Leseproben aus: Silke Andrea Schuemmer, "Nixen fischen"

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
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Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen.
  224 S., Frühjahr 2017, einige Bilder, 12,90,  ISBN 978-3-88769-569-9


  S. 33
… Seckig öffnete ein paar Schritte weiter einen runden Glaskasten, eingelassen als Bullauge in die Wand, in dem Libellen mit Nadeln auf schwarzen Samt gestochen waren.
»Das ist wie beim Püttikind und mir.«
Er nahm eine bläuliche Libelle heraus und strich mit den Fingern darüber. Einer der Flügel war beschädigt.
»Ich spieße sie auf meinem schwarzen Laken bei mir zu Hause auf, das hübsche kleine Dingelchen, nur kommt dabei kein Äther zur Verwendung. Ich fühle sie so gern strampeln.«
Die beiden Vitrinen überging er mit einem Schulterzucken, während er sich schnaufend hinter Püttis Stuhl vorbeidrängte.
»In denen findet man Krempel. Von allem ein bisschen. Du wirst es nicht glauben, aber die Sachen darin verkaufen sich gut, drum muss man sie nicht sonders präsentieren. Wer bis hierher gekommen ist, der stöbert gern. Lass ihn ruhig suchen.«
Dann machte Seckig ein ernstes Gesicht und schob einen Paravent beiseite.
»Schamige Ware«, erfuhr Ines, »sind Exponate ungeklärter Herkunft über tausend. Hier wird es also teuer für den Kunden, und es kann richtig teuer werden für den guten Knut, falls jemand zu neugierig ist. Patte hat in diesem Séparée nichts verloren, aber glücklicherweise kann er in seinem Rollstuhl nicht selbst Möbel rücken.«
Pütti sang immer noch die wenigen Zeilen, die sie von dem Lied kannte, bis Seckig ihr leicht auf den Hinterkopf schlug. Er überlegte, was er gerade erklärt hatte.
»Exponate ungeklärter Herkunft über tausend sind schamige Ware, Exponate ungeklärter Herkunft unter tausend sind nicht schamig, sondern rettende Anker für uns Händler. Die finden sich überall dazwischen, bemüßige dich nicht, das alles genau zu wissen.«
Zu den kritischen Stücken gehörten ein Rötelakt, der die Nereiden auf einer Sandbank zeigte, kleine Ölgemälde mit Meeresansichten, Booten im Sturm und Portraits von Fischern.
»Diese Dinge hier«, Seckig fasste sie dabei am Oberarm, »gehen niemals an öffentliche Sammlungen und nie an jemanden, den wir kennen. Keinesfalls zeigst du Patte etwas davon, auch wenn er es befehligt, du gibst es ihm einfach nicht. Die gehen höchstens an fremdes Volk, unkundiges natürlich. Am besten, du übergehst die Ecke, aber wenn es unbedingt sein muss, zeigst du sie nur hässlichen Männern in Begleitung sehr junger Dämelchen. Bei denen brauchst du auch kaum zu parlieren, die plappern selbst genug. Lass sie wie räudige Köter durch den Laden schnüffeln, die finden schon was zum Gegenpinkeln. Bewundere en passant ihre Fachkenntnis und tu so, als würdest du dich selbst gern drunterlegen, dann machen die ihr Kranzgeld locker.«
Ines zeigte auf die Wand, an der bloß die versteinerte Koralle und die einzelne Kette mit dem kleinen Anker hing. »Wieso ist die Nische fast leer?«
Seckig winkte ab. »Ich hab gern die Tapete im Auge.« Er deutete auf einen Wasserfleck unter der Decke. »Schwamm in der Wand, den müssen wir rausheizen.«
Er rollte einen Heizlüfter heran, steckerte ihn ein und richtete ihn gegen die Wand. Das Surren des Ventilators schwirrte durch den Raum. »Der Vermieter couriert ab und zu ein Briefelchen, dass er hier großartig klempnern will. Komplettsanierung, und der Denkmalschutz soll dazuschwätzen. Aber ich emigrier nicht wochenlang. Mich kriegt hier keiner raus.«
Er ging einen Schritt zur Seite und stand nun direkt hinter dem Nebenzimmer, das in den Ladenraum hineingebaut war. Ächzend bückte er sich und schloss den Deckel einer alten hölzernen Truhe mit einem Bartschlüssel auf, den er aus seiner Hosentasche gezogen hatte.
Im gleichen Moment sprang Pütti hoch, schleppte ihren Stuhl nach vorn zum Eingang und stellte ihn so hin, dass sie mit dem Rücken zu ihnen saß und durch die Ladentür auf die Straße sehen konnte. Sie presste die Hände über die Ohren.
Seckig stemmte den Deckel auf, kramte auf dem Boden der Truhe herum und hielt Ines ein Einmachglas mit einem Spitzendeckchen darüber dicht vors Gesicht.
»Meine Collection privée!«
Er zog feierlich die Spitze von dem Glas. Sie sah ein Stück präparierter Haut in einer gelblichen Flüssigkeit, den Teil eines Ohrs und darunter eine längliche rötlich-violette Wunde. Andächtig strich Seckig über seinen Hals und seufzte tief. Er stellte das Glas zurück und verhüllte es wieder mit dem Deckchen. Dann zeigte er Ines einen Glaskubus mit der Spitze einer eingeschlossenen silbrigen Flosse, durch die ein Ring mit einem hellen Stein gestochen war.
»Ein Flossenpiercing, was für eine Preziose, von einem russischen Forschungsschiff. Hat mich ein Vermögen gekostet.«
Knorpelige Formen in dicken Glasblöcken, bei denen Ines rätselte, ob es Präparate von Körperteilen waren oder von kleinen Tieren, ließ er in der Truhe liegen. Auch ein großes unter einem schwarzen Tuch verborgenes Behältnis zeigte er ihr nicht. Zuletzt öffnete er eine Schachtel, in der eine rötliche Haarsträhne lag, verkrustet von Salz.
Seckig befühlte das Haar und roch mit halb geschlossenen Augen daran.
»Mit den Meerfräulein ist das so: Versinken, das ist das eine, das kann eine Havarie gewesen sein oder eine Abberufung. Aber sich unten am kühlen Grunde Flossen und Kiemen wachsen zu lassen, das ist eine Entscheidung. Da will man nicht auftauchen und an Land gehen. Wer sich einen Fischschwanz wachsen lässt, einen Leib ohne Untergeschoss, der badet gern im Unglück. Der zieht es vor, das Leben am Strand nur zu beäugeln. So jemand will wieder und wieder die Welt verlassen und abtauchen. Nixen, das sag ich dir, lieben das Ertrinken.« ...


