"Eines Tages hörte
ich, wie eine Mitarbeiterin über ihren Bleistift schimpfte. "der
blöde Bleistift. Der spinnt.." Jedesmal, wenn sie ihn anspitzte und
versuchte mit ihm zu schreiben, brach die Bleistiftmine ab. In der japanischen
Sprache kann man einen Bleistift nicht auf diese Weise personifizieren. Der Bleistift
kann weder blöd sein noch spinnen. In Japan habe ich noch nie gehört,
daß ein Mensch über seinen Bleistift schimpft als wäre er eine
Person. Daß ist der deutsche Animismus, dachte ich mir. Zuerst war ich
nicht sicher, ob die Frau ihre Wut scherzhaft übertrieb oder ob sie
wirklich so wütend war, wie sie aussah. Das war für mich nicht
vorstellbar, ein so starkes Gefühl für einen so kleinen Gegenstand
empfinden zu können...Die Frau schien aber ihre Worte nicht als Scherz
gemeint zu haben. Mit einem ernsthaften Gesicht warf sie den Bleistift in den
Papierkorb und nahm einen neuen. Der Bleistift, der im Papierkorb lag, kam mir
plötzlich merkwürdig lebendig vor.
Das war die deutsche
Sprache, die der für mich fremden Beziehung zwischen diesem Bleistift und
der Frau zugrunde lag. Der Bleistift hatte in dieser Sprache die
Möglichkeit, der Frau Widerstand zu leisten... Jeder Mensch wird
verzweifelt, wenn er plötzlich nicht weiterschreiben kann - Er muß
dann seine Position als Schreibender wiederherstellen, indem er über sein
stummes Schreibzeug schimpft. Leider handelt es sich hier nicht um einen
Animismus. Trotzdem kam mir der Bleistift lebendig vor, als die Frau über
ihn schimpfte.
Außerdem kam er mir
männlich vor, weil er der Bleistift hieß. In der japanischen Sprache
sind alle Wörter geschlechtslos. Die Substantive lassen sich zwar in
Gruppen einteilen, es gibt z.B. eine Gruppe der flachen Gegenstände oder
der runden. Es gibt natürlich auch die Gruppe der Menschen. Männer
und Frauen gehören zusammen dahin. Grammatikalisch gesehen ist im
Japanischen nicht einmal ein Mann männlich...
Es machte mir viel
Mühe, das grammatikalische Geschlecht eines Wortes zu lernen. Es gab einen
Vergleich, an dem ich mich damals zu orientieren versuchte. Wenn ich eine
Menschengestalt sehe, nehme ich als erstes wahr, ob es eine Frau oder ein Mann
ist. Auch bei dem Gedanken, diese Unterscheidung sei für mich vollkommen
bedeutungslos, könnte ich keinen Menschen wahrnehmen, ohne sein Geschlecht
wenigstens zu beachten...
Ich sollte wahrscheinlich
die Gegenstände genauso wahrnehmen, dachte ich mir damals...
Das kleine Reich auf dem
Schreibtisch wurde langsam sexualisiert, der Bleistift, der Kugelschreiber...es
gab auch ein weibliches Wesen auf dem Schreibtisch: eine Schreibmaschine...Ihr
Angebot änderte zwar nichts an der Tatsache, daß Deutsch nicht meine
Muttersprache ist, aber dafür bekam ich eine neue Sprachmutter...
Die zweite Figur, die mir
damals stark auffiel, war "Es". Man sagte: "Es regnet",
"Es geht mir nicht gut"...Im Lehrbuch stand, daß dieses
"Es" gar nichts bedeute. Das Wort fülle nur die grammatikalische
Lücke. Ohne "Es" würde das Subjekt fehlen, und es ginge auf
keinen Fall, denn das Subjekt müsse sein. Ich sah es aber nicht ein,
daß ein Satz ein Subjekt haben müsse. Außerdem glaubte ich nicht,
daß das Wort "es" keine Bedeutung hatte. In dem Moment, in dem
man sagte, "es regnet", entsteht ein Es, das das Wasser vom Himmel
gießt. Wenn es einem gut geht, gibt es ein Es, das dazu beigetragen hat.
Dennoch schenkte ihm keiner Aufmerksamkeit... Es lebte bescheiden in einer
grammatikalischen Lücke.
Was mir im Reich des
Schreibzeugs besonders gut gefiel, war der Heftklammerentferner. Sein
wunderbarer Name verkörperte meine Sehnsucht nach einer fremden
Sprache...In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so
daß man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. Dort
klammern sich die Gedanken so fest an die Worte, daß weder die einen noch
die anderen frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man immer so
etwas wie einen Heftklammerentferner: er entfernt alles, was sich
aneinanderheftet und festklammert."
(aus dem Text „Von der Muttersprache zur Sprachmutter“)