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Das Vorwort


Liebe Freundinnen & Freunde des Verlages,

Rede zur Verleihung des Baden-Württembergischen Landespreises für literarisch ambitionierte kleinere Verlage am 28.2.2011 von C.G.

Yoko Tawada schrieb in ihrem ersten Buch "Nur da wo du bist da ist nichts":
"… ich habe eine an Wahnsinn grenzende Leidenschaft für Bücher. Keine literarischen Werke, ich meine die imaginären 'Bücher', die noch nicht geschrieben sind, noch nicht gebunden sind, in denen wir im Traum fortwährend blättern, ohne sie verstehen zu können … Bevor ein Kind das Lesen lernt, lernt es das Blättern … Nicht das Lesen macht Spaß, sondern das Blättern. In meiner Volksschule herrschte einmal die Mode, die Röcke der Mädchen umzuschlagen, wie man die Seiten in einem Buch umblättert. Wahrscheinlich nicht, um irgend etwas zu sehen, das Umschlagen der Röcke selbst war das Ziel … Es müsste also Bücher nur zum Blättern geben …Das chinesische Schriftzeichen für Körper setzt sich zusammen aus den Zeichen für „Mensch" und „Buch".. heißt das, dass der Körper ein Buch ist, das nur in der Welt ist, wenn jemand in ihm blättert ..."

Mit dieser Lust an der Gestaltung des Blätterns und Lesens "bastle" ich Bücher! Zur Zeit unterstützt von Sunita Sukhana - und seit Langem schon betreut Berndt Milde eine mailorder-Buchhandlung mit den Büchern aus unseren Verlag und ausgewählten anderen Büchern.
Wir verlegen leidenschaftlich: Fotografie, Kunst, allgemeine Literatur, eine Reihe zum Thema "
Liebesleben", erotische Bücher und eine Serie mit Thrillern, Essays und ausgewählte "Reise-Literatur " (eine Serie mit Büchern zu Japan, eine zu den kanarischen Inseln , zu Korea). In diesen Büchern - z. B. spannende Romane, Schmöker und Sammelbände mit Sachtexten, Glossen, Bildern, Geschichten, Gedichten, Gesprächen, auch Fotobücher "zwischen den Kulturen" - geht es oft um Emigration, darum, einer anderen Kultur zu begegnen, um Kommunikation in unterschiedlichen Sprachen, die Begegnung von Bild und Sprache, wo Missverständnisse und Fehler neue Bedeutungen möglich machen. Unterschiedliche, teils grausame politische Systeme treiben Menschen in die Flucht, andere wandern aus dem Luxus aus, weil sie sich anderswo ein erfüllteres Leben versprechen. Ob und was sich findet in der Bewegung des Wanderns, auch davon handeln diese Bücher. Und es geht auch um körperliche und emotionale Begegnungen, das "Wandern" zwischen Menschen, zwischen Frauen, zwischen Geschlechtern, um das Überschreiten von Geschlechtergrenzen, um queere Lebenswelt und Kultur ...

Seit 1978 erscheint die Reihe „
konkursbuch" (aktuelle Themen: konkursbuch 48 "Familien-Bande", konkursbuch 51, "Außenseiter", Herbst 2015 erscheint konkursbuch 52 "Liebe") - Seit vielen Jahren erscheinen in unregelmäßigen Abständen die "Japan-Lesebücher" und die kanarische Bücher, seit 1982 erscheint „Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik", seit 1998 (sozusagen als "Kinder" der mutlisexuellen Mutter "heimliches Auge") die Jahrbücher "Mein lesbisches Auge" und "Mein schwules Auge".

Es geht in den verschiedenen Bereichen um "Grenzüberschreitungen" zwischen Sehnsucht und Alltagsrealität, zwischen Traum und Erwachen, zwischen den Sprachen und Kulturen, zwischen den Geschlechtern, den Altersstufen, zwischen Bild und Text. Selbstverständlich geht es nicht in allen der von uns verlegten Bücher in direktem Sinne um Erotik. Doch alle unsere Bücher spielen mit diesem sinnlichen „Zwischen". Häufig entpuppt sich die sprachliche Erotik an den Grenzen - entdeckt von Autorinnen, die zwischen Sprachen, Kulturen oder Geschlechtern leben …

Lesen und Sehen und Träumen hängen zusammen. Texte kann man abschweifend begleiten. Eigene Bilder dazu finden. Die Bilder in unseren Büchern illustrieren selten direkt - sondern schaffen eine parallele oder gegenläufige Ebene. Beim
Heimlichen Auge ist die Lust am Blättern schon zwischen Titel und der ersten Seite enthalten … und überhaupt, wer das Auge das erste Mal blättert, sieht nur die "scharfen" Bilder, und beim zweiten Blättern enthüllen sich die zarten Bilder, die melancholischen, philosophischen - oder umgekehrt. Man kann die Bücher immer wieder neu durchblättern, lesen, anschauen.

