Das Vorwort

Liebe Freundinnen & Freunde des Verlages,

Wir verlegen Fotografie, Kunst, Literatur & Lyrik, Essays, ausgewählte „Reise"-Literatur.
Verschiedene Medienwellen rollten vorüber, wir widmeten uns der Erotik seit Verlagsgründung und werden uns ihr weiterhin widmen. Ebenso der Literatur und dem Denken. Gegen die Trennung in saubere Schubladen. Gute Sexualität ist Kunst. Erotik ist verwoben in alle Lebensbereiche... Konfrontation von Privatem und Politik, Literatur und Bildern, von Sex und Denken, Sinnlichkeit und Vernunft … Momente von Lust, die nicht aufgesogen werden von der Totalität unserer "Marktgesellschaft", Sekunden der verzauberten Zeit ...
Seit 1978 erscheint die Reihe „
konkursbuch" (2004/2005 neu: die Nummern 41: Haut, 42: Auto, 43: Scham, 44: Schreiben) - seit 1982 erscheint „Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik"

Bücher selbst sind sinnliche Objekte: die Lust des Blätterns wird in Büchern inszeniert. Wir spielen mit der Inszenierung des Blätterns. Das Gefühl, ein Buch zu öffnen und durchzublättern, ist vielleicht vergleichbar mit dem Moment, ein Geschenk auszupacken und noch nicht genau zu wissen, was darin ist. Papier raschelt, riecht und fühlt sich verschieden an.

Yoko Tawada, in ihrem ersten Buch "Nur da wo du bist da ist nichts":
"… ich habe eine an Wahnsinn grenzende Leidenschaft für Bücher. Keine literarischen Werke, ich meine die imaginären 'Bücher', die noch nicht geschrieben sind, noch nicht gebunden sind, in denen wir im Traum fortwährend blättern, ohne sie verstehen zu können … Bevor ein Kind das Lesen lernt, lernt es das Blättern … Nicht das Lesen macht Spaß, sondern das Blättern. In meiner Volksschule herrschte einmal die Mode, die Röcke der Mädchen umzuschlagen, wie man die Seiten in einem Buch umblättert. Wahrscheinlich nicht, um irgend etwas zu sehen, das Umschlagen der Röcke selbst war das Ziel … Es müßte also Bücher nur zum Blättern geben …Das chinesische Schriftzeichen für Körper setzt sich zusammen aus den Zeichen für „Mensch" und „Buch".. heißt das, dass der Körper ein Buch ist, das nur in der Welt ist, wenn jemand in ihm blättert..."

Lesen und Sehen und Träumen hängen zusammen. Texte kann man abschweifend begleiten. Eigene Bilder dazu finden. Die Bilder in unseren Büchern illustrieren selten direkt - sondern schaffen eine parallele oder gegenläufige Ebene. Beim Heimlichen Auge ist die Lust am Blättern schon zwischen Titel und der ersten Seite enthalten … und überhaupt, wer das Auge das erste Mal blättert, sieht nur die "scharfen" Bilder, und beim zweiten Blättern enthüllen sich die zarten Bilder, die melancholischen, philosophischen - oder umgekehrt. Man kann diese Bücher immer wieder neu durchblättern, lesen, anschauen.

In der von uns verlegten Literatur und Fotografie gibt es eine warmherzige Nähe zu den Figuren im Text oder auf dem Bild. Bilder sind nicht cool objektiviert, glatt, wie viele „Erotikfotos". Die Dargestellten werden auch in ihren Schwächen sympathisch. Die AutorInnen des Verlages benennen Details des sexuellen Spiels, unverkrampft, mit „sensibler Leichtigkeit" und viel Witz erzählen sie von den Fallen der Liebe. Dass jedes sexuelle Abenteuer auch eines des Gefühls bedeutet, zeigen sie variantenreich und voll Phantasie. Es geht um Paradoxien, zwischen Sehnsucht und Alltagsrealität, zwischen Traum und Erwachen, zwischen den Sprachen und Kulturen, zwischen den Geschlechtern, den Altersstufen, zwischen Bild und Text. Selbstverständlich geht es nicht in allen der von uns verlegten Bücher in direktem Sinne um Erotik. Doch alle unsere Bücher spielen mit diesem sinnlichen „Zwischen". Häufig entpuppt sich die sprachliche Erotik an den Grenzen - entdeckt von Autorinnen, die zwischen Sprachen, Kulturen, Geschlechtern leben …

Die Autorin Yoko Tawada schreibt, als würde man gleichzeitig träumen und hellwach sein.

