheit auch dem „anders“ Denkenden bzw. mit „anderer“ als der eignen Sexualität lebenden Menschen gegenüber eröffnet.

Während also in Pornoheften, -Filmen, Pornosseiten im www die Summe der Einzelnteile nur eine einzige ästhetische Perspektive erzeugt, die der Erregung, ist im Auge die Summe der Einzelteile viel mehr als jedes Teil für sich. „Mein heimliches Auge“ entfaltet sich in den Zwischenräumen. Zwischen den scharfen und sanften Bildern, zwischen den Sexualitäten, zwischen den poetischen und den direkten Worten. „Das heimliche Auge ist ein dynamisches Kunstwerk... Bilder und Texte gehen Beziehungen miteinander ein... die über das Einzelne hinausweisen.“  (Zitat aus dem Gutachten im Prozess gegen das „Auge“)

 Anders ausgedrückt – und insofern ist „Mein heimliches Auge“ als Buch erotisch: Jede Erotik passiert in einem Zwischenraum. Es geht immer um etwas, was sich zwischen zwei Menschen, auch einem Bild und einer Betrachterin, einem Buch und einer Leserin, und in einem Buch zwischen seinen einzelnen Teilen, also beim Blättern, hin und her auflädt. Erotik „an und für sich“ – also ohne Beziehung, Kommunikation, wie auch immer – gibt es nicht. Es finden sich nicht die glatten Körper, das glatte Funktionieren, die man von vielen so genannten erotischen Texten kennt. Einzelne solcher Texte muss es natürlich auch geben, aber im gesamten Buch gibt es Ebenen, die miteinander spielen, zwischen denen sich permanent hin- und herblättern lässt. Yoko Tawada hat einmal geschrieben, das zitiere ich immer gerne, wenn es um die spezifische Lust am und im Buch geht: „Das chinesische Schriftzeichen für Körper setzt sich zusammen aus den Zeichen für „Mensch“ und „Buch“. Heißt das, dass der Körper ein Buch ist, das nur in der Welt ist, wenn jemand in ihm blättert ...“ Das Buch ist also ein lebendiges Wesen, es riecht, es fasst sich je nach Papier unterschiedlich an, es kann immer wieder anders aussehen, je nachdem, von welcher Seite man blättert, in welcher Stimmung man ist, welche Bilder einen heute anspringen, welche Texte einen morgen verführen, welche Worte die die eine anmachen, welche den anderen. Das ist nicht fix, das ist immer in Bewegung, und das wird durch ein so lebendiges Buch wie das Heimliche Auge vielleicht sichtbar. Die Autorinnen des Auges und auch anderer Bücher meines Verlags präsentieren nicht allein die Lust, sondern auch die Komik, Tragik und Banalität von Liebesbeziehungen und Alltagssexualität, von Sehnsüchten und Traumwelten, und das tun sie „leichtfüßig und tabulos“ (NZZ). In der von uns verlegten Literatur und Fotografie gibt es eine spezielle Nähe zu den Figuren im Text/auf dem Bild. Es gibt keine, über die sich die AutorInnen oder FotografInnen erheben, zynisch wie so oft in neuerer Literatur, oder cool objektiviert, wie in vielen „Erotikfotos“. Die Dargestellten werden uns auch in ihren Schwächen sympathisch. Natürlich gibt es im heimlichen Auge einzelne solcher „coolen“ Bilder und Texte – die in der Konfrontation mit anderen ebenso zum Nachdenken anregen können wie sie einfach bloß als „schöner Schein“ gefallen dürfen.

Man kann das Auge also immer wieder neu lesen, egal auf welcher Seite man es aufschlägt und in welche Richtung man blättert, es ergeben sich neue Sinnzusammenhänge. Das „schöne“ Bild wird konfrontiert: mit Satire, mit Realität. Und gerade auch über die Ablehnung hinweg: Ihh! das gefällt  mir aber gar nicht, ihhgitt! wie eklig, lässt sich beim Blättern und Lesen und Schauen etwas lernen im Umgang mit Sexualität.

 Eine Gutachterin formulierte das alles später für das Gericht so:  „Mein heimliches Auge“ bietet eine multiperspektivische Darstellung von Sexualität, die gleichzeitig ausnahmslos jedem Rezipienten einen immer neuen fremden Blick auferlegt, denn er kann auf keiner Seite mit einem Beitrag rechnen, der seine eigenen sexuellen Bedürfnisse bedient. Durch diese Fokussierung der Wahrnehmungsstrukturen selber rückt – aller deutlichen Bildlichkeit zum Trotz – die kulturelle zwischenmenschliche – demokratische, produktive Bedeutung von Sexualität in den Vordergrund.“

Dass zur Auseinandersetzung mit Sexualität auch Momente der Erregung gehören, ist selbstverständlich. Plötzlich kann die eine oder den einen etwas aus den „Augen“ anspringen und dieses Schaudern erzeugen, das man Erregung nennt, blättert er oder sie um, wird es jedoch unterbrochen – zum Beispiel damit, über die Erregung nachzudenken.