In der von uns verlegten Literatur und Fotografie gibt es eine warmherzige Nähe zu den Figuren im Text oder auf dem Bild. Bilder in unseren erotischen Fotobänden sind nicht cool objektiviert, glatt. Die Dargestellten werden auch in ihren Schwächen sympathisch. Die AutorInnen des Verlages benennen Details des Liebesleben, schreiben über Ambvalenzen, auch Details des sexuellen Spiels, unverkrampft, mit „sensibler Leichtigkeit" und viel Witz erzählen sie von den Fallen der Liebe. Dass jedes sexuelle Abenteuer auch eines des Gefühls bedeutet, zeigen sie variantenreich und voll Fantasie.

Unser Motto:
Keine Untergangsphilosophie, sondern aus der Konkurs-Masse der Ideen, Träume, Utopien schöpfen. Keine Kurse - sondern Abschweifungen.
Erotik, Literatur, das Reisen zwischen verschiedenen Welten. Gegen die Trennung in saubere Schubladen.

Zu unserem erotischen Programm:
Gute Sexualität ist Kunst. Erotik ist verwoben in alle Lebensbereiche... und Denken kann erotisch sein.
So geht es um die Konfrontation von Privatem und Politik, Literatur und Bildern, von Sex und Denken, Sinnlichkeit und Vernunft … Momente von Lust, die nicht aufgesogen werden von der Totalität unserer "Marktgesellschaft", Sekunden der verzauberten Zeit ...

Bücher selbst sind sinnliche Objekte: die Lust des Blätterns wird in Büchern inszeniert. Wir spielen mit der Inszenierung des Blätterns. Das Gefühl, ein Buch zu öffnen und durchzublättern, ist vielleicht vergleichbar mit dem Moment, ein Geschenk auszupacken und noch nicht genau zu wissen, was darin ist. Papier raschelt, riecht und fühlt sich verschieden an.

Wir wünschen Ihnen nun viel Spaß beim Blättern...

Ihre Claudia Gehrke & Konkursbuchteam

Etwas mehr zum Programm und zur Geschichte des Verlags finden Sie im
"Kurzporträt".



Fragen an die Verlegerin?

„Liebe Claudia Gehrke, es tut mir leid für Sie, wenn Schlachten, die nicht nur für die Grundsätze der Ästhetik, sondern auch diejenigen der modernen Rechtssprechung längst geschlagen sind, immer wieder ausgetragen werden müssen - nicht etwa auf dem breiten Rücken des grenzüberschreitenden Porno-Vertriebs, sondern auf dem empfindlichen Rücken eines kleinen Kunst-Verlags, der, in der Tat, auch rechtsirrtümlich und gegen alle liberale Vernunft ganz leicht gebrochen werden kann - als hätten wir zuviele davon, und als wäre der ökonomische Zwang der passende Vollstrecker für die sittliche Entrüstung. ... Ich kenne die Kontexte, die der Konkursbuchverlag herstellt, ein Verlag, der Autorinnen vom Range Yoko Tawadas veröffentlicht; ich verdanke ihm viel an Einsichten, Anregungen, Provokationen, und unter diesen ist natürlich die erotische nicht die Geringste - wie alles für die menschliche Existenz Grundlegende."

schrieb uns Adolf Muschg anläßlich unserer lang andauernden juristischen Probleme mit unserem erotischen Programm.