S. 44 ff.

... Ines stand im trüben Licht und wartete. Jetzt musste er gerade an dem Bioladen nebenan sein, jetzt beäugte er die Punkmädchen, die vor dem Schmuckgeschäft herumlungerten, Fußgänger anbettelten und Staniolpapierbriefchen zum Schniefen herumreichten, jetzt ließ er das Fitnessstudio, die Bank und die Kneipe hinter sich, jetzt bog er um die Ecke, jetzt war er weg.
Im Sammelsurium war es so stickig, als hätte Seckig den Laden mit dem Schließen der Tür luftdicht verschlossen. Ines betastete mit den Fingerspitzen ihren Hals und atmete heiser durch den Mund. Sie holte eine Wasserflasche aus ihrer Tasche und trank sie in einem Zug aus, ein Rinnsal lief ihr übers Kinn. Sie setzte sich auf den Stuhl mitten im Laden, auf dem Pütti gehockt hatte, und schloss die Augen. Ihre Schultern sanken nach vorn, ihre Hände lagen weiß und schlaff in ihrem Schoß. Bald straffte sie sich wieder, sprang auf und begann den Laden abzusuchen.
Vorn an der Tür fing sie an, im Schaufenster lag das Album nicht mehr, sie durchstöberte das Liebhaberregal, die Kästen mit der unmoralischen Graphik, die Berge von Katalogen, Zeitschriften und Büchern auf dem großen Tisch, sie öffnete die Glastüren der überfüllten Vitrinen, und bemühte sich schließlich, den Deckel der alten Truhe anzuheben, aber der rührte sich kein Stück.
Als sie das morsche, von winzigen Löchern übersäte Holz berührte, bemerkte sie es zum ersten Mal: Aus dem Nebenzimmer kam ein Plätschern und Sprudeln. Sie richtete sich auf und hörte dem Geräusch nach. Sie ging in den kleinen gefliesten Raum, in dem es noch heißer und stickiger war als im Laden. An einer der Wände stapelten sich bis unter die Decke Pappkartons mit Krabbenkonserven und Einmachgläsern, in denen trübe Rollmöpse vor sich hindümpelten wie die Präparate in Seckigs Truhe.
Aus dem Überlauf des winzigen Waschbeckens floss ein bräunliches Rinnsal, und in der alten Toilette, die mit geflickten und aneinandergeschweißten Rohren mit dem Boden verbunden war, blubberte es. Ines drehte am rostigen Wasserhahn, der so klemmte, dass sie ihn kaum aufdrehen konnte. Erst rann ein rostiger Faden ins Becken, dann versiegte er wieder, aber als sie das quietschende Ventil zudrehte, begann es aus dem Hahn zu tropfen, dicke braune Tropfen, die platschend ins Becken fielen. Ines suchte die Wände ab, schob einige der Konserven beiseite, klopfte auf die eine oder andere Fliese, aber es gab offenbar keinen Hauptwasseranschluss. Als das Gluckern in der Toilette immer lauter wurde, rollte sie etwas Papier ab und öffnete damit den Deckel.
Die Emailleschüssel war an einigen Stellen gesprungen, und bräunliche Kreise durchzogen das Porzellan. Aus dem Abfluss stieg Brackwasser hoch, langsam aber stetig, Jahresring um Jahresring. Die Tropfen aus dem Wasserhahn folgten schneller aufeinander.