Die drei Schauspielerinnen wittern ein Geheimnis, während sie sich verschämt die Röcke glatt streichen.

„Knöpf dein Kleid auf“, sagt Ann zu Anna und Anne, die Dritte, schaut zu. Befehlen, Gehorchen, Zuschauen – drei Stichworte der Erregung. Auf dem Theater und in der Lust ist das erotisierende Spiel der wechselnden Rollen der Macht möglich.

Beides sind Inszenierungen von inneren Bildern, die das Licht suchen.“ Das war der zweite Absatz des Textes von Ulrike Rogowski, der natürlich nicht mitgefaxt wurde, wie auch andere Stellen aus dem konterkarierenden Zusammenhang gerissen gefaxt wurden: so eine Zeichnung von H.R. Giger (Frau und Schoßhund) – ohne das dazugehörende hochkomplizierte Gedicht von Oskar Pastior,

Blättert „er“ im Pornoheft um, ist das darauf ausgerichtet, dass es weiter und weiter erregt bis zum Orgasmus. Ob und wie das funktioniert und mit welcher miesen künstlerischen Qualität, sei hier dahingestellt. Und bewertet sei es schon gar nicht. Erregung bis zum Orgasmus ist bekanntlich auch etwas Wertvolles, Schönes! Wie sie erreicht wird, mit welchen Phantasien, welchen sexuellen Techniken, welchen Bildern, das ist individuell sehr unterschiedlich. Dass zur Erregung ohne ein Gegenüber mit Fingern, Mündern, Geschlechtern, Haut, Geruch, Worten..., dass also zur Masturbation härtere Bilder gehören als in der gelebten Lust mit anderen, oft auch welche, die surreal sind und übersetzt in die Realität unmöglich, um die Erregung in Fluss zu setzen zu können, dass weiß jede/r aus eigener Erfahrung, und natürlich auch aus der Lektüre: zum Beispiel der Sammelbände  „die sexuellen Phantasien der Frauen“, „...der Männer“, oder aus der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema, die schon Susan Sontag in ihrem berühmten Essay (zur Pornografie, in „Kunst und Antikunst“) unverändert aktuell formulierte. Es sind einzelne und nicht sanfte, bruchstückhafte Bilder, die in den Kopf und zwischen die Beine schießen – so wie man in der Lust niemals das „Ganze“ oder einen schlichten chronologischen Ablauf wie im Pornofilm sieht, sondern Ausschnitte, einen muskulösen Oberarm, eine Lippe in Großaufnahme, kurz bevor sie küsst, das Geschlecht, bevor es bedeckt wird von Fingern. Und in der Phantasie braucht es Märchen, surreale, heftige, gruselige auch, um Erregung zu erzeugen. In Wirklichkeit wollen wir das denn doch nicht.

Trotz der Entscheidung der BPS machten die Staatsanwaltschaften weiter, es kam zu einem Prozess in Tübingen, den wir gewannen.

Die angebliche Werbung, die einem immer unterstellt wird, wenn etwas durch einen Prozess in die Medien gerät, existiert nicht, der Schaden ist weit größer. Immer wieder – zur Zeit gegen künstlerisch hoch anspruchsvolle Videos – werden mit dem Argument des Jugendschutzes von Staatsanwaltschaften diese Vertriebsbeschränkungen auferlegt (als hätten sich je ein Jugendlicher ein Video per Post bestellt, was in einem kleinen Kunstkatalog angeboten wurde und 75 Euro kostete... – da ist es doch noch immer viel einfacher und billiger, wie zu früheren Zeiten, den Schrank der Väter - heute das Internet - zu durchforsten). Für ein Buch wie das „heimliche Auge“ wäre ein solches Vertriebsverbot das Aus, denn im Pornoshop lässt es sich nicht verkaufen. Dort sucht man (noch immer vor allem Mann) was anderes, auf keinem Fall etwas, das auch zum Nachdenken anregt. Inzwischen gibt’s auch Pornoshops für Frauen, und inzwischen schreiben Frauen die deftigeren Texte, wie man an den Einsendungen für „Mein heimliches Auge“ sieht – allerdings ist im Bildbereich weiterhin ein „männliches“ Übergewicht zu erkennen.

Lange vor den Auseinandersetzungen mit deutschen Gerichten bekam ich einmal ein Paket mit einer Büchersendung aus Japan zurück: In jedem der jeweils 10 Bücher einer Ausgabe von „Mein heimliches Auge“ klebten hunderte von kleinen Zetteln mit rotem Rand. All das war in Japan als Pornografie verboten –  überall dort also, wo Haare zu erkennen waren, klebten Zettel, und vorsichtshalber hatten die Herren vom Zoll auch 10 mal das jeweils identische Buch durchgeblättert und mit besagten Zetteln versehen: es hätte sich ja ein zusätzliches böses Bild irgendwohin verirren und dieses ungeheuerliche Schaudern auslösen können.