Der Filmemacher Wim Wenders schrieb über Yoko Tawadas Buch „Talisman":

„Auf dieser ganzen abenteuerlichen Reise erfährt man so viel über "uns", über "sich", daß man dabei fast übersieht, daß man am Ende plötzlich mehr über Japan weiß, als man je dort "vor Ort" gesehen und gelernt hat. Und erst hier, an dieser Schnittstelle, tut sich auf, was es mit diesem Buch auf sich hat: Es spielt nicht in Rothenburg ob der Tauber, in Hamburg oder in Tokyo. Es handelt nicht von "Europa" versus "Asien", oder umgekehrt. Es ist ein Buch aus dem Niemandsland, da, wo kein Wort und kein Name und kein Zeichen mehr etwas bedeutet, sondern wo alles in Frage gestellt ist, und wo nur das Empfinden, das Erfahren, das Sprechen selber zählt. Und dann wird dieser kleine Band plötzlich so etwas wie ein Modell von utopischem Erzählen und von utopischem Reisen. Und weil es schönere Bücher gar nicht geben kann, halte ich meinen imaginären Hut ganz weit ausgestreckt, fast auf dem Boden, und freue mich, am Ende dieser Flugreise von Berlin nach Los Angeles, auf all das, was ich bald, durch dieses Buch, anders werde sehen können.

 

CLAUDIA GEHRKE (ein etwas älteres Foto)

Kurzbiografie mit aktuellem Foto


PS:

Von einer Zeitung wurde ich aus Anlass eines runden Verlagsjubiläums um „Verlegerinnen-Charts" gebeten - hier sind sie:

Das meist verkaufte Buch:
„Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik" - weil äußerst vielschichtig. Für jede und jeden ist etwas dabei. Und weil man Toleranz lernt gegenüber allen Formen von Liebe, Lust, Leidenschaft, Sexualität und den ganzen Gefühlen drumherum - auch wenn es nicht die eigenen sind.

Das teuerste Buch:
Brigitte Maria Mayer,„perfect sister II" - weil auf Zwiebelpapier gedruckt wurde, es Bilder in Goldton und aufklappbare Seiten gibt. Das teuerste Papier haben allerdings Th. Karstens Fotobücher, u.a. „Days of Intimacy".

Das pädagogisch wertvollste Buch:
Udo Rabsch,
„Julius oder der schwarze Sommer" - weil man hier aus der „kleinen" Perspektive eines davon plötzlich Überraschten lernt, was passiert, wenn andere anfangen, einen Krieg im Schwäbischen zu führen und eine Bombe fällt (in diesem Fall eine Atombombe - die 1. Auflage erschien in den 1980ern, wurde gut besprochen, und lässt sich heute wieder lesen.) und Udo Rabschs "Maria vom Schnee" über ein schwäbisches Dorf der 50er Jahre im Winter, die Verstrickungen vieler Dorfbewohner aus der Zeit zuvor und ein ungeklärtes Verbrechen.

Das besprochenste Buch:
Dagmar Fedderke, „
Die Geschichte mit A." - weil das der erste literarisch anspruchsvolle „Frauenporno" aus Paris war - (der übrigens noch heute gerne gelesen wird, inzwischen in der 8ten Auflage).

Das heimlichste Buch:
Regina Nössler,„
Wahrheit oder Pflicht" - ein Pubertätsroman: lesen, erinnern, lachen - egal welches Alter, jede findet sich darin wieder. Sicherheitsabstand zur Pubertät sollte eingehalten werden. „Heimlich" deswegen, weil es von den großen Magazinen, die irgendwann alle etwas zur Pubertät brachten, meist immer übersehen wurde.

Das erotischste Buch:
viele der Bücher von
Yoko Tawada - weil sie als BÜCHER selbst erotisch sind: das Papier, transparente Zwischenseiten, japanische Zeichen, verschiedene Möglichkeiten zu blättern - so wie die Autorin Wörter und Sprachschichten sinnlich werden lässt. Yoko Tawada schreibt, als würde man gleichzeitig träumen und hellwach sein.


Das poetischste Buch
Sigrun Caspers Roman "
Salz & Schmetterling" - weil hier eine Liebesgeschichte durch Gedichte losgeht. Und natürlich alle anderen Bücher mit Gedichten ...

Das lustigste Buch:
Regina Nössler,„
Eifersüchtig durch den Winter" - weil man über Eigenschaften lachen kann, die jede/r hat und keine/r an sich wahrhaben möchte - und Harald Körke, „Noch ein verdammter Tag im Paradies" (gerade in 8. Aufl. erschienen) - weil die Aussteiger so sympathisch scheitern (und man nach der Lektüre nicht mehr bedauert, dass man selbst hier arbeiten muss und nicht auf einer sonnigen Insel leben kann.)

Das wichtigste Buch:
konkursbuch (Nr.1, Vernunft & Emanzipation) - weil es ohne konkursbuch alle anderen Bücher nicht gäbe.

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