Ines fand hinter einem Stapel Kartons einen Pümpel, dessen Gummi schon porös war und auf dem Boden kleben blieb. Ratlos betrachtete Ines den Holzstiel in ihrer Hand. Je gurgelnder das Glucksen und Schnorcheln wurde, desto heftiger stocherte sie mit dem Holz im Abfluss. Schweißtropfen rannen ihr übers Gesicht, sie leckte sich über die Lippen und schmeckte das Salz, das auf ihrer Zunge brannte und sich heiß anfühlte, ihr Kopf glühte. Sie fühlte einen Widerstand im Rohr und stakte heftiger in der Brühe. Keuchend und fluchend beugte sie sich über die Schüssel und versuchte dabei, so weit entfernt zu stehen, wie es in dem winzigen Raum ging.
Als sie die Spülung drückte, geschah erst einmal gar nichts. Sie hämmerte auf den rostigen Schalter, um was immer da im Rohr steckte, wegzuspülen, aber es kam nur ein heiseres Fauchen aus der Zuleitung.
Das Brackwasser, das von unten hochstieg, erreichte die obersten Jahresringe des Email wie eine Flut, die am Sandstrand leckt. Ines steckte den Holzstab zurück in die Saugglocke und hebelte so lange, bis sie sich mit einem Schmatzen vom Boden löste. Nach einem kurzen Zögern setzte sie sie an, drängte den Pümpel in den Abfluss und bewegte ihn erst vorsichtig und dann, als die Glocke am Stiel hielt, fester. Es gurgelte plötzlich so laut, dass Ines zurückwich.
Sie stand da, den Pümpel in der Hand, und beobachtete die Schüssel. Aus den Augenwinkeln tropfte ihr die Tränenflüssigkeit über die Wimpern und vermischte sich mit den Schweißrinnsalen auf ihrer Stirn.
Aus dem Abflussrohr drängte etwas nach oben, wollte durch die Öffnung.
Es war hellrosa, ein Kopf aus Glibber und Schleim. Ines starrte es an, regungslos, und hörte sich nur von fern atmen. Das Ding presste sich höher. Es war fast durchsichtig und schimmerte. Unter einer Schicht aus Gallert waren Formen zu erkennen, ein Muster aus Hohlräumen und Schläuchen. Am Rand züngelte etwas, und tastend schoben sich zwei Tentakel in die Schüssel. Ines starrte die große rosafarbene Qualle an, die sich durch den Abfluss zwängte und ihre Fangarme in Richtung der Toilettenbrille zucken ließ …


©konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2017



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Nixen fischen ist eine unheimliche, schräge Geschichte, in der Kraken und anderes Meeresgetier und ein heruntergekommener Laden eine Rolle spielen.
Studentin Ines entdeckt im Schaufenster des verstaubten Antiquitätengeschäfts für Maritimes ein Fotoalbum, darin ein altes Polaroid, das mit ihrer eigenen Familie und einem unaufgeklärten Familiengeheimnis zu tun hat. Sie betritt den Laden. Eine unheimliche, surreale Atmosphäre erwartet sie. Feuchte Wände, Galionsfiguren, Permuttkämme, Fische, Quallen, Tentakel und Kiemen in Formaldehyd und der unangenehm obszöne Ladeninhaber Knut Seckig. Ines wird im Tausch gegen das Foto für 4 Wochen dort und am Stand auf der Messe arbeiten … Seckig sammelt nicht nur Meeresdinge, sondern auch Gestrandete. Er bietet drogensüchtigen Mädchen, die auf der Straße leben und sich mit Prostitution über Wasser halten, seinen Laden als Zufluchtsort an – gegen Sex: Nixen fischen. Auch Ines gerät in sein gefährliches Netz ...
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