Oder Dagmar Fedderke. Sie beherrscht die Kunst, winzige Momente bezaubernd genau, unpathetisch und berührend einzufangen. Z.B. die Momente; in dem eine erotische Attraktion sich entwickelt

Warum der Verlag "konkursbuch Verlag Clauda Gehrke" heißt, werden wir immer wieder gefragt:
Während ihrer Studentinnenzeit führte Claudia Gehrke Ende der 1970er eine Art Salon. Einmal in der Woche trafen sich die unterschiedlichsten Leute in der WG. Es wurde gegessen, vorgelesen, debattiert... In dieser Gruppe entsprang die Idee, eine neue Kultur-Zeitschrift zu machen. Damals las man „Kursbuch": die Zeitschrift der Studentenbewegung - und im ersten Vorwort des ersten "Kursbuch" hieß es, dass man in ihm (politische) Kurse ablesen könne. Doch die politischen Ideale und lebenspraktischen Ideen der 68er waren so einfach nicht zu verwirklichen, vieles stand scheinbar unvereinbar nebeneinander, verlief sich- so schöpften wir aus der "Konkursmasse" und luden ein zu „Konkursbuch". „Konkurs" im wirtschaftlichen Sinne heißt bekanntlich seit kurzem „Insolvenz" und hat noch andere Wortbedeutungen, die für das Konzept des Verlages auch heute noch von Bedeutung sind. „Konkurrieren" - kommt von lat. zusammenlaufen/-treffen, aufeinander stoßen. Und so läuft bei uns so manches auf den ersten Blick Unvereinbare zusammen... Aus dieser Zeitschrift wuchsen nach und nach die Äste des Verlags heraus, Literatur, Poesie, Fotografie & Erotik.

Unser Motto:
Keine Untergangsphilosophie, sondern aus der Konkurs-Masse der Ideen, Träume, Utopien schöpfen. Keine Kurse - sondern Abschweifungen.

Wir wünschen Ihnen nun viel Spaß beim Blättern...

Ihre Claudia Gehrke & Konkursbuchteam
Claudia Gehrke
Fragen an die Verlegerin?

„Liebe Claudia Gehrke, es tut mir leid für Sie, wenn Schlachten, die nicht nur für die Grundsätze der Ästhetik, sondern auch diejenigen der modernen Rechtssprechung längst geschlagen sind, immer wieder ausgetragen werden müssen - nicht etwa auf dem breiten Rücken des grenzüberschreitenden Porno-Vertriebs, sondern auf dem empfindlichen Rücken eines kleinen Kunst-Verlags, der, in der Tat, auch rechtsirrtümlich und gegen alle liberale Vernunft ganz leicht gebrochen werden kann - als hätten wir zuviele davon, und als wäre der ökonomische Zwang der passende Vollstrecker für die sittliche Entrüstung. ... Ich kenne die Kontexte, die der Konkursbuchverlag herstellt, ein Verlag, der Autorinnen vom Range Yoko Tawadas veröffentlicht; ich verdanke ihm viel an Einsichten, Anregungen, Provokationen, und unter diesen ist natürlich die erotische nicht die Geringste - wie alles für die menschliche Existenz Grundlegende."

schrieb uns Adolf Muschg anläßlich unserer lang andauernden juristischen Probleme mit unserem erotischen Programm.

Der Filmemacher Wim Wenders schrieb über Yoko Tawadas Buch „Talisman":

„Auf dieser ganzen abenteuerlichen Reise erfährt man so viel über "uns", über "sich", daß man dabei fast übersieht, daß man am Ende plötzlich mehr über Japan weiß, als man je dort "vor Ort" gesehen und gelernt hat. Und erst hier, an dieser Schnittstelle, tut sich auf, was es mit diesem Buch auf sich hat: Es spielt nicht in Rothenburg ob der Tauber, in Hamburg oder in Tokyo. Es handelt nicht von "Europa" versus "Asien", oder umgekehrt. Es ist ein Buch aus dem Niemandsland, da, wo kein Wort und kein Name und kein Zeichen mehr etwas bedeutet, sondern wo alles in Frage gestellt ist, und wo nur das Empfinden, das Erfahren, das Sprechen selber zählt. Und dann wird dieser kleine Band plötzlich so etwas wie ein Modell von utopischem Erzählen und von utopischem Reisen. Und weil es schönere Bücher gar nicht geben kann, halte ich meinen imaginären Hut ganz weit ausgestreckt, fast auf dem Boden, und freue mich, am Ende dieser Flugreise von Berlin nach Los Angeles, auf all das, was ich bald, durch dieses Buch, anders werde sehen können.

 

CLAUDIA GEHRKE

Geboren in Berlin, aufgewachsen in Frankfurt/M, Studium Germanistik, Philosophie, Mathematik, 1. u. 2.Staatsexamen, Literarischer "Mittwochs-Salon" 1977-1982, aus dem heraus der Verlag gegründet wurde. Noch heute finden unregelmäßig große Verlagstreffen mit Vorträgen, Diskussionen, Ausstellungen, Lesungen, Festen statt. Noch während des Studiums am 1.4. 1978 Gründung des Verlages (mit "konkursbuch. Zeitschrift für Vernunftkritik") .zusammen mit Peter Pörtner, der 1979 nach Japan ging und jetzt Leiter des Japan-Zentrums in München ist und im Verlag von Claudia Gehrke die Japan-Reihe betreut. Bis 1982 neben dem Verlag stundenweise Arbeit in Krankenhäusern als Lehrerin für schwerkranke Jugendliche, seither Verlegerin und Publizistin.

Eigene Publikationen in Anthologien, Kunstkatalogen, Zeitschriften in den Bereichen Kunst, Frauen, Erotik, Geschichte erotischer Subkulturen von der Antike an, Herausgabe diverser Anthologien.


PS:

Von einer Zeitung wurde ich aus Anlass des 25-jährigen Verlagsjubiläums (2003) um „Verlegerinnen-Charts" gebeten - hier sind sie:

Das meist verkaufte Buch:
„Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik" - weil äußerst vielschichtig. Für jede und jeden ist etwas dabei. Und weil man Toleranz lernt gegenüber allen Formen von Liebe, Lust, Leidenschaft, Sexualität und den ganzen Gefühlen drumherum - auch wenn es nicht die eigenen sind.

Das teuerste Buch:
Brigitte Maria Mayer,„perfect sister II" - weil auf Zwiebelpapier gedruckt wurde, es Bilder in Goldton und aufklappbare Seiten gibt. Das teuerste Papier haben allerdings Th. Karstens Fotobuch „Days of Intimacy" und C. Saldívars „Juegos de luces".

Das pädagogisch wertvollste Buch:
Udo Rabsch,
„Julius oder der schwarze Sommer" - weil man hier aus der „kleinen" Perspektive eines davon plötzlich Überraschten lernt, was passiert, wenn andere anfangen, einen Krieg im Schwäbischen zu führen und eine Bombe fällt (in diesem Fall eine Atombombe - die 1. Auflage erschien in den 1980ern, wurde gut besprochen, und lässt sich heute wieder lesen.)

Das besprochenste Buch:
Dagmar Fedderke, „
Die Geschichte mit A." - weil das der erste literarisch anspruchsvolle „Frauenporno" aus Paris war - (der übrigens noch heute gerne gelesen wird, inzwischen in der 8ten Auflage).

Das heimlichste Buch:
Regina Nössler,„
Wahrheit oder Pflicht" - ein Pubertätsroman: lesen, erinnern, lachen - egal welches Alter, jede findet sich darin wieder. Sicherheitsabstand zur Pubertät sollte eingehalten werden. „Heimlich" deswegen, weil es von den großen Magazinen, die irgendwann alle etwas zur Pubertät brachten, bisher immer übersehen wurde.

Das erotischste Buch:
viele der Bücher von
Yoko Tawada - weil sie als BÜCHER selbst erotisch sind: das Papier, transparente Zwischenseiten, japanische Zeichen, verschiedene Möglichkeiten zu blättern - so wie die Autorin Wörter und Sprachschichten sinnlich werden lässt.

Das poetischste Buch
Sigrun Caspers Roman "
Salz & Schmetterling" - weil hier eine Liebesgeschichte durch Gedichte losgeht. Und natürlich die Bücher mit Gedichten...

Das lustigste Buch:
Regina Nössler,„
Eifersüchtig durch den Winter" - weil man über Eigenschaften lachen kann, die jede/r hat und keine/r an sich wahrhaben möchte - und Harald Körke, „Noch ein verdammter Tag im Paradies" (gerade in 8. Aufl. erschienen) - weil die Aussteiger so sympathisch scheitern (und man nach der Lektüre nicht mehr bedauert, dass man selbst hier arbeiten muss und nicht auf einer sonnigen Insel leben kann.)

Das wichtigste Buch:
konkursbuch (Nr.1, Vernunft & Emanzipation) - weil es ohne konkursbuch alle anderen Bücher nicht gäbe.

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